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Hintergrund: Schwarze Witwen

Von Karl Grobe

“Schwarze Witwen” - das ist ein Gruselwort. Es löst Assoziationen aus: Bedenkenlose Gewalttäterinnen; Verschwörung zum Terror; Gefahr aus unvorhersehbarer Richtung; nichts ist vorbeugend abzuwehren. Das Wort und die damit verbundenen Assoziationen bieten nur einen Teil einer möglichen Erklärung an. Die Eskalation des Terrors hat ihre Geschichte und entwickelt eigene Dynamik.

Zwischen 20 und 30 Jahre alt waren die Frauen, die vorige Woche zwei russische Flugzeuge zerstört und so Dutzende Zivilisten getötet haben sollen; gleichaltrig die mutmaßliche Täterin, die am Dienstag eine Bombe vor einem Moskauer U-Bahnhof explodieren ließ; gleichaltrig die Frauen, die vor Jahresfrist während eines Pop-Konzerts Anschläge verübten. Und die Frauen, die vor zwei Jahren als Geiselnehmerinnen im Moskauer Musical-Theater an der Dubrowka identifiziert (und, erst durch Gas betäubt, dann auf der Stelle erschossen) wurden, gehörten zu eben dieser Altersgruppe. Alle waren Tschetscheninnen. Der russische Inlandsgeheimdienst FSB setzt an diesem Tatbestand seine Ermittlungen an. Er findet heraus, wer mit wem verwandt war, zusammen gewohnt hat, wann und mit welcher Fahrkarte nach Moskau oder sonstwohin gereist ist. Dem Dienst genügt das Täterinnenprofil “Tschetschenin, jung, vermutlich Witwe” für die Untersuchungen, die er in diesem Rahmen professionell vornimmt.

Die Vorgeschichte interessiert den FSB weniger, soweit sich aus Stellungnahmen erkennen lässt. Jedoch gehört die Frage nach Motiven zu jeder kriminalistischen Ermittlung. Die Beweggründe liegen offen. Sie lassen sich mit einem Wort zusammenfassen: Verzweiflung. Die reicht so weit, dass sie zur radikalen Abkehr vom moslemischen Frauenbild motiviert - ein Vorgang, der auch von palästinensischen Attentäterinnen bekannt ist.

Die deutsche Autorin Alexandra Cavelius ist einem exemplarischen Fall nachgegangen. In Zeit der Wölfe beschreibt sie die Biographie einer Tschetschenin, die durch den Krieg aus der traditionellen Gesellschaft herausgerissen wird, ihre Familie nach und nach verliert, sich unter elenden Umständen durchschlägt, mit Mord und Vergewaltigung bedroht wird und letzten Endes schießt, die Tat auch zugibt. Deutsche Behörden haben Verständnis für sie. Russland Botschafter aber verlangt jetzt ihre Auslieferung.

Väter, Ehemänner, Söhne, Brüder und Freunde der “Schwarzen Witwen” sind am russischen Tschetschenien-Krieg gestorben. Entführt, erschossen, totgefoltert; ob von regulären Militärs, von Omon-Sondereinheiten oder solchen Banden wie den “Kadyrowzy”, Terroristen der anderen, moskowitischen Seite. Die überlebenden Frauen haben Frieden gewollt, leben wollen und erkennen müssen, dass dies nicht gelingen kann. Islamistinnen sind sie ganz und gar nicht. Die Geiselnehmerinnen im Dubrowka-Theater kamen mit einem flehenden Friedenswunsch. Die späteren Täterinnen haben diesen Wunsch nicht mehr. Sie reagieren nur noch, gewaltsam.

Ein Moskauer Urteil vom Wochenbeginn - zwanzig Jahre für eine Reuige, die vor der Tat zurückschreckte - lässt ihnen keinen Ausweg. Zwanzig Jahre Haft oder die tötende Aktivität - so oder so ist ihr Leben zerstört.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 02.09.2004. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Veröffentlicht am

02. September 2004

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