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Dämonen an Gazas Himmel

Von Gideon Levy - Ha’aretz / ZNet Deutschland 06.11.2005

Dieses Wort gibt es im hebräischen Wörterbuch nicht, aber eine alt-neue Waffe aus dem raffinierten Waffenarsenal, die gegen die Palästinenser gerichtet wird, ist plötzlich wieder aufgetaucht. Auch wenn sie nicht tödlich ist, so ist sie teuflisch: die Schallmauer durchbrechenden Knallbomben.

Die beste Luftwaffe der Welt macht sich einen Spaß daraus, Angst und Hilflosigkeit in einer (zu Tode) erschrockenen Zivilbevölkerung zu verursachen. 29 solche Knallbomben explodierten während vier Tagen im September und vor kurzem wiederholte sich dies, wie die Ärzte für Menschenrechte und das Gaza Community Health Program-Zentrum mitteilte. Sie haben gemeinsam wegen dieser Angelegenheit eine Petition beim Obersten Gerichtshof eingereicht. Wenn es so etwas wie einen eindeutigen Fall von kollektiver Strafe gibt, dann ist es dies hier. Eltern in Gaza sprachen über die Ängste ihrer Kinder, unter denen sie in den vergangenen Wochen gelitten haben, über die Alpträume, das Bettnässen. Ehemänner berichteten von den erlebten panischen Angstzuständen ihrer schwangeren Ehefrauen. Fensterscheiben gingen nach einander zu Bruch.

Hier eine sensationelle Meldung: Palästinenser können auch “traumatisierte Opfer” sein. Diese die Schallmauer durchbrechenden Explosionen, deren einziger Zweck es ist, unter unschuldigen Zivilisten Angst hervorzurufen, kamen zu den Artilleriegranaten, die den Gazastreifen bombardierten, und dem täglichen Sperrfeuer der Raketen, die willkürlich bewaffnete Militante und unschuldige Leute töten. Die Tatsache, dass die Luftwaffe diese Waffe vor allem während der Nacht oder am frühen Morgen benützt, wenn Massen von Schülern auf dem Schulweg sind, macht ihre Boshaftigkeit noch sichtbarer. Israel mag sich aus dem Gazastreifen zurückgezogen haben - aber noch nicht von seinem Himmel.

Natürlich ist das Liquidieren und Beschießen viel schlimmer. Aber der Gedanke hinter der Anwendung dieser Explosionsbomben ist nicht weniger abschreckend. Israel hat an seiner alten und miesen Politik festgehalten, die glaubt, dass das “Einbrennen ins Bewusstsein” der ganzen Bevölkerung hilft, dass sie Täter daran hindert, Terrorakte zu begehen. Das Ergebnis ist natürlich das Gegenteil; die grausamen Mittel der Kollektivstrafe dienen eher der Ermutigung zum Terror statt ihn zu verhindern. Aber die Unwirksamkeit dieser Methode ist nicht der einzige Nachteil.

Eine Luftwaffe, die ihren Piloten befiehlt, unerträglichen Lärm zu verursachen, um Angst unter Zivilisten zu säen, ist eine Luftwaffe mit einem moralischen Makel. Während ein Pilot, der eine Granate auf eine belebte Straße abfeuert oder eine Bombe auf einen Wohnblock fallen lässt, gerade noch eine zweifelhafte Rechtfertigung für seine Aktion finden kann, was mag dann einem jungen Piloten durch den Kopf gehen, der die Aufgabe erhält, dass die ganze Bevölkerung einzuschüchtern ist? Denkt er an die Kinder, die wegen ihm nachts vor Schrecken aufwachen? Denkt er an die Alpträume, die sie plagen? Kann er sich seinen kleinen Bruder vorstellen, wie er durch solch entsetzlichen Lärm aufgeschreckt mitten in der Nacht aufwacht. Erinnert er sich an die Panik, die letzte Woche viele Häuser in der Sharon-Ebene durch eine Reihe mysteriöser Explosionen aufschreckte? Weiß er, dass der Kommandeur der Luftwaffe 2001 eine ausdrückliche Order gab, bei Flügen über bevölkertem Gebiet in Israel die Schallgrenze nicht zu durchbrechen, da “dies Phänomen Unruhe unter der Bevölkerung hervorruft”, wie in der Nummer 139 des Luftwaffenjournals berichtet wurde? Ein vollständiges Geschwader wurde wegen einer Reihe von solchen die Schallmauer durchbrechenden Lärmexplosionen zum Landen geholt. Der Luftwaffenkommandeur, der seinen Soldaten diese Knallgeräusche verboten hat, ist heute der Generalstabschef und befahl ihnen, diese Explosionen über dem Gazastreifen auszuführen.

Die Palästinenser sind nicht die ersten Opfer dieser fiesen Methode. 1969 wurden zwei Phantome in den Himmel über Kairo geschickt, um dort Angst zu verbreiten. Ein Jahr später tat dies die Patishim-(Hammer)Schwadron über Damaskus. So zeigt ein Bulle seine Stärke. Nach Jahren wandten wir diese Methode auch im Himmel über dem Libanon an. Aber unsere Feinde haben niemals das massenhafte Donnern und Dröhnen der die Schallmauer durchbrechenden Knallerei kennen gelernt wie jetzt der Gazastreifen. Jemand, der niemals in einem Haus voll kleiner und größerer Kinder bei diesen Explosionsgeräuschen aufgewacht ist, kann nicht verstehen, wie erschreckend dies ist. Ich hörte einmal solch einen knallenden Lärm über dem Jenin-Flüchtlingslager - ich war einen Augenblick lang nicht in der Lage zu atmen. Und es ist in Zeiten der Spannung besonders erschreckend: wenn täglich auf die Straßen von Gaza Raketen geschossen werden, liegen jedenfalls die Nerven blank da.

So sieht das Leben im “befreiten” Gaza aus: die Bedingungen der Einkerkerung sind noch schwerwiegender als vor dem Abzug. Es besteht tatsächlich eine vollkommene Blockade, die die Kranken, Studenten, Arbeiter, ja, jeden betrifft; und da gibt es die täglichen Liquidationen und Lärmbomben. Natürlich sind die Kassem-Raketen auch sehr erschreckend - aber rechtfertigt eine grausame Methode die andere? Verhindern die lärmenden Knallbomben die Kassems? Oder sind sie nur dafür da, die Bevölkerung zu provozieren und zu strafen, die zum größten Teil gegen die Kassems ist.

Der Oberste Gerichtshof hat nun eine neue Möglichkeit, seine Ansicht über das System der Kollektivstrafe zum Ausdruck zu bringen, die Israel gegen die Palästinenser anwendet. Man fürchtet, dass die Richter sich noch einmal davor drücken, ihre Verantwortung zu übernehmen. Seit Jahren zerbrechen sie sich die Köpfe, ob die gezielten Tötungen legal sind.

Quelle: ZNet Deutschland vom 06.11.2005. Übersetzt von: Ellen Rohlfs.

Veröffentlicht am

11. November 2005

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