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Asiens Kraftfelder

Von Karl Grobe - Kommentar

Streit, Konflikt, Krieg erregen Aufsehen. Friedliche Annäherungen großer Mächte werden hingegen eher beiläufig, freundlich, auch freudig zur Kenntnis genommen. Das sich anbahnende neue Verständnis Indiens für China - und umgekehrt - ist ein Beispiel. Es gab Nachrichtenstoff für einen Tag her. Aber es enthält ein weltweit wirkendes Potential zur Veränderung, selbst wenn nicht alle Träume vom Zusammenwirken der beiden asiatischen Großstaaten wahr werden.

Ein Drittel der Menschheit lebt in den beiden Staaten, beide werden der Dritten Welt zugerechnet und als konkurrierende Modelle für den Aufbruch aus deren Fesseln und Beschränkungen wahrgenommen. In beiden bestehen weite Regionen und soziale Sektoren bitterer Armut neben Gebieten und Gesellschaftsklassen, die der Ersten Welt zugehören. Nur diese sind global players, weltwirtschaftliche Kräfte, und zwar mit unerhörter Dynamik; und nur diese definieren das staatliche Interesse, nur diese bestimmen, ob Konfrontation oder Kooperation zum Ziel der nationalen Größe führt.

Das jeweilige Hinterland - nahezu kontinentgroße abgelegene Gegenden, Hunderttausende Dörfer - stellt das Reservoir billiger Arbeitskraft. Dass solche industriellen Reservearmeen bestehen, ist eine Wachstumsbedingung des hoch entwickelten Sektors. Der braucht indessen weitere Zufuhren an Kapital und Rohstoffen, und der muss Märkte finden.

Chinas Regierungschef und seine indischen Gastgeber haben die Synergie entdeckt, die Faktoren gegenseitiger Ergänzung und Stärkung zum Beispiel in den wissensintensiven Bereichen wie der Computertechnik. Sie sind sich gleichzeitig der Konkurrenzsituation bewusst, die aus ihrer Abhängigkeit von Rohstoff-Importen und besonders vom Erdöl besteht und rasch zunimmt. Die Strategie bietet sich an, gemeinsam den Zugang zu den Quellen zu sichern.

Das wirkt sich, wenn es denn so kommen sollte, auf die Weltwirtschaft aus - und auf die Weltpolitik. Chinesisch-indische strategische Partnerschaft, wie Wen Jiabao und Manmohan Singh sie in Delhi beschworen haben, stutzt die Pflanze der US-Vorherrschaft, wenn nicht sofort, dann auf Dauer; und sie lässt dann die mehr oder weniger noch blühenden europäischen und japanischen Wirtschaftslandschaften in der Konsequenz wie Bonsai-Gärten erscheinen.

China befürwortet die Aufwertung Indiens zum ständigen Mitglied des UN-Sicherheitsrates, stemmt sich gegen die einschlägigen Wünsche Japans und hält sich eher bedeckt, was die Mitbewerber Brasilien und Deutschland angeht. Den Status der USA greifen die neuen Freunde in Peking und Delhi nicht an; sie wollen damit in naher Zukunft gleichziehen.

Die Konfrontation, die sich zwischen Japan einerseits, China und Südkorea andererseits zur Stunde aufschaukelt, ist das Gegenstück. Zur Schau gestellt wird - von China, nicht von Indien, das von der Geschichte weniger betroffen war - die Umdeutung der Historie durch Tokioter Geschichtsrevisionisten, als wären einseitige Deuter nicht gerade in China im staatlichen Auftrag ständig am Werk. Das ist Beiwerk. Territoriale Ansprüche und militärische Ambitionen sind Kern der Sache. Und selbstverständlich geht es da um Erdöl, Erdgas und Transportwege und um die Rolle, die Japan als Stellvertreter der USA in Ostasien spielen kann.

In gebührender Kürze zusammengefasst: Trägt die chinesisch-indische Zusammenarbeit Früchte, so bildet sich ein weiteres weltpolitisches Zentrum heraus. Dass beide von einer multipolaren Welt nicht nur reden, sondern sie auch wollen, ist der rhetorische Ausdruck der faktischen Entwicklung.

Wo bleiben da die anderen? Russland, dessen autoritärer Präsident Wladimir Putin ebenfalls auf Großmachtstatus beharrt und von Multipolarität spricht, ist noch eine Großmacht als Atomwaffenstaat, darüber hinaus als Rohstoffbesitzer Gegenstand der Begierde seiner Kunden. Es kann eine wirklich bedeutende politische Rolle nur in Partnerschaft mit anderen spielen und fürchtet mit Gründen, gegenüber China eher nur Juniorpartner sein zu können. Anders im Einvernehmen mit Europa, das jedoch aus vielen Gründen Union erst nur dem Namen nach ist. Es ist dazu gezwungen, mehr daraus zu machen. Jeder einzelne Nationalstaat des alten Kontinents kann ja nicht mehr sein als eine marginale Größe. Folglich die - oft recht ungeschickten - Versuche, sich als Partner etwa in chinesischen Waffengeschäft mit der Hoffnung auf Weiteres anzudienen, unabhängig von menschenrechtlichen oder sozialpolitischen Problem. Doch die sind die Achillesferse der neuen Asien-Allianz.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 15.04.2005. Wir veröffentlichen den Artikel mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Veröffentlicht am

16. April 2005

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