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Heute ist die Sperrzone um Tschernobyl doppelt so groß wie das Saarland

Viele Ausgesiedelte sind illegal in die verseuchten Gebiete zurückgekehrt. Sie wurden an ihren neuen Wohnorten gemieden, als sei die Strahlenkrankheit ansteckend

Von Karl Grobe

Sperrzone ist das Wort, mit dem die Behörden das radioaktiv verseuchte Gebiet in der Ukraine, Russland und Weißrussland bezeichnen. Die Zone ist fast doppelt so groß wie das Saarland, rund 4300 Quadratkilometer. Seit der nuklearen Katastrophe im Reaktorblock Nr. 4 der Atomanlage Tschernobyl am 26. April 1986 ist sie allmählich gewachsen, noch 1999 wurde eine weitere Ortschaft in der Ukraine für unbewohnbar erklärt.

Die Kernschmelze, die Explosion und der Brand der Graphitstäbe - die eigentlich die Kettenreaktion hätten unter Kontrolle halten sollen - erzeugte extreme Temperaturen. Deshalb wurden die radioaktiven Nuklide in große Höhen geschleudert und durch Höhenwinde weltweit verbreitet. Eine von der Uni Princeton erarbeitete Karte belegt, dass der radioaktive Niederschlag in Japan und den USA, Indien und Thailand sowie - besonders stark - in der Türkei, Syrien, Libanon, Israel und Nord-Ägypten gemessen wurde.

Überall verdächtige Gebiete

Stark belastet sind vor allem aber die Regionen von Weißrussland südlich von Masyr und zahlreiche Bezirke zwischen der ukrainischen Grenze, Homel, Babruisk und Mahiljou. Wie ein Leopardenfell gesprenkelt verteilen sich Sperrzonen, "dauerhafte" und "periodische Überprüfungszonen" über den Südosten Weißrusslands. Und verdächtige Gebiete finden sich überall im Lande, nördlich von Minsk wie weit westlich nahe der polnischen Grenze.

Über die Größe der weißrussischen Sperrzone sind umfassende Daten nicht zu haben. Sie ist insgesamt jedoch wesentlich größer als die in der Ukraine. Mancherorts sind Siedlungen aufgegeben, wenige Kilometer weiter in vermutlich weniger belastetem Gebiet neu gebaut worden; die belasteten Beeren und Pilze aus den verstrahlten Wäldern gehören auch dort wieder zum täglichen Speisezettel. Und die Datschen - die Schrebergärten und Sommerwohnungen - stehen oft auch gerade im verstrahlten Gebiet.

In der Ukraine ist ein schmaler Gebietsstreifen westlich von Tschernobyl Sperrzone. Auch die unmittelbare Umgebung des früheren Reaktors mit der Stadt Pripjat - die damals 40 000 Einwohner arbeiteten für das AKW - sind unzugänglich. Im Prinzip. Einige tausend ältere ehemalige Bewohner sind zurückgekehrt, haben die Kontrollpunkte am Rande der abgesperrten Gebiete umgangen und ihre alten Häuser wieder bezogen. Arbeit gab es in den Umsiedlungsorten kaum und soziale Kontakte schon gar nicht. Die Ausgesiedelten wurden gemieden, als ob die Strahlenkrankheit ansteckend wäre, es blieb die Rückkehr.

Geigerzähler rattern

In Russland ist ein Teil des Brjansker Gouvernements - angeblich gering - belastet. Doch als Mitte August die Wald- und Moorbrände diese Region heimsuchten, breitete sich Furcht aus. In den sommerlich ausgetrockneten Mooren brannte besonders der Torf, der eine Handbreit bis einen halben Meter unter der Oberfläche liegt; und gerade dorthin hatten in den 24 Jahren seit dem GAU der Regen und die Schneeschmelze die strahlenden Nuklide verfrachtet. Und sie sind auch in Büschen und Bäumen angereichert; "wenn man an so einem Baum vorbeigeht, fängt der Geigerzähler an zu rattern", sagte der Greenpeace-Experte Christoph von Lieven dem Evangelischen Pressedienst epd.

Es gibt keine Sperrzonen um Brjansk und keine unmittelbar gefährliche intensive Strahlung. Doch die Wirkungen geringer radioaktiver Dosen - wie man sie durch Atmung und Nahrung aufnimmt - sind heimtückisch, wenngleich wenig erforscht. Sie betreffen besonders Kinder. Politiker und Wissenschaftler, die sich der Jungen annahmen und darob zu Oppositionellen wurden wie Gennadi Gruschewoj, tun bis heute besser daran, sich im Ausland den Behörden zu entziehen. Über die Folgen von Tschernobyl ist dennoch - auch aus Belarus - vieles bekannt geworden. Was der erste aller großen Nuklearunfälle angerichtet hat, wird bis heute kaum beachtet. Die Explosion in einem Atom-Zwischenlager des nuklearkriegswichtigen Unternehmens Majak am 29. September 1957 wurde zwanzig Jahre lang geheim gehalten, bis der Dissident Zhores Medwedew in einer - westlichen Zeitschrift 1976 darüber berichtete.

Die radioaktive Wolke verteilte mehr langlebige strahlende Partikel über die Region am Ost-Ural als der GAU von Tschernobyl; so viel steht wohl fest. Die Wolke erreichte nur geringe Höhe, praktisch nichts wurde vom Wind über die Grenzen der damaligen Sowjetunion hinaus geweht. Schwer belastet ist die "Ost-Ural-Spur" östlich von Jekaterinburg und nördlich von Tscheljabinsk, und auch hier gibt es Sperrzonen. Dazu gehört der Karatschai-See, in den Atommüll aus Tscheljabinsk-40 (Rüstungs-Städte wurden nur mit einem Postfach bezeichnet) seit 1951 gekippt wurde. Er ist der radioaktiv am stärksten verseuchte Ort auf Erden. Als Dürrejahre um 1965 einen Teil trockenfallen ließen, wurde der strahlende Dreck vom Winde nochmals über die "Ost-Ural-Spur" gestreut.

Ein Gebiet von der Größe Hessens mit 270.000 Einwohnern wurde 1957 verstrahlt, bis heute können 180 Quadratkilometer nicht von der Landwirtschaft genutzt werden. Die Stadt Kyschtym aber wird wieder bewohnt. Die 40.000 Einwohner schlugen im August Alarm, als die Waldbrände näher kamen.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 26.09.2010. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

27. September 2010

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