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“… bis das Recht strömt wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein mächtiger Strom”

Michael Schmid hat auf Einladung des Gesprächsforum Ökumenische FriedensDekade eine Meditation zu einem Bild verfasst, welches das Civil Rights Memorial zeigt, das Denkmal für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, in Montgomery, Alabama im Süden der USA. Dieses Denkmal erinnert an jene Menschen, welche während der Zeit der Bürgerrechtsbewegung der USA zwischen 1954 und 1968 ermordet worden sind. In eine Granitmauer des Denkmals ist Martin Luther Kings bekannte Umschreibung von Amos 5,24 eingraviert - wir werden uns nicht zufrieden geben “… bis das Recht strömt wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein mächtiger Strom”. Der Autor geht auf Kings gewaltfreien Kampf gegen Rassismus, Armut und Krieg ein. Ebenso, dass wir von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung lernen können, wie sich durch gemeinsames Engagement, mit Protesten und gewaltfreien Aktionen, viel bewegen und verändern lässt.

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Wir werden uns nicht zufrieden geben - “… until justice rolls down like waters and righteousness like a mighty stream!”

Von Michael Schmid - Bildmeditation zur 25. Ökumenischen FriedensDekade 2004 1

Das Bild zeigt das Civil Rights Memorial, das Denkmal für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, in Montgomery, Alabama im Süden der USA. Dieses Denkmal erinnert an jene Menschen, welche während der Zeit der Bürgerrechtsbewegung der USA zwischen 1954 und 1968 ermordet worden sind.

Das Denkmal besteht aus einem großen schwarzen Granittisch im Vordergrund. In diesen kreisförmigen Tisch sind erschütternd viele Namen von schwarzen wie weißen Frauen, Männern und Kindern eingraviert, die ihr Leben im Kampf für Freiheit und Gleichberechtigung zwischen den Rassen ließen. Durch die strahlenförmige Anordnung der 40 Namen wird die Geschichte der Bewegung nachgezeichnet. Das Denkmal wirkt durch seine Schlichtheit überwältigend. In eine gebogene Granitmauer hinter dem Tisch ist Martin Luther Kings bekannte Umschreibung von Amos 5,24 eingraviert - wir werden uns nicht zufrieden geben “…. until justice rolls down like waters and righteousness like a mighty stream!” - auf deutsch: “… bis das Recht strömt wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein mächtiger Strom”.

Diese Worte hat M.L. King in einer Ansprache am 5. Dezember 1955 zum Auftakt des Busboykotts in Montgomery zum ersten Mal benutzt. Vier Tage davor hatte sich die schwarze Näherin Rosa Parks geweigert, ihren Sitzplatz im Bus für einen Weißen freizumachen. Ihre Festnahme war zur Initialzündung geworden für einen rund ein Jahr währenden Busboykott. Der junge Pfarrer M.L. King sagte angesichts des Kampfes gegen die Rassendiskriminierung: “Sind wir im Unrecht, war Jesus von Nazaret nur ein utopischer Träumer und ist nie zur Erde gekommen. Sind wir im Unrecht, ist Gerechtigkeit eine Farce. Wir sind entschlossen, hier in Montgomery zu arbeiten und zu kämpfen, bis ‘das Recht strömt wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein mächtiger Strom’.”

King war plötzlich zu einer weithin bekannten Führungspersönlichkeit geworden - angefeindet, verleumdet, terrorisiert, mit Morddrohungen überzogen. Er konnte bald vor Erschöpfung nicht mehr weiter. Nach einem nächtlichen terrorisierenden Telefonanruf dachte er darüber nach, wie er sich aus dieser Situation befreien könnte, ohne als Feigling dazustehen. Den Kopf in die Hände gestützt, über den Küchentisch gebeugt, begann er laut zu beten:
“Herr, ich glaube, dass ich für eine gerechte Sache kämpfe. Doch jetzt habe ich Angst. Die Leute sehen mich als ihren Führer an, doch wenn ich so ohne Mut und Kraft vor ihnen stehe, werden sie auch wankend werden. Ich kann nicht weiter. Ich habe den Punkt erreicht, wo ich es allein nicht mehr schaffe.”

Dann, erzählte King später, habe er eine Gegenwart und Nähe Gottes gespürt wie nie zuvor. Eine innere Stimme schien ihm Mut zuzusprechen:
“Stehe auf für die Gerechtigkeit! Stehe auf für die Wahrheit! Gott wird immer an deiner Seite sein.”

