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Narzissmus und Macht

Buchbesprechung von Michael Schmid (in etwas kürzerer Fassung ebenfalls veröffentlicht in: Rundbrief des Lebenshaus Schwäbische Alb e.V., Nr. 36 vom März 2003)

Vorab: Für mich war das Buch des Giessener Psychoanalytikers Hans-Jürgen Wirth "Narzissmus und Macht. Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik" eine äußerst spannende und zugleich aufhellende Lektüre. Immer wieder entfuhr es mir beim Lesen: "Mensch ja, genau so habe ich das auch erlebt!" Ich bin regelrecht begeistert von dem Buch und ich entdeckte über weite Strecken - da wo es beispielsweise um die Beschreibung von narzisstisch gestörten Führungspersönlichkeiten geht - quasi eine Beschreibung von ebenfalls ganz offensichtlich unter narzisstischer Persönlichkeitsstörungen leidenden Menschen, mit denen ich zu tun hatte oder habe. Die Lektüre bescherte mir wirklich eine Reihe von "Aha"-Erlebnissen, weil sich mir manches ganz neu erschloss, was ich an eigenen, manchmal leidvollen Erfahrungen gemacht habe.

Der Autor geht davon aus, dass es so etwas wie einen "gesunden" Narzissmus, also eine "wahre" Selbstliebe eines Menschen gibt, die nicht mit Selbstsucht und Entwertung anderer Menschen einhergeht. Solche Menschen befinden sich in einem relativ ausgeglichenen seelischen Gleichgewicht - in der Regel wenigstens. Dabei sind sie auch nicht unbedingt völlig frei davon, andere Menschen für eigennützige Interessen und Bedürfnisse zu benutzen, ihre Macht in Beziehungen spielen zu lassen.

Demgegenüber gibt es aber narzisstisch gestörte Persönlichkeiten. Bei ihnen macht nach psychoanalytischen Erkenntnissen die Spannung zwischen abgewehrten tiefen Selbstzweifeln und den deutlichen Größenphantasien den Kern der narzisstischen Persönlichkeitsstörung aus. Eine solche Persönlichkeit zeichnet sich durch eine "ausgeprägte Selbstzentriertheit", "grandiose Phantasien", "Rücksichtslosigkeit", "unmäßigen Neid", "übersteigerten Ehrgeiz", "Neigung zur Ausbeutung", "Rachgier" und "Eifersucht" aus.

Diese Menschen fallen also durch ein ungewöhnliches Maß an Selbstbezogenheit im Umgang mit anderen auf, durch ihr starkes Bedürfnis, von anderen geliebt und bewundert zu werden, und durch den eigenartigen (wenn auch nur scheinbaren) Widerspruch zwischen einem aufgeblähten Selbstkonzept und gleichzeitig einem maßlosen Bedürfnis nach Bestätigung durch andere. Ihr Gefühlsleben ist seicht; sie empfinden wenig Empathie für die Gefühle anderer und haben - mit Ausnahme von Selbstbestätigungen durch andere Menschen oder eigenen Größenphantasien - im Grunde sehr wenig Freude am Leben; sie werden rastlos und leiden unter Langeweile, sobald die äußere Fassade ihren Glanz verliert und momentan keine neuen Quellen der Selbstbestätigung mehr zur Verfügung stehen.

Eine narzisstische gestörte Persönlichkeit ist vom Geist des Ressentiments durchtränkt, hinter dem das Gefühl der Erniedrigung und des einem - oft in früher Kindheit - zugefügten Unrechts steht. Von seinen Gründen abgelöst, wird dieses Gefühl der Scham zu einem zerfressenden, zersetzenden Gift. Wer von ihm erfüllt ist, schreit nach Rache und Wiedergutmachung. Sein Neid will es so, dass die Beschämung nur dadurch wieder auszulöschen ist, dass jeder, der mehr hat und mehr ist und mehr darf, herabgesetzt und beseitigt wird, als könnte jeder nur am Platz des anderen Befriedigung verworrener Wünsche finden.

