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Das Leben feiern - in Rafah

Von Ramzy Baroud - ZNet 01.06.2004

Rafah, Dschenin, Khan Yunis, Zeitun: fremdartig klingende Namen aus einer Wirklichkeit, die fern ist und irritierend. Wir wissen über diese Orte nur, was die Medien beschließen uns mitzuteilen - selektiv - das heißt, falls uns die Story überhaupt interessiert.

Das Flüchtlingslager Rafah - ein kleiner Streifen Land am südlichen Ende Gazas -, war Ziel des ruchlosesten israelischen Angriffs seit Jahren. Zwischen dem 17. und 20. Mai wurden hier 43 Palästinenser getötet, überwiegend Zivilisten, darunter 9 Kinder; die meisten trafen Raketen - bei einem friedlichen Protest mit Flaggen und Transparenten. Auf einem weißen Transparent stand: “Beendet die Belagerung Rafahs”. Jetzt ist es zerrissen und blutgetränkt. Laut Medienberichten habe Israel auf die Tötung von 13 israelischen Soldaten durch palästinensische Militante reagiert. Die Soldaten waren durch selbstgebastelte Landminen zu Tode gekommen. Allerdings - die Wucht der Explosion wurde verstärkt durch große Mengen Sprengstoff, der in den Panzerfahrzeugen der Israelis transportiert wurde. Offensichtlich waren sie unterwegs, um irgendwo in Gaza palästinensische Häuser in die Luft zu sprengen.

Die Gräuel von Gaza waren noch nicht abgeebbt, da äußerte US-Präsident George W. Bush gegenüber AIPAC-Lobbyisten 1 , Israel habe das Recht, sich zu verteidigen. Kann es eine trügerischere Logik geben? Die Zivilistenmorde durch Israel segnet man als Selbstverteidigung ab, und die Palästinenser werden wieder als “Terroristen” etikettiert. Israel darf jeden Palästinenser zu jeder Zeit töten - mit vorgestanztem Urteil. Bei jenen Orgien der “gezielten Tötung” tötet und verletzt Israel hunderte Zivilisten. Und sollten die Palästinenser auch nur den Wunsch äußern, reagieren zu wollen, verdammt man sie. Selbst Besatzungssoldaten sind als Ziele tabu. Was also - in der verschrobenen, pro-israelischen Bush-Doktrin - gesteht man den Palästinensern als Selbstverteidigung noch zu?

Wie wäre es mit einem friedlichen Demomarsch?

In Rafah war auch das etwas Nichtzutolerierendes. Hart und entschlossen griff man durch - wie sich das gegenüber einer “terroristischen” Bedrohung gehört. Eine Rakete - abgefeuert aus einem von Amerika gelieferten Apache-Helikopter -genügte, auch diese Widerstands-Option auszuschalten. “Die unten abgebildeten Fotos sind zu massiv” - stand als Warnhinweis auf einer palästinensischen Website, die Fotos toter Zivilisten aus dem leidgeprüften Flüchtlingslager Rafah zeigte. Man sah ein dutzend Tote, die aufgestapelt im Kühlschrank eines lokalen Bauern lagen. Die Leichenhalle des Krankenhauses war mit Leichen überfüllt 2 .

Eines der Bilder geht mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Es zeigt ein Kind mit Olivenhaut, die Augen ein klein wenig geöffnet. Es ist tot. Eine anonyme Hand rückt den Kinderarm - der völlig vom Körper abgetrennt ist -, näher zum toten Leib hin, so, als wollte man der Kamera sagen: “Dieser Arm gehört hierher”. Ein namenloser Junge. Ich zittere. Die Vorstellung, ich könnte der Vater dieses kleinen Jungen sein - einfach schrecklich.

Im Falle israelischer Opfer von Selbstmordbomben ist die Wirklichkeit oft ähnlich grausam. Und doch wagt Bush nicht, dieselbe Logik auf palästinensische Opfer anzuwenden: “Auch die Palästinenser haben das Recht, sich zu verteidigen” - noch nie hat man diese Worte aus seinem Mund gehört. Was sollen die Palästinenser also tun - jetzt, da selbst friedlicher Protest die Linie überschreitet?

Peter Hansen ist Chef der UN-Agentur für Flüchtlinge in der Region (Generalkommissar von UNRWA (Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästinensische Flüchtlinge) - Anmerkung d. Übersetzerin). Hansen bestätigt: Im Rafah-Flüchtlingslager hat man Bewohnern die Häuser über dem Kopf abgerissen. Selbst als Hansen höchstpersönlich durch das Lager ging, um sich den Schaden anzusehen, schossen die israelischen Soldaten weiter. “Wir haben nun Bestätigung vom Krankenhaus, dass bei einem der beiden Gewehrfeuerstöße, die wir hörten, ein Mädchen niedergeschossen und getötet wurde”, so Hansen. Das Mädchen hieß Rawan Abu Zeid. Es war 3 Jahre alt und stammte aus Rafah. Ihre Altersgenossen sagen, auf dem Weg zum Süßwarenladen sei Rawan gehüpft. Zwei Kugeln trafen sie - eine in den Kopf, die zweite ins Genick. Wurde sie wohl auch in jene Behelfsleichenhalle geschafft? Oder war für ihren kleinen Körper noch irgendwo Platz im lokalen Krankenhaus?

