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Von Russlands Atommacht bleibt Schrott und Verseuchung

Präsident Putin bestätigt eklatante Mängel und setzt auf internationale Zusammenarbeit bei ihrer Beseitigung

Russland geht nachlässig mit dem Atommüll um. Das bestätigte Präsident Wladimir Putin vor Sicherheitsexperten. Die einschlägige Technik sei “äußerst unzureichend entwickelt”, warnte er.

Von Karl Grobe

Eine Arbeitsgruppe des Präsidiums des russischen Staatsrates legte dem Präsidenten bei einer Sitzung in Twer nordwestlich von Moskau einen sehr kritischen Bericht vor. Putin hatte am Donnerstagmorgen den gerade in Betrieb genommenen dritten Block des dortigen AKW Kalinin besichtigt.

Russland leide seit den neunziger Jahren unter einer “drastischen Senkung der ökonomischen Möglichkeiten” für den Umgang mit Atommüll, der “mit der umfassenden Reduzierung der Kernwaffen, der Liquidierung der ausgemusterten russischen Atom-U-Boote und den Folgen der vorangegangenen Tätigkeit im Verteidigungsbereich” angefallen sei, zitierte die Nachrichtenagentur Nowosti aus dem Bericht. Ein Teil der “Objekte dieser Tätigkeitsarten” befinde sich “in einem äußerst unbefriedigenden Zustand”.

Putin bestätigte das. Nach seinen Worten haben sich über 70 Millionen Tonnen feste Nuklearabfälle angesammelt. Gebiete, die bei Kriegsübungen und “im Ergebnis industrieller Tätigkeit” verseucht worden sind, müssten gereinigt werden. “Die Lösung dieser Probleme darf man nicht aufschieben”, sagte er und verwies auf die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit.

Auf ernsthafte Mängel bei der Sicherung von AKWs hatte der stellvertretende Generalprosekutor (Staatsanwalt) Wladimir Kolesnikow vor drei Wochen hingewiesen. Die Sicherheitssysteme der AKWs Kola, Nowoworonesch und Smolensk seien unzureichend. Diese AKWs liegen nahe den Grenzen zu Norwegen, der Ukraine und Weißrussland. Einzelheiten nannte Kolesnikow nicht. Die drei Betriebe arbeiten mit Druckwasserreaktoren (WWER-Baureihen). Nahe St. Petersburg wurde ein erst kürzlich modernisierter Anfang Dezember wegen eines Störfalls tagelang abgeschaltet. Dort handelte es sich um einen RBMK-Reaktor (Tschernobyl-Typ).

Ein modernes Endlager für Atommüll hat Russland bisher nicht. Die beiden Wiederaufarbeitungsanlagen Sewersk bei Tomsk und Schelesnogorsk bei Krasnojarsk, beide in Sibirien, sind störanfällig. In Sewersk explodierte im April 1993 eine Lageranlage mit hoch radioaktivem Müll.

Atom-U-Boote hinter Bretterzäunen

Für die Beseitigung abgebrannter Brennelemente aus den Reaktoren der etwa 250 Atom-U-Boote ist noch keine Lösung gefunden. Über 200 wurden, wie die norwegische Bellona-Stiftung herausfand, außer Dienst gestellt, doch nur 96 wurden seit 1992 tatsächlich “entsorgt”. Nach Angaben des ZDF lagern bei Murmansk über 21 000 Brennelemente und rund 12 000 Kubikmeter fester und flüssiger Nuklearabfälle in offenen Containern. Außer Dienst gestellte U-Boote liegen bei Murmansk und dem Kriegshafen Seweromorsk hinter Bretterzäunen am Ufer.

In Moskau fällt laut Bellona bei fast allen Neubauprojekten radioaktiv verseuchtes Erdreich an. Innerhalb der Stadtgrenzen gebe es “einige Dutzend” Lagerstätten für Atommüll. Zwanzig der insgesamt 65 Anlagen, die zum russischen Atombrennstoff-Kreislauf gehören, liegen im Stadtgebiet.

Ein ungelöstes Problem ist schließlich der Diebstahl radioaktiven Materials. Im Oktober 2003 wurde der stellvertretende Direktor eines Verschrottungsunternehmens bei dem Versuch erwischt, ein Kilo Uran 235 aus dem Betrieb zu schmuggeln. Der Umfang des illegalen Handels ist nicht festzustellen. Die Sicherheitsmängel in Atom-Abfallhalden sind seit 1992 bekannt.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 18.12.2004. Wir veröffentlichen den Artikel mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Veröffentlicht am

22. Dezember 2004

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