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Nach der Festnahme: Mythos Saddam

Von Karl Grobe

Saddam Hussein ist gestellt worden. Die Besatzungsarmee atmet auf; ein Ziel des Krieges ist erreicht. Legenden und Gerüchte hatten Saddam Hussein, der politisch schon längst nicht mehr lebte, zu einem Phantom gemacht. Untote dieser Art spuken und drohen wie Cäsars Geist: Bei Philippi sehen wir uns wieder. Philippi konnte überall in Mesopotamien sein.

Saddam war der Wiedergänger, der in Albträumen die Gefolterten nochmals per Tonband heimsuchte, Rückkehr an die Macht androhend, so irreal das war. Anderen ist er in Erinnerung als der schlecht Regierende, unter dem alles dennoch besser war als in der elenden Gegenwart. Alte Mythen wurden neu formuliert, weitere werden geschaffen werden.

Das Bild des schlechthin Bösen ist allgegenwärtig. Gezeichnet haben es die Sieger und die Opfer seines Regimes. Die unter seiner Diktatur gelitten haben, konnten ihn nicht anders wahrnehmen. Doch die USA haben ihn einst selbst aufgebaut, wissend, wen sie sich zum Verbündeten erkoren. Aber sie verschwiegen ihr Wissen, weil sie ihn brauchten, woran Donald Rumsfeld, der 1983 die Freundschaft zwischen dem Bagdader Diktator und der Washingtoner Administration stiftete, sich nicht gern erinnern lässt.

Den Diktator umwarb auch die Sowjetunion. Parteichef Leonid Breschnew nahm kaum Anstoß an der Verfolgung der irakischen Kommunisten, die Saddam Hussein foltern, verstümmeln und ermorden ließ, als er sie nicht mehr brauchte, um seine Macht zu festigen. Alles war verziehen oder wenigstens gnädig übersehen um strategischer Interessen willen, ob Giftgaskrieg gegen Kurden, Ermordung arabisch-nationalistischer Offiziere oder schiitischer Geistlicher. Globalstrategen urteilen nach dem Grundsatz der Nützlichkeit. Saddam Hussein muss sich daher im Glauben gewiegt haben, er dürfe und folglich könne er auch alles, insbesondere: Führer der arabischen Nation werden. An diesem Mythos hat er seine Hagiographen arbeiten lassen. Hussein, der neue Saladin; Hussein, der Vorkämpfer der Entrechteten. Die angeordnete Überhebung kehrte zurück ins Bild, das er sich von seiner eigenen Person machte. Da er beliebig töten konnte, glaubte er den gehorsam zitternden Schmeichlern, dass er unsterblich sei. In der Umkehrung, seit dem Sieg der USA leisteten im Wesentlichen nur Saddam-Getreue Widerstand, ist dieser Mythos noch enthalten.

Daraus kann ein weiterer Mythos wachsen. Vor 1980, und noch während des Krieges gegen Iran, war Irak zum Industriestaat aufgestiegen, hatte die Einnahmen aus den 1972 und 1973 verstaatlichten Erdölfeldern investiert in Bildung und Gesundheit, Städtebau und zivilisatorische Erschließung. Die Nachbarstaaten hatte Irak in vieler Hinsicht weit überholt. Die Erinnerung daran ist nicht vergangen, sie überlagert vielleicht schon die Erinnerung an die Despotie. Auf diesem Grund kann mythische Verklärung wachsen. Dann wird Saddam Hussein zur Figur stilisiert, die so lange Wohltaten für das Volk bewirkt hat, bis Krieg und Embargo alles wieder zunichte machten.

Die Ergreifung Saddams wird nichts Entscheidendes daran ändern, dass die ungewählten Mitglieder der Übergangsverwaltung verachtet und die Besatzungstruppen dort verhasst sind, wo sie die Überhebung des Siegers herausgekehrt haben. Fast überall also. Gelingt nicht rasch ein bedeutender Wirtschaftsaufschwung, gewinnt das Volk nicht schnell die Gewissheit der Rückkehr zu materiellem Wohlstand und nationaler Würde, so wird Saddam Hussein womöglich zu dem Helden, der er nie gewesen ist. Dann steht er zwischen dem Volk und der Zukunft; dann ist verspielt, was Freiheit sein könnte, und nur die eine Wahl steht noch offen - Besatzung, die weiter polarisiert, oder Kampf aller gegen alle, in dem der Mythos stärker und stärker wird und die reale Vergangenheit erschlägt.


Quelle: Frankfurter Rundschau vom 15.12.2003. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Hinweise:

1. Zum Thema “Irak” finden sich zahlreiche Texte auf der Lebenshaus-Website >> “Irak”

2. Die Frankfurter Rundschau hat ein reichhaltiges Archiv mit Artikeln zum Krieg und nach dem Krieg angelegt >> “Irak nach dem Krieg”

Veröffentlicht am

16. Dezember 2003

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