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Schwache Sicherheitskräfte richten gegen Aufständische wenig aus

Irak bleibt unsicher. Der Widerstand gegen die Besatzung und die Bagdader Regierung ist uneins, aber aktiv. Die Bagdader Polizei- und Armeekräfte sind kaum ausgebildet und politisch gespalten.

Von Karl Grobe - Analyse

Es gibt optimistische Nachrichten über die Sicherheitslage in Irak. Der Nachteil: Sie entsprechen nicht ganz der Wirklichkeit. Von den 18 Provinzen, heißt es in häufig wiederholten Stellungnahmen, gelten nur vier als unsicher. Zu diesen vier Gebieten gehört aber die Hauptstadt Bagdad, und in ihnen lebt fast die Hälfte der Iraker.

Nur eine Provinz, Dohuk in Kurdistan, ist von Terror fast verschont geblieben, seit US-Präsident George W. Bush am 1. Mai 2003 das Ende der Kampfhandlungen verkündete. 2005 gab es täglich zwischen 60 und 120 terroristische Anschläge und gewaltsame Widerstandsaktionen. Ihnen sind mehr als 2500 US-Soldaten zum Opfer gefallen. Tote Iraker werden weniger genau registriert; die Zahlen reichen von 25 000 bis 60 000. Sie erfassen sowohl die Opfer von Anschlägen als auch die von Attacken der Besatzungstruppen und der irakischen Streitkräfte.

Der Anschein, eine relativ geschlossene Front stehe den um Demokratie und Aufbau bemühten Kräften gegenüber, erweist sich bei näherer Betrachtung als falsch. Vor allem trifft die These nicht zu, der aus Jordanien stammende Abu Mussab Sarkawi führe das Kommando namens der Terrororganisation Al Qaeda. Informierte Beobachter der Lage schätzen, dass nicht mehr als ein Zehntel der Gewaltbereiten zu diesem Lager gehört und dieses für nicht mehr als ein Fünftel der Gewaltakte verantwortlich sei. Bei der Entführung der Deutschen Susanne Osthoff führten viele Spuren zu Sarkawi. Aber längst nicht alle Fälle von Kidnapping dienen der Finanzierung des Terrors. Oft haben sie einen rein kriminellen Hintergrund.

Mit einem Versuch, sich das Oberkommando über die Terroristen zu sichern, ist Sarkawi Ende vergangenen Jahres gescheitert. Zwei sehr aktive Gruppen verweigerten sich der Zusammenarbeit, die sunnitisch-radikale Ansar as-Sunnah und die ebenfalls sunnitische, aber in erster Linie irakisch-nationalistische Islamische Armee. Diese lehnt jede fremde Einmischung in Irak ab und bekämpft Al Qaeda. Einige kleinere Gruppen, meist mit baathistischem Hintergrund, haben sich ihr angeschlossen.

Die Möglichkeit einer politischen Zusammenarbeit mit Bagdad halten sie sich offen. Sie haben offenbar registriert, dass US-Botschafter Zalmay Khalilzad im November begann, einen Unterschied zwischen sunnitischen Rebellen und ausländischen Terroristen sowie “Saddamisten” zu machen. Dahinter dürfte die Strategie stecken, Sarkawis Anhänger zu isolieren und die anderen politisch “einzubinden”, so dass die US-Truppen bald mit dem Abzug beginnen können.

Populär sind sie nicht. 82 Prozent der Iraker lehnen die Besatzung ab, 67 Prozent fühlen sich durch sie verunsichert, wie eine britische Umfrage ergab. Sie sagt nichts darüber, welches Vertrauen die Befragten in irakische Kräfte setzen. Sie sollten Ende 2005 aus 145 000 Polizisten und 80 000 Soldaten bestehen. Intern gehen die Besatzungs-Verantwortlichen aber nicht von Kopfzahlen aus, sondern versuchen, die Einsatzfähigkeit zu bewerten. Dies ergibt Daten, welche in der “grünen” Hochsicherheitszone von Bagdad ernüchternd wirken. Von 115 Polizei- und Armee-Bataillonen seien drei zu eigenständigen Einsätzen gegen Aufständische fähig, befand das Pentagon im Sommer; der höchste US-Offizier in Irak, George Casey, fand nur eines geeignet, wie Atlantic Monthly jüngst schrieb. Für Einsätze mit massiver logistischer Unterstützung durch die Besatzungsarmee und unter deren Luftwaffenschutz sei auch nur ein knappes Drittel befähigt, zwei Drittel der Armee und die Hälfte der Polizei könne gerade Hilfsdienste leisten.

Der Polizei und der Armee Iraks gelten in steigendem Maße Anschläge der Sarkawi-Terroristen. Das schreckt die zu Rekrutierenden ab. Noch ernster sind die Ordnungskräfte durch die Eingliederung der Milizen der verschiedenen Parteien und Koalitionen belastet. Kurdische Peschmerga kämpfen vor allem für Kurdistan. Badr-Brigaden, die der schiitischen Sciri nahe stehen, betätigen sich zuweilen als Todesschwadrone gegen Sunniten. Die Mahdi-Armee des radikalen Muktada as-Sadr kämpft am liebsten gegen alle Privilegierten und Andersgläubigen.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 25.01.2006. Wir veröffentlichen den Artikel mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

25. Januar 2006

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