Seine Angst schwand und King fühlte sich stark genug, allem ins Auge zu sehen. Ein Zurück gab es nach diesem Berufungserlebnis, wie er es später bezeichnete, nicht mehr. Er war bereit, den Kampf fortzusetzen.

Wie wir wissen, bewährten sich sowohl King als auch seine gewaltfreie Methode. Der Erfolg des Busboykotts löste eine Art Kettenreaktion ähnlicher Aktionen aus. Mit vielfältigen Mitteln des gewaltlosen Widerstands wurde auf das Unrecht der Rassentrennung aufmerksam gemacht - Märsche, Boykotts, Go-Ins, Mahnwachen. Die Schwarzen hatten begonnen, sich zu organisieren und so ihr gewachsenes Selbstbewusstsein zum Ausdruck gebracht. Die Bürgerrechtsbewegung war mit dem Busboykott in Montgomery geboren.

Später dann erweiterte King seinen Blick über den Rassismus hinaus. Mit dem “dreifachen Übel des Rassismus, Materialismus und Militarismus”, wie er zu sagen pflegte, holte er schonungslos die dunklen Seiten der USA ans Licht.

King hat die Feindesliebe eines Jesus von Nazareth ernst genommen und auch auf jene Menschen angewandt, die sein eigenes Haus bombardierten und ihm sonst nach dem Leben trachteten. Ihm war wichtig, lieber Leiden zu ertragen als anderen Leiden zuzufügen. “Wenn Blut auf den Straßen Alabamas fließen muss, dann soll es mein Blut sein.”

Eine solche Haltung war für ihn Grundlage und Kennzeichen von Gewaltfreiheit. Gleichzeitig ging es ihm keinesfalls um passives Erleiden von Unrecht. Gewaltfreiheit bedeutet also auf keinen Fall, Unrecht passiv hinzunehmen, nichts dagegen zu tun, zu schweigen, sich zu ducken, sich unterdrücken zu lassen. Im Gegenteil: King ging es um ein sehr aktives sich Wehren gegen Unrecht. Und dabei blieb King auch nicht beim Klagen stehen, sondern er kämpfte mit “aggressiver Gewaltlosigkeit” (King) gegen Rassismus, Armut und Krieg.

Besucherinnen und Besucher des Bürgerrechtsdenkmals in Montgomery können die Namen der Toten berühren und sich dabei selber im Wasser sehen. “Es geht darum, dass man in den spiegelnden Namen sich selber sieht”, hat Maya Lin, die Architektin des Denkmals, zu ihrem Projekt gesagt. Wir können uns durch die Toten berühren lassen. Gleichzeitig kann ich in den Spiegel sehen, und so feststellen, dass ich nur meine eigene Realität sehen kann. Denn die Toten sind für mich unerreichbar. Aber dieser Spiegel “fördert” auch die Erinnerung, ruft Emotionen hervor. Ein Blick in das spiegelnde Wasser dieses Denkmals kann die Einsicht in uns fördern, dass es in unserer heutigen Zeit Rassismus, Armut, Krieg und anderes Unrecht in einem unerträglichen Maße gibt, das unser Handeln braucht.

Von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und von vielen anderen sozialen Bewegungen, die für Frieden, Gerechtigkeit und die Erhaltung der natürlichen Mitwelt demonstrierten, protestierten, marschierten und andere gewaltfreie Aktionen durchführten, können wir lernen, dass sich durch gemeinsames Engagement viel bewegen und verändern lässt - allen damit verbundenen Misserfolgen zum Trotz. Diese Bewegungen und die biblischen Ursprünge von Gerechtigkeit und Frieden rufen uns heute entgegen: Wir müssen mit dem Kämpfen weitermachen bis das Recht wie Wasser strömt und die Gerechtigkeit wie ein mächtiger Strom.

1 Michael Schmid, Pädagoge, Lebenshaus Schwäbische Alb in Gammertingen. Foto: Stefan Philipp, Journalist, Chefredakteur der Zeitschrift Zivilcourage der DFG-VK. Der Autor und der Fotograf haben im Sommer 2001 die USA auf den Spuren von Martin Luther King besucht.

Der Text gehört zu den Materialien für die Oekumenische FriedensDekade , die mit dem Motto “Recht ströme wie Wasser” deutschlandweit vom 7.-17. November 2004 stattfindet. Die Meditation soll zusammen mit dem Dia bei Gottesdiensten und im Unterricht eingesetzt werden.

Veröffentlicht am

03. Oktober 2004

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