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Immer weitere Tote und Verletzte im Irak - Nicht jeder verhallte Protest ist sinnlos!

Von Michael Schmid, Ansprache bei einer Mahnwache gegen Krieg und für Gerechtigkeit und Frieden am 1. Oktober 2003 in Gammertingen.

Herzlich willkommen zu unserer heutigen Mahnwache gegen Krieg und für Gerechtigkeit und Frieden.

Ich möchte heute zum einen Blick auf die Situation im Irak werfen, zum anderen etwas zum Thema Zivilcourage vortragen.

Der Krieg im Irak ist zu Ende? So hat es Präsident Bush Anfang Mai ausgerufen. Und weltweit wird davon ausgegangen. Allerdings gibt es seit dem proklamierten Kriegsende außer vielen getöteten Soldaten ein Vielfaches an zivilen Opfern. Bei genauem Hinschauen muss gesagt werden: der Krieg ist weiter in vollem Gange. Tag für Tag verlieren Menschen im Irak als Resultat der Besatzung ihr Leben.

Allerdings ist die absolute Zahl an toten SoldatInnen für die US-Regierung weniger schlimm als jedes Ereignis, das die Erinnerung an die tödliche Mission wachruft und die Eltern der jungen SoldatInnen an die unglückselige Zeit des verlorenen Vietnamkriegs mahnt. Wenn die Todesfälle auch tragisch sind, so sind sie für die Falken in Washington hinnehmbar. Denn aus militärischer Sicht sind die inzwischen knapp 400 gefallenen eigenen Soldaten der Beweis für die hervorragende amerikanische Kriegsführung (siehe “Die verheimlichte Seite des Irak-Krieges” ).

Über diese Zahl der Toten entgeht der Öffentlichkeit, dass allein aus dem Irak inzwischen mehr als 1.600 verwundete amerikanische Soldaten ausgeflogen wurden. Die Betroffenen leiden an schweren Verletzungen. Solange körperliche und mentale Schäden des Krieges nicht gleichrangig zum Tod im Felde bewertet werden, handelt es sich bei ihnen “nur” um Gesundheitskosten. Dazu zählen körperliche und psychische Versehrtheit, der Verlust von Körperteilen oder die Unfähigkeit, alleine zurecht zu kommen.

Die ersten 100 SARS-Erkrankungen ließen die Welt erbeben. Ein militärisches Geheimnis sollen hingegen mehr als 100 US-Soldaten bleiben, die seit Kriegsbeginn an einer unerklärlichen Lungenerkrankung leiden: zwei von drei Betroffenen müssen künstlich beatmet werden und jeder Zweite stirbt. Ob nach Landstuhl ausgeflogen oder in die USA: die Truppenärzte sind weitgehend ratlos.

“Classified”, für geheim erklärt, sind inzwischen auch Berichte über das ungewöhnliche Verhalten von Soldaten nach dem Einsatz. Vor einigen Monaten sickerte durch, dass mehrere Afghanistan-Heimkehrer sich und zum Teil auch ihre Ehefrauen umgebracht haben. Die Scheidungsrate nach der Rückkehr vom mehrmonatigen Einsatz soll nach unbestätigten Angaben über 70 Prozent betragen. Als über die Vorkommnisse berichtet wurde, vermuteten Ärzte und Psychologen, dass die Gabe von Drogen, mit denen die Elitesoldaten “gepampert”, also quasi “verwöhnt” werden, zur Wesensveränderung geführt haben. Anlässlich der versehentlichen Bombardierung kanadischer Truppen durch zwei US-Piloten wurde der zuständige Kommandeur mit den Worten zitiert: “Alle Kampfpiloten nehmen Drogen - wegen der Übelkeit durch die abrupten Flugbewegungen, und weil sie ausreichend “alert” bleiben müssen”.

Soeben berichten Mediziner in einem Fachblatt, dass sich der Gehirnschwund bei Soldaten aus dem 1.Golfkrieg (1991) häuft. Ob nukleare Munition und Strahlenschäden, oder sonstige “moderne” Waffen: es handelt sich hier um Veränderungen, die erst nach zehn und mehr Jahren aufkommen und heute als bedauerliche Auswirkungen der früheren politischen Entscheidungen kommentarlos hingenommen werden, nachdem die Früherscheinungen zuvor jahrelang abgestritten wurden.

Es gibt also unter US-SoldatInnen aktuelle und langfristige Folgen aufgrund ihrer Kriegsteilnahme, die in der Öffentlichkeit kaum Beachtung finden. Und es gibt im Irak wenig beachtete zivile Opfer. So sind dort sei Anfang Mai ? dem von Bush erklärten Kriegsende ? tausende irakischer Zivilisten durch Gewehrfeuer und andere Formen der Gewalt umgekommen.

