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Brot ist Freiheit, Freiheit Brot. Die Herweghs und die deutsche Osterrevolution

Von Andrea Noll - ZNet Deutschland 13.03.2005

In seinem neuen Buch ‘Politik für alle’ stellt Oskar Lafontaine die Frage: “Nähern wir uns tatsächlich einem vorrevolutionären Klima?” 1 Lafontaine selbst glaubt nicht daran. Er spricht von “Stimmungsdemokratie”. Aber was sollte daran so abwegig sein, dass es im neoliberalen Deutschland zu einer Revolution kommt, wenn die Wut des Volkes weiter wächst?

‘Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
Wenn dein starker Arm es will.’ 2

Kennt jemand den Dichter dieser Zeilen eines der bekanntesten Arbeiterkampflieder (“deutsche Marseillaise”) - ein Lied, das lange verboten war (keine Angst, Otto Schily wird es im Zuge der “Terrorabwehr” schon wieder auf den Index setzen)? Der Dichter heißt Georg Herwegh (1817 - 1875), einer der besten deutschen Lyriker, verewigt sogar im ‘Neuen Conrady’. Dennoch ist Herwegh ein weitgehend Unbekannter, selbst Günter Jauch würde vergebens nach ihm fragen.

Herwegh war Revolutionär und verfemter Dichter - verfemt ist er bis heute. Unter dem Titel ‘Bundeslied für den Allgemeinen deutschen Arbeiterverein’ (‘You are many, they are few’) 2 verfasste der 46jährige das Gedicht mit der berühmten Strophe im April 1863 im Schweizer Exil - fast auf den Tag genau 15 Jahre nach Herweghs Beteiligung an der Osterrevolution im deutschen Südwesten.

War Herwegh ein dichtender Revolutionär oder ein revolutionärer Dichter? Herwegh gibt selbst die Antwort: ‘Sieh hin! Dein Volk will neue Bahnen wandeln! Nur des Signales harrt ein stattlich Heer; Die Fürsten träumen, laßt die Dichter handeln! Spielt Saul die Harfe, werfen wir den Speer!” (Aus: ‘An Ferdinand Freilinggrath’) 3

Georg Herwegh war ein Radikaler - im positiven wie im negativen Sinne. Heute ist sein Name vergessen - der des Dichters und vor allem der des Revolutionärs. Die das Monopol über unsere Geschichte haben, suggerieren, die Deutschen seien ein Volk von Stubenhockern, zu brav zum rebellieren, Revolution entspräche nicht unserem Nationalcharakter. Ein deutscher Che Guevara? Undenkbar. Die Namen der Teilnehmer an deutschen Revolutionen wurden sorgfältig aus der deutschen Geschichtsschreibung getilgt - so auch der der ‘eisernen Lerche’ (Heine über Herwegh).

Wenn Sie schon Georg Herwegh nicht kennen, wird Ihnen der Name seiner Frau erst recht kein Begriff sein: Emma Herwegh, geborene Siegmund (1817 - 1904), Tochter eines reichen Berliner Bankiers. Als Frau bleibt sie naturgemäß eine Randfigur der Geschichte - in diesem unserem durch und durch misogynen Land. Emma Herwegh - hochintelligent, politisch und literarisch aktiv - verliebt sich Anfang der 40ger Jahre in einen jungen Mann aus der Unterschicht, der es durch expotentielle Intelligenz zu einem Studium in Tübingen bringt - ein Unangepaßter, wegen “Insubordination” sehr rasch der Uni verwiesen: Georg Herwegh - ein Gastwirtssohn aus Stuttgart. Schon im Seminar zu Maulbronn fällt seine lyrische Begabung auf.

