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Krieg der Steine

Freiheit, Gleichheit, Hass: Die lodernde Wut der Banlieue in Frankreich

Von Rosemarie Gratz

Tausend in einer Nacht - die Autos brennen weiter, Feuerwehrleute werden mit Molotowcocktails empfangen, Steine fliegen gegen Polizisten. Bürgermeister verhängen nach einem Gesetz aus der Zeit des Algerienkriegs nächtliche Ausgangssperren. Gibt es eine Intifada im Ursprungsland der Menschenrechte? Sind es Ghettoschlachten wie einst in Los Angeles? Droht gar ein Bürgerkrieg? Und wer kämpft da eigentlich gegen wen?

In den Polizeiberichten heißt es ständig, die Hälfte der festgenommenen Brandstifter sei unter 16, nicht strafmündig und also gleich wieder nach Hause zu schicken. Dabei sind die Krawalle nicht neu. In Straßburg, wo es eine Tradition des Krawalls wie in Berlin-Kreuzberg zum 1. Mai alljährlich zu Silvester gibt, hat vor Jahren ein Sozialarbeiter das Geschehen so erklärt: “Da möchte so ein 13- oder 14-Jähriger ernst genommen werden. In der Schule klappt das nicht. Aber wenn er ein Auto anzündet und dann noch die Bilder im Fernsehen laufen, ist er wer. Auch bei den älteren Bandenchefs im Viertel.”

Innenminister Nicolas Sarkozy rief nach den ersten Brandnächten während des Rundgangs durch ein “heißes” Viertel bei Paris den Bewohnern an den Fenstern zu: “Haben Sie noch nicht genug von diesem Gesindel?” Damit war pures Öl in die so schwer zu löschenden Feuer gegossen. Da half die nachgeschobene Erklärung wenig, mit “Gesindel” habe der Minister die Bandenchefs, die so genannten “Caids”, gemeint, Drogenhändler und andere Kriminelle, die ganze “Cités” zu ihren “Hoheitsgebieten” erklären.

Auf diese Netzwerke will der Minister nun verstärkt seine Polizei ansetzen, was durchaus im Interesse der meisten Bewohner wäre, die sich tyrannisiert fühlen. Nur wo war der Staat, als Mädchen vergewaltigt oder Notarztwagen die Reifen zerstochen wurden? Stecken dahinter die “Caids”, die beweisen wollen, dass sie das Sagen haben in der Cité? Oder sind es “Mutproben” dummer Jungen? Vermutlich ist es von jedem etwas. Der Staat hat sein Gewaltmonopol in vielen Cités längst verloren und damit das Vertrauen der Bürger, spätestens seit im Zuge von Einsparungsmaßnahmen auch noch Sozialarbeiter zum Teil und die Nachbarschaftspolizei ? eine Art “Kontaktbereichsbeamte - ganz abgeschafft wurden. Minister Sarkozy meinte zur Begründung, Polizisten seien doch keine Sozialarbeiter.

Die Hände der Väter

Das Problem hat natürlich eine Geschichte. Auf keinen Fall ist es ein “Ausländerproblem”, Handelnde und Betroffene sind überwiegend Franzosen. Allerdings oft mit ausländischen Eltern oder Großeltern, ein Erbe der Kolonialzeit. In den fünfziger und sechziger Jahren, als Deutschland seinen rasch steigenden Bedarf an Arbeitskräften mit Gastarbeitern abdeckte, holte die französische Industrie die zum Aufschwung benötigten fleißigen Hände aus den Kolonien. Da gab es kein Sprachproblem, die Sprache des “Mutterlandes” war schließlich mehr oder weniger gut in der Schule daheim erlernt worden.

Die Zugewanderten hausten in Blechhütten, “Bidonville” nannte man die Elendsquartiere, die zuerst im Nordwesten von Paris entstanden, wo Renault dringend Arbeitskräfte brauchte. Um die nachziehenden Familien schnell billig unterzubringen, entstanden bald schon die ersten Habitations à Loyer Modéré (HLM).

1962 musste Frankreich aus Algerien abziehen und damit quasi über Nacht Zehntausende von Algerien-Franzosen in der Heimat unterbringen. Das gab den letzten Anstoß zur Errichtung von Plattenbausiedlungen großen Stils. Die so genannten “Cités” mit 10.000 oder gar 25.000 Menschen entstanden. Zunächst waren die Bewohner dankbar, Wohnungen zu beziehen, die mehrere Zimmer hatten und im Winter von ganz allein warm wurden.

