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Klaus Vack: Aus meinen Notizen zum drohenden Irakkrieg

b>Von Klaus Vack (der vollständige Text findet sich unter: Vor dem Krieg, im Krieg, nach dem Krieg )

In Michelstadt, Offenbach (Main) und Obersensbach
am Samstag, den 15. März 2003

Wir machen heute den achten Michelstädter Samstags-Mahnkreis gegen einen Krieg, gegen die immer deutlicher absehbare anglo-amerikanische Aggression in Irak. Seit der großen Friedensdemonstration mit einer halben Million Teilnehmern am 15. Februar in Berlin - an diesem Tag haben nach Pressedarstellungen insgesamt mehrere Millionen Kriegsgegner, meist in den Metropolen, rund um den Globus demonstriert - habe ich begonnen, mir Notizen zu machen, um meine Beobachtungen, meine Ängste, meine Gefühle, aber auch unser (also meine Frau Hanne eingeschlossen) friedenspolitisches Engagement, teils in Stichworten, teils detailliert, festzuhalten.

Bedingt durch meine ausklingende Depression, die mich im August 2001 in ein tiefes, tiefes Loch stürzte, gepaart mit einem hochgradigen Altersdiabetes, habe ich mit einer ausufernden Vergeßlichkeit zu kämpfen. Das abendliche Aufschreiben der Geschehnisse meines Tages ist nicht nur eine Erinnerungsstütze für jetzt, sondern wirkt auch gegen die Vergeßlichkeit.
Zudem kann ich in den Notizen nachlesen, um mir auf die Sprünge zu helfen, wenn es denn notwendig erscheint, Geschehenes und Gedachtes in mein Jetzt und Heute zu holen, zum Beispiel, wenn eine Rede zu halten ist oder es einen Artikel, Leserbrief, aber auch Briefe an FreundInnen zu schreiben gilt. Vielleicht werde ich, wenn es sich als nützlich ergibt, die Notizen verbreiten und meine Gedanken weitergeben.

Heute beim Samstags-Mahnkreis sind relativ viele zu dieser “Altvorderen”-Friedensrunde gekommen. Die meisten von uns spüren, daß der heiße und mörderische Krieg kurz bevor steht. Wer neben seinem Gefühl seinen denkenden Kopf benutzt, mußte in den letzten Tagen endgültig erkennen, daß es nur noch um eine kurze Zeitspanne geht, daß der Krieg eigentlich schon da ist.

Trotzdem sage ich heute im Gespräch mit einem interessierten Passanten, der sich zu unserem Mahnkreis gesellt, daß zwar alles auf Krieg hindeute und mir die Annahme, es komme zu einer Lösung ohne Krieg, fahrlässig scheint. Zugleich zähle aber der Hinweis: “Es ist nie zu spät”. Unser eigenes Argument, es sei fünf vor zwölf, beinhaltet die Möglichkeit, daß die Kriegsuhr selbst eine Sekunde vor zwölf zum Stehen gebracht werden könnte. Hoffnung ist erlaubt. Allerdings Hoffen im stillen Kämmerlein hilft wenig. Solange der Krieg nicht begonnen, solange die Militärwalze zwar bereit steht, aber noch nicht in Gang gesetzt ist, um mit ihren Bomben, Raketen und Panzern Irak in Schutt und Asche zu legen und tausende Menschen hinzumorden, muß, wo auch immer, die Stimme gegen den Krieg unüberhörbar sein: NEIN! Nicht in unserem Namen! Die Waffen nieder! Wir werden nicht Ruhe geben, solange Krieg Menschen bedroht und Leben auslöscht!

