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Afghanistan ohne Strategie

Von Karl Grobe - Kommentar

Afghanistans Präsident hat die USA ins Gebet genommen. Es sei nicht hinzunehmen, dass die US-geführte Koalition in den letzten drei bis vier Wochen über 500 Afghanen getötet habe; selbst wenn es sich um Taliban gehandelt habe, seien es doch Landeskinder. Statt Menschenjagd zu betreiben, müsse man den Terroristen den Nachschub an Geld, Ausbildung, Waffen und Motivation abschneiden.

Hamid Karsai reagierte damit einerseits auf einen Aufruf des Al-Qaeda-Führers Ayman as-Sawahiri, die Amerikaner aus dem Land zu vertreiben. Andererseits warb er um jene Kräfte, die sich aus schierer Verzweiflung auf die Seite der Taliban und anderer Rebellen schlagen. Und es ist wohl nicht ganz abwegig, einen Unterton von Verzweiflung über die Gesamtlage aus Karsais Worten herauszuhören.

Die handeln dann auch von ausländischer Einmischung und Drahtzieherei. Damit ist meistens Pakistan gemeint, das nach Ansicht des Präsidenten zu wenig unternimmt, die zusammenfassend so genannten Terroristen auf seiner Seite der Grenze unter Kontrolle zu bringen. Doch Karsai wirbt in Zentralasien, in China und nicht zuletzt eben in Pakistan um diplomatische Hilfe; dem stehen solche Schuldzuweisungen entgegen.

Sie gehen auch einigermaßen fehl. Karsai hat mit seinem Hinweis auf die Quellen des Aufstands - die Motivation - einen kräftigen Zipfel der Wahrheit erfasst. Die Motivation entspringt der elenden sozialen Verfassung, in der Afghanistan sich weiterhin befindet, und dem Fehlen einer begreifbaren Aufbaustrategie. Das Resultat ist der Rekurs auf die Macht der Waffen. Das Unterfangen, alle Probleme hauptsächlich mit militärischer Gewalt lösen zu wollen, schafft Gegengewalt, die friedlichen Aufbau unmöglich macht, solange sie fortdauert. Daran wird sich gar nichts ändern, wenn die Kommandogewalt nächstes Jahr von den USA zur Nato weitergereicht wird.

Einen zivilen Aufbauprozess gibt es allerdings auch: Aufbau von Institutionen wie Parlament, Regierung, Justiz. Doch er ist abgehoben von den realen Verhältnissen und wirkt daher wie eine Sammlung von Formalitäten, die letztlich die Unerträglichkeit der Verhältnisse verewigen. Die Personalunionen von Drogenbaronen und örtlichen Machthabern mitsamt ihren beschönigend so genannten Milizen ist durch die Parlamentswahlen nicht aufgebrochen worden; und wenn es dem Präsidenten hier und da gelingt, solche Figuren auszuschalten, ist der Preis dafür die Installation von anderen Figuren aus dem präsidialen Netzwerk. Das setzt keine Bewässerungsanlage wieder in Gang, bietet Bauern keinen Anreiz, von der in manchen Provinzen alles beherrschenden Opiumproduktion auf andere Erzeugnisse umzusteigen, und stellt erst recht nicht den Markt her, auf dem etwa Hirse oder Baumwolle mit dem Drogen-Rohstoff konkurrieren könnten.

Die Aufgabenteilung, unter deren Voraussetzung die internationale Schutztruppe angetreten ist, hat absurde Züge. Sie sind angehalten, die politische Macht zu stabilisieren, sich jedoch von der Drogenbekämpfung peinlich fern zu halten. Im Zweifelsfall haben aber Drogenbarone die Macht.

Mag sein, dass die Taliban - unter deren Herrschaft die Opiumproduktion schon mal fast auf null gebracht worden ist - von Drogengeld leben. Mag auch sein, dass ihr zur Karikatur vereinfachter Islamismus die Massen ergreift; eine andere zündende Ideologie ist ja für Geld und gute Worte nicht zu haben. Der simple Aufruf, die Fremden zu vertreiben, hat wahrscheinlich mehr Effekt. Fremd ist aber schon der Nachbarclan; und wenn die großen paschtunischen Clans zusammengehen, sind Tadschiken, Usbeken, Hazara, Tschahar Aimak und dutzende andere landeseigene Ethnien im Zweifelsfall ebenso Fremde, wenngleich gegen die Invasoren (damals Sowjets, heute USA und Erben) zeitweilig Verbündete.

Nationalismus und Subnationalismus mobilisieren Gefühle und nicht Gedanken. Sie sind kaum zu widerlegen, aber trefflich geeignet, Interessen zu kaschieren. Die Interessen Karsais, des von ihm weltläufig repräsentierten Popolzai-Clans und einer paschtunischen Elite mit großen Traditionen sind auf Erhalt der Macht gerichtet. Deren Wurzeln sind hier und da mit denen des Schlafmohns verfilzt. Die Nato soll da nicht roden dürfen. Sie wird fremd bleiben, bekämpft werden und amerikanisch scheitern.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 24.06.2006. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

24. Juni 2006

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