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Gewalt gebiert Gewalt

Brief aus Israel 1 vom 14.07.2005

Liebe FreundInnen,

Dorothy 2 schreibt:

So viele entsetzliche Dinge passieren in den letzten Tagen, dass es schwierig ist, Schritt zu halten. Immer wenn ich denke, “dies sind die schlimmsten Zeiten”, irre ich mich. Die Zeiten werden für die PalästinenserInnen immer schlimmer.

Es wird bestimmt eine Reaktion geben. Wann? Wie? Ich weiß es nicht. [Wissen wir nach den fürchterlichen Anschlägen der letzten Tage mehr?] Wieviel kann ein Volk ertragen. Gewalt gebiert Gewalt. Und wenn es eine Sache gibt, die die Angriffe vom 11.9. und die Bomben in London klar machen, ist es dies, dass auch große Militärmächte ihre Bevölkerung nicht vor Zorn schützen können. Die Führer und die Menschen in Israel sollten das beherzigen.

Heute Abend haben wir gegenüber dem Büro des Verteidigungsministers gegen die Tötung eines palästinensischen Jugendlichen gestern in Beit Lekiya protestiert. Der zweite Sohn der Familie, der von Israelis getötet wurde. Traurigerweise hatten die Leute, die in ihren Autos vorbei fuhren, keine Ahnung, wogegen wir protestierten. Israelis hören nicht, auch wenn solche Taten berichtet werden. Sie wollen nicht hören. Bei der Demo hörten wir von den Anarchisten gegen die Mauer, die zur Beerdigung des Jungen gegangen waren, dass heute zwei weitere Jungen des Dorfes von Gummigeschossen getroffen wurden, einer am Kopf. Ist es ein Zufall, dass dieser 12jährige der Hauptzeuge der Schießerei gestern war? Eben, um Mitternacht, hat das Israeli Radio berichtet, dass drei getroffen worden waren. Nichts wurde über ihren Zustand berichtet.

Der Wachsoldat, der gestern den Jungen getötet hatte, wurde festgenommen, aber heute wieder freigelassen, zwar bedingt, aber frei. Er sagt, die Jungen warfen mit Steinen und er habe sich bedroht gefühlt. Die Palästinenser behaupten, die Jungen hätten nicht mit Steinen geworfen. Wen interessiert es? Eine Ausrede ist so gut wie eine andere, wenn es darum geht, palästinensische Kids zu töten!

In Beilin gehen die Demos weiter, die IOF-Gewalt auch. Ein weiteres Dorf, Immatin, erlebt auch die Aggression des IOF, während die BewohnerInnen gegen die Enteignung des Landes und das Ausreißen von Bäumen für den Mauerbau protestieren. Mehrere BewohnerInnen sind in den letzten Tagen verletzt worden. Und die Mauer wird weiter gebaut und trennt die Leute von ihrem Land.

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Und heute:

Eines der traurigsten Aspekte der heutigen Tat in Netanya (abgesehen von den Verletzungen und Tötungen) ist, dass die meisten Israelis die Gründe für solche Ereignisse nicht verstehen oder kennen: die Hoffnungslosigkeit und das Elend der Palästinenser. Die meisten Israelis haben zum Beispiel nicht die geringste Ahnung, dass vor ein paar Tagen im Dorf Beit Liqiya ein 15jähriger Palästinenser durch die IOF getötet wurde - der zweite Sohn der Familie, der in den letzten Jahren getötet wurde, und Cousin von 2 Jungen die vor 2 Monaten von der IOF getötet wurden… Die meisten wissen nicht, dass, während die Israelis fast ein halbes Jahr ohne Gewalt genießen konnten, Palästinenser nicht einen einzigen Tage ohne Gewalt hatten, vielleicht nicht einmal ein halber oder viertel Tag geht vorbei, ohne dass irgendwo jemand an einem Checkpoint zusammengeschlagen oder gequält wird, oder dass die IOF nachts in ein Dorf eindringt, oder dass Olivenhaine ausgerissen und Land enteignet wird, usw. usw.

Hier sind nur ein paar Fetzen aus den Nachrichten von heute - alle an einem Tag, und dies nur ein kleiner Teil der Ereignisse:

Balata Flüchtlingslager, 12.07:

Am Montag wurde das zweite Kind in 5 Tagen zum Märtyrer. Der 14jährige Noor Faris Njem wurde am Kopf getroffen, als die israelische Armee in das Lager eindrang und ohne Warnung das Feuer auf unbewaffnete Zivilisten eröffnete. Noor (das bedeutet Licht) lugt um eine Mauer, um zu sehen, ob der Jeep noch da war, als ein Soldat ihn in den Kopf schoss. Trotz der Bemühungen der Ärzte starb er am Sonntag, das zweite Kind, das an dem Abend an Verletzungen durch die israelische Armee starb. Als Vergeltung dafür lauerten zwei 16jährige Kämpfer auf die Armee, als sie ins Lager eindrangen. Einer wurde getötet, der andere schwer verletzt.

Von der ISM 3

Heute besuchten drei von uns Ramzi Yasin im Muqassed Krankenhaus auf der Intensivstation. Er wurde am Kopf von einem Gummigeschoss getroffen. Es hat eine Blutung im Gehirn verursacht. Er wurde operiert und von Ramallah nach Jerusalem gebracht. Das Krankenhaus ist sehr gut ausgerüstet, aber seine Familie kann ihn nicht besuchen; so ist er allein. Er ist stark sediert, bewusstlos und wird beatmet. Die Ärzte sagten, sein Zustand sei noch unklar. Wir schrieben ihm eine Nachricht von seinen Freunden von der Bilin Demo. Es ist wirklich furchtbar zu sehen, was ein Gummigeschoss anrichten kann. Hoffen wir, dass es ihm bald besser geht.
[Ramsy starb im Krankenhaus.]