Deshalb dürfen wir unser heutiges “Vorkriegs”-Engagement nicht eine einzige Minute vernachlässigen. Zugleich müssen wir uns darauf einstellen, daß ein Kriegsangriff nicht das Ende unseres Widerstandes sein kann. Unser Protest, unser gewaltfreier Widerstand darf mit Beginn eines Krieges nicht zusammenstürzen. Der Friedenskampf gegen den Krieg muß weitergehen. Wir dürfen nie aufgeben. Das gilt vor dem Krieg, im Krieg, nach dem Krieg.
Der Michelstädter Samstags-Mahnkreis ist eine Art “Friedensbörse”. Wir hatten seit unserer ersten Zusammenkunft Mitte Januar fast nur schönes Wetter mit trockener, klarer Luft und Sonnenschein auch an den kalten Wintersamstagen. Wir haben inzwischen 729 Unterschriften zur “Michelstädter Erklärung” gesammelt: “Krieg löst keine Probleme. Er schafft nur neue und größere. Im Krieg wird zerstört, gelitten, gehungert, gefoltert und mehr oder weniger qualvoll getötet. Krieg ist Mord. Der Krieg, der jetzt gegen Irak vorbereitet wird, bedeutet für Millionen Menschen, die heute schon in tiefstem Elend vegetieren, die endgültige Zerstörung jeder Zukunft. WIR SAGEN NEIN ZU DIESEM KRIEG! Don’t attack Iraq!” - Die meisten Unterschriften werden nach dem Lesen des kurzen Textes ohne Wenn und Aber gezeichnet, aber es ergeben sich auch Diskussionen, und dies ist wohl das Wichtigste.

Es kommen seit neuestem zu dem Samstags-Mahnkreis auch Friedensmenschen, die in unterschiedlichen organisatorischen Zusammenhängen gegen einen Krieg in Irak tätig sind, wie z.B. Aktive von attac, vom Kreisschülerrat, vom Odenwälder Jugendbündnis Raps, vom DGB-Kreisverband Odenwald, von den Grünen, von den Jungsozialisten, von Pax Christi, dazu weitere aktive Christenleute, Engagierte der Obdachlosen-Selbsthilfe, die die Monatszeitschrift “straßen gazette” herausgeben und zahlreiche “EinzelkämpferInnen”.

Der lockere und informelle Mahnkreis bietet allen die Möglichkeit für Erfahrungsaustausch, Terminabsprache, Aktionsplanungen etc. So wurde z.B. eine Woche vor dem 15. Februar vereinbart, einen Bus zur Teilnahme an der Friedensdemo in Berlin zu organisieren - gefahren sind dann vier Busse. Des weiteren kursieren im Mahnkreis Friedensaufrufe und -erklärungen verschiedenster Organisationen, Hintergrundtexte zur “Irakkrise” aus Zeitschriften. Die Plakate, die wir uns umgehängt haben, um auf unsere Aktion aufmerksam zu machen, sind überwiegend eigene Anfertigungen. Verschiedene Buttons mit Friedenssymbolen werden angeboten und auch gekauft, und selbstverständlich ist die Regenbogenfahne “PACE” vertreten.

Vor zwei Wochen, am 1. März, mußten wir uns den Michelstädter Rathausplatz mit etwa 300 Fastnachts-Jecken teilen, die um 11 Uhr 11 das Rathaus “stürmten”. Dabei kam es nicht, wie befürchtet, zu Anpöbeleien. Das Fastnachtsgetöse kam lauter und unbekümmerter daher als unser Mahnen und unser Protest gegen den immer näher rückenden Krieg. Doch nicht wenige “Jecken” nahmen uns durchaus mit Respekt und auch Zustimmung zur Kenntnis. Wir sammelten 97 Unterschriften, verteilten unsere mitgebrachten etwa dreihundert Flugblätter und haben 192 Euro als Gegenwert für den Button “Don’t attack Iraq” oder den mit der Friedenstaube eingenommen.

Beim heutigen Mahnkreis kommt es zu einer Begegnung ganz anderer Art. Eine Gruppe von etwa fünfzig Jugendlichen besichtigt auf einer Führung durch die Stadt auch das historische Michelstädter Rathaus. Anfänglich einige wenige, zunehmend mehr der jungen Leute gesellen sich zu uns. Die meisten kaufen das Zeichen mit der Friedenstaube und unterschreiben die Erklärung. Wir erfahren, daß sie einem Jugendchor des Gymnasiums in Suhl/Thüringen angehören, der am Abend in Heubach einen Auftritt hat. Durch Wink eines freundlichen Mannes, es ist wie wir erst später erkennen der Chorleiter, gruppieren sich die Jugendlichen und tragen (ein ausgereifter Klangkörper) mehrstimmig ein Friedenslied vor: Warum muß uns das geschehen?

