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I Still Have A Dream - Martin Luther King und seine Bedeutung für uns heute

Von Heinrich W. Grosse - Referat zum 70. Geburtstag Martin Luther Kings (für das Symposium des Martin-Luther-King-Zentrums Werdau “Gewaltfreiheit gestern - heute - morgen” am 16.01.99 und für die Evangelische Fachhochschule Hannover am 18.01.99)

Fast to dreams
for if dreams die
life is a broken-winged bird
that cannot fly.
Hold fast to dreams
for when dreams go
life is a barren field
frozen with snow.

(Langston Hughes,
Harlem/ New York City)

Am 4. April des vergangenen Jahres jährte sich zum 30. Mal der Tag, an dem Martin Luther King ermordet wurde. Im Frühjahr 1968 hatte sich King mit einem Streik unterbezahlter schwarzer Arbeiter der städtischen Müllabfuhr in Memphis/Tennessee solidarisiert. Als er gerade Kirchenlieder für eine Massenversammlung am Abend des 4. April besprach, wurde er von weißen Rassisten erschossen. King starb 39jährig; am 15. Januar dieses Jahres wäre er 70 Jahre alt geworden.

King wurde zu einem Zeitpunkt umgebracht, an dem seine Popularität auf einen Tiefpunkt gesunken war. Er gehörte nicht mehr zu den zehn am meisten bewunderten Personen in den USA. Der einst als “Apostel der Gewaltlosigkeit” hofierte Friedensnobelpreisträger wurde in seinen letzten beiden Lebensjahren für viele zur “unerwünschten Person”. Denn er hatte im Kampf für die Rechte Benachteiligter die Gesellschaft bzw. Politiker der USA scharf kritisiert und massive Aktionen zivilen Ungehorsams befürwortet.

Heute wird derselbe Martin Luther King in den USA offiziell als Nationalheld gefeiert. Seit 1986 wird dort (jeweils am Montag nach seinem Geburtstag am 15. Januar) ein Martin-Luther-King-Feiertag begangen. King zählt zu jenen zehn Menschen, die als “christliche Märtyrer des 20. Jahrhunderts” mit einer Statue in der Londoner Westminster-Abtei geehrt wurden. Auch in unserem Land gibt es viele öffentliche Einrichtungen, die Kings Namen tragen. Bei einer Umfrage im vergangenen Jahr nannten 58% der befragten Deutschen Martin Luther King als Vorbild. (Nur Albert Schweitzer lag bei dieser Befragung knapp vor King.) Ein Pfarrer aus der DDR schrieb mir am 9. November 1989: “Jetzt ist endlich die Mauer überflüssig. Einer meiner Söhne war seit dem 2. Oktober jeden Montag in Leipzig dabei. Ich denke, Martin Luther King hat als Vorbild manchen begleitet.”

Freilich steht die Erinnerung an King gelegentlich in der Gefahr, Klischees zu fördern. So führt das Klischee vom “gewaltlosen Märtyrer” oft dazu, Kings politische Perspektiven zu verkürzen und seine bleibende Herausforderung an uns zu verharmlosen. Da ist dann wenig zu merken von einer “gefährlichen Erinnerung” (J.B. Metz).

So müssen auch wir uns fragen: An welchen Martin Luther King erinnern wir uns? Lassen wir uns von ihm aus gewohnten Denk- und Handlungsmustern herausfordern? Blicken wir auf sein Werk bewundernd, aber eben doch wie auf Vergangenes zurück? Oder inspiriert er uns zu mutiger Zeitgenossenschaft inmitten der bedrängenden Probleme unserer Gegenwart?

Doch zunächst will ich auf die Frage eingehen: Wer war Martin Luther King, jr.? Am 15. Januar 1929 wurde er als Sohn des schwarzen Baptistenpfarrers Martin Luther King, Sr. und seiner Frau Alberta Williams King in Atlanta/Georgia geboren. Obwohl er eher behütet in einem vergleichsweise wohlhabenden Elternhaus aufwuchs, identifizierte er sich von Jugend auf mit dem Schicksal der Mehrheit seiner schwarzen Schwestern und Brüder. Er erhielt eine Ausbildung, die nur wenigen Afro-AmerikanerInnen zugänglich war. Von 1948 bis 1954 studierte er Theologie an Universitäten im Norden der USA.

1954 - im Alter von 25 Jahren - übernahm er ein Gemeindepfarramt in Montgomery/Alabama. (Er entschied sich damit gegen eine ihm mögliche Universitätskarriere.) Bereits im folgenden Jahr sah sich King - dessen Beschäftigung mit Pazifismus und Gewaltlosigkeit bis zu diesem Zeitpunkt rein theoretischer Natur gewesen war - vor eine ungewöhnliche Herausforderung gestellt, als es in der von Rassismus geprägten Stadt Montgomery im Dezember 1955 zu einem spontanen Busboykott kam. Die gedemütigten Schwarzen waren nicht länger bereit, schikanöse Behandlung in städtischen Bussen zu erdulden. Sie weigerten sich, nur auf den hinteren Sitzen Platz zu nehmen und gegebenfalls auch diese für Weiße zu räumen. Der in Montgomery damals noch wenig bekannte Pastor King wurde zum Präsidenten des Boykottkomitees gewählt. Für ihn sprach, daß er in den Augen der weißen Bürgerinnen politisch ein “unbeschriebenes Blatt” war.

