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Moskauer Mehrdeutigkeiten

Wer hat gesiegt vor 65 Jahren? Und wer wurde erst viel später befreit? Fragen anlässlich einer Militärparade, die an den Sieg der Alliierten am 9. Mai erinnern sollte.

 

Von Karl Grobe

Moskau hat die größte Militärparade seiner Geschichte erlebt, vielleicht die größte, die je stattgefunden hat. Das sagen jedenfalls die Veranstalter der Truppenschau, die an den Sieg der Alliierten vor 65 Jahren erinnern sollte. Der Ort war dem Anlass gemäß. Dieser Krieg hat die Sowjetunion stärker verwüstet als jedes andere Land. Er ist in - und von - der Sowjetunion entschieden worden, bevor noch die zweite, westliche, Front eröffnet wurde. Fast 30 Millionen ihrer Einwohner starben an diesem Krieg. Daran hat Präsident Dmitri Medwedew am Sonntag zu Recht erinnert.

Erstmals nahmen auch US-amerikanische, britische und französische Truppen an der Parade teil, eine späte, aber wichtige Erinnerung an die Anti-Hitler-Allianz. Auch polnische Einheiten waren dabei; der Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen gilt gemeinhin als Beginn jenes vernichtenden Kriegs; in Ostasien hatte er mit dem japanischen Überfall auf China allerdings zwei Jahre vorher begonnen - und endete dort Monate später als in Europa. Dass die Bundeskanzlerin eingeladen war, ist schließlich ein schönes Symbol für späte Versöhnung, wenngleich nicht Begnadigung der Täter von damals.

Die Perspektive auf den 8. und 9. Mai 1945 verkürzt allerdings. Polen ist im September 1939 nicht nur von Hitler und seinen klugen, folgsamen, gewissenlosen Generalen überfallen worden. Siebzehn Tage nach dem deutschen Einmarsch fiel die Sowjetarmee in Polen ein, und das Stichwort Katyn verweist auf das dort Folgende. Der Diktatoren-Pakt, den Wochen zuvor die Herren Ribbentrop und Molotow in Moskau unterzeichnet hatten, ermöglichte Hitler den ersehnten Krieg erst - wie auch das Zögern, die Appeasement-Politik der westeuropäischen Demokratien. In die historische Erinnerung gehört dies ebenso wie das Siegesgedenken.

Auch dies ist ja nicht eindeutig. Deutschland (genauer: die Westzonen, die nachmalige Bundesrepublik) ist von der Nazi-Diktatur ebenso befreit worden wie die westlichen Nachbarn; im östlichen Teil des Kontinents folgte auf diese Befreiung aber nicht die West-Demokratisierung, sondern die territoriale und politische Ausdehnung der Stalin-Diktatur.

Estlands Präsident Toomas Hendrik Ilves hat am Vorabend der Feiern, an denen er dann teilnahm, vor Veteranen erklärt, dass der Mai 1945 seinem Land weder Frieden noch Freiheit gebracht habe; für ihn ist erst mit dem Abzug der letzten russischen Soldaten am 31. August 1994 der Krieg beendet. Das war taktlos. Doch es bleibt notwendig, die Ambivalenz der proklamierten Befreiung im Gedächtnis zu behalten. Den Balten, Polen, Ukrainern, Ungarn ist sie sehr präsent.

Russland, der weitaus größte Nachfolgestaat der Sowjetunion, ist mit dieser Ambivalenz noch nicht fertig, weil es mit der eigenen Geschichte noch nicht im Reinen ist. Seit zwanzig Jahren greift der offizielle Diskurs auf die großen Zaren ebenso zurück wie auf den großen Stalin; über die Inkompetenz und Korruption der letzten Romanow-Zaren geht dieser Diskurs so leichtherzig hinweg wie über die Verbrechen Stalins am Volk - den Völkern der Sowjetunion - und den eigenen Genossen. Die russische Führung hat es zwar vermieden, an diesem Gedenktag Stalin als den siegreichen Feldherrn zu feiern; als historische Größe wertet sie ihn dennoch auf. Die gesellschaftliche Selbstbesinnung steht noch aus.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 10.05.2010. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

12. Mai 2010

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