“Grad hörte ich die Nachricht aus jenem armen Land. / Sie gab den Tod der Kinder, nichts als den Tod bekannt. / Mir fehlten die Kinderlieder, ihr Lachen und Spielgeschrei. / Ich ahnte nicht, daß sie starben. Nun füllt sich mein Herz mit Blei. / Refrain: Die starren Augen der Kinder, / die Mutter und Vater ansehn, / auch dich und mich, und sie fragen: / Warum muß uns das geschehn?

Wie kann denn glücklich leben, wer nur die Hände ringt, / wenn aus dem Schwarz der Hütte dies Hungerweinen dringt? / Dort liegen die Kinder schlaflos, in Lumpen gehüllt, so müd, / nicht schuldig am Krieg. Sie leiden, so oft er das Land überzieht. / Refrain: Die starren Augen der Kinder…

Wer kann den Krieg für immer verbannen aus dieser Welt? / Daß nie ein Kind mehr hungert, ein Vater nie mehr fällt? / Wir werden gemeinsam kämpfen, zu enden den alten Spuk. / Es liegt in der Macht des Menschen. Für jeden ist Brot genug. / Refrain: Die starren Augen der Kinder…”

Heute Nachmittag sind wir dann direkt von Michelstadt nach Offenbach gefahren zur diesjährigen Jahreshauptversammlung unserer Naturfreundegruppe. In diesen Wochen tut es besonders gut, mit den Genossinnen und Genossen zusammen zu sein, mit denen uns eine Art Lebensband verbindet, das nun mehr als vier Jahrzehnte währt und bei dem es neben anderem immer auch um Solidarität, Menschenrechte und Frieden und damit gegen Krieg geht: “Auf, Arbeitskinder, kämpft für den Frieden, / auf nun, du Jugend, reih’ freudig dich ein. / Jenen, die Waffen zum Kriege uns schmieden, / singet ein trotziges NEIN!…”, heißt es in einem Lied, das der schwer kriegsversehrte, damals etwa vierzigjährige Naturfreund Ernst Reinhardt in den fünfziger Jahren schrieb und das zur “Hymne” der Naturfreundejugend wurde.

Auch heute bei der Jahreshauptversammlung in Offenbach geht es außer den “Vereinsregularien” ausschließlich um das Thema Krieg und Frieden. Der Resolution, mit der sich die Versammlung befaßt und die beschlossen wird, wird auf meinen Vorschlag ein Schlußabsatz hinzu gefügt: “Als Freunde der Natur und aktiv engagiert gegen die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen, die auch durch Krieg gefährdet sind, wollen wir eine alte indianische Weisheit beachten: Die Erde ist nicht unser Eigentum, sie ist eine Heimstatt auf Zeit. Wir haben die Erde nur von unseren Enkeln geborgt. Geben wir sie ihnen unversehrt weiter.”

Wieder zurück in Obersensbach, ist unsere Tochter Sonja bereits da. Sie lebt und arbeitet in Mannheim und macht uns einen ihrer schönen Besuche, die wir nicht missen möchten. Zum Thema Krieg und unseren derzeitigen Gefühlen damit brauchen wir uns nur wenig zu sagen. Wir denken und fühlen im Gleichklang. Wir telefonieren häufig. Bei dem Besuch sind vor allem eine dreistündige Wanderung und die Auswahl von Liedern und Texten aus der historischen Arbeiterbewegung für einen besinnlichen Abend zum 1. Mai vorgesehen. Die Lieder und Texte wollen wir um das Gedicht des Arbeiterpoeten Bruno Schönlank “Die Alten” gruppieren: “Wo ständen wir, wenn nicht die Alten waren / die Stein auf Stein zu dem Verbande trugen! / Wo ständen wir, wenn trotzend den Gefahren, / nicht einst in ihren kleinen tapfren Scharen, / so feurig jung die kühnen Herzen schlugen!”

