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Zwei israelische Frauen gehen unterschiedliche Wege

Von Martin Smedjeback 1

Maya, 20 Jahre, und Lior, 18 Jahre, haben ihr ganzes bisheriges Leben in Israel verbracht. Sie gehören demselben Volk an, haben eine gemeinsame Geschichte und sind zu derselben Art von Schulen gegangen. Und doch gehen sie in ihrem Leben zwei sehr unterschiedliche Wege. Während Maya ihre Stiefel in einem Militärstützpunkt in Gaza poliert, nimmt Lior an einer Demonstration gegen die Mauer teil. Aber beide Frauen haben einen gemeinsamen Traum: sie träumen, dass zwischen Israelis und Palästinensern eines Tages Frieden herrschen wird.

Alle israelischen Bürger, Männer wie Frauen, erhalten im Alter von 16 Jahren ihren Einberufungsbefehl zum Militär. Zwei Jahre später werden sie dann tatsächlich eingezogen. Einige Monate vor ihrer Einberufung hatte Lior beschlossen, dass sie nicht in einer Kampfeinheit dienen und eine Waffe tragen wollte. Später beschloss sie, den Militärdienst ganz zu verweigern. “In meiner Klasse wurde im Großen und Ganzen sehr offen über den Militärdienst diskutiert. Die meisten meiner Klassenkameraden fragten neugierig, warum ich ihn verweigern wollte und ob ich mir eine Welt ohne Armeen und so vorstellen könnte”, erinnert Lior sich. “Aber meine Eltern reagierten sehr negativ, besonders mein Vater. Er war seit mehr als zwanzig Jahren General in der Armee und er nahm es persönlich.”

Maya wiederum hatte keine ambivalenten Gefühle, als sie einberufen wurde. “Nein, es ist nun mal das Gesetz, selbst wenn ich gegen den Dienst in der Armee wäre”, erklärt sie. “Ich kann teilweise verstehen, warum einige den Wehrdienst verweigern, denn die Armee tut Dinge, mit denen ich nicht einverstanden bin. Aber selbst wenn man es als persönliche Entscheidung betrachtet, so ist es das doch nicht wirklich. Man geht einfach zur Armee, es sei denn, man will unbedingt Ärger machen.”

In einem Land, in dem alle Militärdienst leisten - Männer wie Frauen im Alter von 18 bis 45 Jahren -, kommt der Armee im nationalen Ethos offenkundig große Bedeutung zu. Jeder Mann muss drei Jahre lang aktiv und danach bis zum Alter von 45 Jahren in der Reserve dienen. Frauen leisten zwei Jahre aktiven Dienst, aber die meisten von ihnen dienen nicht in der Reserve.

“Die Armee ist ein wichtiger Teil unseres Lebens”, erklärt Maya. “Wir wachsen in dem Bewusstsein auf, dass wir eines Tages Soldaten und Soldatinnen sein werden. Es gibt etwas, dass uns, unabhängig davon, dass wir Israelis sind, zusammenhält. Wir haben alle dasselbe erlebt. Wir haben alle ein Gewehr in der Hand gehabt; wir haben alle Uniform getragen? Das ist Teil unseres Lebens.”

Lior kann bestätigen, was Maya sagt: “Die meisten meiner Freunde haben ebenfalls den Militärdienst verweigert, deshalb gibt es da kein Problem. Aber wenn ich andere aus meiner Schule treffe, dann sprechen sie immer über die Armee. ? und das ist schwierig, weil ich das Gefühl habe, nicht dazuzugehören.”

Zwei unterschiedliche Lebensstile

Die Wege, für die Maya und Lior sich entschieden haben, haben dazu geführt, dass ihr Leben sehr unterschiedlich verläuft. Maya z.B. gehört keiner anderen Organisation als den israelischen Streitkräften an, während Lior, die noch bis zum Beginn ihres Studiums zu Hause bei ihren Eltern wohnt, aktives Mitglied in der israelischen Friedensbewegung ist.

“Ich habe als Soldatin nicht das Recht, Mitglied irgendeiner anderen Organisation zu sein”, sagt Maya. “Und man hat auch gar keine Zeit für irgendetwas anderes.”

