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Ein weiteres schwules iranisches Folteropfer bricht das Schweigen

Von Doug Ireland - ZNet 15.01.2006

Während das Schwulen-Pogrom in der Islamischen Republik Iran, die intensive Verfolgung ihrer eigenen Bürger wegen Homosexualität mit der Hinrichtung von wenigstens einem dutzend schwulen jungen Männern, mit atemberaubender Geschwindigkeit voranschreitet, versuchen seine Opfer trotz großer Hindernisse auch weiterhin, aus dem größten religiösen Gefängnis der Welt zu entfliehen und über die unmenschliche Behandlung, die sie erlitten haben, zu berichten.

Du hast vielleicht eines der beiden Interviews mit zwei schwulen Flüchtlingen vor der satanischen Unterdrückung von Gleichgeschlechtlern im Iran gelesen: Amir und Mojtaba. 1 Der letzte Entflohene, der von dieser anti-schwulen Herrschaft des Schreckens Zeugnis ablegen kann, ist ein 28-jähriger Mann, der der intensiven, auf schwule Männer abzielenden Internetprovokationskampagne der Regierung ins Netz gegangen war. Wir werden ihn Sam nennen, und wir können seinen Heimatort nicht nennen, um seine Identität geheim halten zu können.

Sam ist Sohn einer sehr religiösen Familie, von der die meisten nicht wissen, dass er schwul ist. Er lebte in einer kleineren Stadt, in der die meisten Leute - wie so viele im Iran - überaus religiös sind, Homosexualität für eine Todsünde halten und mit dem Gesetz der Islamischen Republik übereinstimmen, das über jede Person, die bei homosexuellen Handlungen erwischt wird, die Todesstrafe verhängt. Isoliert und nicht imstande, seine wenigen schwulen Freunde auch nur von Zeit zu Zeit zu besuchen, in ständiger Furcht davor, festgenommen, gefoltert und möglicherweise hingerichtet zu werden, wurde Sam zunehmend depressiv und versuchte sogar einen Selbstmord.

Weil es keinen Ort im Iran gibt, an dem Schwule zusammenkommen können, da Schwulenpartys ständig in Polizeirazzien enden und die Regierung über ein umfangreiches Netzwerk schwuler Informanten verfügt, deren Kooperation durch Folter, Erpressung oder Androhung von Gefängnis oder Tod erzwungen worden ist, blieb Sam wie vielen schwulen Iranern, insbesondere denen, die nicht in den großen Städten leben, nur das Internet, um andere Schwule zu treffen: Hier, aus dem Persischen [und anschließend aus dem Englischen] übersetzt, ist seine Geschichte, beginnend im letzten Frühling:

“Ich war in einem Internetchatrom für schwule Iraner. Ein Junge im Chatrom schickte wiederholt Nachrichten, dass er nach einem Sexpartner suchte und für alles zu haben sei. Er sagte, er sei 23 und sehr hübsch. Schließlich brachte ich den Mut auf, irgendwo in der Stadt ein Rendezvous mit ihm zu verabreden - er sagte, dass wir dann zu ihm nach Hause gehen könnten, insofern es andersherum nicht denkbar war.

Wir trafen uns um 15 Uhr, und da der junge Mann sehr gut aussah, stimmte ich zu, mit ihm per Taxi zu seiner Wohnung zu fahren. Das Taxi erschien postwendend - eine Person saß vorne neben dem Fahrer und eine weitere hinten. Wir stiegen ein, und mein neuer Freund schlug vor, dass ich derjenige sein solle, der in der Mitte der Hinterbank sitzt, mit ihm neben mir.

Nachdem wir losgefahren waren, kostete es sie nicht lange, bis sie meinen Kopf zwischen den vorderen und hinteren Sitzen runtergepresst hatten und auf mich einprügelten. Sie verbanden meine Augen, beschimpften mich auf alle mögliche Weise und bedrohten mich mit dem Schlimmsten, während die Hiebe weiter auf mich einprasselten.”

Es stellte sich heraus, dass der junge Mann, den Sam in dem Chatrom getroffen hatte, wie auch die anderen im Taxi Basiji waren. Die Basiji sind eine inoffizielle religiöse Parapolizei, die aus Rüpeln unter Kontrolle des Geheimdienstministeriums besteht und mit dem Segen der religiösen Autoritäten operiert. Sie werden aus den kriminellen oder unteren Schichten rekrutiert und von der Islamischen Regierung dazu eingesetzt, um ihre brutale Drecksarbeit zu verrichten. Als zum Beispiel die Regierung im letzten Jahr Studentendemos an Universitäten unterdrückte, war es den Basiji zugewiesen, die Demonstranten zu verprügeln und aus den Fenstern zu schmeißen, sodass die Regierung die Verantwortung für diese gewalttätigen Repressalien, bei denen eine Anzahl Studenten umgebracht wurde, von sich weisen konnte. Die Basiji sind eine machtvolle Waffe, die bei den anti-schwulen Aktionen der Regierung ständig zum Tragen kommt, und es sind ihre Ränge, aus denen die menschliche Köder rekrutiert werden, die sie für ihre Internetprovokationskampagne brauchen. Viele Basiji sind junge Leute.

