Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

15 Irrtümer über die Atomenergie - Teil 5: AKW Temelin: Ein Beispiel für die Schachzüge der Atomindustrie

Eine traurige Geschichte auf Kosten der Sicherheit, der Bevölkerung und der Umwelt

Von Silva Herrmann - >> Download als PDF-Datei

60 Kilometer nördlich der tschechisch-österreichischen Grenze in Südböhmen bei Ceske Budejovice (Budweis) steht das umstrittene AKW Temelin. Es ist ein Irrtum zu glauben, das AKW Temelin sei notwendig, um den Strombedarf Tschechiens zu decken, denn Tschechien produziert einen enormen Stromüberschuss für den Export. Und Pläne für einen Ausbau Temelins liegen in der Schublade. Ebenso ist es aber ein Irrtum zu glauben, Österreichs Strom sei atomstromfrei. Auch Österreich importiert einen fossil-atomaren Strommix aus Tschechien, 2004 waren es 6.248 GWh. Das entspricht fast der Jahres-Stromproduktion eines Temelin- Reaktors.

Die Schachzüge der Atomindustrie am Beispiel Temelin

Die tschechische Regierung und die CEZ (Tschechische E-Werke) haben immer damit argumentiert, dass das AKW Temelin die luftverpestenden Kohlekraftwerke in Nordböhmen ersetzen werde. Das Projekt Temelin wurde als Mittel gegen die Umweltverschmutzung beworben. Doch auch nach der Inbetriebnahme von Temelin laufen die CEZ-Kohlewerke weiter. Wie die tschechische Partnerorganisation von GLOBAL 2000 (Hnuti Duha) feststellte, stiegen trotz Stilllegungen von unrentablen Kohlegruben die Fördermengen sogar wieder an. Und derzeit wird über die Erschließung neuer Tagebau-Gebiete diskutiert, bei der zwei Dörfer mit etwa 2000 EinwohnerInnen zerstört werden würden. Dafür exportierte Tschechien 2004 16 TWh Strom netto ins Ausland, das ist mehr als die doppelte Stromproduktion des AKW Temelin. Bezogen auf den Nettostrombedarf ist Tschechien seit dem Betrieb von Temelin der größte Stromexporteur der EU.

Baugeschichte mit Hindernissen

Der Bau des AKW Temelín begann in der damaligen CSSR im Jahr 1983 und war von Anfang an eine Geschichte der Hindernisse. Ursprünglich waren vier Reaktoren der sowjetischen Typs WWER-1000/320 geplant, der zur Zeit der “modernsten” östlichen Baulinien mit Containment und Sicherheitseinrichtungen entsprach. Nach der “samtenen Revolution” von 1989 wurden die Arbeiten an den Blöcken 3 und 4 eingestellt. Es wurde bereits über ein generelles Aus für Temelín nachgedacht, bis die tschechische Regierung im März 1993 die Fertigstellung von Reaktor 1 und 2 beschloss. Das Siemens-Tochterunternehmen Westinghouse (USA) bekam den Zuschlag, die Steuerungselektronik des Kraftwerks und den nuklearen Brennstoff zu liefern.

Die Kombination aus alter sowjetischer und neuer westlicher Technologie gilt unter Fachleuten als problematisch. Die Höhe der von Westinghouse veranschlagten Arbeiten betrug 330 Millionen US $, die später - trotz heftiger österreichischer Proteste - durch eine Kreditgarantie über 317 Millionen $ der US Export-Import-Bank gesichert wurden. Die Fertigstellung verzögerte sich immer wieder um Jahre, die Baukosten stiegen von ursprünglich veranschlagten 70 Mio. auf über drei Mrd. €.

Fragwürdige Wirtschaftlichkeit und gravierende Sicherheitsbedenken

Im September 1998 begann eine internationale Expertenkommission, in der auch zwei österreichische Mitglieder vertreten waren, positive und negative Effekte, insbesondere im Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit des Temelin-Projekts, zu prüfen. Nach Abschluss der Untersuchung gelangte die Kommission zu einer uneindeutigen Einschätzung. Auf der einen Seite empfahl die Kommission die Fertigstellung des Baus, allerdings nur unter der Bedingung, dass es zu keinen gravierenden Verzögerungen mehr kommen dürfe. Auf der anderen Seite kam die Kommission zum Schluss, dass die Tschechische Republik bis mindestens 2010 keine neue Stromquelle brauchen wird. Trotz dieser Bedenken beschloss die tschechische Regierung am 13. Mai 1999 mit dem denkbar knappen Ergebnis von 11 zu 8 Stimmen den Weiterbau von Temelin.

