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Der Dissens nimmt zu - aber auch die Zensur

Von Dahr Jamail - ZNet 28.09.2005

In den Straßen von Washington DC drängten sich an diesem Wochenende rund eine Viertelmillion Menschen - derweil sich Mr. Bush bemüßigt sah, das Hauptquartier des US Northern Command in Colorado Springs zu besuchen.

Veteranen des aktuellen Irak-Debakels und Dutzende Soldaten-Angehörige (military families) verstärkten die langen Reihen derer, die gegen die Bush-Junta demonstrieren und ihrem Dissens Ausdruck verleihen wollten. Es gab an diesem Wochenende noch andere Veranstaltungen zum Irak, und in Colorado hatte Bush seinen Fotoauftritt.

Kürzlich schrieb mir ein Bekannter, der als Vertragsarbeiter im Irak tätig ist. Er hält mich von Zeit zu Zeit auf dem Laufenden über das Leben in seiner Basis, er arbeitet dort für das Militär. Also, mein Bekannter schrieb:

“Wieder wurde ein Konvoi schwer getroffen - drei Fahrer tot, viele Verletzte - noch weiß ich nicht, ob Freunde darunter sind. Hier hängt man solche Dinge nicht allzu gern an die große Glocke, das würde die Flugzeuge in Richtung Heimat füllen. Das Problem ist nur, in Houston warten schon die nächsten Flugzeugladungen (in den Irak). Leichtgläubige, die auf eine Chance warten, den schäbigen Tournierpreis zu erhaschen. (Meine Freunde und ich) sind uns einig, es war die Ölpolitik dieser Länder, die uns auf den Weg nach Armaggedon geführt hat”.

Mindestens 1.917 US-Soldaten haben im Irak bislang den Tod gefunden - allein in der vergangenen Woche wieder 16. Und mindestens zehnmal so viele sind durch Verletzungen fürs Leben gezeichnet - in physischer wie psychischer Hinsicht.

Wen wundert’s da, dass dieses Wochenende derart viele Menschen durch die Hauptstadt marschiert sind. Und wen wundert’s, dass darunter so viele Veteranen bzw. Angehörige waren. Sie haben schlicht die Schnauze voll. Die Leute, mit denen ich auf der Demo sprach, zeigten sich wütend und frustriert über ihre sogenannte Administration.

Da überrascht es auch nicht, dass ich auf einem Schild eine kleine, aufgemalte Brezel entdeckte: “Gebt der Brezel eine zweite Chance!” stand darunter.

Die Nachricht von jenen mutigen Soldaten der 82. Airborne, die sich in einem Bericht der amerikanischen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch öffentlich äußern (unter Zusicherung der Anonymität), die schildern, wie sie ihrer “Frustration Luft machten, indem wir von 2003 bis in das Jahr 2004 hinein systematisch irakische Gefangene folterten, wir prügelten sie mit Baseball-Schlägern und sprühten sie mit Chemikalien ein”, mag einige in den USA geschockt haben. Für die Soldaten im Irak war das alles natürlich keine Neuigkeit, aber auch nicht für die Iraker.

Vor einigen Tagen schrieb mir ein Soldat, der als Sanitäter im Irak arbeitet:

“Ich bin für die kranken Gefangenen zuständig. Zur Zeit habe ich das Gefühl, die Gefangenen werden von Robotern bewacht. Ich habe mich mehrfach mit ihnen (den Wärtern) unterhalten, sie sagen so Dinge wie “wenn man sie festgenommen hat, werden sie schon etwas Böses getan haben…” Ich habe wiederholt darauf hingewiesen, dass 1) sie genauso gut unschuldig sein könnten und dass diese Leute 2) immerhin noch menschliche Wesen sind. Die Wärter schienen das auch zu akzeptieren. Es ist fast wie mit dem nackten Kaiser ohne Kleider. Jeder weiß es. Dennoch redet man sich ein, dass er seine neuen Kleider anhat. Wenn aber einer anfängt auszusprechen, dass der Kaiser nackt dasteht, gibt das den andern die Freiheit zuzustimmen.

Die eigentliche Klamotte betrifft meiner Meinung nach das amerikanische Volk. Sie kennen keine Irakis, und in den Nachrichten sehen sie nur, dass wir die bösen Jungs töten. Sie bekommen keine Flüchtlingslager zu sehen oder Städte, auf die wir eindreschen (Kollateralschaden - eine nette Phrase, solange es nicht das eigene Heim ist, das zerstört wird und nicht die Söhne und Töchter der eigenen Freunde, die getötet werden). Sie (die Amerikaner) sehen nicht, wie leicht es den meisten Soldaten fällt, (fremdes) Eigentum zu zerstören. Sie sehen nur, was ihnen gesagt wird, und solange etwas nicht mit dem Markenzeichen irgendeines (Medien-)Konzerns versehen ist, gilt es in ihren Augen als illegitim. Das sei doch eine “extremistische Position”, wehrt man ab”.