Nach dem abrupten Ende seiner Studienkarriere will ihn das Militär zwangsrekrutieren, nachdem er einen Offizier beleidigt hat. Er wird zum Verweigerer, flieht nach Frankreich, bringt dort seinen ersten Gedichtband heraus: ‘Gedichte eines Lebendigen 1’ 4 . Aufgrund des großen Erfolgs darf er für kurze Zeit nach Deutschland zurückkehren, er lernt Marx und Bakunin und die “schöne Berlinerin” Emma kennen, in die er sich verliebt. Der Radikale Herwegh wird aus Preußen ausgewiesen, nachdem er einen politischen Skandal provoziert, die Schweiz verleiht ihm das Bürgerrecht, er entscheidet sich für Frankreich. Die Großbürgerstochter Emma begleitet ihn ins Exil, heiratet ihn 1843. Im Jahr 2000 ist eine interessante Biografie über sie erschienen. Aus dem Vorwort: “Emma Herwegh hat ihr Leben nicht dem geliebten Ehemann geopfert, sondern genau das Leben geführt, das sie wollte. Sie hatte einen literarischen Lebensplan im Kopf, an den sie glaubte, und nach dem sie ihr Leben gestaltete.” 5

In der Revolution 1848 kämpft Emma, in Männerkleidern, Seite an Seite mit Georg, eine Pistole in der Hand. Davor hatte sie eine Geheimbotschaft an die badischen Revolutionäre überbracht. Als die Revolution scheitert, schmuggelt sie Feilen ins Gefängnis. Ihr selbst, Georg und den Kindern gelingt die Flucht in die Schweiz - der dritten Heimat der Herweghs (nach Deutschland und Frankreich). Sie korrespondiert mit Marx (im französischen Exil wohnten die Herweghs mit Familie Marx unter einem Dach), mit Feuerbach, Heine, Bakunin, Büchner, Lasalle.

Im Schweizer Exil bauen die Herweghs einen literarisch-politischen Salon auf, in dem neben führenden Sozialisten auch Gottfried Keller, Jakob Moleschott und Gottfried Semper verkehren. Die Bedeutung dieser privaten Treffs, dieser Kontaktbörse der kritischen Intelligenz, kann nicht überschätzt werden - in einer Zeit, in der es noch keine alternativen Massenmedien und kein Internet gab. Hier traf man sich in einigermaßen geschütztem Rahmen, tauschte Informationen, Ideen, Kontaktadressen aus. Berühmt der Salon der George Sand in Paris. Auch in der Schweiz bleiben die Herweghs politisch.

1863 wird der 46jährige Herwegh von Friedrich Lasalle zum Bevollmächtigten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) für die Schweiz ernannt. Der ADAV ist der Vorvorgänger der SPD (Lasalle und noch viel mehr Herwegh würden sich im Grabe umdrehen). Für diesen Verein schreibt er sein berühmtes ‘Bundeslied’. An Radikalität hat er bis dahin nichts eingebüßt:

‘Bet’ und arbeit’! ruft die Welt,
Bete kurz! Denn Zeit ist Geld.
An die Türe pocht die Not,
Bete kurz! Denn Zeit ist Brot’. 2

Zurück ins Jahr 1848 - als die jungen Herweghs eine wichtige Rolle in der deutschen Revolution spielen. Das Scheitern dieser Revolution hat fatale Folgen. Für 70 Jahre wird sich preußischer Mehltau über das Land legen. Die deutsche Intelligenz im Exil kann über das reaktionäre Deutschland nur den Kopf schütteln. 1871 kommt es in Versailles - nach dem Ende des Deutsch-Französischen Kriegs und der Zerschlagung der Pariser Kommune - zur Gründung eines deutschen Nationalstaats unter den Auspizien der preußischen Monarchie. Preußens Vorherrschaft wird schließlich unter Wilhelm II in die Katastrophe des 1. Weltkriegs münden. Erst danach kommt es in Deutschland wieder zu einer Revolution - die erneut scheitert. Nach chaotischen Weimarer Jahren beerbt Hitler die Preußenmonarchie - mit deren tatkräftiger Unterstützung. Was wäre aus Deutschland geworden, hätte die Revolution von 1848 (bzw. der zweite, verzweifeltere Versuch 1849) gesiegt?