Maya war zuvor in einem Militärstützpunkt in den besetzten Gebieten im Gazastreifen stationiert. Ihre Einheit hatte unter anderem die Aufgabe, eine bestimmte Siedlung in Nordgaza zu schützen. “Es war schon merkwürdig”, erzählt sie, “denn es war völlig egal, ob man rechts oder links war. Wer immer zu der Siedlung kam, sagte: ‘Das ist ja wohl die unsinnigste Siedlung, die es gibt. Wir sollten sie aufgeben.’ ” Der israelische Premierminister Ariel Sharon teilt diese Meinung und hat beschlossen, dass diese Siedlung als eine der ersten aufgegeben werden soll, wenn die Rückzugspläne aus Gaza jemals Wirklichkeit werden.

Obwohl Maya israelische Siedlungen im Gazastreifen schützen musste, von denen sie selbst glaubte, dass sie keine Daseinsberechtigung hatten, fand sie an ihrem Einsatz doch etwas Gutes. “Ich hatte das Gefühl, dass ich meinen Teil dazu beitrug, den Palästinensern zu helfen, weil ich versuchte, dafür zu sorgen, dass, was auch immer dort geschah, zu ihrem Besten war”, erklärt sie. “Wenn einer meiner Kameraden sich daneben benahm oder die Palästinenser verbal angriff, dann habe ich ihn zurechtgewiesen oder angeschrieen.”

Als Lior an die High School ging, schloss sie sich dem Jugendflügel der größten israelischen Friedensbewegung Peace now an. Dort half sie, Friedensdemonstrationen zu organisieren, und hatte auch Gelegenheit, Leute zu treffen, die radikalere Ansichten vertraten als ihre Freunde. Diese Menschen, Israelis wie sie selbst, nahmen an Demonstrationen in den besetzten palästinensischen Gebieten teil und waren antizionistisch. Nach einer Weile fing sie an, ebenfalls an Demonstrationen im Westjordanland teilzunehmen. Sie arbeitete in einem Netzwerk mit dem Namen Anarchists against Fences (Anarchisten gegen Zäune) mit - einer Gruppe von Leuten, die direkte Aktionen gegen die zum Teil auf palästinensischem Land errichtete israelische “Trennmauer” durchführte. Heute nimmt sie fast jede Woche an Demonstrationen teil, die zum größten Teil gegen die Mauer gerichtet sind.

Israel rühmt sich, eine Demokratie zu sein, aber einer der demokratischen Grundpfeiler ist die Informationsfreiheit. Lior ist frustriert, weil es in der israelischen Gesellschaft ihres Erachtens entscheidende Informationsmängel gibt. “Nehmen Sie z.B. die Mauer”, erklärt sie. “Die meisten Israelis haben noch gar nicht gesehen, was die Mauer dem palästinensischen Volk antut. Ich glaube nicht, dass sie wissen, dass die Mauer durch Dörfer und durch Häuser verläuft. Alles, was sie wissen, ist, dass es eine Mauer gibt und dass sie gut sein könnte, weil sie eventuell Frieden bringen wird.”

Nur ein Gerücht

Die israelischen und palästinensischen Gebiete sind zusammengenommen nicht sehr groß, die Kluft zwischen Israelis und Palästinensern hingegen ist riesig. Jemandem von der “anderen Seite” zu begegnen, ist für viele Menschen ? außer für Soldaten in den besetzten Gebieten oder diejenigen, die Terroranschläge verüben, ? etwas höchst Seltenes. “Bevor ich in die besetzten Gebiete ging”, berichtet Lior, “empfand ich es als sehr merkwürdig, mich selbst als links und als Friedensaktivistin zu betrachten, aber keine palästinensischen Freunde zu haben und noch nie irgendwelche Palästinenser aus den besetzten Gebieten kennen gelernt zu haben. Ich hatte keine Angst davor, ihnen zu begegnen, aber ich empfand doch eine gewisse Skepsis hinsichtlich ihrer Beurteilung der Lage. In der israelischen Gesellschaft herrscht nämlich allgemein die Überzeugung, dass die Palästinenser keinen Frieden wollen. Deshalb war ich sehr erstaunt, als ich feststellte, dass genau das Gegenteil der Fall ist! Ich glaube, ich habe noch nie einen Palästinenser sagen hören, dass er keinen Frieden will oder dass ganz Israel besetzt werden sollte. Genau das ist in der israelischen Gesellschaft aber eine sehr weit verbreitete Meinung über Palästinenser.”

