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Das Jahr des Affen

Von Lutz Herden

DER VIETNAM-KRIEG (II) 1964-1968: General Westmorelands Formel für den Sieg - Aufspüren und Vernichten

Am 30. April 2005 jährt sich zum 30. Mal das Ende des Vietnam-Krieges. Ein erster Teil der aus diesem Anlass im Freitag publizierten Textfolge galt den Jahren 1955 - 1963, der Periode von der Teilung Vietnams bis zum Sturz des südvietnamesischen Staatschefs Diem ( Madame Nhu sprach von Barbecue ). In jener Zeit hatte sich das militärische Engagement der USA noch auf das Training der südvietnamesischen Armee beschränkt, die in einen Dschungelkrieg mit der von Nordvietnam unterstützten Nationalen Befreiungsfront (FLN) verwickelt war. Die FLN-Soldaten wurden seinerzeit im Westen als “Vietcong” bezeichnet.

“Feindliche Übergriffe auf unsere Schiffe im Golf von Tonking haben mich veranlasst, den Streitkräften der Vereinigten Staaten den Befehl zu geben, sofort zurückzuschlagen”, erklärt Präsident Lyndon B. Johnson in einer Rede an die Nation am 4. August 1964. “Die Antwort ist in dieser Nacht erfolgt. Während ich zu Ihnen spreche, richten sich unsere Luftschläge gegen Nachschubdepots in Nordvietnam, die für die feindlichen Übergriffe genutzt wurden.”

Eine Irreführung durch die Regierung in Washington. Spätere Untersuchungen ergeben, dass zwei Tage zuvor, am 2. August 1964, nordvietnamesische Patrouillenboote im Golf von Tonking den US-Zerstörer Maddox durch Schüsse vor den Bug zwingen wollten, die Hoheitsgewässer Nordvietnams bei der Insel Hong Me wieder zu verlassen. Das US-Schiff wurde dabei weder getroffen geschweige denn beschädigt, wie Johnson behauptet, um den Stolz der Nation herauszufordern.

Doch der Präsident soll sich mit seiner State of the Union-Rede nicht verkalkuliert haben. Wenig später verschafft ihm der Kongress quasi eine Blankovollmacht, um in Sachen Vietnam tun und lassen zu können, was er für nötig und richtig hält. Das heißt - zunächst - vier Jahre Bombenkrieg gegen die Demokratische Republik Vietnam (DRV), ohne dass jemals offiziell eine Kriegserklärung ausgesprochen wird. “Wir werden die Kommunisten in die Steinzeit zurückbomben”, gibt Luftwaffengeneral Curtis Le May zu verstehen, als er nach dem Ziel der Operation Rolling Thunder (Rollender Donner) gefragt wird.

Im ersten Jahr der Angriffe, bis August 1965, werden 63.000 Tonnen Bomben über den sogenannten Ziel-I-Gebieten im Norden abgeworfen - 1967 sind es schon 226.000 Tonnen. Neben den großen Städten Hanoi und Haiphong gelten die Luftschläge wegen der vermuteten Nachschublinien des Vietcong bevorzugt der Grenzregion zwischen Nordvietnam und Laos, so dass von der dortigen Ebene der Tonkrüge nicht mehr als ein Scherbenhaufen bleibt. Weiter im Süden zermahlen die Detonationen das 80.000 Einwohner zählende Vinh zu einem Trümmerfeld.

Coca Cola

Man muss die Schlacht zum Feind tragen. Wer zu Hause bleibt, kann keinen Krieg gewinnen. Das klingt nach Mao Zedongs Lehre vom Volkskrieg, wird aber vom US-Oberkommando in Saigon zur Formel des Sieges erklärt. Seit am 8. März 1965 die ersten zwei Bataillone der Marines am Strand von Da Nang mit Panzern und Artillerie gelandet sind, übernehmen Mitte der sechziger Jahre überall in Südvietnam reguläre US-Truppen die Initiative. Sie ziehen auf eigene Verantwortung in die Regenwälder Mittel-Annams oder die Sonnenglut der Provinz Tay Ninh an der Grenze zu Kambodscha und sind nicht länger nur Begleitkorps der Südvietnamesen.