Der Heckerzug

‘Wenn die Leute fragen,
Lebt der Hecker noch?
Sollt ihr ihnen sagen,
Ja, er lebet noch.
Er hängt an keinem Baume,
Hängt an keinem Strick,
Er hängt nur an dem Traume
Von der Republik.’ (Volkslied) 6

Friedrich Hecker wird 1811 im Kraichgau geboren, studiert Jura, wird Rechtsanwalt. 1848 ist er Ende Dreißig, ein gut situierter Anwalt mit Frau und Kindern - und ein Revolutionär. 1842 war Hecker Deputierter des Ämterwahlbezirks Weinheim-Ladenburg in der Zweiten Badischen Kammer geworden. Dort macht er mit engagierten Reden zur sozialen Frage von sich reden. Bei der von ihm mitinitiierten ‘Offenburger Versammlung’ im September 1847 vollzieht er den Schritt vom liberalen zum radikalen Demokraten. Die dort in 13 Artikeln formulierten “Forderungen des Volkes in Baden” werden deutschlandweit bekannt.

Ein Jahr später kommt es in Frankreich zur sogenannten ‘Februarrevolution’. Sie setzt revolutionäre Kräfte in ganz Europa frei. In Deutschland bricht die Revolution im März aus - unter dem Banner von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, Stichwort Frankfurter Paulskirche. Hecker wird in das dortige Vorparlament gewählt, dann kaltgestellt - er ist zu radikal. Die bürgerlich-liberale Gruppe in der Paulskirche will eine konstitutionelle Monarchie, die republikanisch-radikale eine freie Republik (von der entsprechenden Sitzordnung rührt übrigens der politische Begriff ‘links’ und ‘rechts’ bzw. ‘Mitte’). Hecker, mit seinem Schwerpunkt auf der sozialen Frage, steht, so gesehen, extrem links. Aus Frankfurt als “Querulant” vertrieben, kehrt er nach Mannheim zurück, plant die soziale Revolution in Baden.

In vielen deutschen Einzelstaaten, vor allem im Südwesten, kommt es zu revolutionären Aktivitäten, mit dem Ziel, die deutschen Monarchien zu stürzen und so Fakten zu schaffen für die Paulskirche. Wie schrieb Heine prophetisch im Vormärz:

‘Wir haben sechsunddreißig Herrn,
(Ist nicht zu viel!), und einen Stern
Trägt jeder schützend auf seinem Herzen,
Und er braucht nicht zu fürchten die Iden des Märzen.’ (aus: ‘Zur Beruhigung’)

Über die Pfalz, das Elsaß, die Schweiz reist Hecker nach Konstanz, ruft dort zur “republikanischen Schildererhebung” auf. 85 Jahre vor Mao tse-Tungs langem Marsch zieht der sogenannte “Heckerzug” von Süden über Freiburg, Offenburg Richtung Karlsruhe - 1000 Mann stark, überwiegend Bauern mit Sensen und Dreschflegeln, arbeitslose Handwerker, entlassene oder desertierte Soldaten. Hecker rechnet fest damit, das Volk werde den Zug in eine Massenbewegung verwandeln, es gibt Zulauf, doch der ersehnte Massenzulauf bleibt aus.

In Frankreich stellt Georg Herwegh, Vorsitzender der Pariser Deutschen Demokratischen Legion, in aller Eile eine Exilarmee auf die Beine, die Hecker zu Hilfe eilt - die “Pariser Legion”. Emma Herwegh wird zu Hecker geschickt, um ihm die gute Nachricht zu bringen, ihr Mann sei mit 4000 Mann unterwegs zum Rhein. Aber Herweghs Legion kommt zu spät, die Revolution ist bereits gescheitert. Seite an Seite kämpfen Georg und Emma ums nackte Überleben. Die Revolution wird durch das Militär niedergeschlagen. Vielerorts kommt es jedoch zu heroischem Widerstand. Das von den Republikanern befreite Freiburg erlebt “blutige Ostern”. Viele Revolutionäre sterben, die meisten fliehen ins Exil. Hecker und den Herweghs gelingt die Flucht in die Schweiz. Hecker, völlig frustriert, emigriert kurze Zeit später nach Amerika. Emma Herwegh hatte noch verzweifelt versucht, ihn zurückzuhalten.