*****
An diesem Text über heute habe ich mehr als drei Stunden geschrieben. Es ist inzwischen gegen drei Uhr nachts, also der 16. März hat bereits begonnen. Auf der Terrasse mache ich in klirrender Kälte ein paar Minuten Freiübungen: Kniebeugen, Rumpfdehnen, Armkreisen und Kopfrollen für die Durchblutung des Gehirns, immer einmal rechts herum, dann wieder links herum usw., sonst wird einem schwindlig.

Ich beobachte den sternenklaren Himmel, suche und finde Sirius im Sternzeichen “Großer Hund”, Prokyon im “Kleinen Hund” und im Norden den Polarstern, der über eine gedachte Linie den “Kleinen Wagen” mit dem “Großen Wagen” verbindet. Der zunehmende Mond braucht noch drei Tage bis Vollmond. Als hellster “Stern” dominiert der Planet Jupiter den südlichen Himmel. Am 21. März (also nächsten Freitag) wird die Sonne um zwei Uhr nachts den Himmelsäquator in nördlicher Richtung überschreiten; der astronomische Frühling beginnt. Wie wird es dann um den Winzling Erde stehen? Noch vorm Krieg oder schon im Krieg?

Nun ist es wirklich Zeit ins Bett zu gehen. Hanne murmelt schlaftrunken: “Da bist du ja endlich. Übertreibst du nicht ein bißchen?” Ich kuschele mich unter meine Bettdecke, rolle mich auf meine Schlafseite, es ist die linke, folge noch wirren und verwirrenden Gedanken und bin bald eingeschlafen.

Aus meinen Notizen Krieg in Irak Der Tag X

In Bagdad, Washington,
Obersensbach und Michelstadt
am Donnerstag, den 20. März 2003

Seit heute früh, fünf Uhr dreißig in Irak, haben die USA auf Befehl von George W. Bush mit dem heißen Krieg begonnen. Vor zwei Tagen hatte der 45. US-Präsident barsch verkündet, er gäbe Saddam Hussein und seinen Söhnen noch achtundvierzig Stunden Zeit, Bagdad resp. Irak zu verlassen. Danach würden die US-Streitkräfte, “zu einem Zeitpunkt unserer Wahl”, einen Militärschlag einleiten. Die entschlossene und brutale Härte, mit der dieses “allerletzte” Ultimatum ausgesprochen worden war, konnte keinerlei Zweifel mehr zulassen, daß nichts die anglo-amerikanischen Kriegsmacher aufhalten könne. Der deutsche Außenminister Joseph Fischer hat gestern Abend bei einer Sitzung des UN-Sicherheitsrates noch einmal “scharfe Kritik am Vorgehen der USA” geübt und von einer “bitteren Stunde” gesprochen.

Ich bin gewiß nur einer von Millionen Menschen, die mit Angst und Entsetzen diese Stunden durchleben. Die letzte Sekunde vor dem Krieg ist die erste Sekunde im Krieg. Da ich sowieso kaum schlafen kann, habe ich meinen Wecker so eingestellt, daß er eine Minute vor jeder Stunde läutet, brummt, schreit, schrillt…, um mich zu den fünf Minuten Rundfunknachrichten zu wecken. Ich schlafe kaum und besorge mir etwas innere Ruhe durch autogenes Training.

In der Nacht von 16. auf 17. Januar 1991, als ich mit ebenso erschreckender Sicherheit wußte, daß in dieser Nacht der Krieg beginnen würde, fielen die ersten Bomben auf Bagdad und Basra am Donnerstag, den 17. um drei Uhr irakischer Zeit = ein Uhr Mitteleuropäischer Zeit = 16. Januar, neunzehn Uhr Washington D.C, US-crime time. Am Donnerstag früh, acht Uhr, hatte meine damals 84-jährige, inzwischen verstorbene Mutter angerufen. Sie weinte und sagte zu mir: “Schon wieder ein Krieg. Ich halte das nicht aus. Die armen Kinder. Klaus, ich will keinen Krieg mehr erleben.”