Noch ist die Überzeugung ungebrochen, den Gegner schnell zu besiegen. Aber die meisten GIs sind auf den Dschungelkrieg während der feuchtheißen Monsunzeit von Mai bis November kaum vorbereitet. Oft müssen bis zu zwei Drittel einer Einheit wieder aus der Kampfzone geflogen werden, weil die Soldaten in der zermürbenden Hitze schlapp machen. Reporter von CBS und NBC schicken ungewöhnliche Bilder nach Hause: Viele GIs marschieren wie Roboter durchs Gelände und halten sich dabei an den Händen, um in der Wildnis des Dschungels nicht verloren zu gehen oder in einen Hinterhalt des Vietcong zu geraten.

Dabei folgen die Operationen der Jahre 1966/67 stets dem gleichen Muster - die Luftkavallerie der Helikopter schwärmt aus und setzt Kampfverbände mit schwerer Ausrüstung im Dschungel ab. Sobald Feindberührung möglich scheint, werden Granatwerfer in Stellung gebracht oder Kampfflugzeuge als Flammenwerfer um Unterstützung gebeten - ihre Napalmbomben brennen eine Schneise in den Dschungel und der Vormarsch kann fortsetzt werden. Nach dem Gefecht werden eisgekühlte Coca Cola, Bier und Steaks in die Landezone geflogen, zu Thanksgiving und Weihnachten gibt es Truthahn. Barbecue im Dschungel gehört dazu, damit die Soldaten den Dschungel vergessen, weil alles so ist, wie sie es aus der Heimat gewöhnt sind. Bis zu den Supermärkten in ihren Camps, in denen es von der Rasierklinge bis zum Cadillac alles zu kaufen gibt.

Währenddessen setzt Oberbefehlshaber General Westmoreland auf die Strategie des Search and Destroy - den Feind “aufspüren und vernichten”. Nicht selten werden dabei ganze Dorfgemeinschaften zum “Feind” erklärt, weil sie in einer der seit 1963 eingeführten Free Fire Zones leben oder als Helfer des Vietcong gelten. Was dann passieren kann, lässt sich in etwa so beschreiben: Vietnamesische Zivilisten werden von einem amerikanischen Maschinengewehr getroffen, haben dann Anspruch auf einen Verband und ein Bett in einem Militärhospital, später auf einen Stimmzettel. Denn in Vietnam wird nicht zuletzt ein Krieg der Werte geführt, damit das Land der westlichen Demokratie nicht verloren geht.

Als 1967 der für greifbar nah gehaltene Sieg noch immer fern ist, steht außer Zweifel: Das von Präsident Johnson ausgerufene letzte Gefecht mit dem Kommunismus in Indochina gerät zum Abnutzungskrieg. Die Zahl der gefallenen Amerikaner steigt dramatisch. Am 31. Dezember 1967, 30 Monate, nachdem die ersten regulären Verbände nach Südvietnam verlegt worden sind, gibt es mehr als 16.000 getötete oder vermisste GIs. 400 Gefallene pro Woche gelten als “normaler” Durchschnitt. Vier Fünftel der ums Leben gekommenen Soldaten stammen aus den unteren Schichten der US-Gesellschaft und sterben, bevor sie 20 Jahre alt werden. Und bei alldem gelingt es nicht, “Charly” - wie die Soldaten der Befreiungsfront in Anspielung auf das C in Vietcong (VC) inzwischen genannt werden - entscheidend zu schlagen, von Nachschublinien abzuschneiden oder in seiner Kampfmoral zu brechen.

Body Count

Die Strategie des Search and Destroy korrespondiert ab Mitte 1967 mit dem Phoenix-Programm des US-Geheimdienstes, dessen Hauptziel darin besteht, jeden Vietnamesen zu “neutralisieren”, der verdächtigt wird, mit dem Vietcong “zu kooperieren”. Nach den Informationen, die das Agenten-Netz von Phoenix liefert, durchkämmen Einsatztrupps der US-Armee einen Kreis oder ein Dorf, um Sympathisanten oder Mitglieder der Befreiungsfront aufzuspüren. Bei derartigen “Befriedungsaktionen” werden zwischen 1967 und 1970 etwa 20.000 Menschen erschossen und fast 30.000 verhaftet. Viele von ihnen sterben in sogenannten “Tigerkäfigen”, zellenartigen Drahtverschlägen, die zu einer gebückten Haltung zwingen, sie sterben durch Folter oder verhungern, weil sie “vergessen” werden.

