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Schubert in Bil’in - eine neue Art gewaltfreier Demonstration

Von Beate Zilversmidt, Gush Shalom 17.9.05

Als die Sonne am Freitag, 16.9., aufging, war es ein neuer Tag für Demonstrationen in Bil’in. Plötzlich wurden Klavierklänge zwischen den Häusern und Olivenbäumen des Dorfes vernommen, bevor die übliche “Musik” von Tränengas-, Lärmgranaten und Gummigeschossen zu hören war.

Die Idee eines “Protestkonzertes” mit dem holländischen Pianisten Jakob Allegro Wegloop - einem alten Unterstützer von Gush Shalom - bei einer der Freitagsdemonstrationen in Bil’in kam im August in einem Amsterdamer Cafe: “Ich würde gerne nach Israel kommen und für Frieden und gegen die Besatzung spielen.”

Nun gab es zufällig schon ein Klavier in Bil’in. Es war gerade von der Familie des “Anarchisten gegen die Mauer”-Aktivisten Yonatan Pollak geschenkt worden. Und Zamir Barlev - ein anderer Aktivist und Klavierstimmer - war so freundlich, kam schon am Donnerstag und reparierte ein paar beschädigte Tasten.

Die Gush Shalom-Delegation mit Uri Avnery, die den Pianisten früh um drei Uhr am Flughafen empfang, entschied mit ihm - trotz seiner Müdigkeit - gleich zum Dorf in die Westbank zu fahren, bevor die Armee die Zugangsstraßen sperren würde, wie es an den Freitagen zuvor geschehen war.

Das untere Stockwerk von Abu Rahmes Haus war mit Matratzen und einer Selbstbedienungsküchenecke zu einer Art Jugendherberge verwandelt worden. Außer den Internationalen, die schon länger dort zu Gast waren, beherbergte es jede Woche eine Gruppe von israelischen Aktivisten, die auch schon am Donnerstag kommen, um an dem wöchentlichen Ereignis - der gewaltfreien Protestdemo - in Bil’in teilzunehmen. Das Haus war für das Konzert mit Flaggen und Slogans dekoriert: “Ihr könnt unsern Geist nicht brechen” oder “Unsere Träume können nicht eingesperrt werden”.

“Wie schön, von Klaviermusik geweckt zu werden und nicht von Militärmegaphonen, die Ausgangssperre verkünden”, sagte einer der Gäste.

Von wo all die Kinder kamen, war nicht klar, aber sie standen auf einmal rund um das Wunder herum, um das Klavier, das inzwischen in den Vorgarten geschoben worden war. Und als Jakob Allegro die handgeschriebenen Noten der palästinensischen Nationalhymne nicht entziffern konnte, die man ihm gegeben hatte, um sie seinem Repertoire hinzuzufügen, sangen die Kinder sie ihm begeistert vor: “Biladi, Biladi” (Mein Land, mein Land) -

Jakob Allegro spielte und spielte wohl klingende Stücke von Schubert und einige von Chopin, um das etwas störrige Instrument dahin zubringen, sich zu öffnen.

“Was ist Ihre Botschaft?” war eine der Fragen von Interviewern, die nun erschienen. “Sympathie für diese Not hier”. “Sie sind ein Jude, ein Holocaustwaisenkind?” 1 “Das macht mich nicht blind für die Ungerechtigkeit, die andern gegenüber geschieht.” “Was sagen sie zu dem Mauerbau mitten durch unser Land?” “Es ist eine Schande! Eine große Schande!”

Man kann nicht so leicht sagen, wann die Vorbereitungen zu Ende waren und wann das Konzert begann. Einige Male rannten die Menschen aus dem Vorgarten auf die Straße, es gab Gerüchte, dass Armeepatrouillen kämen. Aber die Invasion dieses Tages waren TV-Teams: mehrere palästinensische, al-Jazeera, Reuters, ägyptisches Fernsehen, der israelische Kanal 2 und andere. Sie waren alle von Mohamed al-Khatib vom Bil’iner Volkskomitee für 10 Uhr 30 eingeladen worden, um einige Aufnahmen zu machen, da man erwartet hatte, dass die Armee nicht sehr hilfreich sein wird, wenn ein LKW mit einem Klavier dorthin kommt, wo der Mauerbau vorbereitet wird.

Im israelischen Fernsehen erschien die Szene dann doch nicht im Kanal 2 sondern im angesehenen 1. Kanal, der Reuters Material benützte. Es war ein weiterer erstaunlicher Bericht aus Bil’in von Leuten, die jetzt schon seit Monaten mit ihrer phantasievollen, gewaltfreien Art und Weise des Protestes, unbeeindruckt von der Gewalt der Armee, in den Schlagzeilen waren. Der Kampf ist noch nicht am Ende. Eine Beschwerde ist auf dem Weg zum Obersten Gerichtshof, der in dieser Woche einen Präzedenzfall geschaffen hat, der nicht ohne Hoffnung für die Qalandia-Region ist. Aber ein Ziel ist schon erreicht und ist den Gesichtern abzulesen: dieser Kampf und die vielseitige Unterstützung für diesen stärkt die Menschen in Bil’in entsprechend dem Sprichwort: “Was uns nicht tötet, stärkt uns”.

Die pastorale Idylle dauerte fast bis Mittag, als eine Gruppe israelischer Aktivisten ankam, die einige Straßensperren umfahren mussten. Bei schrecklicher Hitze von 33 Grad - es herrschte Chamsin, ein Wüstenwind - schlossen sie sich den Dorfbewohnern beim Marsch zur Mauer an. Dort wurden sie wie “üblich” begrüßt: die Armee griff an, verwundete und verhaftete Aktivisten ….

Anmerkung:

1 J. Allegro Wegloop war als Kleinkind von seinen Eltern bei Freunden versteckt worden, bevor sie nach Auschwitz verschleppt wurden und dort umkamen.

Übersetzt von: Ellen Rohlfs.

Veröffentlicht am

18. September 2005

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