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Leidenschaftlich gegen Hass

Das Vermächtnis von Martin Luther King angesichts der Terroranschläge vom 11. September

Von Michael Schmid

Vom 26. Juli bis zum 16. August 2001 war ich mit einer 16köpfigen Reisegruppe in den USA unterwegs. “Auf den Spuren von Martin Luther King” lautete unser Reisemotto. Erlebt hatten wir in den drei Wochen eine Menge. Und viele Anstösse zum Nach- und Weiterdenken erhalten. Die Form eines Reisetagebuchs sollte dem Nachdenken und Aufarbeiten dienen. Nach der Rückkehr begann ich, meine Gedanken und Notizen in den PC einzutippen. Ich war kurz vor der Fertigstellung, als eines Nachmittags, es war der berühmt-berüchtigte 11. September, ein Anruf kam: ich solle schnell das Fernsehen einschalten, in den USA seien Flugzeuge in beide Türme des World Trade Centers und in das Pentagon gestürzt. Es müsse von Terroranschlägen ausgegangen werden.

Im Fernsehen sah ich in ständiger Wiederholung Schreckensbilder, die mir völlig unwirklich vorkamen. Und doch war es ernst. Der eine Turm des WTC hatte riesige Löcher und brannte. Ein weiteres Flugzeug flog auf den anderen Turm zu, krachte hinein und ein riesiger Feuerball brach auf der anderen Gebäudeseite heraus. Das Pentagon hatte ein riesiges Loch, in dem es brannte. Aus den Türmen des WTC sprangen Menschen in die Tiefe. Und dann stürzte erst der eine, später der andere Turm in sich zusammen. Riesige Staub- und Rauchwolken, bestürzte, fassungslose Menschen, … Ich war erschüttert und konnte doch das ungeheuerliche Ausmaß dieser Wahnsinnstaten gar nicht so schnell als real begreifen, wie es sich leider als wahr erwies. Mit dem Pentagon und dem World Trade Center waren die Symbole der größten militärischen und wirtschaftlichen Macht angegriffen und zerstört worden. Absolut entsetzlich. Dabei waren wir erst wenige Wochen vorher dort gewesen. Und nun das.

Rache und Vergeltung - diese Stimmung griff rasch um sich. In den Vereinigten Staaten, in Europa, in Deutschland. Der amerikanische Präsident redete der massiven militärischen Vergeltung das Wort und versprach einen “Feldzug” gegen den Terror. Von Staates wegen wurde begonnen, Terrorismus zu organisieren. Die deutsche Regierung beschwor “uneingeschränkte Solidarität”, und es wurde hierzulande ausgerufen: “Wir sind alle Amerikaner”. Die NATO erklärte erstmals in ihrer Geschichte den Bündnisfall. Wer wie Egon Bahr in einer Fernsehschau etwas Kritisches zu den amerikanischen Geheimdiensten anmerken wollte, dem wurde das durch Bundesinnenminster Schily schlicht untersagt.

Inzwischen wird Krieg geführt. Die USA und Großbritannien bombardieren das ohnehin geschundene Afghanistan. Terrorbekämpfung mit Terrormitteln. Bodentruppen sind eingedrungen. Die Bundeswehr wartet auf ihren Einsatz.

Und was würde M.L. King für eine Rolle spielen, würde er heute noch leben? Schwer zu sagen, welchen Einfluss er nehmen könnte. Aber klar scheint mir zu sein, welche Haltung er eingenommen hätte: er hätte versucht, dem Haß und aufkommenden Rachegefühlen zu widerstehen. Er hat die Feindesliebe eines Jesus von Nazareth ernstgenommen und auch auf jene Menschen angewandt, die sein eigenes Haus bombardierten und ihm sonst nach dem Leben trachteten. Er hat sich für eine Liebe als “verstehendes, schöpferisches, erlösendes Wohlwollen gegenüber allen Menschen” eingesetzt, auch seinen Feinden gegenüber. Ihm war wichtig, lieber Leiden zu ertragen als anderen Leiden zuzufügen. Lieber die andere Backe hinhalten als zurückschlagen. Lieber das eigene Blut fließen lassen als das anderer.

Eine solche Haltung war für ihn Grundlage und Kennzeichen von Gewaltfreiheit. Gleichzeitig - das zu betonen ist wohl bis heute immer wieder wichtig -, ging es ihm keinesfalls um passives Erleiden von Unrecht. Im Gegenteil: King und der Bürgerrechtsbewegung ging es um aktiven Widerstand ohne Gewalt und nicht um Vermeidensstrategie, um gewaltfreie Konfliktbearbeitung und kein ängstliches Abwarten und Hinnehmen von Unrecht. Die Alternative, den Terror tatenlos über sich ergehen zu lassen oder mit Militär zurückschlagen, stimmt nicht. Es gibt einen dritten Weg, auch wenn dieser schwierig und nicht einfach schon wie im Rezeptbuch vorgezeichnet ist.

