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Porträt von Saddam: Gewaltpolitiker

Von Karl Grobe

Saddam Hussein stammte aus der Dorfarmut von al-Auja nahe der Provinzstadt Tikrit. Die Bagdader Militärakademie nahm ihn nicht auf: Der 1937 geborene Bewerber scheiterte, weil er auf dem Dorf zu wenig Bildung erworben hatte. Die Ablehnung wegen mangelnder Qualifikation ebnete den Weg zum Gewaltpolitiker.

Es waren die 50er Jahre, als gerade noch König Feisal II. herrschte und Premier Nuri es-Said regierte, Irak dem westlichen Lager angehörte und politisch zerrissen war. Aus Kurden, schiitischen und sunnitischen Arabern eine Nation zu bilden, war britischen Protektoren und haschemitischen Monarchen nicht gelungen. Beduinen und städtische Intelligenz, kaufmännischer Mittelstand und rasch wachsendes Proletariat in Ölindustrie und Verkehrswesen bekämpften einander erbittert. Die Armee schien einziger Faktor des Zusammenhalts. In sie einzusteigen, war für intelligente Bauern- und Arbeitersöhne das Mittel zum Aufstieg.

Dieser Einstieg blieb Saddam verwehrt. Er verstand sich fortan, knapp 20-jährig, als Revolutionär und verübte seinen ersten politischen Mord: In Tikrit erschoss er einen kommunistischen Funktionär. Ein Jahr später beteiligte er sich an seinem ersten Putsch gegen Militärdiktator Karim Kassem. Der Putsch scheiterte, Saddam wurde leicht verwundet; ein erster Teil der Heldenlegende entstand da.

Im Ramadan-Putsch von 1963 wurde Kassem gestürzt. Kurze Zeit regierte die Baath-Partei mit, der Saddam inzwischen angehörte; er betätigte sich als Verhör-Offizier (genauer: Folterer) im ehemaligen Königspalast. Im Oktober 1964 wurde er verhaftet; oft hatte die Macht in Bagdad gewechselt, nun war sie gerade in der Hand der Offiziersgruppe um Abdul Salem Aref. In den Wirren nach dessen Unfalltod 1966 floh Saddam. Sein Verwandter, Parteichef Hassan al-Bakr, nahm ihn unter seinen Schutz und vertraute ihm den Aufbau der bewaffneten Untergrundorganisation der Partei an, die Keimzelle des Geheimdienstes. Dieser Machtfaktor sollte in der Familie bleiben.

Am 14. Juli 1968 putschte die Baath-Militärorganisation das Regime des Aref-Bruders Abdul Rahman weg. Saddam, weiter mit Geheimsachen befasst, “entlarvte” israelische Spione, angeblich putschlüsterne Offiziere, kritische Intellektuelle und räumte die Rivalen seines Gönners Hassan al-Bakr aus dem Weg. 1973 wurde Saddam Vizepräsident und galt schon als heimlicher Regent. Den Besuch des sowjetischen Premiers Alexej Kossygin im April 1972 hatte er mit vorbereitet, ebenso die Verstaatlichung der Ölquellen von Kirkuk acht Wochen danach; die Mitglieder der Kommunistischen Partei bewog er zum Eintritt in die Baath-Partei, um sie so sicherer kontrollieren und ausschalten zu können. Er schaffte sich alle möglichen Rivalen im Revolutionären Kommandorat vom Hals, sie zum Teil eigenhändig tötend.

Saddam setzte Hassan al-Bakr am 16. Juli 1979 ab. Dessen Anhänger in der engeren Parteiführung ließ Saddam umgehend erschießen. Es war kurz nach der Islamischen Revolution im Nachbarland Irak. Die gab dem nun allein herrschenden, sich zum Vorkämpfer eines säkularen arabischen Staats stilisierenden Saddam den Anlass, den Staat Khomeinys vom 22. September 1980 an mit einem Krieg zu überziehen. Was den USA gefiel.

Am 17. Dezember 1983 flog ein Sonderbotschafter von US-Präsident Ronald Reagan in Bagdad ein und knüpfte ersprießliche Geschäfte an, so über allerlei Schießzeug und zum Aufbau einer Industrie, die C-Waffen herstellen konnte. Der Reagan-Emissär hieß Donald Rumsfeld. Es regte sich kein Protest in den USA, als Saddam Giftgas gegen die iranische Armee und 1988 gegen aufständische Kurden in Halabja einsetzen ließ; erst 14 Jahre später machte das ein anderer US-Präsident zum Anklagepunkt.

Saddams Krieg gegen Iran endete mit einem Unentschieden, hunderttausenden Kriegstoten und hoher Staatsverschuldung. Der Diktator glaubte, von Kuwait eintreiben zu können, was ihm zustand, verstand Äußerungen der US-Botschafterin April Glaspie als Ermutigung und überfiel im August 1990 Kuwait. Den folgenden Krieg der UN-Allianz unter Führung Washingtons verlor seine Armee. Sein Volk verlor auch den Frieden, wenn es denn einer war: Das Embargo, das die Vereinten Nationen verhängten, hatten alle mit dem Rückfall in vorindustrielle Zustände zu bezahlen.

Alle - außer Saddams Familienclan. Der hat seine Söhne und Vettern an die Schaltstellen der Macht gesetzt. Der Gewaltpolitiker erkaufte sich die Loyalität der Führer einiger anderer Clans durch Teilhabe an den Gewinnen, die der Schmuggel abwarf. Das stabilisierte die Diktatur noch zehn Jahre lang.

Saddam hatte längst begonnen, sich für das zu halten, was seine Schmeichler von ihm behaupteten: ein unfehlbarer Führer. Abgetreten ist er als ein Gescheiterter, als Flüchtling unweit von Tikrit, nahe dem Dorf, aus dem er stammte.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 15.12.2003. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Hinweise:

1. Zum Thema “Irak” finden sich zahlreiche Texte auf der Lebenshaus-Website >> “Irak”

2. Die Frankfurter Rundschau hat ein reichhaltiges Archiv mit Artikeln zum Krieg und nach dem Krieg angelegt >> “Irak nach dem Krieg”

Veröffentlicht am

16. Dezember 2003

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