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Raketen als Exportschlager

Nordkoreas Raketenabschuss-Serie wirkt auf die Nachbarstaaten als Provokation. Möglicherweise war er aber zum Teil ein Misserfolg: Die getestete Taepodong-2-Rakete stürzte ab.

Von Karl Grobe

Japan, Südkorea, Ostsibirien und große Teile Chinas können von dem nordkoreanischen Raketentyp Nodong 1 erreicht werden. Interkontinentalraketen, die unter den Bezeichnungen Taepodong, Nodong 2 oder auch Scud bekannt sind, überfliegen bei jedem Start japanisches Hoheitsgebiet.

Die Tests seit dem späten Dienstagabend beeinträchtigen somit die Interessen der anliegenden Staaten. Von denen sind Japan, Südkorea, Russland und China neben den USA an den stockenden Verhandlungen über Nordkoreas Atomprogramm ("Sechs-ergespräche") beteiligt. Beobachter in der Region vermuten, dass das nordkoreanische Regime sich für diese Gespräche eine stärkere Position verschaffen will.

Doch auch die Käufer nordkoreanischer Raketentechnik könnten als Empfänger einer verkaufsfördernden "Botschaft" gemeint sein. Pakistan und Libyen waren bis vor wenigen Jahren Abnehmer. Iran, Ägypten, Syrien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Vietnam standen oder stehen nach Angaben von Fachleuten auf der Kundenliste. Falls die Informationen über den Absturz der Interkontinentalrakete Taepodong 2 zutreffen, dürften mögliche Käufer eher abgeschreckt worden sein.

Die Taepodong-2-Rakete ist nach Angaben aus Seoul vor sechs Jahren entwickelt worden und hat nach Schätzungen eine Reichweite von bis zu 6700 Kilometern. Sie könnte, wenn sie funktioniert, einen Gefechtskopf von knapp 1000 Kilogramm bis Alaska oder Kalifornien transportieren. Andere Angaben schreiben ihr sogar eine Reichweite von 10 000 Kilometern zu. Damit wären ganz Asien, Afrika und Europa sowie der größte Teil der USA theoretisch bedroht.

Offenbar ist dieses Lenkgeschoss aber bereits nach 90 Sekunden abgestürzt. Das lässt zwei Schlüsse zu: Entweder hat die zweite Stufe nicht gezündet - oder sie war gar nicht betankt. Spekulationen, sie sei von japanischen oder US-Raketenabwehr durch Funk abgeschaltet worden, sind wahrscheinlich haltlos; die interne Steuerung dürfte autonom sein, also von äußeren (Funk-)Kommandos unabhängig.

In der Nacht zum Mittwoch wurden von den Abschussbasen Musudanri und Anbyun auch mehrere Kurz- und Mittelstreckenraketen abgefeuert. Über den Umfang der ersten Testserie liegen widersprechende Angaben vor. In den USA und Japan ist von sechs Starts die Rede. Der russische Generalstab geht jedoch von zehn Starts aus. Eine weitere - die siebente oder elfte Rakete - wurde später am Mittwoch gezündet. Um welche Typen es sich im einzelnen handelt, kann erst nach Auswertung aller Bahndaten exakt festgestellt werden.

Sicher scheint, dass eine Scud-Rakete mit 300 Kilometern Reichweite gezündet wurde. Dieses 25 Jahre alte Modell sowjetischer Herkunft (aber nordkoreanischer Produktion) trägt eine militärische Nutzlast von etwa 1000 Kilogramm.

Eine oder zwei Nodong-Raketen (andere Schreibung: Rodong, das koreanische Wort für Arbeit) wurden ebenfalls gestartet. Dieser 16 Jahre alte Typ oder seine Modifikationen ist in Pakistan als Ghauri und in Iran als Shehab-3 bekannt. Nodong 1 reicht 1500 Kilometer weit, die Shehab-Version 1350 Kilometer. Die Version Nodong 2 (1998 entwickelt) hat knapp die doppelte Reichweite.

Das nordkoreanische Raketenprogramm ist seit rund 25 Jahren systematisch aufgebaut worden und wird als eins der entwickeltsten weltweit eingeschätzt. Die Grundlagen entstammen russischer und chinesischer Technik, die gegenwärtige Produktion ist aber eigenständig erarbeitet worden. Das Programm hat eine zweifache Funktion: Es soll ein Abschreckungspotenzial schaffen, eventuell mit nuklearer Bestückung, und es ist der wichtigste Devisenbringer des sonst weitgehend isolierten Landes.

Nordkorea

Einwohner: 23,1 Millionen (Schätzung von Juli 2006).

Staatsform: Kommunistischer Staat, Ein-Mann-Diktatur unter Machthaber Kim Jong Il.

Wirtschaft: 2004 hatte Nordkorea eine Wirtschaftsleistung von 16,3 Milliarden Euro, etwas mehr als der Libanon mit seinen vier Millionen Einwohnern. Nordkoreas Pro-Kopf-Einkommen von 716 Euro im Jahr 2004 gehörte zu den niedrigsten der Welt.

Militär: Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl ist Nordkorea das Land mit dem größten Militär weltweit. Den Streitkräften gehören 1,2 Millionen Menschen an, die Hälfte davon steht innerhalb einer Entfernung von 65 Kilometern von der entmilitarisierten Zone an der Grenze zu Südkorea.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 06.07.2006. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

06. Juli 2006

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