Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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“Wir werden uns nicht zufrieden geben, bis das Recht strömt wie Wasser…”

Seit 13 Jahren findet jedes Jahr während der Ökumenischen Friedensdekade “Eine halbe Stunde des Schweigens für alle Opfer von Gewalt und Euthanasie” an der Gedenkstätte in Mariaberg statt. Diese Gedenkstätte wurde als Mahnung und Erinnerung an 61 Menschen aus den Mariaberger Heimen in Gammertingen (Kreis Sigmaringen) errichtet, die 1940 Opfer der Euthanasie durch die Nazidiktatur wurden.

Michael Schmid hat bei der Veranstaltung am 7. November 2004 mit der nachfolgenden Rede sowohl eine kleine Einführung in die Ökumenische FriedensDekade als auch in die Hintergründe der Gedenkstätte in Mariaberg gemacht:

Ich begrüße Sie/Euch zu unserer Veranstaltung hier an der Gedenkstätte in Mariaberg. Dieses “Schweigen für alle Opfer der Gewalt und Euthanasie” findet im Rahmen der bundesweiten Ökumenischen Friedensdekade statt. Diese Ökumenische FriedensDekade hat dieses Jahr ihr 25. Jubiläum. Sie wurde 1980 gleichzeitig begonnen in Deutschland Ost und in Deutschland West.

Die Ökumenische FriedensDekade wird wieder getragen vom “Gesprächsforum Ökumenische FriedensDekade”, in dem die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) und viele Friedensgruppen zusammenarbeiten.

Das “Gesprächsforum Ökumenische FriedensDekade” hat dieses Jahr als Motto für die FriedensDekade in Anlehnung an Amos 5,23-24 den Satz gewählt “Recht ströme wie Wasser”.

In den vergangenen 25 Jahren gab es auch hier in unserem Raum immer wieder Veranstaltungen während der bundesweiten Ökumenischen FriedensDekade - seit 1991 ununterbrochen jedes Jahr eine oder mehrere.

Auch hier an dieser Gedenkstätte in Mariaberg haben sich seit 1991 Jahr für Jahr Menschen zu einer “halben Stunde des Schweigens für alle Opfer der Gewalt” eingefunden, heute also zum 14. Mal.

“Recht ströme wie Wasser”, so lautet, wie gesagt, das Motto der FriedensDekade. Wir stehen hier an der Gedenkstätte in Mariaberg. Diese Gedenkstätte erinnert uns an eine der dunkelsten Zeiten unserer eigenen deutschen Geschichte, in der in unvorstellbarem Ausmaß Unrecht angerichtet wurde - die Zeit der Nazi-Diktatur in Deutschland von 1933 bis 1945.

Während der Herrschaft der Nazis, im Jahre1940, wurden hier von den Mariaberger Heimen 61 Menschen mit geistiger Behinderung abgeholt. Sie wurden nach Grafeneck gebracht und dort ermordet. Sie wurden in Grafeneck ermordet, wie über 10.000 weitere Menschen an diesem Ort auf der Schwäbischen Alb unweit von hier ebenfalls ermordet wurden. Grafeneck ist durch diese massenmörderischen Verbrechen zu einem regelrechten Ort des Schreckens geworden.

Die Nazis sahen sich aus ihrem rassistischen Denken heraus gerechtfertigt, schwächere Menschen, Minderheiten, als gefährlich für die Entwicklung der eigenen Rasse anzusehen und sie deshalb zu töten. Als solche Minderheiten galten außer Juden auch Slawen, Sinti, Roma, sowie psychisch und geistig kranke Menschen. Sie alle wurden zu Objekten der Vernichtung.

Unter Hitler wurden die größten Verbrechen, wurde das größte Unrecht zu Recht umdefiniert. Der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Filbinger hat dann ja, nachdem öffentlich geworden war, dass er als Jurist im Dienste des Nationalsozialismus an mehreren Todesurteilen gegen Deserteure beteiligt war, seinen berühmt gewordenen Ausspruch gemacht: “Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein.” Doch: die Ermordung von Menschen ist immer Unrecht! Unrecht wird nicht schon dadurch Recht, indem man ihm den Mantel des Rechts umlegt.