Doch bald erlangte King als Sprecher der gewaltlosen Bürgerrechtsbewegung nationale Bekanntheit. Als sein Haus von Weißen bombardiert wurde, beschwor er seine schwarzen Leidensgenossen: “Wir müssen der Gewalt mit Gewaltlosigkeit begegnen. Denkt an die Worte Jesu: ‘Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen’. Jesus ruft uns auch heute über die Jahrhunderte hinweg zu: ‘Liebt eure Feinde!’ Das müssen wir leben.” King, der wie die meisten Bürgerinnen seines Landes Waffen zur Selbstverteidigung besaß (und der - vergeblich - um die Erlaubnis gebeten hatte, eine Schußwaffe im Auto mit sich zu führen), beschloß nun, alle Waffen aus seinem Haus zu verbannen.

Die Schwarzen hielten den Boykott trotz massiver Einschüchterungen und unter großen persönlichen Opfern ein Jahr lang durch. Sie erreichten schließlich die Aufhebung der Rassentrennung in den öffentlichen Verkehrsmitteln der Stadt. Der Busboykott bildete den Anfang einer Bürgerrechtsbewegung, die sich über alle Südstaaten ausbreitete. Die Mehrzahl der Bürgerrechtlerinnen stammte aus schwarzen Kirchengemeinden. Ihr Ziel - die Aufhebung der Rassentrennung in öffentlichen Einrichtungen - versuchten sie mit gewaltlosen Mitteln zu erreichen: durch Demonstrationen, Sit-ins, Gebetswachen, Geschäftsboykotts und die Überfüllung der Gefängnisse. In ihren Kirchen übten sie gewaltfreien Widerstand ein, oft mit Hilfe eines Soziodramas.

King interpretierte Gewaltlosigkeit als “Christentum in Aktion”. “Der Geist und die Beweggründe” - so King - “kamen von Christus, während die Methode von Gandhi kam.” “Gandhi war wahrscheinlich der erste Mensch in der Geschichte, der Jesu Ethik der Liebe über die bloße Wechselwirkung zwischen einzelnen Menschen hinaus zu einer wirksamen sozialen Macht im großen Maßstab erhob.”

In seinem Rückblick auf den Busboykott von Montgomery hat King Grundaspekte gewaltloser Aktion benannt:

  • “Gewaltloser Widerstand ist keine Methode für Feiglinge. Es wird Widerstand geleistet. Wenn jemand diese Methode anwendet, weil er Angst hat oder weil ihm die Werkzeuge zur Gewaltanwendung fehlen, handelt er in Wirklichkeit gar nicht gewaltlos.”
  • Gewaltloser Widerstand will “den Gegner nicht vernichten oder demütigen. .. Das Ziel ist … Aussöhnung.”
  • Zum gewaltlosen Widerstand gehört “die Bereitschaft, Demütigungen zu erdulden, ohne sich zu rächen, Schläge hinzunehmen, ohne zurückzuschlagen.” “Unverdientes Leiden erlöst. Im Leiden liegt eine gewaltige erzieherische und umwandelnde Kraft.”
  • Der gewaltlose Widerstand gründet auf der “Überzeugung, daß das Universum auf der Seite der Gerechtigkeit steht. Infolgedessen hat, wer an Gewaltlosigkeit glaubt, einen tiefen Glauben an die Zukunft”

1960 wurde King Hilfspfarrer an der Kirche seines Vaters, der Ebenezer Baptist Church in Atlanta. Er hatte nun mehr Zeit für sein Engagement in der Bürgerrechtsbewegung.

Auf den Busboykott von Montgomery folgten viele gewaltlose Aktionen in anderen Städten im Süden der USA. Berühmt wurden die Kampagnen, die die von King geleitete “Southern Christian Leadership Conference” (SCLC - “Christliche Leitungskonferenz in den Südstaaten”) während der Jahre 1961 - 1965 in Albany, Birmingham und Selma durchführte. Ihr Ergebnis: In öffentlichen Einrichtungen war die Rassentrennung weitgehend aufgehoben. Die Zahl wahlberechtigter Afro-Amerikanerinnen hatte bedeutsam zugenommen. Vor allem hatten viele von ihnen ein neues Selbstbewußtsein gewonnen, gleichsam den “aufrechten Gang” erlernt.

1964 - als 35jähriger! - erhielt King den Friedensnobelpreis. In seiner Dankesrede sagte er: “Gewaltlosigkeit ist die Antwort auf die entscheidende politische und moralische Frage unserer Zeit - die Notwendigkeit, daß der Mensch Unterdrückung und Gewalt überwindet, ohne zu Unterdrückung und Gewalt Zuflucht zu nehmen.”

Die Anwendung gewaltloser Methoden verstand King als Befreiung von dem Zwang, die herrschenden Werte der Gesellschaft, in der er lebte, bzw. der westlichen Industrienationen zu imitieren. Es ging ihm um die Durchbrechung des Gewaltzirkels. Er hoffte, mit gewaltlosen Aktionen den Gegner in einen politischen Lernprozeß einzubeziehen. Immer wieder betonte er: Gewaltlosigkeit soll die Befreiung der Unterdrückten wie der Unterdrücker bewirken.

Weil das Eintreten für Gewaltlosigkeit oft als naiv belächelt wird, möchte ich betonen: King war keineswegs ein naiver, “gesinnungsethischer” Träumer. Er war nicht blind im Blick auf die institutionalisierte Gewalt, die Gewalt der bestehenden Verhältnisse. So wies er darauf hin, daß auch die Existenz von Ghettos oder Arbeitslosigkeit eine Form von Gewalt gegenüber den Betroffenen darstelle. Scharf kritisierte er Politiker, die, während sie den Vietnamkrieg unterstützten, schwarze Ghetto-Bewohner zu Gewaltlosigkeit mahnten. Wer Gewaltlosigkeit beschwört, um bestehende Gewaltverhälnisse gegenüber kritischen Minderheiten zu verteidigen, kann sich nicht auf Martin Luther King berufen!

Veröffentlicht am

03. Dezember 2001

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