Von der ISM in Beit Furik, außerhalb von Nablus, 12.07.:

Am 5. Juli haben israelische Soldaten das ganze Dorf Tana, in der Nähe von Beit Furik bei Nablus, zerstört. Die Bewohner bekamen nicht einmal eine Warnung von einem Tag, dass ihre Häuser zerstört werden sollten. Die Bewohner wussten nicht, wen sie anrufen sollten, und die Zerstörung der Häuser ging unbehelligt weiter.

Die UNO schätzt, dass 170 Menschen “displaced” wurden, die Bewohner sagen, es hätten etwa 100 Familien in Tana gewohnt. Am 14.07. wollen die Bewohner gegen diese Zerstörung protestieren und ihr Land zurückfordern.

Tana ist ein kleines Bauerndorf im Jordantal und eins der am längsten bewohnten Gebiete der Welt. Die Bewohner sagen, das Gebiet wird in heiligen Büchern erwähnt und war bereits vor 3500 Jahren bekannt. Die Moschee, das einzige Gebäude, das nicht zerstört wurde, ist mehrere hundert Jahre alt.

Angeblich sind die Häuser ohne Erlaubnis Israels gebaut wurden. Die Höhlen und Steinbauten sind hunderte von Jahren alt. In den letzten Jahren wurden Stahlbetonbauten vor die Höhlen gesetzt. Eine Schule wurde vor 6 Jahren gebaut und, entgegen dem Bericht der UNO, auch zerstört. Die Armee zerstörte nicht nur die Stahlbetonbauten, sondern auch die Höhlen und sogar die Autos…

Die DorfbewohnerInnen geben sich nicht geschlagen und weigern sich, sich einschüchtern zu lassen. Sie haben vor, zu ihrem Land zurück zu kehren, ihre Häuser wieder aufzubauen und ihr Land weiter zu bearbeiten, mit Unterstützung von internationalen und israelischen Aktivisten.

[Es folgen in dem Schreiben noch mehrere weitere Schauergeschichten…]

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Schließlich schickt Dorothy einen Artikel aus der Internationalen Herald Tribune und drückt dabei ihr Staunen aus, dass der Bericht dort veröffentlicht wurde ( “Helft uns Israels Mauer friedlich zu stoppen!” ). In dem Artikel beschreibt Mohammed Khatib, ein führendes Mitglied des Volkskomitees gegen die Mauer in Bilin und Schriftführer des Dorfrats, ausführlich die Auswirkungen der Mauer in Bilin und die Gerichtsbemühungen dagegen, sowie den Protest der Dorfbewohner bei mehr als 50 friedlichen Demonstrationen seit Februar und die Reaktion der israelischen Armee. Palästinenser aus anderen Gebieten nennen die Leute aus Bilin jetzt die “palästinensischen Gandhis”.

Dorothy bemerkt dazu: “Vielleicht, wenn die Medien anfangen die wahre Geschichte zu erzählen, werden die Menschen anfangen, anders zu denken.”

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Vom ISM wird noch ein wichtiger Aufruf weitergeleitet, in dem weit über 100 Organisationen der palästinensischen Zivilgesellschaft aufruft zu einem Boykott, Abzug von Investitionen und Sanktionen gegen Israel, bis das Land das internationale Recht und die universellen Menschenrechte anerkennt.

Wie gehen wir in Deutschland damit um? Die Friedensbewegung in mehreren anderen europäischen Ländern hat bereits eine Boykottkampagne gestartet. Wenn wir uns anschließen, ist das wirklich ein Wiederaufleben des unsäglichen “Kauf nicht bei Juden” Schlagworts? Kann erlittenes Leid ein Freibrief bedeuten?

Gruß, Anka

Anmerkung der Redaktion:

1 Der Brief-aus-Israel ist ein Rundbrief von Anka Schneider mit Berichten aus Palästina, meist von Augenzeugen. Wer die Berichte regelmäßig erhalten möchte, sende eine leere Email an: Brief-aus-Israel-subscribe@yahoogroups.de .

2 Dorothy Noar ist Mitarbeiterin der israelischen Frauenorganisation New Profile . Diese Gruppe setzt sich gegen die Militarisierung der israelischen Gesellschaft ein, vor allem durch die Unterstützung von Militärdienstverweigerern. Ihre Stellungnahmen und Behandlung werden der Öffentlichkeit bekannt gemacht und es wird, besonders bei jungen Leuten, Öffentlichkeitsarbeit durchgeführt. Ihre Mitglieder engagieren sich inzwischen auch aktiv bei den Aktionen gegen die Mauer und versuchen die Lage der PalästinenserInnen einer breiteren Öffentlichkeit mitzuteilen.

3 ISM = International Solidarity Movement , die PalästinenserInnen bei der Durchführung von gewaltfreien Aktionen unterstützt und Menschenrechtsverletzungen durch die Israelis zu verhindern sucht, bzw. dokumentiert.

Quelle: Brief-aus-Israel vom 14.07.2005.

Veröffentlicht am

14. Juli 2005

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