Ich möchte aus einem Interview zitieren, das Juan Gonzalez vom unabhängigen nordamerikanischen Sender Democracy Now! mit dem britischen Journalisten und Nahostexperten Robert Fisk zum Thema Zivilopfer im Irak kürzlich geführt hat ( “Nacht für Nacht ein Gemetzel am irakischen Volk” ). Fisk regt sich darüber auf, dass in den USA nur die toten eigenen SoldatInnen Beachtung finden. Deshalb ist er gerade wieder in den Irak gereist.

Robert Fisk:
Ich erzähle Ihnen von der Bagdader Leichenhalle, (von der ich gerade komme). Kurz zuvor kamen dort 21 neue Opfer mit Schusswunden an. Mit 5 der betroffenen Familien habe ich gesprochen. Alle Opfer wurden erschossen, weil jemand ihr Auto stehlen wollte, oder sie wurden nächtens von Dieben ermordet oder von völlig Unbekannten getötet.

Es gibt hier Waffen zuhauf. Jede Nacht hört man die Schießereien. Ganz Bagdad dröhnt vom Gewehrfeuer. In einer Leichenhalle, in der ich war, erzählte mir der Leichenwächter, fast 40% aller Toten, die in seine Leichenhalle kämen, seien an US-Checkpoints erschossen worden, von Soldaten. Entweder, ein Auto nähert sich dem Checkpoint zu schnell, oder amerikanische Soldaten geraten unter Feuer und feuern zurück - und treffen Zivilisten in der Nähe - sie (die Soldaten) suchen nicht den direkten Feindkontakt, wer immer die Angreifer sein mögen.
Hier so ein Vorkommnis: Vor 4 Tagen wurde eine Frau und ihr Kind tot ins Krankenhaus eingeliefert, US-Soldaten hatten sie erschossen. Sie hatten das Feuer auf Leute eröffnet, die anlässlich einer Hochzeitsfeier in die Luft schossen.

Und solche Dinge passieren ständig. Vor rund 6 Wochen hatten wir auch so einen Fall - den ich persönlich untersuchte. 2 Männer fahren zu nah an einen Checkpoint heran - kein normaler Checkpoint, nur ein Stück Stacheldraht über die Straße geworfen; es passierte in einem sehr armen Stadtteil Bagdads. Die Amerikaner eröffneten das Feuer auf den Wagen. In dem ausgebrannten Fahrzeug habe ich etwa 23 Einschusslöcher gezählt. Die Kugeln setzten das Benzin in Brand. Ich weiß nicht, ob die zwei Insassen, beides Männer, noch lebten (aber ich schätze), sie verbrannten bei lebendigem Leib. Jedenfalls verbrannten sie, bis sie tot waren. Ich schätze, einer oder beide haben noch gelebt, als das Auto in Flammen aufging. Als das Auto brannte - so Augenzeugen - hätten die Amerikaner einfach zusammengepackt und den Checkpoint geräumt. Später ging ich wieder in die Leichenhalle. Ich fand zwei Skelette mit verbranntem Fleisch vor. Ihre Ausweise waren längst im Feuer verbrannt. Das Auto selbst und das Autokennzeichen schmolzen in die Straße hinein. Also warteten in jener Nacht erneut zwei irakische Familie auf geliebte Menschen, die nie mehr heimkehren sollten. -

Es gibt Gewaltopfer, nicht alle natürlich von Amerikanern getötet, manche sind Opfer familiärer Rache, von schießenden Dieben, oder Leute versuchen Plünderer zu stoppen und kommen dabei eher zufällig ums Leben oder sie geraten ins Kreuzfeuer -, also demnach kommen wir auf eine Zahl von mindestens 1000 getötete Iraker pro Woche. -

Was hier passiert, immer mehr Irakis - zumindest die etwas Politischeren - haben das Gefühl, die Amerikaner hätten gar kein Interesse, das Sicherheitsdefizit zu beheben. Iraker, die weniger konspirativ denken, sehen die Sache etwas milder. Aber sie hegen die - in meinen Augen schreckliche - Vorstellung oder Haltung, es sei den Amerikanern so ziemlich egal, was aus den Irakern wird, dass sie zwar über Demokratie reden, die sie ihnen bringen wollen, sie befreien. Dabei interessierten sie sich aber nur für die westlichen Soldaten, die sterben. Das Leben ganz normaler Irakis interessiere sie nicht wirklich.-