“Nach fünfzehn Minuten”, fährt Sam fort, “kamen wir irgendwo an - meine Augen waren verbunden, ich hatte keine Ahnung, wo ich war. Ich war in einem Schockzustand - ich konnte nicht glauben, was mir da geschah. Schließlich nahmen sie mir die Augenbinde ab, und es begann das schlimmste Erlebnis meines Lebens. Ich war von Männern in Zivil umgeben. Alle trugen Funkempfänger, manche waren bewaffnet. Sie hatten alle Bärte, und einige waren ziemlich jung, vielleicht knapp zwanzig. Ihr Anführer war fast kahl mit dickem Bauch - mit einem Turban auf seinem Kopf hätte er wie ein Mullah ausgesehen, vielleicht war er ein Mullah in Zivil, keine Ahnung. Ich vermutete sofort, dass dies eine Art Basiji-Hauptquarter sein müsse. Es war ein altes Gebäude, teilweise als Schule eingerichtet.

Nach mehreren Stunden Folter forderten sie mich dazu auf, ein Statement zu unterzeichnen, in dem ich versprechen würde, nie wieder einen schwulen Chatrom zu benutzen - wenn ich es doch täte, sagten sie mir, würde mich eine noch härtere Bestrafung erwarten. Sie sagten mir, dass, wenn sie mich beim Sex erwischt hätten, sie mich aufgeknüpft haben würden.

Ich weigerte mich zu unterzeichnen, also begannen sie mich mit einem schweren Metallkabel zu schlagen. Gott weiß, wie barbarisch das war - sie schlugen mich wenigstens dreißig Mal, während sie mich mit ihren Schuhen traten. Ich konnte den Schmerz nicht länger aushalten, also flehte ich sie an aufzuhören. Ich wusste, dass sie nicht aufhören würden, bevor ich ihr Statement unterschrieben hätte, und darum erklärte ich mich einverstanden zu unterzeichnen.

Doch sogar als ich vom Boden aufstand, um ihr Statement zu unterzeichnen, fragte ich, warum ich das denn eigentlich solle - das machte ihren Anführer sehr wütend, und er befahl seinen Leuten, das Prügeln mit dem Metallkabel wieder aufzunehmen. Das taten sie, und brüllten dabei mehr Drohungen und Beleidigungen. Die gebrüllten Einschüchterungen fühlten sich an wie ein Hammer auf mein Gehirn, sie waren schlimmer als das Kabel und die Prügel. Einer von ihnen rief: “Wir holen uns euch Arschficker alle, bis keine mehr übrig sind für einen Chatrom und um eure Schwulenspiele zu spielen!”

Die Schläge, Beleidigungen, und Einschüchterungen gingen bis 20 Uhr am nächsten Tag weiter. Ich wurde schließlich in einen Lagerraum geschmissen. Der Raum war dreckig und voll mit Müll und roch sehr unangenehm. Sie ließen mich in diesem kleinen stinkigen Raum sieben oder acht Tage lang schmoren.

Eines Tages ließen sie mich schließlich hinaus, verbanden meine Augen, und zwängten mich in ein Auto. Wir fuhren dreißig Minuten - aber sie schienen wie hundert Jahre, weil sie mich die ganze Zeit verprügelten. Sie luden mich irgendwo ab und befahlen mir, die Binde nicht abzunehmen, bis sie weg wären. Als ich ihre Motorengeräusche nicht länger hören konnte, nahm ich die Binde ab und sah, dass ich auf einem verlassenen, schlecht befestigten Weg irgendwo außerhalb der Stadt war. Ich konnte schließlich einen Laster anhalten und den Fahrer dazu überreden, mich in der Stadt abzusetzen.”

Als er nach Hause kam, sagte Sam, sah er sich intensiver Befragung durch seine Familie ausgesetzt, die wissen wollte, wo er gewesen war.

“Aber sie wissen nicht, dass ich schwul bin, deshalb musste ich sie anlügen. Aber ich konnte ihre Fragen nicht plausibel beantworten. Schließlich rief ich einen Freund an und bat ihn, meine Wunden und Schürfungen von den Schlägen zu fotografieren, sodass ich einen Beweis hätte - aber mein Freund weiß auch nicht, dass ich schwul bin, also musste ich auch ihn belügen. Ich hatte Angst, dass sich die Situation noch verschlimmern würde, wenn ich ihm die Wahrheit erzählte, also sagte ich ihm, dass die Basiji mich aufgegriffen und geschlagen hatten, als ich betrunken war. Als ich wieder heimkam, war das einzige Mitglied meiner Familie, dem ich die Wahrheit über das Geschehene erzählen konnte, mein Bruder, der den Iran vor vier Jahren verlassen hatte und auch schwul ist - also schickte ich ihm eine Email.”

