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Saudi-Arabien: Nährboden der Gewalt

Von Karl Grobe

Das US-Generalkonsulat in Dschidda wird von Bewaffneten gestürmt; der Ölpreis zieht sofort ein wenig an. Die Bedeutung des Angriffs auf eine der bestbewachten diplomatischen Einrichtungen im Nahen Osten ist damit klar. Es war ja keine bewaffnete Aktion gegen eine Besatzungsmacht, sondern ein Gewaltakt in einem Staat, der immer noch als einer besten Freunde der USA angesehen wird.

Vor allem als unverzichtbarer Partner in Öl-, Waffen- und Geldgeschäften. Seit rund siebzig Jahren lebt das saudische Königshaus mitsamt dem Staat, den es als Privateigentum betreibt, von barer Zahlung in Dollars; und unter den petrofeudalistischen Ländern ist es als Lieferant unbestritten die Nummer eins. Just gegen diese Symbiose wendet sich die innerarabische Opposition.

Sie hat kein demokratisches Mittel, sich zu äußern; kein Parlament, keine legale Partei, keine Presse, kaum zivilgesellschaftliche Organisationen. Der wachsende Unmut über dynastieeigene Korruption, Luxus der Königsfamilie und ihrer Günstlinge, Verarmung der politisch ohnehin rechtlosen Millionen ausländischer Arbeitskräfte und die alles rechtfertigende religiöse Staatsideologie staut sich an und entlädt sich gewalttätig

Aus vielen Moscheen kommen harsche Anklagen gegen die oberen Zwanzigtausend, die den verordneten Geboten selbst nicht gehorchen. Der salafitische Fundamentalismus wird von da genährt. Ihn hat die Oberschicht nicht unter Kontrolle, selbst wenn sich einige ihrer Mitglieder durch insgeheime Förderung und nicht ganz so geheime finanzielle Hilfen loszukaufen versuchen. Im Machtkampf zwischen dem schwer kranken König und seinen beiden Kronprinzen, die zusammen über 250 Jahre alt sind, spielt das durchaus eine Rolle. Mindestens nützt es gewissen Gruppen, sich jenseits der Staatsordnung zu organisieren.

Anderen Strömungen ist gerade dieser Fundamentalismus zuwider. Ihre welterfahreneren Vertreter streben an, den Widerspruch zwischen dem aufs Mittelalter bezogenen politischen System und der Moderne durch den kühnen Sprung in eine neuzeitliche Ordnung zu überwinden. Wendet sich die erste Tendenz gegen die Amerikaner, weil sie das Hergebrachte durch ihre schiere Gegenwart erschüttern, so stellt sich die Modernisierer-Richtung mehr und mehr gegen die USA, weil die das Fortbestehen der Verhältnisse garantieren. Deren Invasion in Irak, die fortdauernde Identifizierung der Washingtoner Nahost-Politik mit der israelischen Politik gegen die Palästinenser und ihr nun wirklich nicht unsichtbarer Griff nach den Bodenschätzen der Region tragen entscheidend zu einer Radikalisierung bei, die den Hintergrund für den Sturm auf das Generalkonsulat in der Millionenstadt am Roten Meer abgibt. Gewaltsame Attacken gegen US-Einrichtungen in Arabien sind in den vergangenen Jahren übrigens nicht gerade selten.

Die routinemäßige Erklärung, natürlich stecke wieder Al Qaeda dahinter, erklärt gar nichts; weil sie sich nämlich der Erkenntnis entzieht, auf welchem Boden die gewalttätigen Gruppen gewachsen sind und in welchem Verhältnis sie zur allgemeinen Opposition stehen. Bleibt die Bush-Regierung bei der einfachen Verurteilung stehen und stellt sie ihre Nahostpolitik nicht auf eine völlig andere Grundlage, so riskiert sie nicht den Verlust des Zugangs zu den Ölquellen, sondern eine allgemeine Konfrontation, die nicht nur Nordamerika betrifft.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 07.12.2004. Wir veröffentlichen den Artikel mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Veröffentlicht am

09. Dezember 2004

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