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Und nun lebenslang gelähmt

Von Gideon Levy, 11.06.2006, Haaretz

Das Gewirr von Röhren und das Beatmungsgerät, das direkt mit ihrer Luftröhre verbunden ist, können nicht ihre Schönheit verbergen. Ein kleines 3-jähriges Mädchen liegt auf der Intensivstation der Kinderklinik im Sheba-Medical-Zentrum. Maria Amans traurige braunen Mandelaugen sind weit offen, ihre Lippen murmeln leise: "Ich möchte etwas essen", aber alle ihre Glieder sind auf immer gelähmt. Nicht weit von hier auf der Intensivstation im Ichilov-Krankenhaus liegt ihr Onkel Nahed, 33, Vater von zwei Kindern. Er ist in noch schlimmeren Zustand. Er liegt nicht nur am Beatmungsgerät und vollkommen gelähmt, er wird in einem Koma gehalten.

Nein, das sind nicht die Opfer der Wochenendoperation (09.06.), sondern die einer vorausgegangenen Operation: Opfer einer Ermordung aus der Luft vor drei Wochen in Gaza.

Es war eine Operation, die hier in Israel fast niemand geschockt hat. Die Vorfälle an diesem vergangenen Wochenende sollte für niemanden eine Überraschung gewesen sein. Es war von Woche zu Woche schlimmer geworden. Und die Frage, die gestellt werden sollte ist nicht, was Israel tut, um die Qassams zu zählen, sondern was es nicht tut. Eine Armee, die Raketen auf bevölkerte Straßen abschießt und Granaten auf einen Strand, kann nicht behaupten, dass es keine Absicht sei, unschuldige Zivilisten zu treffen.

Die Mutter des Mädchens, Naima, 27, ihr Bruder Mohand, 7, und ihre Großmutter Hanan, 36 wurden bei dieser "gezielten Tötung" mit getötet. Es war eine verhältnismäßig glückliche Familie. Acht Menschen waren am Samstagnachmittag auf dem Wege zu Verwandten in einem Wagen, der zwei Stunden vorher gekauft worden war. Nur der Vater Hamdi, 28, der auf dem Carmel-Markt in Tel Aviv groß geworden ist, sein kleiner Sohn Moaman, 2, und der Cousin Imad kamen verhältnismäßig unbeschadet weg, nur von Splittern verletzt. Die Granate war auf den islamischen Jihad-Aktivisten Mohamed Dahduh gezielt worden und tötete ihn, nachdem schon seine beiden Brüder in der Vergangenheit umgebracht worden waren. Die Granate traf auch die Aman-Familie, die direkt neben dem Dodge Magnun war, in dem der gesuchte Mann fuhr.

Dahduh war übrigens auf dem Weg ins Shifa-Krankenhaus, um seine Frau zu besuchen, die gerade ein Kind geboren hatte. Da war also keine Bombe, sicher keine tickende - Israel hat aber seit langem die Ermordungen zu einer legitimen und gerechtfertigten Massenwaffe gemacht - und es gibt noch immer keine öffentliche Debatte darüber.

Neben Marias Bett sitzt Tag und Nacht nur Nabil ihr Großonkel. Er ist hungrig und müde, die Augen vor Müdigkeit blutunterlaufen. Neben dem Bett von Nahal sitzt nur sein Bruder Mahe, der in Jaffa lebt. Der Rest der Familie bleibt eingesperrt in ihrer Wohnung in Gazas Stadtteil Al-Hawa. Sie rufen Dutzende Male am Tag an, um zu erfahren, wie es den Verwandten geht. Dem Vater war es zunächst nicht erlaubt, seine Tochter zu besuchen. Nun möchte die Familie nicht, dass er seine Tochter sieht, damit er seine Kräfte schont und auf sich selbst achtet. Er weist auf den terroristischen Angriff hin, während sein Sohn noch immer geschockt über den Sandboden in der Wohnung hin und herläuft und vergeblich nach seiner Mutter schreit.

