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Die IDF untersucht die Sache ? oder: Wie viel Verlust kann ein Mensch verkraften?

Von Gideon Levy, Haaretz, 14.1.05

Vier Kinder liegen nun im Shifa-Krankenhaus in Gaza. Jedes von ihnen verlor beide Beine - die Hälfte des menschlichen Körpers. Drei von ihnen sind bei Bewusstsein, eines wird beatmet. Zu Hause in Beit Lahia im nördlichen Gazastreifen trauern die Eltern um ihre toten Brüder. Am ersten Tag des Opferfestes verloren Maryam und Kamal in einen einzigen Augenblick ihre drei Söhne, zwei Neffen und einen Enkel. Ein anderer Sohn liegt auf Intensivstation, nachdem er zwei Beine, eine Hand und ein Auge verloren hat und am Sauerstoffgerät liegt. Sein Vater weiß noch nicht, dass dem Sohn beide Beine amputiert wurden; ihm wurde nur von einem erzählt. Wie viel Verlust kann ein Mensch verkraften?

Das Leben der 12 Kinder und Jugendlichen, die am letzten Dienstagmorgen auf und neben dem Erdbeerfeld der Familie gespielt hatten, wurde plötzlich beendet. Sieben von ihnen wurden getötet, vier werden ohne Glieder und für den Rest ihres Lebens schwer behindert bleiben. Das ist es, was eine Rakete der Israelischen Verteidigungsarmee (IDF) tun kann. Keines der Kinder entkam diesem tödlichen Zwischenfall unversehrt.

Ein hochrangiger IDF-Offizier sagte nach dem Vorfall, dass wenigstens einige der Todesfälle “Hamasaktivisten” gewesen wären. Wer? Rajikh, der 11-Jährige? Issam der 13-Jährige? Bisaam, der 15-Jährige (der Ingenieur werden wollte), Mahmoud, der 14-Jährige (der Arzt werden wollte)? Jabir, der 15-Jährige, Hanni, der 16-Jährige (der Lehrer werden wollte), Mohammed, der 17-Jährige, der Älteste der Todesfälle?

Jeder, der unmittelbar nach dem Vorfall dort ankam, erblickte Schreckliches: die 12 Kinder und Jugendlichen lagen auf dem sandigen Weg neben dem Erdbeerfeld, ihre Teile von ihnen lagen in alle Richtungen zerstreut und entsetzlich blutend. Eine große Stille lag über der Szene. Nur ein verletzter Junge, Islam Oud, schrie um Hilfe. Als wir vier Tage später in Beit Lahia ankamen, konnten immer noch menschliche Gewebeteile auf dem Schlachtfeld gesehen werden. Die verletzten Jungen lagen im Krankenhaus; ihre Eltern baten darum, dass die Wunden ihrer nun behinderten Kinder wenigstens in Israel behandelt werden.

Familie Raban aus Beit Lahia verkauft ihre Erdbeeren an die israelische Exportgesellschaft Agrexco, die sie nach Europa weiterschickt. Auf weißen Plastikstühlen sitzen die trauernden Bauern nun neben dem Erdbeerfeld. Wegen der unglaublichen Dimension dieser Tragödie verlängern sie ihre Trauerzeit. Maryam, die dreifach vom Tod betroffene Mutter, fuhr heute morgen zum Wahlbüro, um Mahmoud Abbas zu wählen.

Maryams Schwager Abdullah Raban arbeitete jahrelang in Israel in Kfar Hess, Gan Haim und Kfar Sava und wurde bei einem Arbeitsunfall in Israel verletzt und ist seitdem behindert. Die Panzerrakete der letzten Woche hat seinen 15-jährigen Sohn Jabir getroffen. Sein unrasiertes Gesicht drückt großen Schmerz aus; seit vier Tagen hat er nicht geschlafen. Über seinen Verlust spricht er auf hebräisch.

Sein Neffe Ghassan Raban verlor seinen Sohn Rajik, 11; er spricht über seinen Verlust auf arabisch. Ghassan war ein Zeuge dieses Horrors. Aus einer Entfernung von zig Metern sah er die Kinder, die sich am frühen Morgen des 1. Ferientages im Erdbeerfeld trafen, Geschwister und Cousins spielten mit Nachbarkindern mit Murmeln, pflückten Erdbeeren und aßen sie mit Freude. Diejenigen, die von hier eine Qassemrakete abgeschossen hatten, waren längst weg, sagte er.

“Wir sind Leute, die zwischen allen Stühlen sitzen, zwischen den Israelis und den Palästinensern”, sagte der trauernde Vater. “Wenn wir versuchen, die Palästinenser am Abfeuern der Qassemraketen zu hindern, sagen sie zu uns: “Sie schießen auf uns, zerstören unsere Häuser, wie können wir mit dem Schießen aufhören? Wir haben nichts mehr, weder Land noch Häuser.” Nun hoffen wir, dass die Wahl von Abu Mazen uns Ruhe bringen wird.”

