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Arundhati Roy knüpft an Gandhis gewaltfreien Widerstand an

Von Michael Schmid

Die Rede der bekannten Schriftstellerin und Aktivistin Arundhati Roy beim Weltsozialforum in Indien (17.-21. Januar 2004) hat großes Aufsehen erregt. In der Presse hierzulande wurde überwiegend herausgestrichen, dass Roy zum aktiven militärischen Widerstand gegen die US-Besatzung im Irak aufgerufen hätte. Dies veranlasste einige Vertreter von Attac oder von Friedensorganisationen, sich von Roy öffentlich zu distanzieren. Dabei stützten sie sich offensichtlich nur auf die über die Medien übermittelten Zitate der Schriftstellerin.

Wenn man die ganze Rede von Arundhati Roy im Wortlaut liest, kommt man eher zu einem anderen Schluß. In ihrem Plädoyer für die Diskussion der Strategien der weltweiten sozialen Bewegungen betont sie, es müsse dabei um reale Ziele gehen, mit denen wirklicher Schaden angerichtet werden könne. Dabei bezieht sie sich ausdrücklich auf Gandhis gewaltfreien Widerstand. Der von ihm organisierten Salzmarsch sei kein politisches Theater gewesen. Als in einem Akt von Ungehorsam tausende Inder das Gesetz der Salzsteuer gebrochen hätten, sei dies ein direkter Schlag gegen den ökonomischen Unterbau des britischen Empires gewesen. Die globalisierungskritische Bewegung dürfe “gewaltfreien Widerstand nicht zu ineffektivem, wohlgefälligem politischen Theater verkümmern lassen. Er ist eine sehr kostbare Waffe, die ständig geschärft und justiert werden muß. Es darf nicht erlaubt werden, daß sie lediglich zum Spektakel, zu einer Fotomöglichkeit für die Medien wird.”

Dann warf A. Roy einen kurzen Blick auf den Irak, in dem sie gerade nicht zum bewaffneten Widerstand aufrief: “Die Frage ist nicht, den Widerstand in Irak gegen die Besatzung zu unterstützen oder zu debattieren, wer genau zum Widerstand in Irak gehört (Sind sie alte Baath-Killer? Sind sie islamische Fundamentalisten?). Wir müssen der globale Widerstand gegen die Besatzung werden. Unser Widerstand muß mit der Zurückweisung der Legitimität der US-Okkupation Iraks beginnen. Das bedeutet Handeln, um es dem Imperium unmöglich zu machen, seine Ziele zu erreichen. Es bedeutet, Soldaten sollten sich weigern zu kämpfen, Reservisten sich weigern, eingezogen zu werden. Arbeiter sollten es ablehnen, Schiffe und Flugzeuge mit Waffen zu beladen…”

Als Mittel führt Arundhati Roy hier also ausdrücklich gewaltfreie an. Und ebenso gewaltfrei ist ihr abschließender Vorschlag, eine weltweite Boykottkampagne gegen zwei vom Irakkrieg profitierende US-Konzerne durchzuführen.

Bevor Arundhati Roy dann am Sonntagabend mit einer weiteren Rede beim Weltsozialforum in Bombay begann, stellte sie einen Punkt klar: Sie unterstütze ausschließlich gewaltfreien Widerstand, sagte sie.

Die Aufregung um die Rede von Arundhati Roy zeigt in jedem Fall, wie wichtig die Debatte um die Form des Widerstandes in Irak und anderswo ist. Bahman Nirumand schreibt dazu in einem interessanten Kommentar ( “Die Besatzer müssen raus” ) in der taz vom 21.01.2004 u.a.:

“Die USA haben bewusst die Weltöffentlichkeit falsch informiert und unter dem Vorwand, Irak besitze Massenvernichtungswaffen, das Land besetzt und in ein Chaos gestürzt. Die amerikanisch-britische Invasion, verbunden mit ungeheuren Demütigungen und Erniedrigungen, hat in der gesamten Region tief sitzende Narben aufgerissen, die so bald nicht heilen werden. Kein Wunder, dass die Anschläge, soweit sie sich gegen die USA und Großbritannien richten, Schadenfreude erzeugen. Der Scherbenhaufen, den die Besatzer angerichtet haben, ist ein Hohn auf die Zivilisation, die sie angeblich dem irakischen Volk bescheren wollen. Der Widerstand gegen diese Besatzer ist mehr als legitim. So weit bin ich mit Arundhati Roy einig.

