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Indien und China legen Grenzstreit bei

Bevölkerungsreichste Staaten wollen in wirtschaftlichen und weltpolitischen Fragen kooperieren

Indien und China haben eine weitreichende strategische Zusammenarbeit vereinbart. Am 11.04.2005 unterzeichneten sie einen Grenzvertrag. Beide Staaten einigten sich auf Kooperation in der Computer-Industrie und über weltpolitische Themen. Im Folgenden ein Artikel und ein Kommentar von Karl Grobe.

Von Karl Grobe

Der Vertrag über die Grenze zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Erde, den Indiens Regierungschef Manmohan Singh und Chinas Außenminister Wen Jiabao in Delhi unterzeichneten, beendet einen seit 1962 andauernden Streit. Der Konflikt hatte vor 42 Jahren zu einem kurzen Krieg geführt, nachdem China durch das Gebiet Aksai Chin eine Straße gebaut und Indien seinerseits im Ostabschnitt die Grenze auf den Himalaja-Kamm vorverlegt hatte. Die faktisch seitdem bestehende Grenze soll nun vermessen und demarkiert werden.

China begann gleichzeitig mit dem Ausbau einer Verbindungsstraße von Kunming (Provinz Yunnan) über Nord-Burma zum indischen Bahnknotenpunkt Ledo. Die Straße (“Stilwell Road”) folgt der von US-General Joseph Stilwell eingerichteten Nachschubroute für China während des Zweiten Weltkriegs. Sie wird den Handelsweg zwischen beiden Staaten um mehr als die Hälfte verkürzen. Die Ausbauplanungen sollen schon Ende April abgeschlossen werden.

Für die Zusammenarbeit in der Computerindustrie besprach Wen in Delhi mit indischen Regierungsvertretern eine Arbeitsteilung, in der China den Schwerpunkt auf die Produktion von Chips und PCs, Indien auf die Software-Entwicklung legen wird. Beide Staaten sind auf den jeweiligen Gebieten im Weltmarkt führend.

Den indischen Wunsch nach einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat wird China unterstützen. Das versicherte Wen dem indischen Premier. Offen blieb anscheinend das Verhalten gegenüber Japan, dessen Bestrebungen nach einem ständigen Sitz von Peking mit Skepsis oder sogar Ablehnung behandelt werden. Die Unterstützung für Indiens Ambitionen ist Teil einer umfassenderen “strategischen Partnerschaft”, von der beide Seiten sprachen.

Um den wachsenden Bedarf nach Energierohstoffen zu sichern, sagten beide Seiten einander auch die Kooperation bei der Sicherung von Erdölimporten zu. China ist nach den USA zweitgrößter Erdöl-Importeur, Indien folgt nicht weit dahinter.

Indien-China: Neue Bruderschaft

Kommentar von Karl Grobe

In Indien und China lebt ein Drittel der Weltbevölkerung. Beide sind Atommächte. In beiden Staaten wächst die wirtschaftliche Kraft. Beide sind in den vergangenen vier Jahrzehnten aber stets Rivalen gewesen. 1962 führten sie sogar Krieg gegeneinander wegen der Grenzen am Himalaja, die sie aus dem kolonialen Zeitalter geerbt hatten. Der Grenzvertrag vom Montag legt nun die vermeintliche Konstante der chinesisch-indischen Gegnerschaft wohl zu den Akten. Es kommen gar Erinnerungen an den Traum des indischen Gründervaters Jawaharlal Nehru auf: “Hindi Sini bhai-bhai”, Inder und Chinesen sind Brüder. Heute heißt das Schlagwort: Strategische Partnerschaft.

Wenn die zu Stande kommt, läuft das auf eine starke Veränderung der weltpolitischen Gegebenheiten hinaus. Zunächst muss die Regierung Pakistans sich neu orientieren; als Feind Indiens hat sich, wer immer in Islamabad regierte, automatisch als Freund Chinas fühlen dürfen. Entfällt diese Voraussetzung, so ist Pakistan zur Entspannung mit Indien genötigt, guten Willen auf beiden Seiten vorausgesetzt. Auf die bedingungslose Unterstützung durch die ohnehin überdehnte Globalmacht USA kann es nicht mehr bedenkenlos bauen.

Auch für die USA hätte “Hindi Sini bhai-bhai” Konsequenzen: Die Hälfte Asiens emanzipiert sich von unilateralistischen Ansprüchen. Und schließlich dürfte Japans Regierung in Nachdenken verfallen. Eine indisch-chinesische Allianz marginalisiert den Inselstaat, dessen Freunde ohnehin derzeit wenige sind.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 12.04.2005. Wir veröffentlichen den Artikel mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Veröffentlicht am

12. April 2005

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