Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

Wie Hunde und Schweine

Verdrängte Schuld: Zehntausende der Atombombenopfer von Hiroshima und Nagasaki waren Koreaner

Von Rainer Werning

“Durch einen grellen Lichtblitz, der den Himmel zerteilte, und einen Donnerschlag, der die Grundfesten der Erde erschütterte, wurde Hiroshima in einem einzigen Augenblick dem Erdboden gleichgemacht. Wo einst eine ganze Stadt gestanden hatte, stieg eine riesige Feuersäule gradlinig zum Himmel auf. Darunter versank die Erde in tiefe Finsternis. (…) bald herrschte eine einzige riesige Feuersbrunst, die von Augenblick zu Augenblick heftiger wurde. Da starker Sturm herrschte, begannen sich halbnackte und splitternackte Körper zu bewegen, dunkel gefleckt und blutüberströmt. Zu Gruppen zusammengeschlossen wankten sie, wie die Geister der Verstorbenen, davon … “

(Aus: Hiroshima and Nagasaki - The Physical, Medical and Social Effects of the Atomic Bombings, Tokio 1981)

Präsident Harry S. Truman hatte von einem “Regen der Zerstörung aus der Luft” gesprochen, als am 6. und 9. August 1945 die US-Luftwaffe über Hiroshima und Nagasaki zwei Bomben mit jeweils mehr als 200.000 Tonnen Sprengkraft gezündet hatte. In der ersten Stunde nach dem Inferno betrug die Gesamtzahl der Toten und Sterbenden in beiden Städten zirka 120.000 beziehungsweise 70.000 - an den Spätfolgen gingen mehr als 300.000 zugrunde.

Beim alljährlichen Gedenken gerät regelmäßig die Opferrolle Japans ins Blickfeld weltweiter Aufmerksamkeit, während ein anderes Volk ebenso regelmäßig ausgeklammert bleibt. Doch etwa ein Viertel der Toten im nuklearen Hades waren Koreaner, die von der Kaiserlich-Japanischen Armee nach ihren imperialistischen Feldzügen deportiert wurden und dort in Japan Arbeitseinsatz in Werften, Kohlengruben und Rüstungsbetrieben zwangsverpflichtet waren. Die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels begann erst zwei Jahrzehnte nach Kriegsende, ein “Bewältigen” dieses Teils der Geschichte ist über Ansätze nie hinaus gekommen.

Orientalische Moral

Bereits 1905 zum japanischen Protektorat erklärt, wurde Korea fünf Jahre später von seinem übermächtigen Nachbarn okkupiert und bis 1945 als Kolonie behandelt - es blieb zur Reiskammer und zum Rekrutierungsreservoir für Zwangsarbeiter degradiert. Die überwiegend bäuerliche Bevölkerung sah sich von Tributen geschröpft, sie durfte zwar weiterhin auf “ihrem” Land arbeiten, allerdings als Pächter der Japaner und nur noch für den Reisanbau. Zugleich blockierte die Besatzungsmacht jeden Ansatz einer eigenständigen koreanischen Industrie.

Mit der japanischen Aggression gegen China 1937 wurde auch die Lage der Koreaner immer unerträglicher. In großem Stil wurden sie zwangsweise in japanische Uniformen gepresst, schließlich standen weitere Eroberungen im Pazifik und in Südostasien bevor. Etliche Familien der Ober- und Bildungsschicht hingegen, die offen mit der Besatzungsmacht paktierten oder sie stillschweigend duldeten, schickten ihre Söhne auf japanische Militärakademien. Später dienten sie dann - wie etwa der langjährige südkoreanische Diktator Park Chung Hee (1961-1979) - als Offiziere in japanischen Truppenverbänden.