Die israelischen Medien haben dieses schreckliche Unglück, das durch ihre Luftwaffe verursacht wurde, fast völlig ignoriert. Wie gewöhnlich berichten die Medien kaum darüber. Der Luftwaffenkommandeur General Eliezer Shkedi sagte mit erschreckender Gleichgültigkeit, dass die Luftwaffe "noch den Bericht über eine verletzte Familie überprüfen will." Zwei Wochen später sagte der Sprecher des IDF-Büros zu Haaretz, dass in der Zusammenfassung des Untersuchungsberichtes der Stabschef die Bemühungen der Armee betont, wie sehr sie sich bemüht Unschuldige nicht zu Schaden kommen zu lassen."

Und der Generalstabschef Dan Halutz’s Gewissen ist wie gewöhnlich so ruhig wie nach dem Mord an Salah Shehade, bei dem auch 16 andere Unschuldige ums Leben kamen. Der Stabschef bemerkte noch, dass die Operation auf einer hohen Ebene von Professionalität ausgeführt wurde - mit großer Genauigkeit den gesuchten Mann traf, und eine wenig verkehrsreiche Straße wählte.

Die Straße, in der die Granate abgeschossen wurde, die Industrie-Straße in Gaza ist eine verkehrsreiche Straße. Keiner entschuldigte sich, und was noch schlimmer ist, keiner dachte daran, dieser unglücklichen und unschuldigen Familie Hilfe anzubieten.

Nach zwei Wochen im Krankenhaus wurde geplant, Maria und Nahed nach Hause zu schicken. Es gibt keine Rehabilitationsklinik im Gazastreifen und so ist ihr Schicksal besiegelt. Sie werden dort unter unmenschlichen Umständen sterben. Nachdem nun das drakonische Wiedergutmachungsgesetz verkündet wurde, hat die Familie keine Chance, den Staat zu verklagen. Als letzte Woche Vater Hamdi, ein junger und sensibler Mann, davon erfuhr, dass Maria nach Gaza zurückgesandt wird, wurde er wütend …

Nur die tatkräftige und engagierte Intervention der Ärzte für Menschenrechte verhinderte in letzter Minute die Rückkehr der beiden nach Gaza. Ein Brief der Organisation an das Verteidigungsministerium mit der Bitte, dass das Mädchen und sein Onkel in Israel behandelt werden, blieben länger als eine Woche unbeantwortet - bis Knessetmitglied Dov Khenin von Hadash im Korridor der Knesset mit Amir Peretz zusammenstieß und ihn über diesen Fall befragte. Peretz, der gar nichts darüber wusste, versprach sich darum zu kümmern. Erst nachdem über diese Sache im Radio Israel vom Militärkorrespondenten berichtet wurde, gab das Büro des Verteidigungsministeriums ein Statement heraus, das besagt, dass ein Komitee berufen würde, um eine medizinische Behandlung der beiden in Israel zu genehmigen.

Heute (11.06) wird Maria ins Alyn-Krankenhaus nach Jerusalem umgelegt und anscheinend ihr Onkel auch. Der Verteidigungsminister hat versprochen, die Behandlung werde übernommen werden.

Selbst wenn dies geschieht, kann das unschöne Verhalten der IDF, seiner Kommandeure und des Verteidigungsministeriums bei diesem erschreckenden Vorfall nicht ignoriert werden. Selbst wenn keiner die Legalität dieser Mordpolitik hinterfragt, geschweige denn ihre Moral, muss man sich fragen, warum erst die Einfluss nehmenden Bemühungen einer Ärztegruppe, ein Knessetmitglied der Opposition und die Medien nötig sind, um aus dem Staat ein Minimum an menschlicher Bemühung zu holen, einem Staat, der behauptet, moralisch auf der Höhe zu sein. Die kleine Maria wird ihr Leben lang gelähmt sein - genau wie der Staat und die Armee, die ihr das angetan haben und nicht einmal daran dachten, sich bei ihr zu entschuldigen oder volle medizinische Hilfe und eine entsprechende Wiedergutmachung anzubieten.

Übersetzung: Ellen Rohlfs

Veröffentlicht am

20. Juni 2006

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