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Kriegsverbrechen - Zwischen Al Zeitoun (Gaza) und Rafah

Von Tamar Gozansky 1

Ich schaute zusammen mit dem Leiter der Internen palästinensischen Sicherheit in Gaza City, Rashid Abu Shbak, auch Abu Khatem genannt, die schauderhaften Fernsehbilder von verletzten Kindern und Jugendlichen an, die nach Schutz suchten, und vom Rauch von den Geschossen [Abu heißt übrigens Vater - viele Araber werden statt mit dem Nachnamen des Vaters, als Nachname mit dem Namen ihres ältesten Sohnes genannt: in diesem Fall Vater von Khatem].

Abu Shbak wies die Ausreden der Sharonregierung zur Rechtfertigung ihrer blutigen Invasion von Rafah zurück. Er sagte: “Die israelische Armee kämpft seit drei Jahren erfolglos gegen die Tunnel. Das offizielle Israel lügt, wenn sie behaupten, dass die palästinensische Verwaltung [Palestine Authority - PA] Waffen durch die Tunnel einschmuggelt. Wir schlugen Israel vor, die PA sich um die Tunnelfrage kümmern zu lassen. Vor neun Monaten unternahmen wir einige Schritte um die Tunnel zu schließen. Aber nachdem wir einen Tunnel schlossen, der in einem bestimmten Haus endete, hat die israelische Armee das Haus zerstört und auf unsere Leute geschossen.

Vor einem Monat haben wir Waffen konfisziert und Schmuggler fest genommen. Sechs davon sind noch inhaftiert. Aber trotz dieser Maßnahmen, die wir unternommen haben, hat die israelische Armee diesen Häuserblock in Rafah zerstört.

Unser Schluss ist, dass die Sharonregierung nicht möchte, dass die PA etwas unternimmt. Sie suchen nur Ausreden, um ihre Aggression zu rechtfertigen.

Vor etwa zehn Tagen drangen israelische Truppen in den Bezirk Al Zeitoun in Gaza ein, wo es keine Tunnel gibt. Hier war die Ausrede “die Suche nach Drehbänken” (die verwendet werden, um Qassam Raketen herzustellen), obwohl es evident ist, dass man nicht viele Panzer und Soldaten sendet, um ein paar Drehbänke zu zerstören. Im Al Zeitoun Viertel endete diese brutale Operation mit 17 toten Palästinensern und 150 Verletzten. Ich bin überzeugt dass, wenn wir nicht die Leichen (von den getöteten israelischen Soldaten) zurückgegeben hätten, das Töten weiter gegangen wäre. Das beweist die Invasion in Rafah. Die militärische Operation in Tel Al Sultan (Stadtteil von Rafah) hat mit den Tunneln nichts zu tun. Dieses Viertel ist nicht Teil des
Flüchtlingslagers und ist drei bis vier Kilometer von der ägyptischen Grenze entfern. Wenn es dort irgendwelche “gesuchten” Palästinenser gegeben hat, sind sie bestimmt schon längst fort.

Deswegen muss ich schließen, dass die israelische Armee ganz andere Interessen verfolgt: seine Übermacht zu demonstrieren und die palästinensische Bevölkerung zu demoralisieren.

Als die israelische Armee in Rafah einfiel, wurde der Strom unterbrochen, viele Wasserleitungen wurden durch die Panzer zerstört und sogar die Pumpstation der Kläranlage wurde gesprengt. Das geschah trotz der Bitten des Rafah-Bürgerkomitees, die notwendige Pumpe nicht zu schädigen.

Das ist Missbrauch einer ganzen Bevölkerung.

Die Invasion in Teile von Gaza und Rafah stärken den Hass und stellen weitere Hindernisse in den Weg des “Friedensprozesses”. Aber trotz der hohen Zahl der Opfer und dem verstärkten Leid kann die IDF nicht gewinnen.

Al Zeitoun, neun Tage nach dem Angriff

Neun Tage nach dem israelischen Angriff ist Al Zeitoun nicht mehr was es war. Die Hauptstraße war eine vierspurige Straße mit einem Betonstreifen zwischen den Fahrtrichtungen. Auf diesem Streifen standen Lampenmasten und Bäume. Auf beiden Seiten der Straße standen drei- bis fünfgeschossige Häuser. Im Erdgeschoss waren Läden, Garagen und Büros. Sie existieren nicht mehr.

Wo die Asphaltstraße war, ist jetzt eine unebene Sandpiste voller Betonbrocken. Viele Läden sind jetzt durch Sperrholz oder Blech geschlossen, nachdem sie Opfer der Panzer wurden. Die Reste eines fünfstöckigen Hauses füllen die Südseite der Straße, als wäre es von einem Erdbeben getroffen. In den Ruinen kann man die zerbrochenen Symbole unserer materiellen Zivilisation sehen: kaputte Kühlschränke, Fernseher, zerschmetterte Waschmaschinen und zerstörte Möbel.