Politisch fand der Führungsanspruch der japanischen Nation seinen Niederschlag in der Doktrin von der Größeren Ostasiatischen Gemeinsamen Wohlstandssphäre, die Außenminister Yosuke Matsuoka am 1. August 1940 auf einer Pressekonferenz vorstellte, um damit imperiale Ambitionen zu rechtfertigen. Begründet wurde diese “Wohlstandssphäre” wie folgt: “Da das japanische Kaiserreich das Zentrum und der Pionier der orientalischen Moral und des kulturellen Wiederaufbaus ist, müssen die Offiziellen und das Volk dieses Landes zu dem orientalischen Geist zurückkehren und ein gründliches Verständnis des Geistes des moralischen Charakters der Nation erwerben. Das japanische Kaiserreich ist eine Manifestation der Moral, und sein besonderer Charakter ist die Verbreitung des kaiserlichen Weges. (…) Es ist notwendig, die Macht des Kaiserreiches zu nähren, um Ostasien zu seiner ursprünglichen Gestalt der Unabhängigkeit und des gemeinsamen Wohlstands zurückkehren zu lassen.” 1

Pax Nipponica

Als in den fünfziger Jahren die von etwaigen Entschädigungszahlungen an einstige Zwangsarbeiter unbehelligten Firmen des japanischen Big Business wieder in neuem Glanz erstrahlten, bekannte sich die Regierung in Tokio erstmals in juristischer Form zu ihrer staatlichen Fürsorgepflicht gegenüber den Strahlenopfern von Hiroshima und Nagasaki - den Hibakusha. Am 30. April 1952 war das “Gesetz zur Versorgung der Kriegsversehrten und Kriegshinterbliebenen” verkündet worden, das allerdings nicht für die Opfer des Infernos unter den “normalen Bürgern” galt. Denen wurde der Status von “Kriegsopfern” verwehrt, so dass eine Versorgung durch regionale Initiativen einziger Quell von Hilfe und Unterstützung blieb.

Noch schlimmer erging es den koreanischen Hibakusha; sie fristeten eine Existenz zwischen Traumatisierung, Demütigung und Ignoranz. Stellvertretend für das Schicksal der 20.000 Zwangsarbeiter in Nagasaki, die bis 1945 zum Dienst für den Mitsubishi-Konzern abkommandiert waren, der dort Kreuzer und Torpedoboote für die kaiserliche Kriegsmarine fertigte und reparierte, gab der in einem Bunker überlebende Augenzeuge Pak Su Ryong zu Protokoll: “Zwangsarbeiter wurden seinerzeit ausnahmslos in Baracken gesteckt. Wie Hunde und Schweine, viele kamen aus dem Norden (Koreas - R.W.). Sie durften die Camps nicht verlassen, mit niemandem reden. (…) Sie wurden mit Bohnenkeks gefüttert, das in Japan als Schweinefutter gilt. Als die Bombe fiel, flohen viele aus den Baracken, aber nur wenige überlebten. (…) Nun sagt die Regierung: ?Geben Sie uns die Namen der durch die Bombe Getöteten oder Erkrankten an.? Nach so vielen Jahren! Wie soll das geschehen? Den toten Mann fragen?”

Da für die überlebenden Koreaner nach dem Fall der Atombomben in den wenigen erhaltenen Gebäuden an der Peripherie von Hiroshima und Nagasaki kein Platz war, kehrten sie oft als erste in die verseuchte Atomwüste nahe dem Explosionsnullpunkt zurück, um dort zu campieren. Waren sie verwundet, wurden sie als Letzte ärztlich versorgt. Wie weit diese demütigende Klassifizierung auch heute noch geht, lässt sich daran ersehen, dass der Gedenkstein für die japanischen Opfer des Infernos vom 6. August 1945 inmitten des Friedensparks von Hiroshima steht, während an die getöteten Koreaner in verschämter Entfernung außerhalb des Parks, auf der anderen Seite des Flusses, erinnert wird.

Nach dem Ende des Krieges im Pazifik überlebten viele der in Japan registrierten Koreaner - es waren im August 1945 über 2,3 Millionen - vor allem dank der Hoffnung, möglichst bald in ihre Heimat zurückkehren zu können. Die etwa 30.000 Hibakusha glaubten fest daran, dass sie zu Hause ein besseres Leben erwarte, denn im japanischen Nachkriegschaos gingen sie unter.