Immer wieder hat King darauf hingewiesen, “dass, wenn wir den Frieden in der Welt haben sollen, Menschen und Völker gewaltlos dazu stehen müssen, dass Zwecke und Mittel übereinzustimmen haben. … Wir werden niemals Frieden in der Welt haben, bevor die Menschen überall anerkennen, dass Mittel und Zwecke nicht voneinander zu trennen sind; denn die Mittel verkörpern das Ideal im Werden, das Ziel im Entstehen, und schließlich kann man gute Zwecke nicht durch böse Mittel erreichen, weil die Mittel den Samen und der Zweck den Baum darstellen.”

Leidenschaftlich hat sich M.L. King gegen den Haß eingesetzt. In seiner Weihnachtspredigt von 1967 meint er, dieser Haß sei eine zu große Last, als dass er sie tragen könne. Deshalb müßten wir imstande sein, vor unsere erbittersten Gegner hinzutreten und zu sagen: “Wir werden eure Fähigkeit, uns Leid zuzufügen, durch unsere Fähigkeit, Leid zu ertragen, wettmachen. Wir werden eurer physischen Kraft mit Seelenkraft begegnen. Tut uns an, was ihr wollt, wir wollen euch trotzdem lieben. Werft uns ins Gefängnis, und wir wollen euch trotzdem lieben. Bombardiert unsere Häuser und bedroht unsere Kinder, und wir wollen euch, so schwer es auch ist, trotzdem lieben. Schickt eure vermummten Gewaltverbrecher zu mitternächtlicher Stunde in unsere Gemeinden, schleppt uns hinaus in eine abgelegene Straße und laßt uns halb totgeschlagen liegen, und wir wollen euch trotzdem lieben.”

Gegen diese grundlegende Einsicht der Zweck-Mittel-Relation haben in den vergangenen Jahrzehnten gewiß nicht nur die USA verstoßen, aber diese doch in besonderem Maße. So ging diesem jetzigen 11. September ein erster voraus. Es war dasselbe Datum, als 1973 die demokratisch gewählte Regierung des Sozialisten Salvador Allende gestürzt wurde. Chiles Präsident wurde ermordet, mit ihm starben zehntausende von BürgerInnen. Und die USA mischten dabei kräftig mit. Während des gewaltsamen Umsturzes hatten nicht nur US-Kriegsschiffe vor der chilenischen Küste operiert, auch der US-Geheimdienst war aktiv gewesen, wie später eingestanden wurde. Der Friedensforscher Johan Galtung äußerte in einem Spiegel-Interview, Henry Kissinger, gegen den kürzlich wegen Beihilfe zum Mord an einem chilenischen Allendetreuen General Anklage vor einem Washingtoner Bundesgericht erhoben wurde, sei der Bin Laden Chiles. Die Vorwürfe gegen Bin Laden seien im Vergleich zu den Anklagen gegen Kissinger ganz klein.

Mit der Erwähnung dieser gewalttätigen US-Politik sollen und dürfen die abscheulichen Terroranschläge in New York und Washington nicht gerechtfertigt werden. Doch erinnert werden muss, dass in Lateinamerika angesichts dieser jetzigen Wahnsinnstaten vom “zweiten 11.September” gesprochen wird. Und Chile war ja bei Weitem nicht der einzige Fall US-amerikanischen Terrorismus gegen andere Völker. Es bewahrheitet sich auch hier Kings Einsicht, dass es keinen Frieden in der Welt geben wird, solange eigene Ziele mit gewalttätigen Mitteln verfolgt werden. Wer Gewalt anwendet, darf sich nicht wundern, wenn Gewalt auf ihn zurückfällt.

Eine weitere Einsicht hat King den eher stark selbstbezogenen USA schon vor Jahrzehnten ins Stammbuch geschrieben, deren Beherzigung ihnen selber und anderen Völkern vermutlich viel Leid erspart hätte und ersparen würde. “Kein Land kann allein leben, und je länger wir es versuchen, desto mehr werden wir in dieser Welt Krieg haben”, betonte King, “wir müssen entweder lernen, als Geschwister miteinander zu leben, oder wir werden alle zusammen als Narren zugrunde gehen.”
Diese Gedanken sind heute so hochaktuell wie vor drei, vier Jahrzehnten. Nur ernstnehmen sollten wir sie.

Bei diesem Artikel handelt es sich um das leicht bearbeitete Vorwort einer Broschüre des Autors mit dem Titel “Auf den Spuren von Martin Luther King”. Inhalt ist ein Reisetagebuch von einer dreiwöchigen Studienreise durch die USA im Sommer 2001. Es werden dabei nicht nur Erlebnisse in den USA berichtet, sondern auch ausführlicher über King und dessen heutiger Bedeutung, über Begegnungen und Eindrücke von Friedens- und Menschenrechtsorganisationen. Die Broschüre möchte etwas zur Weiterverbreitung der Gedanken von King beitragen.

Die 56seitige gedruckte Broschüre kann für 4,00 Euro (inklusive Versand) beim Lebenshaus Schwäbische Alb e.V. bestellt werden. Siehe auch Hinweis .

Bestelladresse:
Lebenshaus Schwäbische Alb e.V., Bubenhofenstr. 3, 72501 Gammertingen, Tel. 07574-2862, Fax 07574-91110

Veröffentlicht am

24. Oktober 2001

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