Es sind die Jahre des Krieges, in denen auch der sogenannte “Body Count” in Mode kommt und damit der Versuch, amerikanische Fortschritte an der Zahl der feindlichen Leichen zu messen, für die es drei Kategorien gibt. Gruppe A erfasst nordvietnamesische Soldaten oder Kämpfer des Vietcong. Gruppe B summiert “schlafende VC-Kader” in den Städten und auf dem Lande, während unter C all jene fallen, die nach den Kriterien von Phoenix “in irgendeiner Weise mit dem Vietcong zusammenarbeiten”. Nach dem On-Tri-Gesetz werden ab 1967 auch die Bewohner der sogenannten Free Fire Zones, in denen kaum Rücksicht auf Zivilisten genommen wird, Kategorie C zugeschlagen. Der CIA-Agent K. Barton Osborn, der ab 1967 in Da Nang für das Phoenix-Programm arbeitet, sagt nach dem Krieg in einem mit ihm geführten Interview: “Wenn man nach der Body-Count-Mentalität handelte und die Quoten erfüllen wollte, dann war das nur durch die Gruppe C zu schaffen - und das war einwandfrei Völkermord.” 1

Die Tagesquote beim Body Count wird jeden Abend wie ein Barometer des Krieges vom Soldatensender AFN bekannt gegeben. Wer aufmerksam zuhört und die Zahlen über Wochen addiert, dem muss zwangsläufig auffallen, dass nach einer gewissen Zeit die Zahl der Getöteten die bis dato angenommene Stärke des Feindes deutlich übertrifft. Doch der Body Count geht weiter, wird als Akt der psychologischen Kriegführung gegen den Vietcong für unverzichtbar gehalten und dient den Amerikanern dazu, sich selbst zu täuschen - wie sehr, zeigt die Nacht vom 31. Januar zum 1. Februar 1968.

Als Vietnam mit dem buddhistischen Tet-Fest das heraufziehende “Jahr des Affen” feiert, stürmen 80.000 Soldaten der Befreiungsfront die Provinzhauptstädte. In Saigon attackiert ein Kommando von 18 Mann die US-Botschaft und dringt bis auf das Gelände der Mission vor. Über der Zitadelle der Kaiserstadt Hue hissen Soldaten des Generals Giap die rote Fahne mit dem gelben Stern ihrer Revolution und halten die Festung 40 Tage lang gegen den Ansturm der amerikanischen Übermacht. Auch wenn die Tet-Operationen für die Befreiungsfront nicht den erhofften Durchbruch bringen, weil der erwartete Aufstand in den südvietnamesischen Metropolen ausbleibt, hinterlässt allein der Kampf um Hue in den USA eine tiefe Wirkung und versetzt das Land in einen kollektiven Schockzustand. Millionen Fernsehschauer sehen - teilweise bei Live-Übertragungen vom Kriegsschauplatz - , wie US-Einheiten unter schweren Beschuss geraten und sich zurückziehen müssen, wie verkohlte Leichen von GIs ausgeflogen werden oder ausgebrannte Schützenpanzer die Straßen blockieren. Vielen wird jetzt bewusst, es sind nicht die 600.000 Mann des Generals Westmoreland, die irgendwo in Indochina ihre Schlacht gegen den Kommunismus schlagen. Es sind die Vereinigten Staaten, es ist ihr Land, das einen so aussichtslosen wie barbarischen Krieg führt, der gewiss nie zu verlieren, aber auch nie zu gewinnen sein wird.

Son My

In einer südvietnamesischen Gemeinde nahe der Provinzhauptstadt Quang Ngai kommt es am 16. März 1968 zu einem der schlimmsten Massaker des Vietnam-Krieges. In die Stille des Ortes Son My brechen an diesem Tag 22 Soldaten unter Führung von Leutnant William Calley ein und treiben die Bewohner aus ihren Häusern. Frau Nguyen thi Quang erinnert sich: “Amerikaner waren schon vorher in Son My. Einmal schenkten sie uns sogar Zigaretten, aber diesmal zwangen sie mich und meinen Sohn, aus dem Haus zu treten und an einer Stelle stehen zu bleiben, zu der auch andere Leute getrieben wurden. Plötzlich schossen sie wie wild um sich, ich bekam einen Schlag mit einem Gewehrkolben auf den Kopf, stürzte in einen Wassergraben und verlor das Bewusstsein. Als ich aufwachte, war mein Kopf mit Schlamm bedeckt, und ich sah eine Blutlache. Neben mir lag mein Sohn, sie hatten ihn einfach erschossen.”