Die Explosion, die dieses Haus zerstörte, hat auch Nachbarhäuser getroffen. Hier sieht man einen Balkon, der noch an den Montiereisen hängt und Wandsegmente, die im Begriff sind, sich vom Haus zu trennen. Vor den Überresten dieser ehemaligen Wohnung stehen drei kleine Zelte,
wo die Ashourfamilie jetzt wohnt. Der Familienälteste, Hassan Ashour erzählt mit leiser Stimme von den Ereignissen des 11. Mai, als die Armee die Kontrolle des Viertels übernahm. “Von 1956 an arbeitete ich außerhalb, in der Diaspora, um für meine Familie zu sparen. 1994 kehrte ich nach Gaza zurück und baute dieses fünfstöckige Haus, in dem wir zu acht Familien wohnten.

In der Nacht des 11. Mai drangen die Israelis in das Al Zeitoun-Viertel ein. Um Mitternacht klopften Soldaten an die Türen. Wir hatten zu viel Angst um zu öffnen. Sie brachen die Tür durch Sprengstoff ein. Acht Soldaten drangen in meine Wohnung ein. Sie schlugen die Jugendlichen, meine Familie, vier Brüder und einen Neffen, mit ihren Gewehrkolben. Einer wurde so schlimm getroffen, dass er medizinische Behandlung brauchte.

Dann fesselten sie die Jungen und führten sie weg. Wir neun, die übrig blieben, wurden in eine Waschraum von 6m² gezwängt. Wir blieben den ganzen Tag in diesem winzigen Raum. Um 21 Uhr wurde uns befohlen, die Kinder anzuziehen und das Gebäude zu verlassen. Die Frauen nahmen ein paar Kleidungsstücke, aber wir konnten nicht einmal unsere Dokumente mitnehmen. Die Soldaten sagten, der Sprengstoff war dort schon gelegt worden.

Um 23.30 Uhr haben die Soldaten das Haus gesprengt. Es fiel auf unseren Besitz zusammen. In der Garage im Erdgeschoss war ein nagelneuer Mercedes Taxi. Ich fuhr es, es war die Einkommensquelle der Familie. Es steht noch unter den Trümmern.

Meine vier Söhne konnten am folgenden Tag zurückkommen, aber mein Neffe Omar Alian Ashour, ein Student dessen Eltern in Qatar leben, wurde festgehalten. Nach Information des Roten Kreuzes wurde er zum Ashkelongefängnis gebracht.

Jetzt haben wir nichts mehr. Kein Haus, keine Möbel, kein Besitz und kein Taxi. Wir stehen mit leeren Händen da und ich sorge mich um die Kinder. Wie soll ich sie ernähren, erziehen, ihre Bedürfnisse befriedigen?

Die Eltern haben den Schock der Zerstörung ihres Hauses noch nicht überwunden. Nur die kleinen Kinder sitzen etwas weiter entfernt von der früheren Stätte des Hauses auf einem Sandhaufen und lächeln uns zu.

Was sucht Israel in Gaza?

Während meines ganzen Aufenthalts in Gaza wurde ich von einem hochstehenden Sicherheitsbeamten begleitet, Mr. Mahmood Faraj, Abu Nabil. Er sprach gut hebräisch, das er während 15 Jahre Gefangenschaft in Israel gelernt hatte. Er war mit 16 festgenommen worden. Abu Nabil kennt sich gut aus in der israelischen Politik und kennt viele israelische Beamte und Journalisten. Er liest jeden Tag israelische Zeitungen. Von seiner Wohnung in Gaza aus kann man über den Zaun zur israelischen Seit blicken.

Trotz der horrenden Gräueltaten, die Israel ausgeübt hat und das Fehlschlagen der Abu Mazen-Regierung, ist Abu Nabil überzeugt, dass es keine andere Lösung gibt, als zu Verhandlungen zurück zu kehren. Er sorgt sich wegen der Verzweifelung, die sich seines Volkes ermächtigt. Damit die Palästinenser den Frieden unterstützen, muss man Maßnahmen einsetzen, die das Leben stützen und trösten. Das geschieht aber nicht, sagt er.

Abu Nabil artikuliert die Fragen, die viele stellen: “Was sucht ihr Israelis in Gaza, das dichtbevölkertste Gebiet der Erde, wo sogar das Grundwasser salzig ist und es kaum Arbeitsmöglichkeiten gibt?”

Er hat recht. Die Israelis haben in Gaza nichts zu suchen, außer den verdrehten Wunsch des gegenwärtigen militärischen und politischen Establishments, ein anderes Volk zu kontrollieren, ihr Land zu stehlen und ihr Leben zu verbittern.

Anmerkung:

1 Tamar Gozansky ist ehemaliges Mitglied der Knesset und Mitglied des politischen Büros der Israelischen Kommunistischen Partei. Er hat Gaza am 19. Mai 2004 besucht.

Quelle: Brief-aus-Israel vom 27.05.2004. Übersetzung des Artikels aus dem Englischen: Anka Schneider, leichte Bearbeitung von Michael Schmid.

Der Brief-aus-Israel ist ein möglichst täglicher Rundbrief von Anka Schneider mit Berichten aus Palästina, meist von Augenzeugen, entweder von Aktiven des International Solidarity Movement (ISM) oder von Israelis, die sich für die Palästinenser engagieren. Die Berichte kommen entweder von der ISM oder von Dorothy Naor, von der Frauenorganisation New Profile, die sich gegen die Militarisierung Israels wendet. Wer die Berichte regelmäßig erhalten möchte, sende eine leere Email an: Brief-aus-Israel-subscribe@yahoogroups.de .

Veröffentlicht am

28. Mai 2004

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