Was mein Freund über die (in punkto Horrorrealität im Irak) von den Konzernmedien irregeleiteten Amerikanern sagt, findet man jedoch auch anderswo. Nicht nur hierzulande übt die Bush-Administration Druck auf die Medien aus. In einem meiner Weblogs 1 erwähne ich eine türkische Zeitung, die von der amerikanischen Botschaft unter Druck gesetzt wurde, doch bitte nicht mehr so viele Irak-Berichte von Leuten wie mir, Robert Fisk oder Naomi Klein zu drucken.

Letzte Nacht habe ich mich hier in Washington mit Stelios Kouloglou unterhalten, einem Journalisten der griechischen Hellenic Broadcasting Corporation. Er hat ein Programm im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Griechenlands, das schon einige Preise - für investigativen Journalismus - bekommen hat. Es ist sehr populär in seiner griechischen Heimat.

Zum ersten Jahrestag des Falls von Bagdad, im April 2004, strahlte der Sender eine Dokumentation von Kouloglou aus: ‘25 Lügen, um diesen Krieg zu verkaufen’ - ein Titel, der keiner weiteren Erklärung bedarf, es sei denn, man ist ein absoluter Verdrängungskünstler.

“Dann ist zu mir durchgesickert, dass die US-Botschaft hier in Griechenland unsere Regierung politisch unter Druck gesetzt hat, sie solle Druck auf meinen TV-Sender ausüben, weil er diese Dokumentation ausgestrahlt hat”, sagt Kouloglou in seinem Hotel.

“Nach eurer Wahl 2004, die Bush im Amt beließ, war klar, seine Administration wird noch weit aggressiver werden”, fährt er fort. “Die US-Botschaft bat darum, unser Programm nicht mehr auszustrahlen. Das sagten sie nicht etwa unserer Programm-Sprecherin, sie sagten es der Regierung direkt! Ihr Protest hatte jetzt einen viel offiziöseren Charakter. Sie versuchten es nicht mehr zu verhehlen”.

Kouloglou ist seit 25 Jahren als Journalist tätig. Er hat aus dem Jugoslawienkrieg berichtet und arbeitete zu Zeiten der Perestroika in Moskau. Diese Form des offenen politischen Drucks sei für ihn neu gewesen, sagt er.

“Einen solchen politischen Druck habe ich nie zuvor gespürt - weder in Moskau, als ich mich kritisch über Gorbatschow äußerte, noch in Jugoslawien, als ich Milosevic heftigst kritisierte”.

Der Amerikaner Doug Ireland ist uns näher als Kouloglou. Vor kurzem schrieb Ireland in einem Artikel 2 :

“Robert Fisk - international renommierter Korrespondent des Independent - wurde die Einreise in die USA verweigert. Der Brite Fisk ist ein großartiger Journalist, der seit Jahrzehnten aus den War Zones dieser Welt berichtet. Fisk hat sich vor allem durch seine bissige (über zwanzigjährige) Berichterstattung aus dem Nahen und Mittleren Osten einen Namen gemacht. Bei seiner kritischen Berichterstattung über den britisch-amerikanischen Einmarsch im Irak bzw. die seitherige Besatzung stellte Fisk immer wieder Desinformationskampagnen der britischen und amerikanischen Regierung bloß. Fisk stellte aber auch den Pressetross im Irak bloß, sprach in diesem Zusammenhang von “Hoteljournalismus” (dieser Begriff wurde von ihm geprägt).

Ireland fährt fort:

Die Tageszeitung New Mexican schreibt: “Am Dienstag verboten die amerikanischen Einreisebehörden dem langjährigen Nahostkorrespondenten der Londoner Tageszeitung The Independent, Robert Fisk, an Bord einer Maschine von Toronto nach Denver zu gehen. Fisk war auf dem Weg nach Santa Fe, wo er Mittwochabend an einer ausverkauften Veranstaltung im Rahmen der Lese-und-Vortragsreihe der Lannan Foundation teilnehmen wollte. Laut Christie Mazuera Davis, Programmleiterin für Lannan, wurde Fisk mitgeteilt, seine Papiere seien nicht in Ordnung. Am Mittwoch war Davis damit beschäftigt, letzte Vorbereitungen für eine Satelliten-Schaltung live in ein Fernsehstudio nach Toronto zu treffen (…) Ein Aufzeichnung des Satelliten-Interviews mit Robert Fisk finden Sie demnächst auf der Website der Lannan Foundation.”“

Als wir gestern Nacht von seinem Hotel aufbrachen, machte mir mein Kollege Stelios Kouloglou, halb im Scherz, ein Angebot: “Sie können jederzeit zu uns nach Griechenland kommen - in den Ferien oder falls Sie politisches Asyl brauchen”. Ich lachte nur halbherzig, während ich seine Hand schüttelte.

Quelle: ZNet Deutschland vom 29.09.2005. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: More Dissent, More Censorship

Anmerkungen der Redaktion:

1 Der Weblog von Dahr Jamail findet sich in deutscher Übersetzung hier auf der Lebenshaus-Website: Zensur .

2 Der Artikel von Doug Ireland findet sich auf unserer Lebenshaus-Website: USA verweigern Robert Fisk die Einreise .

Weblink:

Veröffentlicht am

29. September 2005

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