Doch auf der koreanischen Halbinsel waren die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges - die USA im südlichen und die Sowjetunion im nördlichen Teil - mit anderem beschäftigt, als sich der seelischen Not und körperlichen Zerstörung entwurzelter Heimkehrer anzunehmen. Viele Koreaner verkauften dennoch in Japan ihre letzte Habe, um den Seeweg in die Heimat antreten zu können. Je ärmer die Rückkehrer, desto zerbrechlicher waren die Boote, in denen sie ihre Odyssee riskierten. Wie viele dieser ersten Boat People Ostasiens nach 1945 untergingen und ertranken, hat keine Statistik erfasst.

Bereits 1947 ließ die Rückkehrbereitschaft der Koreaner spürbar nach. Ursache dafür waren die politische und wirtschaftliche Lage Südkoreas unter der amerikanischen Militärregierung und die rigide Beschränkung für mitgeführtes Bargeld, mit dem sich Heimkehrer ihre Existenz sichern wollten. Nach Statistiken des japanischen Ministeriums für Sozialfürsorge, die seinerzeit unter Aufsicht des US-Oberkommandos entstanden, gab es Ende der vierziger Jahre noch 647.000 Koreaner in Japan. Fast 80 Prozent hatten erklärt, trotz aller Widrigkeiten dennoch zur Heimkehr entschlossen zu sein - der Beginn des Koreakrieges im Sommer 1950 durchkreuzte diesen Wunsch für eine lange Zeit.

Pax Americana

Wer es schließlich schaffte, erreichte kein Gelobtes Land, schon gar nicht die Hibakusha. Niemand kümmerte sich, und nach dem Ende des Koreakrieges vor 50 Jahren - am 26. Juli 1953 - wurden ihnen weder ein Anspruch auf bezahlbare ärztliche Betreuung noch öffentliche Hilfe zugestanden. Appelle an den südkoreanischen, japanischen und amerikanischen Staat verhallten ungehört.

In dem 1965 auf Druck der USA zustande gekommenen “Normalisierungsvertrag” mit dem ehemaligen Aggressor Japan verzichtete das südkoreanische Militärregime gegen Zahlung von umgerechnet 500 Millionen Dollar auf jedwede weitere Entschädigung für die Gräuel der Kolonialzeit. Das Geld verwendete Seoul für Prestigeprojekte und den Bau von Autobahnen, während die Opfer der Okkupationszeit - Zwangsarbeiter, enteignete Bauern, politische Gefangene, besonders die Hibakusha - leer ausgingen. Auf eben diesen Vertrag, mit dem der damalige südkoreanische Diktator Park Chung Hee die Rechte der Bevölkerung verschachert hatte, beruft sich die Regierung in Tokio bis heute, wenn es ihr geraten erscheint, den in Korea lebenden Atombombenopfern eine Wiedergutmachung vorzuenthalten.

In Washington wiederum wurde eine offizielle Hilfe für die koreanischen Hibakusha stets mit dem Argument verweigert, der Sieger eines Krieg hafte nicht für dessen Folgen. Eine Position, die allein deshalb absurd ist, weil Präsident Truman die Entscheidung über den Abwurf der Atomwaffen Anfang August 1945 in einem Augenblick traf, als die Kapitulation Japans unmittelbar bevorstand. Es sollte in jenen Tagen schlichtweg die letzte, sich auf lange Sicht bietende Gelegenheit genutzt werden, die neue Uran- beziehungsweise Plutonium-Waffe in einem “wirklichen” Krieg zu testen und das gegenüber der Sowjetunion zu zeigen.

Die koreanischen Zwangsarbeiter in Hiroshima und Nagasaki befanden sich nicht im Kriegszustand mit den USA - zumindest humanitärer Beistand nach dem 6. beziehungsweise 9. August 1945 wäre angemessen gewesen. Dazu kam es nie.

Anmerkung:

1 Renato Constantino (ed.), Southeast Asian Perceptions of Japan, Tokyo/Quezon City 1991 & Saburo Ienaga, The Pacific War: World War II and the Japanese, 1931-1945, New York 1978

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung , 33 vom 08.08.2003. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Rainer Werning und Verlag.

Veröffentlicht am

20. September 2003

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von