Problematisch wird aber die Antwort auf die Frage, welchen Widerstand man unterstützen sollte und mit welchem Ziel. Die Geschichte bietet ausreichend Beispiele dafür, dass die Gewalt und Widerstandsformen wie Selbstmordattentate nicht zur Freiheit und Demokratie führen. Zudem muss gefragt werden, wer hinter den Anschlägen steckt. Sollte es sich dabei tatsächlich um Anhänger von Saddam Hussein oder um Angehörige von al-Qaida handeln, dann ließe sich ihre Unterstützung durch kein einziges Argument legitimieren.

Wie sieht es aber mit dem zivilen Widerstand aus, gibt es unter der politisch, ethnisch, religiös heterogenen irakischen Bevölkerung gesellschaftliche Kräfte, die für Demokraten als Bündnispartner in Frage kämen? Wohl kaum. Woher sollten diese Kräfte auch kommen? Die jahrzehntelange Diktatur schloss jedes Bestreben nach Freiheit und Demokratie aus. Und Demokratie kann nicht über Nacht entstehen, sie lässt sich auch nicht von oben verordnen, schon gar nicht durch eine Besatzungsmacht. Die zwangsweise Vorwegnahme eines gesellschaftlich-politischen Prozesses, der eigentlich im Kampf gegen die Diktatur zur Bildung von demokratischen Kräften hätte führen sollen, wird für das irakische Volk weit reichende Folgen haben. Und diese Folgen werden umso schwerer, je länger die Besatzung dauert. Daher müssen die Okkupanten so rasch wie möglich das Land verlassen.

Das ist eine Forderung, die vom überwiegenden Teil der irakischen Bevölkerung gestellt wird und die die gemeinsame Grundlage aller irakischen Widerstandsgruppen bildet. Mit dieser Forderung können sich auch Demokraten außerhalb Iraks identifizieren. So gesehen, wäre nach meiner Auffassung Roys Aufforderung ‘Wir müssen zum Widerstand werden’ völlig korrekt, umso mehr, weil alles, was dem Irak widerfahren ist, sich demnächst in Syrien und Iran wiederholen könnte.

Die Weltbevölkerung sollte endlich den Strategen im Weißen Haus klar machen, dass eine militärische Übermacht kein Land dazu berechtigt, andere Länder zu überfallen und ihnen zu diktieren, welches politische System sie zu akzeptieren haben. Schließlich gibt es so etwas wie ein Völkerrecht - auch wenn die USA es oft genug missachtet haben.”

Die Rede von Arundhati Roy am 16.01.2004 beim 4. Weltsozialforum in Mumbai im Wortlaut: Feiertagsproteste stoppen keine Kriege

Jürgen Grässlin hatte in seiner Funktion als DFG-VK-Bundessprecher am 19.1.04 eine Presseerklärung “DFG-VK fordert den Ausstieg aus der militärischen Logik und die Rückbesinnung auf Mahatma Gandhis gewaltfreien Widerstand. Friedensorganisation distanziert sich von den Äußerungen der Globalisierungskritikerin Arundhati Roy” verfasst. Diese Erklärung war nicht unumstritten, wurde zum Teil auch heftig kritisiert. In einem OFFENEN BRIEF vom 22.1.03 nimmt Grässlin nun nochmals ausführlich Stellung zur Rede von Arundhati Roy auf dem Weltsozialforum, zu seiner Presseerklärung und zu Widerstandsformen der Globalisierungsbewegung.

Ein paar Links zu weiteren Kommentaren im Anschluss an die Roy-Rede:
>> Irak-Widerstand spaltet Kritiker - Hannes Koch, in: taz vom 19.01.2004
>> Kriegserklärung der Kämpferin - Rainer Hörig, in: taz vom 19.01.2004
>> Vom Protest zum Widerstand? - Peter Nowak, in: Telepolis vom 20.01.2004
>> Arundhati Roy: Fragwürdige Botschaft, verständliche Wut - Klaus Werner, in: derStandard.at vom 22.01.2004
>> “Arundhati Roy” im Krieg der Medien - Alfred Schobert, in: graswurzelrevolution 286 vom Februar 2004.

Berichterstattung vom Weltsozialforum in Mumbai/Indien:
>> Auf dem mehrsprachigen alternativen Medienportal attac.info sind aktuelle Berichte vom WSF zu finden, u.a. in deutsch.

>> Direkt zu www.weltsozialforum.org , die deutschsprachige Webseite über das WSF - das deutschsprachige Informationsportal zur weltweiten Sozialforum-Bewegung.

Veröffentlicht am

20. Januar 2004

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