“Ich hatte vor diesem entsetzlichen Ereignis nie erwogen, mein Land zu verlassen”, sagte Sam, “aber danach konnte ich den Schatten von Tod und Folter auf meinem Rücken wahrnehmen, also entschied ich mich zu entkommen und mein Leben zu retten.”

Sam brauchte sechs Monate, nachdem er von den Basiji entführt worden war, bis er eine Flucht aus dem Iran arrangieren konnte. Vor vier Monaten schaffte es Sam nach Pakistan. Dort füllte er beim UN-Hochkommissar für Flüchtlinge einen Asylantrag aus, und kam schließlich in Berührung mit der Persischen Schwulen- und Lesbenorganisation PGLO, der größten iranischen Schwulenorganisation, die Vertreter in mehreren Ländern hat. Die PGLO, die mir bei meinen vorigen Reportagen über die Tragödie der Schwulen im Iran geholfen hatte, bat mich, Sam zu helfen, seine Geschichte weiter zu verbreiten. Denn wie Sam sagte, “Iranische Homosexuelle werden all ihrer Rechte benommen und sehen einem bitteren Schicksal entgegen.”

Sam ist momentan in Pakistan, wo er immer noch darauf wartet, dass der Hochkommissar seinen Antrag auf Asyl in einem schwulenfreundlicheren Land als berechtigt anerkennt.

Es gibt viele andere Schwule, die wie Sam den iranischen Terror geflohen sind, und fast alle von ihnen befinden sich in einer schwierigen finanziellen Lage und in der ständigen Furcht und Gefahr, dass die Länder, in die sie zu fliehen vermochten, sie wieder zurück in den Iran deportieren könnten, wo ein entsetzliches Schicksal ihrer harrt. Die PGLO braucht dringend unsere finanzielle und moralische Unterstützung, und Hilfe dabei, Asyl für die schwulen Flüchtlinge zu erlangen. Um sich darüber zu informieren, wie man helfen kann, bitte nehmt Kontakt mit der PGLO über ihre englischsprachige Webseite auf. 2

KEINE BOMBEN AUF DEN IRAN! Ich habe wiederholt geschrieben, dass ich unumstößlich gegen Luftangriffe gegen Irans nukleare Forschungsreaktoren bin, ob nun durch die USA oder (entsprechend dem Ersatzplan der Neo-Cons) durch einen Proxi wie Israel (Sharons Kabinett hat einem Plan für einen Luftangriff auf den Iran schon vor sechs Monaten zugestimmt, obwohl die Berichterstattung darüber in den USA recht mau war). Eine starke realpolitische Argumentation gegen die Bombardierung des Iran findet sich im Guardian von Timothy Garton-Ash. 3

Anmerkungen:

1 http://direland.typepad.com/direland/2005/09/theyll_kill_me_.html , http://direland.typepad.com/direland/2005/11/save_usa_gay_ir.html , beide nur in Englisch

2 www.pglo.org . Es gibt hier auch einen deutschsprachigen Teil, wenn der auch insgesamt etwas mühsamer zu lesen ist als der englische.

3 http://www.guardian.co.uk/Columnists/Column/0,,1684548,00.html , nur englisch. Die Argumentationslinie geht in etwa wie folgt: Wenn nun, nach gescheiterter EU-Diplomatie, der Sicherheitsrat angerufen würde, sich die iranische Führung nicht um dessen Drohungen kümmern würde, beschränkte Sanktionen (nämlich durch chinesische, russische, italienische, deutsche und französische Wirtschaftsinteressen) errichtet würden, im Iran dadurch das Gefühl eines Belagerungszustandes heranwüchse angesichts der Heuchelei der USA (siehe Indien und das dem Iran im Atomwaffensperrvertrag verbriefte Recht zur friedlichen Nutzung von Atomkraft) - was dann? Eine Bombardierung würde die gehasste iranische Führung obenauf bringen und das Volk hinter sie scharren - was ihr momentan partout nicht gelingt. Was also tun? Die USA verfügen über kaum Informationen über den Iran: kaum Geschäftsleute, keine diplomatische Vertretung, vermutlich alle Agenten enttarnt. Europa hat dies alles. Es sollten also erst einmal diese Informationen geteilt und dann nach einer gemeinsamen Analyse vorsichtig vorgegangen werden, sodass bei jedem Schritt bedacht wird, wie sich dieser auf Regierung und Gesellschaft auswirken wird, wobei die Regierung in all ihrer Komplexität und nicht einfach nur als der momentan dort geduldete Ahmadinejad zu sehen ist. Das iranische Volk mit seinen regimefeindlichen, leicht pro-westlichen Einstellungen ist hierbei der wichtigste potentielle Verbündete.

Quelle: ZNet Deutschland vom 18.01.2006. Übersetzt von: Übersetzt von: Benjamin Brosig. Orginalartikel: KIDNAPPED: ANOTHER GAY IRANIAN TORTURE VICTIM SPEAKS .

Veröffentlicht am

19. Januar 2006

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