“Ob ich palästinensische Freunde habe?” Maya wiederholt die Frage, die ihr, als sie genauer darüber nachdenkt, ein “wow” entlockt. “Nein, zwischen Palästinensern und Israelis gibt es überhaupt keine Verbindung. Wir bekommen sie einfach nicht zu Gesicht. Ich habe nie Palästinenser gesehen, bis ich in der Armee gedient habe. Bis dahin waren sie nur ein Gerücht.”

Maya sieht ein, dass es gut wäre, wenn die Kontakte zwischen Israelis und Palästinensern verstärkt würden, aber sie glaubt nicht, dass dies für sie einen großen Unterschied machen würde. Andererseits gibt es für sie in der gegenwärtigen Situation gute Gründe dafür, die beiden Völker voneinander zu trennen.

“Wenn ich palästinensische Freunde hätte, würde ich den Konflikt, glaube ich, auch nicht anders beurteilen, denn ich berücksichtige ihre Interessen auch jetzt schon”, erklärt sie. “Aber ich glaube, es wäre für beide Seiten gut und wichtig gewesen, Beziehungen miteinander aufzubauen. Die Trennung fing bereits vorher an und die Mauer macht sie noch größer. Auf der anderen Seite ist die Mauer nicht gebaut worden, um die Menschen voneinander zu trennen, sondern um die Selbstmordattentäter von den Israelis fernzuhalten. Die Frage ist doch, ob man das Risiko eingehen will, getötet zu werden. Das ist die Entscheidung, um die es hier geht.”

Politisch gesehen, sieht Maya Schwierigkeiten, in der palästinensischen Gesellschaft einen Partner für den Frieden zu finden.

“Es gibt viele Menschen, die wirklich guten Willens sind, und sie würden alles für den Frieden tun, aber diese Menschen haben nicht genügend Macht oder Einfluss, um bei dem übrigen palästinensischen Volk etwas zu bewirken. Ich kann verstehen, warum das so ist, weil sie alle so gespalten sind. Die Lage ist völlig verworren und viele Menschen hassen uns. Deshalb ist es schwierig für sie, zu den Leuten zu gehen, die uns hassen, und ihnen zu sagen, dass sie sich stärker darum bemühen sollten, Frieden zu schließen. Genauso hart ist es für uns, zu israelischen Extremisten zu gehen und ihnen zu sagen, dass wir uns für den Frieden einsetzen müssen.”

Angst und Kriegsmüdigkeit in Israel

Trotz ihrer Meinungsunterschiede haben beide Frauen einen gemeinsamen Traum. Sie träumen, dass eines Tages Frieden zwischen Israelis und Palästinensern herrschen wird. Obwohl sie beide gewisse positive Veränderungen in ihrem Land erkennen, wird ihr Optimismus doch durch die Angst gedämpft, die in der israelischen Gesellschaft heute allgegenwärtig ist.

“Langfristig gesehen, entwickelt sich die öffentliche Meinung in Israel zum Besseren hin”, bemerkt Lior. “In den 1970er und 1980er Jahren waren die Israelis nicht bereit, das Land zu teilen und einen palästinensischen Staat zu akzeptieren. Heute hätte die Mehrheit der israelischen Bevölkerung kein Problem damit, den Palästinensern die besetzten Gebiete zu überlassen, wenn es zu einem Friedensabkommen käme. Aber die Menschen haben in den letzten beiden Jahren die Hoffnung verloren. Sie glauben einfach nur noch, dass die Palästinenser ? uns töten wollen. Die Israelis haben riesengroße Angst.”