Entsprechend parasitär und ausnutzend verhalten sich narzisstische Persönlichkeiten in ihren Beziehungen zu anderen Menschen. Sie nehmen "gewissermaßen für sich das Recht in Anspruch, über andere Menschen ohne jegliche Schuldgefühle zu verfügen, sie zu beherrschen und auszunutzen", um sie, in dem Moment, in dem sie sie nicht mehr brauchen, fallen zu lassen "wie man eine Zitrone ausquetscht und den Rest wegwirft." (Kernberg)

Weil die narzisstisch gestörte Führungspersönlichkeit Bewunderung und Liebe braucht, umgibt sie sich gerne mit "Ja-Sagern" und gewitzten Manipulatoren, die bei ihren narzisstischen Bedürfnissen mitspielen. Sie liebt es auch, sich mit außergewöhnlich intelligenten, reichen, mächtigen, schönen oder sonst wie herausragenden Menschen zu umgeben, die sie schmücken und die sie für die Ausweitung ihrer Macht, ihres Ansehens nutzen kann, nur überflügeln oder in Frage stellen dürfen sie sie nicht. Ehrlichere, mithin auch kritische Mitarbeiter werden an den Rand gedrängt, da der narzisstische Chef nur die Bestätigung seines grandiosen Selbstbildes sucht und findet.

Wirth zitiert den Psychoanalytiker und Paartherapeuten Jürg Willi, der den Typus des Narzissten in folgender Weise charakterisiert: "Die Radikalität, Kompromisslosigkeit und Unerschrockenheit, mit der Narzissten ihre Feinde bekämpfen und sich von ihnen absetzen, imponiert vielen Menschen als Festigkeit und Selbständigkeit. Viele sehen in ihnen starke Führer, oft auch Märtyrer, Opfer ihrer Feinde, was ihnen bedingungslose Anhängerschaft derjenigen verschafft, die aus ähnlicher Struktur heraus sich mit einem Narzissten zu identifizieren suchen. Sie nehmen den Narzissten zu ihrem Idol, stellen sich ganz in seinen Dienst, werden ihm hörig und sind zu totaler Hingabe bereit."

Dabei reagiert die narzisstisch gestörte Person, so direkt und kompromisslos sie in ihren eigenen Kritikäußerungen ist, selbst überempfindlich auf jede Kritik oder Weigerung, sie zu bewundern und zu idealisieren. Wenn sich jemand, der bisher in einer Beziehung zu dieser Person steht, sich ihrem Einfluss zu entziehen sucht, so wird er auf die schwarze Liste gesetzt und ausgestoßen. Es wird ihm jede Existenzberechtigung abgesprochen; er ist nicht mehr, der Bruch ist radikal und endgültig. Narzisstisch gestörte Persönlichkeiten leben nach der Devise: "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich." Entsprechend einem völligen Realitätsverlust können sich Skrupellosigkeit, Zynismus und Menschenverachtung zu Auswüchsen steigern, die selbst ihre erklärten Gegner nicht erahnen. Konstruktiver Konfliktaustrag ist ihnen unvorstellbar. Willi stellt fest: "Der Narzisst unternimmt nichts zur Versöhnung. Ein echter Streit unter Freunden ist ihm schwer vorstellbar."

Dies "funktioniert" offensichtlich nur, weil es narzisstischen Persönlichkeiten häufig gelingt, sich "vor den schmerzlichen Erfahrungen, wie tiefere Gefühlsbeziehungen sie mit sich bringen, zu schützen", indem sie sich innerlich "aus allen Beziehungen heraushalten. (…) Und was den Krankheitsgewinn anbelangt, so bringt die komplette charakterliche ‘Isolierung’, mit der sie sich vor jeder bedeutungsvollen zwischenmenschlichen Beziehung schützen, Vorteile mit sich, die sie nur schwer aufzugeben bereit sind." (Kernberg)

Diese charakterliche Rigidität, die Unbeirrbarkeit bei der Verfolgung ehrgeiziger Ziele, die Unberührbarkeit selbst durch Ereignisse, die andere Menschen zutiefst erschüttern, gehört auch zu den Haupthindernissen für eine erfolgreiche psychotherapeutische Behandlung narzisstisch gestörter Persönlichkeiten. Letztlich besteht die psychische Krankheit geradezu in der Unfähigkeit, krank und schwach zu sein, der Unfähigkeit, zu leiden, zu trauern, Angst zu empfinden und eigene Schwächen zuzulassen. Es gibt die "Krankheit, nicht leiden zu können" (Richter).