Eine Kettenreaktion von besorgniserregenden Störfällen

Im Juli 2000 wurde mit der Beladung des ersten Reaktors mit Brennstäben begonnen und im Oktober 2000 unter heftigen Protesten der AKW-Gegner auf österreichischer und tschechischer Seite die erste radioaktive Kettenreaktion eingeleitet. Die Kette von besorgniserregenden Störfällen, die bis heute die Geschichte dieses AKW prägen, reißt nicht ab. Die AtomkraftgegnerInnen von “atomstopp_oberoesterreich” beobachten das AKW Temelin genau. Anlässlich des fünften Jahrestags der Aktivierung im AKW Temelin wiesen sie darauf hin, dass die Dauer der Abstellungen des AKW immer länger wird und weit über dem Durchschnitt anderer AKW liegt. 83 Störfälle wurden bisher durch atomstopp registriert, davon 25 Prozent allein im Jahr 2004. Durch ungeplante Abschaltungen aufgrund von Vibrationen der Turbine, die zu einem steten Stop-And-Go-Betrieb nötigen, steigt das Risiko der Materialermüdung. Die Sicherheitsprobleme, die der “Melker Prozess” 1 aufgezeigt hat, sind weiterhin ungelöst.

Beispielsweise kann bei einem schweren Unfall mit Kernschmelze ein Austritt von radioaktivem Material durch die Bodenplatte nicht ausgeschlossen werden. Auch die Überprüfung auf Erdbebengefährdung ist nicht ausreichend und erfüllt nicht die Empfehlungen der IAEO. Temelin wäre in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern nicht genehmigungsfähig! Trotzdem wurde in Temelin der kommerzielle Betrieb aufgenommen, anders als international vereinbart und anders, als den ÖstereicherInnen versprochen wurde. Das Wirtschaftsministerium befürwortet bis 2015 sogar den Bau eines neuen Reaktors, der tschechische Energieversorger CEZ setzt auf eine kurzfristige Umsetzung und möchte sofort mit dem Bau beginnen. Damit würde sich das Ungleichgewicht zwischen heimischem Bedarf und der Produktion noch verschärfen!

Den Preis zahlt die Bevölkerung

Das Geschäft mit der Energie aus AKW und den immer noch betriebenen Kohlewerken hat für die Bevölkerung vor Ort dementsprechende Folgen: das Sicherheitsrisiko der Atomkraftwerke sowie eine extreme Luftverschmutzung und aufgerissene, zerstörte Landschaften. Dabei subventioniert die Bevölkerung den Stromexport, denn die Strompreise für den Export liegen unterhalb der Preise für die tschechischen Normalverbraucher/innen. Darüber hinaus produziert das AKW Temelin jährlich etwa 40 Tonnen hochradioaktiven Müll. Die Frage der Endlagerung ist bis jetzt nicht geklärt.

Die Alternativen

Die Tschechische Republik ist im Mai 2004 der Europäischen Union beigetreten und muss daher die Erneuerbare-Energien-Richtlinie in nationales Recht umsetzen. Diese sieht eine Steigerung des Anteils von Strom aus Erneuerbaren Energien von derzeit knapp über 2% auf 8% im Jahr 2010 vor. Am 1. August 2005 ist in Tschechien das Gesetz über erneuerbare Energien in Kraft getreten. Es legt für Kraftwerke, die auf der Grundlage erneuerbarer Energien arbeiten, von 2006 an auf 15 Jahre die Stromeinspeisung zu fixen Preisen fest. Damit dürften Investitionen in erneuerbare Energien wie Biomasse-, Wasser-, Solar- und Windkraftanlagen zunehmen.

Dazu ist das Stromeinsparungspotential in Tschechien sehr hoch, die Effizienz ist in Tschechien derzeit nur halb so hoch wie in den EU-15. Würde man das Potenzial an Effizienz sowie Erneuerbaren Energien ausnutzen, könnte Tschechien die Stromproduktion aus Atomkraft aufgeben und die Verstromung der Kohle als eine Übergangstechnologie zu einer tatsächlich sauberen Energiezukunft umwelt- und menschenfreundlicher gestalten. Die Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen, die Minderung der Sicherheitsrisiken und die Schaffung von Arbeitsplätzen im Bereich der sauberen heimischen Erneuerbaren Energien würden eine Verringerung des Stromexportvolumens problemlos ausgleichen!

Anmerkung:

1 Am 12.12.2000 wurde von österreichischer und tschechischer Seite das Melker Protokoll von den Regierungschefs Schüssel und Zeman unter Beisein des EU-Abgesandten Verheugen unterschrieben. Dabei wurde vereinbart, dass die endgültige kommerzielle Inbetriebnahme Temelins nur nach erfolgreichem Abschluss des technischen Genehmigungsverfahrens und des Probelaufes erfolgen dürfe. Dabei müssen die Sicherheitskriterien “wie sie in den Mitgliedstaaten der EU vorherrschen” erfüllt sein. Der Expertenbericht weist nach, dass dies nicht der Fall ist. Bisher hat es die österreichische Regierung verabsäumt, Konsequenzen zu ziehen, nachdem der kommerzielle Betrieb dessen ungeachtet aufgenommen wurde.

Quelle: GLOBAL 2000 vom 27.02.2006

Unterstützen Sie

Veröffentlicht am

10. März 2006

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von