Das Wort “Integration” war damals noch unbekannt. Warum auch? Den Zugewanderten mit dunkler Haut ging es besser als in den Heimatländern. Ihre in Frankreich geborenen Kinder wurden automatisch Franzosen. Anders als in Deutschland mit seinem antiquierten “Staatsbürgerschaftsrecht”, bei dem die Abstammung zählt, galt in Frankreich das “Recht des Bodens”. Also erhielten die Einwanderer der zweiten Generation - auf dem Papier - sofort die gleichen Rechte wie alle Franzosen. Irgendwann in den siebziger Jahren begannen sie, den Unterschied zu begreifen: Die Väter, die nur ihre Hände zur Arbeit anzubieten hatten, bekamen natürlich weniger Lohn als besser ausgebildete Kollegen. Dafür durfte die Familie ja die billigere HLM-Wohnung nutzen. Allerdings waren die Schulen und sonstigen sozialen Einrichtungen in den Cités auch weniger gut als bei den Besserverdienern. Man sah es an den Lernergebnissen der Kinder. In die Schulen mit den übervollen Klassen zog es nur die Enthusiasten unter den Pädagogen. Für viele Junglehrer war es eine lästige Pflicht, die ersten Dienstjahre in diesen Anstalten ableisten zu müssen, wo allein schon wegen des geringen Bildungsstandes der Eltern die Leistungen der Schüler so viel schlechter blieben. Kein Wunder, wenn die jämmerlichen Chancen von Generation zu Generation vererbt wurden.

Heute reicht auf dem Arbeitsmarkt oft schon die Adresse, um nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch geladen zu werden. Manchmal tut es schon der Name - man könnte es auch Rassismus nennen, der im Land von “Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit” um sein Überleben nicht zu fürchten braucht. Frankreich nennt sich selbst gern “terre d’accueil”, das Land, in dem willkommen ist, wer kommt. “Jeder fünfte Franzose hat einen ausländischen Großvater”, ist eine geläufige Formel. Hier kann durchaus der Sohn des 1956 aus Ungarn geflohenen Istvan Sarkozy Innenminister, vielleicht gar Präsident werden. Allerdings hat er einen wichtigen Vorteil: seine europäisch helle Haut.

Die Lust am Konflikt

Solange die Verlierer der Gesellschaft nur ihre eigenen Viertel beschädigten, passierte nicht viel. Erst als sich die elfte Gewaltnacht auch über Pariser Kernland gesenkt hatte, erschien der Präsident auf der Bildfläche. Zunächst müssten Ordnung und Sicherheit wiederhergestellt werden, danach könne man über Gerechtigkeit und Chancengleichheit reden, so Jacques Chirac.

Die “Grande Nation”, die so gern und ostentativ ihr “savoir vivre” pflegt, dass mancher deutsche Gast vor Neid erblasst, kennt keine sonderlich distinguierte Kultur der Konfliktlösung. Bei sozialen Konfrontationen wird zunächst gestreikt, blockiert, eine Fähre entführt oder die Sicherungsanlage einer Eisenbahn-Trasse beschädigt, um Verhandlungen zu erzwingen. Dass derartige Gesetzesbrüche für die Täter Folgen hätten, davon erfährt die Öffentlichkeit wenig. Die Entführer einer Fähre vor Korsika zum Beispiel wurden jüngst umgehend wieder auf freien Fuß gesetzt. Der allabendliche Fernsehblick auf gewisse rabiate Umgangsformen, eine gelegentlich zur Gewalttätigkeit neigende staatliche Autorität und eine teilweise nachsichtig desinteressierte Justiz können wie Katalysatoren wirken. Für die entfesselt lodernde Wut der Banlieue auf jeden Fall.


Die Feuerwerfer

Innenminister Sarkozy spricht mit Blick auf die Krawalle von “Strukturen organisierter Kriminalität”, bleibt den Beweis hierfür allerdings schuldig. Die Wochenzeitung Freitag dokumentiert die Aussagen von Jugendlichen aus der Pariser Peripherie, von denen einige an den Ausschreitungen beteiligt sind, andere nicht. Für sie meisten von ihnen sind es der Mangel an Respekt, die alltäglichen Polizeischikanen und sozialen Demütigungen, die zur jetzigen Situation geführt haben.

