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Keine Absolution

Von Yossi Sarid, Haaretz, 24.10.2005

Wenn Yitzhak Rabins Familie Ariel Sharon vergab und ihn als den betrachtet, der den Weg für den ermordeten Ministerpräsidenten vorbereitet hat - so ist dies ihr Recht. Es gibt keine treueren Wächter für das Erbe einer Person, als die eigenen Familienangehörigen. Doch kann ich ihre Gefühle nicht teilen. Wenn also Sharon am 10. Jahrestag der Ermordung Rabins eingeladen wird, um eine Rede zu halten, werde ich meine Vorbehalte wissen lassen.

In dieser Zeit des Vergebens und Erbarmens zwischen Yom Kiuppur und dem 4. November werden wir sehr nachdrücklich dazu aufgerufen und gefragt: Warum sollte man Sharon nicht vergeben für das, was er getan hat? Vielleicht sollte man sich sogar bei ihm entschuldigen. Er macht jetzt die Arbeit für dich …

Man weiß überhaupt nicht, wohin Sharon nach dem Abzug (aus dem Gazastreifen) gehen wird, aber man weiß mit ziemlicher Sicherheit, woher er kommt und was er hinterlassen wird. Er ist unser Ministerpräsident, der mehr als jede andere Person in Israel durch seine verschiedenen Positionen, die er mit oder Uniform inne hatte, die Fundamente für eine Kultur der Lüge, Untreue, Korruption und Täuschung gelegt hat.

Sharon ebnete sich den Weg durchs Leben, indem er seine Vorgesetzten von David Ben Gurion bis Menachim Begin - und durch sie die ganze Öffentlichkeit - in die Irre führte. Schon vor einem halben Jahrhundert sagte Ben-Gurion über ihn: “Wenn er sich doch nur von seiner Neigung, nicht die Wahrheit zu sagen, lösen könnte und von seiner Geschwätzigkeit, dann könnte er ein militärisches Vorbild sein.” Später beklagte sich Begin darüber, dass er zeitweilig von Sharons Aktionen auf dem Schlachtfeld erst nach ihrer Ausführung erfahren hat. Der Libanonkrieg rollte wie ein Schneeball zufriedenstellend dahin, bis Sharon gezwungen war, nach dem Massaker in Sabra und Chatila zurückzutreten. In ähnlicher Weise hatte er es fertig gebracht, seine Siedlungen unter jedem Baum (der besetzten Gebieten) zu errichten - mit ausgeklügelten Tricks.

Sharon hat die gewählten Institutionen nie wirklich als die höchste Gewalt angesehen und systematisch die Existenz einer Demokratie geleugnet. Wann immer er ein Problem mit der Politik der Regierung oder der Legislative hatte, rief er seine loyalen Freunde, besonders die Siedlerführer, zusammen, um vor kurzem vereinbarte Entscheidungen und Instruktionen hartnäckig zu ignorieren, um Armeekontrollpunkte zu umgehen und Hügelkuppen einzunehmen.

Sharon brachte die Korruption auf eine neue Ebene. Es gab sie zwar schon immer und hat viele feine Mitarbeiter zerstört, aber sie bedrohte nie die besten Kräfte. Während seiner Regierungszeit hat sie sich in besonders keckem, individuellem und familiärem Kolorit gezeigt. Die Öffentlichkeit sieht es und macht es nach.

Und das Aufhetzen: keiner hat die Gabe, so aufzuhetzen und irrezuführen wie Sharon. Sein Erscheinen auf dem Balkon auf dem Zionsplatz wird ihm zur ewigen Schande gereichen. Es ist zu dumm, dass der Balkon an jenem verfluchten Abend nicht unter ihm zusammenbrach. Nach den Oslo-Abkommen klagte er die Linke an, sie arbeite mit dem Feind zusammen, um ihn auch noch nach Tel Aviv zu führen. Weniger als zwei Monate vor dem Mord an Rabin, als die Morddrohungen gegen den Ministerpräsidenten zunahmen, hat er die Gefahr bei Seite geschoben und verharmlost: “Vielleicht ist es die Paranoia eines Führers, dessen Kräfte nachlassen. Man sollte nicht vergleichen; doch erinnert sich noch jemand an die mörderischen Verleumdungen Stalins, mit deren Hilfe er die “große Säuberung” durchführte. Er fegte die alte Führung und Spitze der Roten Armee hinweg, er liquidierte jüdische Wissenschaftler. Es begann dann mit neuen “Berichten” oder “Einschätzungen” über angenommene Absichten, den Tyrannen zu ermorden —- Wohin wollen die Linken uns führen mit den neuen Drohungen, die sie verbreiten?” (In Maariv, 13.September 1995)

Am 5. Juni 1995 - fünf Monate vor der Ermordung - schrieb Sharon in Hayarden: “Die Regierung überlässt die Siedler schon den bewaffneten palästinensischen Gangs. In der Vergangenheit haben sie schon Juden an Ausländer übergeben … Informanten zu sein und Juden zu vertreiben, das ist die geistige Grundlage der Linken … Mitglieder von Peace Now und ihre Anhänger sind näher an den PLO-Mördern als an euch, dem Volk von Judäa, Samaria und Gaza … erinnert euch an die Zeit, als Mitglieder des linken Untergrunds, die Hagana, Mitglieder des rechten Untergrunds während des Mandats an die Briten auslieferten, vergesst die Altalena 1 nicht!”

Ecce Homo. Das offene Notebook will noch nicht geschlossen werden, und die Hand, die dies bezeugend notiert, schreibt weiter. Der Abzug aus dem Gazastreifen darf und kann nicht gelöscht oder vergessen werden - allerdings löste er die Siedlungen 35 Jahre zu spät auf, und dies wird seinem historischen Guthaben hinzugezählt. Aber wer ist mächtig genug, das Lügen, die Korruption, Abtrünnigkeit und Hetze auszureißen, die sich in unserm Leben breit gemacht haben und es infiziert hat?

Eine gute und richtige Tat schreibt eine schlechte, betrügerische Biographie nicht um; der Rückzug wird die Tausenden vergeblicher Opfer nicht aus den Gräbern zum Leben erwecken, das in unnötigen von Sharon dirigierten Schlachten verloren ging. Diese Sünden Sharons dürfen nicht vergeben werden, aus ethischen und moralischen Gründen …

Im vergangenen Jahr machte ich mir angesichts so vieler Feinde bei einigen Gelegenheiten sogar Sorgen um ihn. Ich hatte sogar Mitleid. Aber keinen Augenblick habe ich ihm vergeben. Wenn Yitzhak Rabin ein Erbe hat, dann ist es das ganze Gegenteil vom Sharonerbe. Ich fürchte nur, dass Sharons Erbe gegenüber der Immunisierung in unserem Inventar unverwüstlicher ist und selbst ein “Notfall-Rückzug” die Seuche nicht verhindern kann. Die Haltung gegenüber Sharon wird darum nicht durch Aufrechnung der Vergangenheit diktiert, sondern vielmehr durch Furcht vor der Zukunft.

Und die Zukunft hat schon begonnen.

Yossi Sarid ist Knessetabgeordneter und früherer Minister für Umweltschutz.

Anmerkung:

1 Altalena: Schiff mit geschmuggelten Waffen und Munition für israelische Untergrundgruppe Irgun wurde auf Befehl Ben Gurions im Juni 1948 an der Küste Tel Avivs in Brand geschossen, weil sich Begin weigerte, die Waffen der Hagana auszuliefern.

Übersetzt und geringfügig gekürzt: Ellen Rohlfs.

Veröffentlicht am

01. November 2005

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