Diesmal will ich eine Antwort: Was sollen die Palästinenser tun, um sich der israelischen Besatzung zu widersetzen - ohne für ihr eigenes Elend verantwortlich gemacht zu werden? Selbstmordbomben rechtfertigen eine so gewaltsame israelische Reaktion; gegen Besatzungssoldaten kämpfen rechtfertigt eine so gewaltsame israelische Reaktion; friedlicher Protest, sich angstvoll mit der Familie im eigenen Haus zusammendrängen oder ein Stück Candy vom nahen Laden kaufen rechtfertigt eine so gewaltsame israelische Reaktion. Natürlich will man, dass wir uns nicht um die palästinensischen Opfer scheren. Wir sollen uns nicht fragen: Wer sind sie? Wer muss für ihren Tod bezahlen? Und nur Wenige von uns wollen herausfinden, was man für jene tun kann, die das Glück hatten, den Kugeln und den Bulldozern zu entgehen. Stattdessen geben wir uns enthusiastisch der Analyse möglicher Motive Ariel Scharons hin - als ob dieses sinnlose Morden irgendeine Logik haben könnte.

War der Grund für die Tötungen etwa schlicht Rache? Handelte es sich um eine neue Kampagne der “ethnischen Vertreibung” in der Grenzregion zu Ägypten - weil man eine weitere israelische “Sicherheitszone” schaffen will? Oder war es ein Muskelspiel - man denke an den Südlibanon-Komplex, das Gefühl der Niederlage -, vor einem Teilabzug aus Gaza?

Was immer die Motive sind, Fakt ist, Scharon wird nicht aufhören, Palästinenser zu morden, straffrei. Und seine Logik, wie verschroben auch immer, wird obsiegen, solange die US-Regierung ihn weiter mit jenen Waffen, jenem Geld und jener politischen Unterstützung versorgt, die nötig sind, dem internationalen Recht die Stirn zu bieten. Scharons Opfer behalten ihren Platz unter den “unwichtigen Menschen”. Und sollten sie es auch nur wagen, sich gewaltsam Luft zu verschaffen, wird man sie rügen - schließlich verlassen sie damit den Pfad der Lehren Gandhis und Martin Luther Kings.

In wenigen Tagen wird ‘Rafah’ Platz machen für wichtigere Schlagzeilen. Vielleicht noch ein paar Tage, und ein neuer fremdartig klingender palästinensischer Name wird im Zusammenhang mit etwas Tragisch-Tödlichem genannt - zusammen mit einer langen Liste vorgetäuschter israelischer Rechtfertigungen und ein oder zwei Zitaten Präsident Bushs, der sich auf Fundraising-Tour befindet: “Israel hat das Recht, sich zu verteidigen”. Die Leichenhallen Rafahs werden sich leeren, und verstaubte gelbe Bulldozer werden die Trümmer der 230 zerstörten Häuser wegräumen.

Welche Leichenhalle wird sich als Nächstes füllen? Schwer zu sagen. Die Flüchtlinge im zerstörten Lager - zurückgelassen auf den Trümmern ihrer Häuser mit dutzenden Totenscheinen und hunderten Verletzten, die versorgt werden müssen -, so seltsam das klingen mag, sie haben einen Weg gefunden, damit umzugehen. Erstens glauben sie hartnäckig, dass es auf Erden Millionen Menschen gibt, denen sie nicht egal sind. Irgendwo auf der Welt protestiert jemand für ihre Rechte, ihre Freiheit, und schon “füttert” sie das mit der dringend benötigten Hoffnung für den nächsten Tag.

Moawiya Hassanein ist Arzt in Gaza-Stadt. Kürzlich sagte er in Gazas ‘Voice Of Freedom Radio’: Im selben Zeitraum, als 40 Palästinenser in Rafah starben, wurden 39 neue geboren. “Ich bin darüber so glücklich, denn die Geburten waren in gewisser Weise Kompensation für den Verlust an Menschenleben”, so Hassanein. Eine palästinensische Freundin - weit weg von der Heimat - sagte zu mir, als sie die Bilder der Rafah-Opfer sah, hätte sie eine Art Stolz empfunden - sehr seltsam und überwältigend. Sie sagt: “Wäre ich nicht als Palästinenserin geboren, ich hätte es mir (in diesem Augenblick) gewünscht”. Ich verstand. Ich fühlte ebenso.

Ramzy Baroud - ein palästinensisch-amerikanischer Journalist

Anmerkung d. Übersetzerin:

1 AIPAC - offizielle Pro-Israel-Lobby in den USA (American Israel Public Affairs Committee)

2 Siehe Amira Hass: ‘Zwei Berichte über das Rafah-Massaker’

Quelle: ZNet Deutschland vom 03.06.2004. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “Celebrating Life in Rafah”

Veröffentlicht am

04. Juni 2004

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