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Afghanistan: Obamas Afghanistan-Bausatz

Kriege wie die am Hindukusch und in Pakistan passen nicht mehr ins 21. Jahrhundert. Daran droht der US-Präsident nun zu scheitern

 

Von Konrad Ege

Ganz gleich, wie viele Soldaten der US-Präsident zusätzlich nach Afghanistan schickt, und ob das ausreicht für einen "Sieg": Es führt kein Weg vorbei an Fragen, wie lange die USA sich derartige Kriege noch leisten können - und ob Kriege wie dieser überhaupt noch lohnen.

Gegner der angestrebten US-Gesundheitsreform ereifern sich an dem drohenden Schuldenberg: 848 Milliarden Dollar koste die Reform im kommenden Jahrzehnt. Ein Großteil davon ließe sich freilich bezahlen mit dem Geld, das die USA in Afghanistan verpulvern. Die Kanonen- oder-Butter-Rechnung mag als naiv belächelt werden von Mocha-Frappuccino-Trinkern, den "Experten" in den Edellokalen der US-Hauptstadt. Wer jedoch seine Herztabletten nicht bezahlen kann, lächelt nicht, wenn er wirklich über die 60 Milliarden Dollar Steuergeld nachdenkt, die allein dieses Jahr in Kabul und Umgebung für "Kampfoperationen" ausgegeben wurden. 2010 wird es etwas mehr sein, abhängig von Obamas Entscheidung über das Aufstocken der annähernd 68.000 GIs in Afghanistan.

Präsident im Kessel

Umfragen zufolge haben die US-Amerikaner zunehmend Zweifel an diesem Krieg. Der real existierende militärisch-industrielle Komplex macht aber ganz massiv Druck auf den Präsidenten. Stanley McChrystal, der kommandierende General in Afghanistan, hat Obama mit der Behauptung eingekesselt, ein Desaster ("failure") drohe, sollte der Präsident nicht mindestens 40.000 Soldaten mehr schicken. Viele hohe Militärs seien Obama gegenüber negativ eingestellt, sagt der Journalist Seymour Hersh, sie wünschten sich, dass er keinen Erfolg hat. "Wenn Obama ihnen die zusätzlichen Streitkräfte gibt, verliert er politisch", so Hersh. Wenn er ihnen die Streitkräfte nicht gibt, verliere er auch. Und Obama will nicht derjenige sein, der Afghanistan "verliert".

Kommentare im rechten Fernsehsender Fox kritisieren schon, dass er zu lange gezögert habe mit seiner Entscheidung. Obama hat sich freilich selber in den Kessel begeben. Im Wahlkampf hatte er betont - wohl auch um "Härte" zu beweisen gegen den Vietnamkriegshelden John McCain -, dass er nicht grundsätzlich gegen Kriege sei. Nur gegen George W. Bushs Irak-Krieg, der schlecht gemanagt und unnötig gewesen sei. Afghanistan hingegen, das bleibe ein notwendiger Krieg. Und General McChrystal? Den hat Obama selber ernannt. Obwohl der Menschenrechtsverband Human Rights Watch 2006 über schwere Folter in einer im Irak stationierten Einheit unter McChrystal berichtet hatte.

Stärker denn je

Die Warnungen vor einem Desaster in Afghanistan kommen Daniel Ellsberg bekannt vor. Der war in den sechziger Jahren erst Offizier der Marine-Infanteristen, dann Planer für Befriedung (Counterinsurgency, würde man heute sagen) in Vietnam, und später die Quelle der streng geheimen Pentagon-Papers über die Geschichte des Vietnam-Krieges. Demzufolge wusste die Regierung schon frühzeitig, dass der Krieg in Indochina nicht zu gewinnen war. Seinerzeit hätten die Experten Präsident Lyndon B. Johnson geraten, er müsse mehr und mehr Truppen nach Südostasien schicken. Das sei damals aussichtslos gewesen und sei auch in Afghanistan aussichtslos, sagte Ellsberg kürzlich in einem Fernsehinterview. Die fremden Truppen trieben den nationalen Widerstandskräften Rekruten in die Hände. Die Taliban seien verhasst bei den meisten Afghanen, wie auch viele Südvietnamesen seinerzeit nichts zu tun haben wollten mit der Nationalen Front für die Befreiung (FLN). Aber Taliban und Vietcong erhielten Unterstützung als Kämpfer gegen die Besatzungsmacht. Und die GIs seien nun einmal, was viele Amerikaner nicht sehen wollten, aus Sicht der Afghanen eine Besatzungsmacht, die eine korrupte Regierung stütze.

Auch der desolate Zustand der afghanischen Streitkräfte, die seit Jahren ausgebildet werden und noch immer nicht kampfbereit seien, kommt Ellsberg bekannt vor: Letztendlich könne keine ausländische Macht Einheimische motivieren, zum Schutz einer korrupten Regierung auf die eigenen Leute zu schießen.

Einander widersprechende Stimmen

Und die Taliban sind heute offenbar stärker als jemals zuvor. Obwohl immer mehr US-Streitkräfte in Afghanistan sind: 5.200 waren es im Jahr 2002 - 15.200 dann 2004, 31.100 im Jahr 2008 und jetzt fast 70.000. Obama allein müsse die Afghanistan-Politik überwachen, so Hersh. Das Weiße Haus müsse das Pentagon kontrollieren, nicht umgekehrt, sonst gehe diese Präsidentschaft kaputt. Es scheint in der Regierung einander widersprechende Stimme zu geben. Vizepräsident Joe Biden ist gegen Eskalation, weil die nicht ins 21. Jahrhundert passt. Während China, Indien und andere aufstrebende Nationen ihre Macht politisch und wirtschaftlich geltend machen, so der Vizepräsident, debattierten die USA wieder einmal über einen Krieg.

Obama hat vor kurzem in CNN versprochen, er werde dem Volk "klar sagen, was wir (in Afghanistan) tun, wie wir Erfolg haben werden", und wie das End Game aussehen werde. Denn man werde nicht "ewig" in Afghanistan bleiben. Obama wurde mit dem Ziel Präsident, die Rolle der USA neu zu definieren nach den acht Jahren George W. Bush. Afghanistan ist dafür ein schwerer Test. Was der Präsident will, und was er durchsetzen kann, ist alles andere als identisch. Eine Gruppe demokratischer Kongressabgeordneter hat gerade ein Gesetz vorgelegt, um eine Zusatzsteuer einzuführen und sie für den Krieg am Hindukusch auszugeben. Chancen der Vorlage: Gleich null, sagen selbst die Autoren des Entwurfs.

Quelle: der FREITAG vom 26.11.2009. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Konrad Ege und des Verlags.

Veröffentlicht am

26. November 2009

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