Es ist ein generelles Gefühl. Es geht nicht darum - da widerspreche ich den Verschwörungstheorien - dass die Amerikaner den Bürgerkrieg wollen oder die Leute spalten, Gewalt erzeugen - nein. Sie werden auf die Weise ja selbst zu Opfern - wenn auch in einem unendlich kleineren Maßstab als die Iraker. Nein, die Amerikaner interessieren sich einfach nicht wirklich für die Iraker. Und das ist genau das Krebsgeschwür, das sich momentan in diese Gesellschaft hineinfrisst. -

Soweit der britische Journalist Robert Fisk. Das, was jetzt im Irak passiert, zeigt nochmals auf sehr eindrückliche und auf für die Betroffenen äußerst leidvolle Weise, dass Krieg keine Lösung eines Problems bringt. Wobei natürlich auch immer noch die Frage ist, welches Problem die Invasoren im Irak überhaupt lösen wollten und sehr viel dafür spricht, dass es vor allem um die Wahrnehmung eigener, egozentristischer Interessen ging.

Einer jener Menschen, die im 20. Jahrhundert am meisten Positives für die Menschheit gebracht haben, ist Mohandas Gandhi. Und dieser Gandhi hatte eine wichtige Erkenntnis, auf die er immer wieder hingewiesen hat, dass nämlich der Zusammenhang von Zweck und Mittel fast so etwas wie ein ehernes Gesetz sei. Er sagte z.B.:
“Wenn ich das Meer überqueren will, kann ich das mit einem Schiff tun. Würde ich aber einen Karren oder eine Kutsche benutzen, verschwänden wir auf dem Meeresgrund. (…) Das Mittel ist wie der Same, und das Ergebnis ist der Baum. So wie es eine unzerstörbare Verbindung zwischen dem Mittel und dem Ziel gibt, so besteht auch die Verbindung zwischen dem Samen und dem Baum. Ich möchte Ihnen damit zeigen, dass gerechte Mittel zu gerechten Resultaten führen. In den meisten Fällen, wahrscheinlich nicht in allen, ist die Macht der Liebe unendlich größer als die Waffengewalt. In der Ausübung brutaler Gewalt ist großer Schmerz verborgen, nie im Mitleid.”

Auch wenn wir mit unseren kleinen Mahnwachen die Welt nicht einfach verändern können, so ist es doch wichtig, ein Zeichen zu setzen. Für die Öffentlichkeit - dass es Menschen gibt, die sich nicht einfach mit den Realitäten von Krieg und Gewalt abfinden möchten. Und für uns selber - um nicht einfach schweigend und resignierend all die Gewaltakte hinzunehmen.

Ich denke, es macht sehr viel Sinn, hier “im Sinne einer weltoffenen Bürgergesellschaft gegen den Strom zu schwimmen und sich für Frieden, Gerechtigkeit und eine solidarische Welt einzusetzen”. Dieses Engagement ist gerade von der Jury von 100 AnStiftern entsprechend gewürdigt worden, als das Lebenshaus bei der Nominierung für den Stuttgarter Friedenspreis 2003 unter 51 Bewerbern auf den sechsten Platz gesetzt wurde.

Mir ist bewusst, dass gewiss eine Portion Mut und Zivilcourage dazu gehört, sich in zumeist kleinem Kreis in Gammertingen öffentlich zu “outen” und zu zeigen, dass man solcherart gegen den Strom schwimmt, um gegen Kriege zu protestieren sowie Gerechtigkeit und Frieden anzumahnen.

Ich möchte etwas aus einer sehr eindrucksvollen Rede zitieren. Die Autorin und Fernsehmoderatorin Gabriele von Arnim hielt die Laudatio zum Stuttgarter Friedenspreis der AnStifter während der FriedenGala am 19.9.2003 im Stuttgarter Theaterhaus.

“Wenn nicht ich, wer?”

Immer wieder bewundern wir Menschen, deren Herzen nicht nur für sich schlagen, klein und eng - bedacht allein aufs eigene Wohlergehen, deren Köpfe nicht nur für sich denken - dabei ohnehin langsam aber unaufhaltsam einschrumpfend, sondern die Herz und Kopf auch befragen für andere, Menschen, deren Verantwortungsgefühl hinausgreift über die eigene Person, die das Wort Gemeinwohl noch nicht altmodisch finden und sich daher aufgerufen fühlen, sich redend, protestierend, handelnd einzumischen ins gesellschaftliche Geschehen.