“Wohl auf denn, meine Schwestern, vereinigt euch mit mir, damit wir nicht zurückbleiben, wo alle und alles um uns und neben uns vorwärts drängt und kämpft. Wir wollen auch unseren Teil fordern und verdienen an der großen Welt-Erlösung, welche der ganzen Menschheit, deren eine Hälfte wir sind, endlich werden muß”, so Louise Otto, 48er Revolutionärin und Mitbegründerin der deutschen Frauenbewegung.

Emma Herwegh war bei weitem nicht die einzige Frau, die in der deutschen Revolution mitkämpfte. Die revolutionäre Bewegung hatte sich die Rechte der Frau auf die Fahnen geschrieben. Während Hecker Schwierigkeiten mit starken Frauen hatte, war sein Kampfgefährte Gustav Struve mit einer solchen gesegnet: Amalie Struve. Auch Ludwig Eckardt galt als leidenschaftlicher Verfechter der Frauenrechte ebenso August Bebel, der sich später in der SPD für die Gleichberechtigung einsetzte.

Nach Niederschlagung der Revolution waren die Revolutionärinnen in gleicher Weise von Verfolgung bedroht wie die Männer. Zudem erließ die siegreiche Reaktion ein sogenanntes “Vereinsgesetz”, mit dem Frauen (politisch) kaltgestellt wurden. Dieses Gesetz, das in fast allen deutschen Ländern bis 1908 galt, verbot Frauen die Teilnahme an politischen Versammlungen und die Mitgliedschaft in einer politischen Partei. Viele Revolutionärinnen entschieden sich für ein Leben im Exil - so auch Mathilde Franziska Anneke, die nach Amerika emigrierte. Wie Hecker setzte sie sich in der neuen Heimat vehement für die Befreiung der Sklaven ein und engagierte sich in der amerikanischen Frauenbewegung.

Mittlerweile richteten sich die Herweghs in ihrem Schweizer Exil ein. Emma Herwegh hatte sich bereits als Übersetzerin einen Namen gemacht. Jetzt schreibt sie an ihrem Buch: ‘Die Geschichte der deutschen demokratischen Legion von einer Hochverräterin’ (unter dem Titel ‘Im Interesse der Wahrheit’ neuerschienen im Libelle-Verlag). Und es ist vor allem Emma, die den Salon der Herweghs zu einem sozialen Treffpunkt der kritischen Intelligenz aufbaut. Georg verliebt sich in eine andere Frau (Nathalie Herzen), es kommt zur Trennung, einige Jahre später zur Aussöhnung mit Emma. Mitte der 60ger Jahre geht den Herweghs das Geld aus.

Nachdem die 48ger Revolutionäre in Deutschland inzwischen amnestiert sind, kehren die Herweghs mit ihren Söhnen - auf der Flucht vor den Gläubigern - nach Baden zurück. Aber die reaktionäre Heimat bleibt ihnen fremd. Herwegh engagiert sich politisch in der Arbeiterbewegung Deutschlands. 1866 wird er Ehrenkorrespondent der ersten Internationalen (Internationale Arbeiterassoziation). 1869 schließt er sich der von Bebel und Liebknecht gegründeten marxistisch-revolutionären Sozialdemokratischen Arbeiterpartei SDAP an.