Maya sieht diese Verzweiflung, glaubt aber, dass es noch Chancen für den Frieden gibt. “Wir, die Israelis und die Palästinenser, leben miteinander, verletzen uns die ganze Zeit und versuchen gleichzeitig, einen Friedensprozess in Gang zu setzen. Es ist fast unmöglich. Aber ich glaube, dass der Krieg die Menschen mittlerweile so deprimiert macht, dass sie für den Frieden bereit sind. Die Israelis sind so kriegsmüde, dass sie alles aufgeben würden, nur um Frieden zu bekommen.”

Die Friedenssehnsucht der Israelis kam am 15. Mai dieses Jahres deutlich zum Ausdruck, als 100.000 Menschen sich zu einer Demonstration in Tel Aviv versammelten. Die Botschaft dieser Israelis an ihre Regierung lautete: “Raus aus Gaza! Redet miteinander!” Maya war bei dieser Demonstration dabei.

Der Tod ist Teil unseres Lebens ? die Freude aber auch

Maya erzählt, wie sie vor einigen Jahren mit ihrem achtjährigen Bruder am palästinensischen Flüchtlingslager Dschenin vorbeifuhr. Ihr Bruder fing an, ihr Fragen zu stellen, auf die es keine einfachen Antwort gibt: “Warum haben wir Krieg mit den Palästinensern?” “Ich versuchte ihm zu antworten, so gut es ging”, berichtet Maya und denkt zurück. “Vielleicht sind Sie der Meinung, ein Kind sollte nicht solche Gedanken im Kopf haben, aber wenn jeden Tag so schreckliche Dinge geschehen, dann wird es sich diese Fragen immer wieder stellen. Menschen sterben um uns herum. Wenn so etwas regelmäßig geschieht, ist es schwer für ein Kind, damit fertig zu werden. Der Tod ist Teil unseres Lebens. Aber wir müssen sehen ? dass die Welt trotzdem ein guter Ort zum Leben ist und dass das Leben trotzdem gut ist.”

Bevor Maya geht, empfiehlt sie uns, noch einmal nach Tel Aviv zurückzukehren, “weil das Nachtleben nirgends auf der Welt besser ist als dort”. Trotz aller Angst, Verwirrung und Meinungsverschiedenheit versuchen die Israelis trotzdem, der Freude einen Platz in ihrem Leben zu geben.

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1 Martin Smedjeback ist Referent für Gewaltlosigkeit im Swedish Fellowship of Reconciliation . Während eines früheren Besuchs in Israel und Palästina sammelte er Material für ein Buch mit dem Titel Nonviolence in Israel and Palestine. Er arbeitet gegenwärtig als ökumenischer Begleiter in Jerusalem.

Fotos zu diesem Feature finden Sie unter: http://wcc-coe.org/wcc/what/international/palestine/twoisraeliwomen.html

Quelle: “Ökumenischer Rat der Kirchen - Feature” vom 02.09.2004. Kontact:+41 22 791 6153, +41 79 507 6363, media@wcc-coe.org

Die Meinungen, die in den ÖRK-Features zum Ausdruck kommen, spiegeln nicht notwendigerweise die Position des ÖRK wider. Das Material ist zum Wiederabdruck unter Angabe des Autors freigegeben.

Medienkontakt in Palästina / Israel: +972 (0)2-628-9402 +972 (0)54-737-9766

Das Ökumenische Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) läuft seit August 2002. Ökumenische Begleitpersonen beobachten die Menschenrechtslage und melden Verstöße gegen die Menschenrechte und das humanitäre Völkerrecht, unterstützen Aktionen gewaltlosen Widerstands an der Seite christlicher und muslimischer Palästinenser und israelischer Friedensaktivisten, gewähren Schutz durch ihre gewaltlose Präsenz, setzen sich für politische Veränderungen ein und üben ganz allgemein Solidarität mit den Kirchen und allen, die sich gegen die Besetzung wenden. Das Programm wird vom Ökumenischen Rat der Kirchen koordiniert. http://www.eappi.org

Veröffentlicht am

03. September 2004

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