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Nett gemeint - aber hilflos

Arbeit global - Replik zu Albrecht Müller und Kai Ruhsert: Eine Stärkung der Binnenökonomie ist im Unternehmerlager nicht erwünscht

Von Wolfgang Müller

Wolfgang Müller hatte sich in seinen Betrachtungen zu einem expandierenden Job-Export ( “Der Big Bang steht noch bevor” und “Der Widerständigen Lähmung” ) in Niedriglohnländer mit Konsequenzen des “Offshorings” nicht nur für den deutschen Arbeitsmarkt, sondern auch für das Innovationsvermögen ganzer Branchen und Volkswirtschaften beschäftigt. Er verwies darauf, dass dieser Exodus inzwischen die Kern-Kompetenzen großer Firmen erfasse und dazu führe, auch Forschungs- und Entwicklungskapazitäten auszulagern. Albrecht Müller und Kai Ruhsert warfen Wolfgang Müller daraufhin in einer Erwiderung vor, die Produktionsverlagerungen übertrieben darzustellen ( “Exodus oder Arbeitsteilung?” ). Sie verwiesen nicht zuletzt auf Wiederansiedelungen und Investitionen in Deutschland und argumentierten, nötig sei eine wachstumsfördernde Politik, um Folgen des “Offshorings” auszugleichen.

“Offshoring” wird in der kritischen und gewerkschaftlichen Öffentlichkeit noch immer unterschätzt. Meine Texte in dieser Zeitung ( “Der Big Bang steht noch bevor” und “Der Widerständigen Lähmung” ) sollten daher weniger eine wissenschaftliche Analyse liefern, sondern die Debatte beleben. Deshalb freue ich mich über die polemische Erwiderung von Albrecht Müller und Kai Ruhsert. Sie werfen mir vor, die Jobverlagerungen unnötig zu dramatisieren und von einer dringend nötigen Stärkung der Binnennachfrage abzulenken. Sie äußern allerdings Verständnis für meinen derzeit schwierigen Job als Gewerkschafter. Für ihr Mitgefühl danke ich.

Doch allein ein Blick in die Zeitungen zeigt, dass angekündigte oder drohende Verlagerungen inzwischen zu den täglichen Wirtschaftsnachrichten gehören. Einige aktuelle Beispiele: AEG schließt sein Waschmaschinenwerk Nürnberg und verlagert es nach Polen. 1.500 Arbeitsplätze in der Verwaltung von HP Deutschland werden nach Osteuropa verlegt. MAN-Chef Samuelson verlangt längere Arbeitszeiten und 20 Prozent Lohnsenkung, sonst würden Investitionen nur noch in Osteuropa getätigt. Infineon schließt sein Chipwerk in München und baut neue Kapazitäten in Malaysia und China auf.

Die auch mit den Begriffen “Offshoring” (nach Indien oder China, in ferne Regionen) oder “Nearshoring” (an die nahe Moldau beispielsweise) bezeichnete Verlagerungswelle ist nun kein deutsches Phänomen, sondern hat in den angelsächsischen Ländern, vor allem in den USA, begonnen - “Offshoring” war eines der großen Themen im letzten US-Präsidentschaftswahlkampf.

Die präzise statistische Erfassung des Phänomens erweist sich freilich als schwierig, weil es keine genauen Daten und Definitionen gibt. Wo beginnt die Verlagerung, wie ist sie von der Erschließung neuer Märkte abzugrenzen? Hier sind Untersuchungen nötig: Verlagern speziell angelsächsische Konzerne aggressiver als die deutsche Konkurrenz? Wie sieht es mit Verlagerungstendenzen unterschieden nach Branchen aus - nach Zulieferern, Markenherstellern, Lieferanten für Massenmärkte? Müller/Ruhsert geben selbst zu, dass Commodity-Produkte und -Dienstleistungen, also standardisierte Massenprodukte, gern verlagert werden. Aber die Ökonomien in Westeuropa können nicht nur auf der Herstellung von 7er-BMWs und Computertomographen basieren.

Alle Prognosen über Verlagerungen sind mit Vorsicht zu genießen, weil hinter ihnen immer Interessen stehen - ob die von Stoiber oder von Professor Sinn oder auch von Beratungsfirmen, die am Offshoring-Trend kräftig verdienen wollen. Albrecht Müller wird mir sicher zustimmen, dass der massive Aufbau von Fertigungs- und Entwicklungskapazitäten der Auto- und der Zulieferindustrie in Osteuropa nicht allein Markterschließung ist. Dass die Verlagerung von Teilen der Siemens-Konzernbuchhaltung nach Prag oder der Reisekostenabrechnung nach Bratislava nichts mit Markterschließung zu tun hat. Dass es sich letztlich auch um Verlagerung handelt, wenn in China zunächst für den dortigen Markt aufgebaute Fertigungskapazitäten jetzt de facto für Europa produzieren und damit die hiesige Produktion unter Wettbewerbsdruck setzen.