Ein Wort von Hillel, einem großen jüdischen Gesetzeslehrer. ‘Wenn nicht ich, wer? Wenn nicht jetzt, wann?’ In diesen Worten liegt die Aufforderung, Verantwortung für sich zu übernehmen und für die Welt, in der man ist. Sich selbst wahrzunehmen und den anderen auch. Um sich zu wissen und darüber hinaus um die Gesellschaft, in der man lebt. (…)

Aber wo soll man denn anfangen, fragen viele und fragen es so lange, bis sie müde sind. Wo soll man denn anfangen, fragen sie und beginnen nirgends.

Nichts zu tun heißt, im Kaninchenstatus zu verharren, heißt, verängstigt auf die gefährliche Schlange zu starren und nicht einmal mit den Ohren zu wackeln. Die sich der Ohnmacht ergeben und sich vom Elend und Un-Sinn der Welt in die Reglosigkeit bannen lassen, leben lustlos und nicht ohne Selbstmitleid in ihrer Apathie - weil sie am Leiden der Welt so leiden müssen. Und damit helfen sie nun wahrlich niemandem, nicht einmal sich selber.

Es kostet Kraft, nicht zu verzweifeln - aber es gibt auch Kraft, wenn man sich wehrt. Wer sich gegen Apathie und Ohnmachtsgefühle und für das Engagement entscheidet, folgt nicht nur einem Überlebenstrieb, sondern handelt sogar aus Lebenslust: Denn zivilcouragiertes Handeln steigert die Selbstachtung, macht lebendig, ist dem eigenen Leben also außerordentlich zuträglich. Selbstachtung vertreibt Depressionen und Minderwertigkeitsgefühle. In anderen Worten: Tu Gutes und es geht dir selber besser.

Wer aufbegehrt, wer darauf besteht, dem Elend und der Widerwärtigkeit sein trotziges Dennoch entgegenzuschleudern, wer sich die Lust auf Einmischung, die Lust auf Leben und die Hoffnung auf Frieden, Toleranz, Einsicht oder ein freundliches Miteinander nicht nehmen lassen will, der wird immer wieder mit diesem überlegenen Lächeln der Wissenden als naiver Tölpel abgetan. Als ob Zynismus oder Apathie intelligenter seien.

Der Sozialpsychologe Horst-Eberhard Richter gehört zu denen, die nicht aufhören wollen und nicht aufhören werden, Menschlichkeit einzufordern. ‘Aber inzwischen’, sagt er, ‘wird man ja quasi pathologisiert und als anachronistischer Jammerlappen abgetan.’

Nur: Politische Apathie ist kein Ausweg, politische Apathie ist eine Sackgasse und kann zum Weg in die Schuld werden.

Gerade wir Nach-Nazi-Deutsche haben allen Grund, hinzusehen und zu handeln. Es waren auch die Zu- und Wegschauer, die stummen Mitmacher, die Mitmarschierer und Mitsinger, die biedersinnigen Ausblender, die mitschuldig wurden an den millionenfachen Morden, die wir heute gern in dem einen Wort ‘Auschwitz’ bündeln. -

Gewiss, es lebt sich nicht nur behaglich in dieser Welt, aber im politischen Schneckenhaus geht es leblos zu. Geschützt durch einen Panzer, der eher Käfig ist - und gekleidet in die Lethargie, rufen die Apathischen zu ihrer Verteidigung: Es nützt ja doch nichts!

Nur, ist denn Einsatz vom Erfolg abhängig? Ist jeder Protest, der verhallt, vergebens gewesen? In Südindien haben wütende Bauern monatelang gegen die Agrarpolitik ihrer Regierung protestiert. Vergebens. Dann versammelten sie sich zu Tausenden vor dem Parlamentsgebäude und lachten zwei Stunden lang die Regierung aus. Vermutlich auch vergebens. Auch ein Protest, der verhallte. Aber wer würde behaupten wollen, dass er unsinnig war?

Wenn der Sinn des Engagements vom Erfolg abhinge, wäre jeglicher Widerstand in Diktaturen barer Un-Sinn. Und die Welt wäre an Vorbildern ärmer. Aus der Resignation erwachsen keine Phantasie, kein Mut und keine gerechte Tat. Sie, die Resignation, wagt ja nicht einmal, zu scheitern.