Ich schlage mein kalendarisches Notizbuch von 1991 zu und setze mich kurz vor den Fernseher. Die ersten Bilder, die von den siegesgewissen Invasoren um die ganze Welt übertragen werden, bedürfen keiner Erläuterung. Sie erzeugen nur ohnmächtige Angst.

Das ist nun der Tag X, auf den wir uns mit unseren Samstags-Mahnkreisen (seit Mitte Januar) vorbereitet haben. Allerdings ist es mir, wie fast allen von uns, nicht möglich, mein Gefühl auf ein solches “Ereignis” vorzubereiten. Gegen Gefühle kann man nicht argumentieren. Dennoch, heute wird die Friedensbewegung landauf und landab auf die Straßen gehen.

Ich habe es übernommen, für unsere Odenwälder Antikriegsaktion am Tag X ein Flugblatt vorzubereiten, zum Verteilen an Passanten, aber auch für uns selbst. Kein Welt bewegender Text. Eher eine kurze Wortmeldung zum ersten Kriegstag, eine Wortmeldung, die anders ausfällt als noch gestern, denn gestern war “vor dem Krieg”.

Aus diesem Flugblatt: “Heute, in der Morgendämmerung, wurde auf Befehl von George W. Bush mit Bomben und Raketen auf Bagdad ein neuer Krieg begonnen, der Irak in Schutt und Asche legen wird. Dieser Krieg bedeutet für tausende Menschen, die heute schon in tiefstem Elend vegetieren, die endgültige Zerstörung jeder Zukunft … George W. Bush ist ein brutalst möglicher Lügner, wenn er behauptet, er lasse diesen Krieg im Namen Gottes für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte führen. Vielmehr mißachtet und mißbraucht er mit diesem Krieg religiöse Gefühle und läßt die Menschenrechte durch seine Kriegsmaschinerie überrollen und zertrampeln… Mit dieser Aggression brechen das Bush-Regime und die Blair-Regierung das Völkerrecht und zerstören die Völkergemeinschaft der Vereinten Nationen. Sie tun dies gegen den Willen der Völker, auch gegen unseren Willen … Am Ende dieses Krieges werden wir Schreckliches mit angesehen haben müssen, daß wir uns in unseren schlimmsten Ahnungen kaum vorstellen können. Am 11. September 2001 wurde der Satz eingeführt, daß nichts mehr so sei wie es einmal war. Jetzt bekommen wir vor Augen geführt, wie George W. Bush und Konsorten diesen Satz meinen … Zu all dem können wir nicht schweigen. Deshalb sind heute Millionen Menschen auf den Straßen, an fast allen Orten dieser Erde, und sagen NEIN zum Krieg! Nicht in unserem Namen! Wir werden nicht Ruhe geben, solange Krieg droht, stattfindet oder ein nächster vorbereitet wird…”

An der Eingangspforte zu unserem Grundstück, an der der kurze Weg bis zur Haustür beginnt, bringe ich ein selbst gefertigtes Plakat an mit Trauerrand und den sechs Worten: “NEIN ZUM KRIEG! DIE WAFFEN NIEDER!” Hanne und ich begegnen im Dorf und beim Einkaufen in der benachbarten Kleinstadt Beerfelden einigen Bekannten, näher und ferner stehenden. In meist kurzen Gesprächen, geht es heute stets um den Krieg. Selbst in einem kurzen “Hallo” deutet sich niedergeschlagenes Verstehen an. Viele wollen den blauen Button mit der weißen Friedenstaube und stecken ihn sich an (auch wenn sie hinterm Ladentisch stehen).