Ob jede Verlagerungsankündigung ernst gemeint ist oder eine neue Variante von “Concession Bargaining” - einer Erpressung der Belegschaft - darstellt, steht auf einem anderen Blatt. Die Finanzabteilung der Siemens-Zentrale hat ein automatisiertes Excel-Tool entwickeln lassen für den Einsatz am Verhandlungstisch, in dem detailliert alle Parameter einer Verlagerung - von Schließungs- und Umzugskosten bis zum Delta bei den Lohnkosten - berechnet werden können. Dagegen reicht es leider nicht, wenn der Gewerkschaftsvertreter den Beschäftigten erklärt: Das Verlagerungsszenario ist dramatisiert, es gibt kein echtes Kostenproblem, wir geben nicht nach - es geht um die Binnenkaufkraft.

Das Thema Verlagerung hat für die Beschäftigten in der Industrie und im Dienstleistungssektor höchste Brisanz, denn immer mehr Belegschaften werden damit konfrontiert. Wer angesichts dieser Faktenlage von Dramatisierung spricht, sollte belegen, warum “Offshoring” - anders als etwa in den USA - in Deutschland eher ein Randproblem sein soll. Wenn dem so ist, hat das vielleicht mit der speziellen Strategie der in Deutschland dominierenden Kapitalfraktionen zu tun, die Produktivität ständig zu steigern und zugleich die Lohnkosten im Schnitt um 20 bis 25 Prozent zu drücken. Die international konkurrenzlose Verbesserung der Lohnstückkosten weist darauf hin. Dann wären die deutschen Exporterfolge weniger ein Argument gegen meine angebliche Dramatisierung der Verlagerungen als ein Indiz dafür, wie die Konzerne auch mit dem Verlagerungsdruck die Verhandlungsposition der Beschäftigten in Deutschland dramatisch verschlechtert haben.

Müller/Ruhsert unterschlagen zudem, dass sich in den vergangenen 15 Jahren die Bedingungen für die Organisation der weltweiten Arbeitsteilung grundlegend geändert haben: Mit dem Weltmarkt-Eintritt der Staaten Mittelosteuropas, Indiens und Chinas explodierte das Potenzial an verfügbaren Arbeitskräften schlagartig. Plötzlich stehen viele Millionen bestens ausgebildeter Ingenieure, Entwickler und Facharbeiter zu einem Bruchteil des Preises von Arbeitskräften in den westlichen Industrieländern zur Verfügung. Außerdem ermöglichten Internet und schnelle Kommunikationsnetze eine neue Qualität der weltweiten Arbeitsteilung, die zwangsläufig zu einer massiven Verschiebung von Arbeitsplätzen führen muss. Zum Tagesgeschäft von Managern gehört es mittlerweile, die unternehmensinterne Wertschöpfung zu überprüfen, zu zerlegen und ständig neu zu konfigurieren. Selber machen oder billiger zukaufen? Was gehört zum Kerngeschäft - was kann outgesourct werden? Wie können mit Plattformstrategien und Systemlieferanten Kostenvorteile erzielt werden? Das funktioniert in der Elektronik- ebenso wie in der Automobilindustrie. Schlussendlich sind die Transportkosten dramatisch gesunken.

Meine Kritik an Verlagerungen spiele auf einem Nebenkriegsschauplatz - argumentieren Müller/Ruhsert - , statt eine expansive Lohn- und Fiskalpolitik zu fordern, die neue Arbeitsplätze schaffe. Zweifellos kann die Stärkung der Binnennachfrage in Deutschland und Europa die Auswirkungen dieses globalen Trends abfedern. Das Dilemma der Gewerkschaften: Unter dem doppelten Druck von Verlagerungen und Massenarbeitslosigkeit passiert in den Betrieben genau das Gegenteil: Konzessionen bei Löhnen sind die Regel - die Realeinkommen gehen deutlich zurück. Wenn in Deutschland das Arbeitsplatzsaldo aus Verlagerungen und globalen Exporterfolgen (noch) positiv ist, hängt das auch damit zusammen, dass die deutsche Wirtschaft nicht zuletzt dank vorhandener Lohnsenkungen extrem wettbewerbsfähig ist. Offenbar wollen die dominierenden Unternehmergruppen keine Stärkung der Binnenökonomie in Deutschland, solange nicht die Löhne und speziell die unteren Einkommen soweit abgesenkt sind, dass mit billigeren Arbeitskräften und überlegener Produktivität der Weltmarkt noch weiter aufgerollt werden kann. Damit ist die von Müller/Ruhsert propagierte Stärkung der Binnennachfrage nett gemeint, aber völlig hilflos angesichts der Interessen im Unternehmerlager.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung 51/52 vom 23.12.2005. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Müller und Verlag.

Veröffentlicht am

29. Dezember 2005

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