Herwegh wird ständiger Mitarbeiter des sozialdemokratischen Blatts “Volksstaat” und veröffentlicht darin einige seiner schärfsten politischen Gedichte - gegen den preußischen Militarismus, den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und das deutsche Kaiserreich. In sozialer Hinsicht ziehen sich die Herweghs zurück. Georg stirbt letztendlich an Armut (in Form einer Lungenentzündung). Emma zieht sich noch mehr zurück, wird schließlich eine Art Einsiedlerin. Sie überlebt Georg um fast 30 Jahre und stirbt 1904 im Alter von 87 Jahren. Eines der letzten Gedichte Georgs ist der ‘Epilog zum Krieg’ (deutsch-französischer Krieg von 1870/71):

“Du bist im ruhmgekrönten Morden
Das erste Land der Welt geworden:
Germania, mir graut vor dir!” 7

Dieses ‘ruhmgekrönte Morden’ war letztendlich die Geburts-Presswehe des neuen deutschen Nationalstaats. Georg Herwegh stirbt 1875. Er wurde nur 58 Jahre alt. Seinem Wunsch entsprechend wird er in seiner dritten Heimat, der Schweiz, beigesetzt. Das reaktionäre Deutschland konnte und kann mit einem revolutionären Dichter nichts anfangen. Ein spöttischer Zauderer wie Heine, der den jungen Herwegh ironisch eine ‘Eiserne Lerche’ nannte 8 , ist genehmer. Die republikanische Schweiz hingegen, selbst aus einem Volksaufstand hervorgegangen, zollt den Herweghs großen Respekt. Nicht umsonst ist das oben zitierte Buch über Emma Herwegh in der Schweiz erschienen 5 ( wo sich auch das Herwegh-Archiv (in Liestal, bei Basel) befindet). Georgs Grab in Liestal ziert der Spruch:

‘Hier ruht, wie er’s gewollt,
In seiner Heimat freien Erde
Georg Herwegh.
Von den Mächtigen verfolgt,
Von den Knechten gehaßt,
Von den meisten verkannt,
Von den Seinen geliebt…’

Der Schweizer Dichter Gottfried Keller, häufiger Gast im Salon der Herweghs, schrieb über die deutschen Revolutionäre im Jahr 1849:

“Ich sah des Sommers helle Glut
Empörtes Land durchziehn;
Sie stritten um das höchste Gut,
Geschlagen muss das freiste Blut
Aus hundert Wunden fliehn.

(…)

Doch jene, die zur Sommerszeit
Der Freiheit nachgejagt,
Sie schwanden mit der Schwalbe weit,
Sie liegen im Friedhof eingeschneit,
Wo trüb der Nachtwind klagt.’ (Aus: ‘Vier Jahreszeiten’) 9

Woran scheiterte die Revolution im deutschen Südwesten? Georg Herwegh nennt als Grund die Manipulation der Massen durch die Medien, während Glasnost, wie man heute sagen würde, nie eine Chance hatte. Er schreibt:

‘Es fechten dreihundert Blätter
Im Schatten, ein Sparterheer;
Und täglich erfährst du das Wetter:
Schlafe, was willst du mehr?’ (aus: ‘Wiegenlied’) 10

Die Revolutionäre werden in Zeitungen, Blättern und Kalendern als diabolische Wirrköpfe, als Antichristen, denunziert. Zumindest Hecker ist dennoch beliebt im Volk. In Baden schmücken die Leute heimlich ihre Ofenkacheln, Pfeifen und Tassen mit seinem Portrait. Die Presse jedoch stilisiert den rothaarigen Feuerkopf zum Räuberhauptmann mit Feder am Hut. Noch übler wird mit den Herweghs verfahren. Im ‘Guckkasten-Lied vom großen Hecker’ stehen folgende Spottverse:

‘Doch nun kamen Herweghs Scharen,
Er und seine Frau kam nach,
Kamen in der Chais gefahren,
Auf dem Weg nach Dossenbach,
Doch zu ihrem großen Ärger
Sah man dort die Württemberger;
Miller, dieser grobe Schwab,
Kam von einem Berg herab’.