Wir denken alle: nein!

“Wenn die Jugendlichen Molotow-Cocktails schleudern, machen sie sich nicht bewusst, dass die noch Jüngeren zuschauen, ohne zu verstehen. Außerdem gibt es eine Form von Solidarität. Wir haben einen Minister, der sagt: ?Ihr seid alle gleich?. Ich denke mir: nein, wir alle denken: nein! Aber man gibt uns zurück: ?Doch, ihr seid alle gleich?. Das schafft etwas Gemeinsames. Und jetzt wird das an einigen Orten immer gewalttätiger, weil die Leute den Blick auf sich ziehen wollen. Die sagen: ?Wenn wir für Panik sorgen, werden die uns nicht mehr vergessen, dann werden sie wissen, das ist ein sensibles Gelände?”.
Eric (34), Bondy

Stiefkinder

“Mit dem Angriff auf die Moschee Bilal, in die Polizisten eine Tränengasgranate geschossen haben, wurde eine unserer Kultstätten missachtet: Wir werden das nicht verzeihen. Damit sind sie auf die Rote Linie getreten. Und niemand hat etwas dazu gesagt! Es heißt: ?Ihr seid Stiefkinder.? Aber alles, was wir verlangen, ist, dass sie sich entschuldigen”.
Rachid (19), Clichy-sous-Bois

Sarkozys Fehler

“Ob ich mitgemacht habe? Das ist mein bestes Geheimnis. Wir werden es sein, die Sarkozy vor den Kärcher 1 stellen. Das war der größte Fehler seiner Karriere”.
Anonym (13)

1 Als Kärcher wird der Hochdruckreiniger bezeichnet, mit dem Nicolas Sarkozy in den Vororten “aufräumen” will.

Bleib im Mülleimer

“Die Bullen von der BAC 2 suchen immer den Clinch. Sie sagen ?dreckige Araber?, ?fick deine Rasse?. Die hiesige Polizei, das ist eine neue Generation. Schon bei einer einfachen Personenkontrolle beleidigen sie dich. Ich wurde im Zug kontrolliert, weil ich die Füße auf der Sitzbank hatte. Gut, man darf die Füße nicht auf die Sitzbank legen. Aber die Polizei hat deshalb Verstärkung geholt. Am Bahnhof von Raincy haben drei Wagen auf mich gewartet. Die Bullen haben mir gesagt: ?Warum bleibst du nicht in deinem Mülleimer??”.
Mohammed (20), Raincy

2 Brigade Anti-Criminalité, Zivilschutzfahnder für mittelschwere Verbrechen

Mit Schrot

“Die Jugendlichen haben das Gefühl auf einem Kreuzzug zu sein. Ich selbst bin nicht unbedingt einverstanden mit dem, was sie tun, aber: wäre ich in einer derartigen sozialen Situation wie sie - ich würde Schrot knallen lassen. Wenn du keinen Job hast, wenn du am Ende eines Gebäudes eingepfercht bist, denkst du weniger nach, hast du weniger Abstand zum Leben. Und selbst wenn du zur Schule gehst und versuchst, da raus zu kommen, gibt es neben dir immer irgendeinen Kumpel, der irgendwas macht und schon was verdient. In der Banlieue gibt es nur schlechte Möglichkeiten, zwischen denen du wählen kannst”.
Julien (22), Marktverkäufer, Hauts-de-Seine

Sie reden nicht

“Die Feuerwerfer sind zwischen 14 und 22. Sie stellen alles auf den Kopf, was sie unterwegs finden. Man weiß nicht wirklich, wer sie sind. Sie reden nicht, sie schreien nicht, sie vermummen ihre Gesichter und kommen am nächsten Tag wieder. Anstatt alles zu ficken, sollten sie lieber demonstrieren oder in Paris randalieren, jeden Abend muss ich mit dem Auto durch die Gegend kreisen, um es in Sicherheit zu bringen”.
Mourad (28), Aulnay

Die dokumentierten Aussagen beziehen sich größtenteils auf Veröffentlichungen der Zeitung Libération. Übersetzt von Steffen Vogel.


Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung 45 vom 11.11.2005. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Rosemarie Gratz und Verlag.

Veröffentlicht am

17. November 2005

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