“Recht ströme wie Wasser” heißt unser Motto für die Friedensdekade. Und so sollen wenigstens jetzt jene Menschen wieder ins Recht gesetzt werden, die damals Opfer durch die Nazi-Diktatur wurden.

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Die Namen der 61 Opfer der Euthanasie hier aus den Mariaberger Heimen sind in den Steinplatten der Gedenkstätte vor uns eingemeißelt. Ihnen soll dadurch nachträglich Recht widerfahren, dass hier an der Gedenkstätte ihnen gedacht und darüber nachgedacht werden kann, welches schwere Unrecht ihnen angetan worden ist. “Recht ströme wie Wasser”.

Der Tod der 61 Menschen aus Mariaberg und der Tod von vielen Millionen Menschen während der Nazi-Herrschaft verpflichtet uns, allem Denken und Tun zu widerstehen, das menschliches Leben in lebenswert und lebensunwert einteilen will.

“Wir werden uns nicht zufrieden geben, bis das Recht strömt wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein mächtiger Strom”. So hat Martin Luther King den Satz von Amos 5,24 umschrieben. Wir dürfen uns und wir werden uns nicht zufrieden geben, solange Menschen Unrecht geschieht und Gewalt angetan wird.

Denn es war ja nicht nur die furchtbare und mörderische Nazi-Zeit, sondern auch heute werden Menschen Opfer von Gewalt.

  • Menschen werden zu Opfern von Kriegen und Terror; der Irak-Krieg hat nach neuesten Berechnungen bisher fast 200.000 Menschenleben unter der irakischen Zivilbevölkerung gefordert. Gerade werfen die USA wieder ihre 500-Zentner-Bomben über die irakische Stadt Falluja ab und 10.000 US-Soldaten sind rund um die Stadt aufgestellt, bereit zum Sturmangriff, mit dem ein weiteres furchtbares Blutbad angerichtet werden wird.
  • Menschen werden auch zu Opfern von struktureller Gewalt, z.B. jenen Menschen die aufgrund ungerechter Wirtschaftsstrukturen im Elend leben oder verhungern; alle 5 Sekunden stirbt ein Kind am Hunger und das, obwohl es Nahrungsmittel auf dieser Erde gibt, mit denen doppelt so viele Menschen gut ernährt werden könnten, als es überhaupt gibt.
  • Menschen werden auch zu Opfern von nicht unbedingt so ohne weiteres sichtbarer seelischer Gewalt, z.B. in Form von Stalking und anderer Formen des Psychoterrors. Auch diese Gewalt verletzt oder mordet sogar.

“Wenn die Menschen schweigen, so werden die Steine schreien”.

Dieser Satz aus dem Lukasevangelium (Lk 19,40) steht hier ebenfalls in die Steinplatten eingemeißelt. Wir schweigen jetzt eine knappe halbe Stunde. Vielleicht lassen wir uns von jenen Steinen vor uns anschreien, in welche die Namen jener Opfer der Euthanasie aus Mariaberg eingraviert sind. Wir schweigen, um uns zu besinnen, um dann gegenüber Unrecht und Gewalt nicht schweigen zu müssen.

(Nach dem Schweigen)

“Wir werden uns nicht zufrieden geben, bis das Recht strömt wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein mächtiger Strom”. Eine Einladung an jede und jeden von uns, sich diesen schönen Satz von Martin Luther King zu seinem eigenen Motto zu machen. Sich einsetzen für Gerechtigkeit und Frieden. Eine andere, bessere, gerechtere und zukunftsfähige Welt ist machbar. Eine Welt, in der ein gutes Leben für alle Menschen und unsere gesamte Mitwelt möglich ist. Jede und jede kann damit beginnen. Aber insgesamt können wir das nicht alleine machen. Dafür brauchen wir einander. Danke!

Veröffentlicht am

07. November 2004

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