Ich habe diese psychoanalytischen Sichtweisen deshalb so ausführlich dargestellt, weil derartige psychische Konflikte, weil Narzissmus und Macht, im Leben jedes Einzelnen eine Rolle spielen. Derartige Konflikte können in Familien, Nachbarschaften, Gemeinden, im Berufsleben vorkommen - und in und um ein Projekt wie das Lebenshaus Schwäbische Alb e.V. sowieso. Für das Erkennen der Hintergründe und Ursachen von Konflikten, aber ebenso für den Umgang mit narzisstisch gestörten Persönlichkeiten kann ein Buch wie das von Hans-Jürgen Wirth für jeden von uns wichtige Hilfestellung leisten. Jede und jeder von uns trägt Verantwortung dafür, dass diese Störungen nicht einfach ausagiert werden dürfen. Denn sie vergiften die Beziehungen auf allen Ebenen, wo sie sich unbegrenzt entfalten können, sie verletzen, zerstören, bringen Menschen unter Umständen um!

Das Buch von Wirth ist aber auch richtig spannend, weil am Beispiel von ehemaligen Politikern konkretisiert wird, wie Narzissmus und Macht eine gegenseitige Dynamik entfalten können. Denn gerade die politische Bühne wirkt besonders anziehend auf Menschen, die unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden. Gesellschaftliche und politische Macht wird gesucht, um innere Gefühle von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Minderwertigkeit zu kompensieren. Ungezügelte Selbstbezogenheit, Sieger-Mentalität, Karriere-Besessenheit und Größenphantasien sind Eigenschaften, die der narzisstisch gestörten Persönlichkeit den Weg in die Schaltzentralen der Macht ebnen. Und erst wenn wir ein tieferes Verständnis für den Einfluss unbewusster psychischer Konflikte auch auf politische Entscheidungen von höchster Tragweite haben, werden die Politiker ihres grandiosen Glanzes beraubt.

Wirth legt in seinem Buch detaillierte Fallstudien von drei ehemaligen Politikern vor sowie eine über die 68er-Bewegung. In diesen sehr ausführlichen, kenntnisreichen Studien werden uns der ehemalige Ministerpräsident Uwe Barschel, Bundeskanzler Helmut Kohl, der Serbenführer Slobodan Milosevic und die RAF als Zerfallsprodukt der APO nahe gebracht. Spannende Einblicke in das Leben bekannter Politiker. Es lohnt sich, sich auf diesen Blick hinter die Kulissen einzulassen, wahre Tiefenblicke in Kindheit, Beziehungen und Abgründe von Menschen, welche die Geschicke von vielen Menschen wahrlich in den Händen hielten.

Hans-Jürgen Wirth: Narzissmus und Macht. Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik. 440 Seiten, Psychosozial-Verlag, Gießen, 4. Auflage 2011 (1. Auflage 2002), 19,90 EURO, ISBN-13: 9783837921526

Hinweis: Die Masken der Niedertracht

In unserer Gesellschaft sind subtile Formen von Gewalt weit verbreitet, die wenig beachtet, oft völlig heruntergespielt oder ignoriert werden. Psychische Gewalt ist schwerer zu erfassen, als direkte körperliche Gewalt, und doch verletzt sie. Die französische Psychoanalytikerin Marie-France Hirigoyen hat in ihrem Buch "Die Masken der Niedertracht: seelische Gewalt im Alltag und wie man sich dagegen wehren kann" sehr eindrucksvoll díe subtilen Formen seelischer Gewalt beschrieben und diese durch viele Beispiele gut veranschaulicht.

Veröffentlicht am

07. März 2003

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