Gegen sechzehn Uhr sind Hanne und ich in Michelstadt auf dem Rathausplatz. Etwa 350 Leute sind beim “offiziellen” Beginn beieinander. Es ist dies keine durchorganisierte Protestkundgebung. Es gibt keine vorgefertigten Reden. Obwohl wir spätestens seit Montag oder Dienstag wußten, daß Bush und Blair nicht mehr zu stoppen sind, hat es den meisten von uns die Sprache verschlagen. Auf dem Marktplatz bildet sich ein kleiner Kreis, um den sich ein größerer aufstellt und dann ein dritter und ein vierter. So stehen wir da, fünf Minuten, zehn Minuten…, Kreis um Kreis, Hand in Hand. Die Kreise öffnen und schließen sich ständig, weil eben gerade erst Angekommene sich hinzustellen. Trotz “verschlagener Sprache” tut sich viel unter uns und zwischen uns. Die meisten Passanten bleiben stehen, einige reihen sich ein. Wenn jemand etwas sagen möchte, ist es mucksmäuschenstill. J.G. spricht einige Sätze: “Ohnmacht darf uns nicht blockieren; setzen wir auf die Kraft des langen Atems und auf die Macht der Ohnmächtigen.”

Der Text des finnischen Friedensliedes, das wir am vergangenen Samstag beim Mahnkreis von dem Schulchor des Gottfried-Herder-Gymnasiums aus Suhl geschenkt bekamen, ist auf die Rückseite unseres Flugblattes gedruckt. Eine jüngere Frau, die mir bisher nicht bekannt ist, trägt diesen Liedtext mit lauter und kräftiger Stimme vor und betont dabei noch fester und entschlossener den Wiederholungsreim: “Die starren Augen der Kinder, die Mutter und Vater ansehn, auch dich und mich und sie fragen: Warum muß uns das geschehn?”.

Es wird dämmrig. Einige haben Kerzen auf das Pflaster gestellt und knien nieder, um zu beten. Bald wird es dunkel sein. Unsere traurige Demonstration über entferntes Leid ferner Menschen, die uns nun doch sehr nahe sind, ist nicht vergebens. Nichts ist umsonst. R.F. sammelt mit seiner Mütze Geld. Er hat einen Bekannten, dessen Frau für ein diakonisches Hilfswerk arbeitet und die garantiere, daß das Gesammelte einem irakischen Kind zugute komme. Nach einem kurzen Schweigen löst sich unsere Demonstration langsam auf.

Wieder zu Hause und nach dem einfachen Abendessen schauen wir “fern”. Auf andere Weise als bei unserer Demonstration in Michelstadt werden uns Zerstörungen, Detonationen, Feuer und Rauch “nah” gebracht. Auch Filmaufnahmen von Demonstrationen werden gebracht. 200.000 bis 300.000 Menschen sollen heute demonstriert haben. Vor allem in Großstädten verlassen Schülerinnen und Schüler in Massen die Schule und gehen auf die Straße. Es bilden sich spontane Lichterketten. Irgendwo in einem großen Kaufhaus haben sich Menschentrauben vor einem aufgestellten Fernsehschirm gebildet; es wurde abgeschaltet, als eine Frau mit schriller Stimme zu schreien beginnt: “Mörder, Mörder, Mörder…!”; nur so kann man eine Panik verhindern.

Wir schalten den Fernseher ab. Seit dem frühen Morgen auf den Beinen und überwiegend außer Haus, öffnet Hanne die e-mails: 31 Posteingänge. Sie druckt Briefe und Nachrichten von Freunden aus. In allen geht es um den begonnenen Krieg, um Trauer, das Entsetzen, die Verzweiflung. M.E. hat uns ein Bild gemailt, das Kopf und Oberkörper eines verletzten, blutenden Kindes zeigt. Dazu schreibt er, daß er es aus dem Fernseher geholt habe und dazu die Notiz: “Die starren Augen der Kinder… warum muß uns das geschehn?”

Eine unruhige Nacht steht bevor. Ich habe Angst vor den Träumen, die mich attackieren werden. Jedoch, so denke ich, verglichen mit den realen Albträumen, die bleiern auf den Menschen irgendwo in einem zerbombten Bagdader Wohnviertel lasten, ist mein von diesem Krieg verschontes Bett ein “sanftes Ruhekissen”.

Veröffentlicht am

07. Juni 2003

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