Die preußischen Württemberger galten als besonders antirepublikanisch und brutal - übrigens behielten sie diesen Ruf bis nach dem 1. Weltkrieg. Die Moritat fährt fort, Herwegh zu verunglimpfen: Angesichts der Übermacht hätte ihn die Courage verlassen “und es fuhr ihm in den Darm”. Was für ein Revolutionär, der an der Seite seiner emanzipierten Frau in die Schlacht zieht:

‘“Ach, Madamchen, that er sagen,
“Aus ist’s mit der Republik!
Soll ich Narr mein Leben wagen?
Nein, für jetzt nur schnell zurück!
Laß für meinen Kopf uns sorgen,
Komm’ ich heut nicht, komm’ ich morgen;
Ach, wie kneipt’s mich in den Leib,
Wende um, mein liebes Weib!”’

‘Und Madam hieß ihn verkriechen,
Sich in ihren treuen Schoß,
Und es ging erschrecklich los…”’

Die letzte Zeile des Spottlieds lautet:

‘Also ist’s in Baden gangen;
Was nicht fiel und nicht entfloh,
Ward vom Militär gefangen,
Liegt zu Bruchsal auf dem Stroh -
Ich, ein Spielmann bei den Hessen,
Der kann Baden nicht vergessen,
Der den Feldzug mitgemacht,
Habe dieses Lied erdacht.’ 11

Eine wichtige Rolle bei der Volksmanipulation spielten sogenannte “Volksdichter”, wie der in der Schweiz geborene Badener Dichter und Theologe Johann Peter Hebel (1760 - 1826) - im Unterschied zu Herwegh immer noch hochgeschätzt in der deutschen Literatur. Dieser pries den braven Untertanen, der in Feld und Fabrik schwitzt ohne aufzumucken und der Belohnung im Jenseits harrt. Besonders brechreizerregend Hebels Lob der Kinderarbeit. Hebels Kurzgeschichten fanden vor allem in Volkskalendern Massenverbreitung.
Herwegh hingegen ruft das Volk auf:

‘Brich du, o Hass, die Kette,
Und wo es noch Tyrannen gibt,
Die lasst uns keck erfassen
Wir haben lang genug geliebt
Und wollen endlich hassen’ (aus: ‘Das Lied vom Hasse’) 12

Hitzköpfige Zeilen wie diese oder

‘Reißt die Kreuze aus der Erden,
Alle sollen Schwerter werden’ (aus: ‘Aufruf’) 13

verschrecken viele potentielle Sympathisanten. Waren Hecker und Herwegh Terroristen? Sicher nicht - was man nicht zuletzt daran sieht, dass die deutschen Revolutionäre dem Feind unterbewaffnet (mit Dreschflegeln, Sensen und ein paar alten Gewehren) bzw. unbewaffnet entgegenzogen. Ihre Waffe war die Überzeugungskraft, die spitze Feder, das Wort. Hecker baute darauf, die badischen und hessischen Truppen, die man ihm entgegenschickte, würden massenhaft zur Revolution überlaufen - handelte es sich doch überwiegend um zwangsrekrutierte Bauernsöhne. Die Rechnung ging nicht auf - oder nur zum Teil. Soldaten und junge Offiziere, die sich auf die Seite der Revolution schlugen, büßten mit ihrem Leben, falls ihnen nicht die oft abenteuerliche Flucht ins Exil gelang - siehe die Offiziere Carl Schurz und Franz Sigel, die später im amerikanischen Bürgerkrieg gegen die Sklaverei kämpften und zu amerikanischen Nationalhelden wurden (übrigens auch der alte Hecker).

Trotz des mangelnden Massenzulaufs, der letztendlich zu ihrem Scheitern führte - die Revolution im deutschen Südwesten war eine Volksbewegung. Nichts verdeutlicht dies sosehr wie der Massenexodus nach ihrem Scheitern. In den Jahren nach 1848/49 stellte das kleine Baden mit die größte Amerika-Einwanderungsquote. Die Menschen in Baden hatten ihre politische und wirtschaftliche Perspektive verloren und suchten ihr Glück im Land der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten.

“Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas, wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte.” Lenin

Lassen wir uns nicht beirren. Das deutsche Volk kennt viele Revolutionäre und Revolutionärinnen - wir kennen sie nur leider nicht, da man uns ihre Existenz verhehlt. Die wenigsten unserer Revolutionäre sind in Heimaterde begraben, kaum einer/eine ging in die Geschichtsbücher ein.

Herwegh reimt in seinem ‘Bundeslied’ über das deutsche Volk:

‘Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht,
Schürfst im Erz- und Kohlenschacht,
Füllst des Überflusses Horn,
Füllst es hoch mit Wein und Korn.’

‘Alles ist dein Werk! O sprich,
Alles, aber nichts für dich!
Und von allem nur allein,
Die du schmiedst, die Kette, dein.’ 2

Hat sich etwas geändert in Deutschland? Ich finde nicht.

Die letzten Strophen des ‘Bundesliedes’, das fast sofort nach seiner Veröffentlichung verboten wurde, lauten:

‘Deiner Dränger Schar erblaßt,
Wenn du, müde deiner Last,
In die Ecke stellst den Pflug,
Wenn du rufst: Es ist genug!’

‘Brecht das Doppeljoch entzwei!
Brecht die Not der Sklaverei!
Brecht die Sklaverei der Not!
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!’

Anmerkungen:

1 ‘Politik für Alle’ von Oskar Lafontaine, S. 8. Das äußerst lesenswerte Buch ist im März 2005 bei Econ erschienen.

2 http://gutenberg.spiegel.de/herwegh/gedichte/kontrev/bundesli.htm

3 http://jhelbach.de/freilingr/herwegh.htm

4 http://gutenberg.spiegel.de/autoren/herwegh.htm

5 ‘Emma Herwegh’ von Barbara Rettenmund und Jeanette Voirol, 2000 im Limmat-Verlag Schweiz erschienen

6 http://www.staufenberg.og.bw.schule.de/br17.htm

7 Herweghs gereimte Antwort auf die Gründung des deutschen Kaiserreichs in Versailles (von Herwegh ‘Reich der Reichen’ und ‘Rückfall ins Mittelalter genannt’):

‘Schwarz, weiß und rot! Um ein Panier
Vereinigt stehen Süd und Norden;
Du bist im ruhmgekrönten Morden
Das erste Land der Welt geworden:
Germania, mir graut vor dir!

Mir graut vor dir, ich glaube fast,
Daß du, in argen Wahn versunken,
Mit falscher Größe suchst zu prunken
Und dass du, gottesgnadentrunken,
Das Menschenrecht vergessen hast.’

8 Heinrich Heine verspottet Herwegh, den er persönlich kennt, in folgendem Gedicht:

‘Herwegh, du eiserne Lerche,
Mit klirrendem Jubel steigst du empor
Zum heiligen Sonnenlichte!
Ward wirklich der Winter zunichte?
Steht wirklich Deutschland im Frühlingsflor?

Herwegh, du eiserne Lerche,
Weil du so himmelhoch dich schwingst,
Hast du die Erde aus dem Gesichte
Verloren - Nur in deinem Gedichte
Lebt jener Lenz, den du besingst’.

9 http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/gframeset.html?http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/gg1_6.htm

10 http://gutenberg.spiegel.de/herwegh/gedichte/lebendi2/wiegenli.htm

11 http://bad-bad.de/gesch/heckerlied.htm

12 http://gutenberg.spiegel.de/herwegh/gedichte/lebendi1/Druckversion_liedhass.htm

13 http://www.literaturwelt.com/werke/herwegh/aufruf1841.html
Sein Gedicht ‘Aufruf’ verfasste der 24jährige Herwegh kurz nach seinem Rauswurf aus der Theologischen Fakultät in Tübingen. Das mag die ausgeprägte Blasphemie-Lust dieses Frühwerks erklären.

Quelle: ZNet Deutschland vom 13.03.2005.

Veröffentlicht am

15. März 2005

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