Das Engagement ? hat nicht vor, die Welt in toto zu ändern und die Menschheit zu retten, es will Inseln der Integrität, der Zivilcourage, ja der Menschlichkeit bauen. Die Hoffnung setzt nicht auf Sieg. Sie setzt auf kleine Verbesserungen. Die Resignation nimmt, da sie nicht siegen kann, den Untergang in Kauf. Das Engagement wehrt sich. Die Handelnden sind pragmatisch. Die Lethargischen absolut. Sie frönen einem Fundamentalismus, der niemandem hilft. -

Hinzuschauen und dennoch nicht zu resignieren, ist eine Kunst oder vielleicht sogar Pflicht? Sophie Scholl schrieb knapp drei Wochen vor ihrer Hinrichtung an eine Freundin: ‘Doch hüte ich mich, diesem Gefühl der Müdigkeit nachzugeben. - Es ist ein gefährlicher Zustand, eine Sünde sogar, wenn man seinen eigenen Schmerz pflegt.’
Als sie das schrieb, war Sophie Scholl 21 Jahre alt.

Wir haben es heute - im Vergleich - so leicht, uns einzumischen, aufzubegehren. Wir haben Glück. Wir brauchen nicht den Mut, von dem man nicht weiß, ob er einem zuwachsen würde, wenn es nötig wäre, Widerstand zu leisten. Die Gnade der späten Geburt hat unsere Generation gnädig davor bewahrt, uns in mörderischen Zeiten bewähren zu müssen. Aber das heißt noch lange nicht, im behaglichen Lehnstuhl der Demokratie eindösen zu dürfen. Plötzlich ist das Polster durchgesessen und dann wird es verdammt ungemütlich. Demokratie ist kein Zustand. Demokratie ist ein Prozess. Und Gratismut ist das Privileg der Demokratie, Zivilcourage die Voraussetzung für ihren Bestand.

Zivilcourage ist eben nicht nur das Gegenteil von Feigheit, sondern auch das Gegenteil von Lethargie und Schweigen.

Als in einer Diskussion ein junger Mann einmal fragte, welche Lehre man denn nun aus den Schrecken des Nationalsozialismus ziehen könne und er zur Antwort bekam, sich in barmherziger Zivilcourage zu üben, meinte er enttäuscht: ‘Ist das alles?’

Es ist das Schwierigste. Wir brauchen uns nur im Alltag selbst zu beobachten.

Ach, die vielen schönen Worte. Gemeinwohl, Zivilcourage, Toleranz, Engagement, und wir wissen doch alle, wie einfach es ist, mit Worten die bessere Welt einzuklagen, und wie schwierig dagegen, in der eigenen, kleinen Umgebung das Anderssein der anderen zu akzeptieren. -

Schuld sind immer w i r anderen, hat die Münchner Lach- und Schießgesellschaft vor Jahren einmal ein Programm genannt. Das ist eine unbequeme Wahrheit. Da muss man Tacheles reden mit sich selbst. Und sich fragen, wie man denn agiert, in einer Gesellschaft, die Solidarität fordert und Egoismus lebt, die die Menschenwürde angeblich hochschätzt und sie täglich beiseite schiebt, die Gewalt verachtet und sie finanziert. -

Wenn nun die neue Herausforderung nicht hieße noch mehr Waffen, noch mehr unbedachte Globalisierung oder noch mehr Fortschritt, von dem keiner so genau weiß, wo er hin schreiten soll, vielleicht in noch mehr so genannte Zivilisation, die sich u.a. ausdrückt in den so genannten Zivilisationskrankheiten, wenn nicht das schiere Schneller, Höher, Weiter im Autobau wie in der Erziehung unser Ziel bliebe, sondern wenn nun die neue Herausforderung die liebevolle Hinwendung zum Nächsten wäre, Zärtlichkeit, Nachdenklichkeit, Güte, Demut, Humor. All dieser altmodische Kram! Und wenn das am Ende der wirkliche Fortschritt wäre!?”

Soweit Gabriele von Arnim in ihrer eindrucksvollen Rede zum Stuttgarter Friedenspreis.

Zivilcourage üben, um einen Beitrag zur Überwindung von Gewalt zu leisten, dies immer wieder einzuüben in ganz alltäglichen Situationen und eben auch in so kleinen Aktionen wie unseren Mahnwachen - damit werden wir ganz sicher die Welt nicht einfach so umgestalten können, wie es dringend geboten wäre. Aber wie heißt es so schön in dem afrikanischen Sprichwort: “Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern.” Und das Wunderbare: es gibt solche kleinen Leute weltweit an ganz vielen kleinen Orten und natürlich auch an großen. Am 25. Oktober, wenn die amerikanische Friedensbewegung ihren internationalen Marsch nach Washington durchführt, dann werden wieder zigtausende oder hunderttausende auf einem Haufen zu sehen sein.
Danke für die Aufmerksamkeit!

Veröffentlicht am

04. Oktober 2003

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