Leutnant Calley wird von dem Truppenfotografen Haeberle begleitet, der den Massenmord in einigen seiner grauenhaften Einzelheiten festhält, aber die Bilder erst Jahre später veröffentlicht. Er schreibt dazu: “Als Soldat wollte ich meine Kameraden nicht beim Töten fotografieren, so fotografierte ich nur die Opfer.” Haeberle hat seine Fotos mit knappen Kommentaren versehen: “Mit ein paar Habseligkeiten im Korb versuchen Vater und Sohn zu fliehen. Eine MG-Garbe streckt sie nieder …” oder: “Um das Feuer anzufachen, wirft ein Soldat Strohmatten, die zum Trocknen von Reis benutzt werden, über die Toten.” - 500 Männer, Frauen und Kinder sterben in Son My. Fast zwei Drittel aller Amerikaner empfinden, als das Verbrechen bekannt wird, den Vietnam-Krieg mehr denn je als unmoralisch und verwerflich. Als Krüppel heimgekehrte Soldaten ziehen mit anderen Vietnam-Kämpfern nach Washington, um der Regierung ihre Medaillen und Orden vor die Füße zu werfen.

Am 31. März 1968 entschließt sich das US-Oberkommando, die Bombenangriffe gegen den Norden teilweise einzustellen. Knapp zwei Monate später beginnen in Paris die Vietnam-Verhandlungen - neben den USA und Südvietnam nehmen Abordnungen der DRV und der Befreiungsfront daran teil.

Anmerkung:

1 Zitiert nach Phoenix - Inside CIA, Dokumentarfilm des Studios H & S von 1979

Siehe ebenfalls:


Sechs-Tage-Krieg und Prager Frühling - die Jahre 1964-1968

1964 - Lyndon Baines Johnson wird bei den US-Präsidentschaftswahlen mit 61 Prozent gewählt. In der UdSSR verliert Parteichef Nikita Chruschtschow sämtliche Ämter - sein Nachfolger als KPdSU-Generalsekretär wird Leonid Breschnew. Im Oktober zündet China seine erste Atombombe.

1965 - in der Dominikanischen Republik intervenieren US-Streitkräfte und bekräftigen damit den Anspruch der USA, nicht genehme Regierungen in Lateinamerika notfalls durch militärische Gewalt zu stürzen. - Im September entmachtet die indonesische Generalität Präsident Sukarno und erklärt der KP Indonesiens “den Krieg auf Leben und Tod”. Der “Saison der Hackmesser” fallen Hunderttausende Kommunisten zum Opfer.

1966 - in China führt die “Kulturrevolution” unter Führung Mao Zedongs zu einer Radikalisierung des Kurses. Es kommt zu Säuberungsaktionen der “Roten Garden” gegen “Abweichler” und Oppositionelle. Zugleich wird endgültig mit Moskau gebrochen - der “amerikanische Imperialismus” und “sowjetische Revisionismus” werden zu den Hauptfeinden Chinas erklärt.

1967 - im sogenannten “Sechs-Tage-Krieg” besiegt Israel die Streitkräfte Ägyptens, Syriens und Jordaniens. Danach bleiben die ägyptische Halbinsel Sinai, die Westbank und der palästinensische Gazastreifen, die syrischen Golanhöhen und Ost-Jerusalem israelisch besetzt.

1968 - das Jahr des “Prager Frühlings” und damit des Versuchs einer regierenden kommunistischen Partei, durch Reformen das sozialistische System zu demokratisieren und mit mehr ökonomischer Effizienz auszustatten. Eine Intervention von Streitkräften des Warschauer Paktes beendet im August unter Führung der UdSSR dieses Experiment. - US-Präsident Johnson entscheidet, nicht für eine Wiederwahl zu kandidieren.


Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung 12 vom 25.03.2005. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Lutz Herden und Verlag.

Veröffentlicht am

01. April 2005

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