Maryam kam vom Wahlbüro zurück: “Wir rufen alle Menschen mit gutem Willen, einem guten Herzen und Erbarmen auf: ich werde nie die Fleischfetzen meiner Kinder vergessen, die ich auf dem Feld aufsammelte und in ein Tuch packte. Am ersten Ferientag erhielten sie als Geschenk eine Rakete. Wenn ich einen getöteten Israeli sehen würde, dann würde ich über ihm weinen. Ich würde mit seiner Mutter weinen. Wir haben es nicht verdient, dass Sharon und Mofaz unsere Kinder tötet, Kinder in diesem Alter, die gerade Erdbeeren gepflückt haben.

Ich schreie zu Sharon und Mofaz; die drei meiner Kinder getötet haben. Und eines liegt im Krankenhaus. Ich habe niemanden, der mir hilft. Ich frage: könnten sie dieses eine Kind nicht in ein Krankenhaus nach Israel nehmen? Ich würde ihnen für die drei Getöteten verzeihen. Wenn sie diese verwundeten Kinder behandeln würden, würde ich danke sagen. Wir schauen auf Gott und auf den Staat Israel, nicht zu den arabischen Staaten. Wir sind mit dem Staat Israel aufgewachsen.”

Im Büro des Armeesprechers heißt es: “Am 4. Januar 2005 wurden zwei Raketen auf die Industriezone von Erez abgefeuert. Eine fiel auf israelisches Land und verletzte einen israelischen Bürger. Zur Zeit dieses Vorfalls identifizierte eine IDF-Einheit eine Bande von Raketenwerfern - einige von ihnen gehören zu Hamas. Die Einheit schoss auf diese Bande, mit der Absicht sie zu töten. Es sollte bemerkt werden, dass die Bande von Terroristen innerhalb eines bevölkerten Wohngebietes operierten. Die IDF untersucht den Vorfall, und nach Abschluss der Untersuchung werden die Ergebnisse bekannt gemacht.”

Kein Wort des Bedauerns, dass Kinder getötet wurden. Nicht ein Wort, das die trauernden Eltern der Kinder um Verzeihung bittet. Stattdessen eine offensichtlich hartherzige Nichtbeachtung einer Frage, die an das Büro des Armeesprechers gerichtet war, in der es darum geht, ob die Verletzten nicht zur Behandlung nach Israel gebracht werden könnten. Die IDF wird die Sache untersuchen.

Auf dem Weg ins Shifa-Krankenhaus erinnerten sie sich an ihre israelischen Arbeitgeber. Zwei trauernde Väter und ein anderer Verwandter erzählten von ihren israelischen Bossen, an die sie nur gute Erinnerungen hatten. Über Moshe Kishana vom Moshav Kidron sagte Ghassan, dass er ihn wie seinen eigenen Vater liebte. Und Yaakov vom Kibbuz Yad Mordechai sagte ihnen einmal, dass seine Seele nicht wertvoller als die ihrige sei und deshalb sei er zu ihrem Haus gekommen, um ihnen die magnetische Identitätskarte zu bringen, die sie vergessen hatten. Munir der Taxifahrer fragte, ob jemand im Wagen die Juden hassen würde, und sie antworteten einstimmig: “Nein, wir hassen sie nicht.”
In schwarzen Beuteln brachten sie den verwundeten Jungen Erdbeeren.

Im 1. Stock auf der Intensivstation lag Mohammed Raban, 17; er hängt noch am Sauerstoffapparat. Von Zeit zu Zeit öffnet er das eine Auge und wirft wahnsinnige Blicke um sich. Von Zeit zu Zeit lächelt er auch nervös, vielleicht ein unfreiwilliges, sinnloses Muskelzucken. Weniger als die Hälfte seines Körpers ist ihm geblieben, kaum eine ganze Hand. Es ist nicht klar, ob er sich dessen bewusst ist.

Im 2. Stock auf der Orthopädischen Abteilung liegt Relia, 13. Seine beiden Beine wurden oberhalb des Knies amputiert. Er liegt mit einer Windel und mit einem Transistorgerät an seinem Ohr. Er erinnert sich an Hamasleute, die schossen und dann schnell flohen. Auf einem Stück Karton hatte er ein Bild gemalt: einen Panzer, der auf Kinder schießt. Im Korridor neben einem Fenster liegt Imad, 16 und Ibrahim, 14, sie sind Cousins. Beiden wurden beide Beine amputiert. Man hat sie in den Korridor gelegt, damit sie von der Welt etwas sehen können. Zwei Kinder ohne Beine starren nun von ihren Betten aus dem Fenster des Shifa-Krankenhauses.

Dies zur Information des Soldaten der die Granate abschoss und des Kommandeurs, der ihm die Genehmigung dazu gab und des Sprechers, der gegenüber allem gleichgültig ist und kein Wort der Entschuldigung hat.

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Übersetzung aus dem Englischen: Ellen Rohlfs.

Gideon Levy ist israelischer Journalist aus Tel Aviv und arbeitet für die Tageszeitung Ha’aretz unter anderem als Chefredakteur der Wochenendbeilage. Er gehört zu den wenigen israelischen Journalisten, die über das Leben der Palästinenser unter der israelischen Besatzung berichten, und ist wegen seiner kritischen Berichte, Angriffen seitens der israelischen Leser und Kollegen ausgesetzt.

Veröffentlicht am

18. Januar 2005

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