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Die Zeit der Selbstgerechten

Von Gideon Levy, 10.01.2009 - Haaretz / ZNet

Dieser Krieg legt - vielleicht mehr als seine Vorgänger - die wahren, grundlegenden Lebensadern unserer israelischen Gesellschaft bloß. Rassismus, Hass, Blutdurst und der Impuls, sich zu rächen, spuken in den Köpfen herum. Militärkorrespondenten beschreiben es im Fernsehen so: "Der Kommandeur", der IDF "ist (jetzt) darauf aus, soviele wie möglich zu töten." Selbst wenn sich dieser Satz auf die Hamas-Kämpfer bezieht, ist er Gänsehaut erregend.

Ungezügelte Aggression und Brutalität geschehen unter dem rechtfertigenden Vorwand, man gehe eben "vorsichtig vor": Das erschreckende Opfermissverhältnis - auf jeden getöteten Israeli kommen 100 getötete Palästinenser -, wird nicht in Frage gestellt. Es ist, als hätten wir uns entschieden, dass unser Blut hundertmal mehr wert ist als deren Blut. Das passt zu unserem inhärenten Rassismus.

Selbstgerechte, Nationalisten, Chauvinisten und Militärs sind die Einzigen, die hier legitimerweise den Ton angeben. Lasst uns doch mit Menschlichkeit und Mitleid in Ruhe! Nur am Rande des Camps ist die Stimme des Protestes zu hören - von einer Gruppe mutiger Juden und Araber. Diese Stimme gilt als illegitim, isoliert und wird von der Medienberichterstattung ignoriert.

Daneben ist eine weitere Stimme zu vernehmen - womöglich die schlimmste. Es ist die Stimme der Selbstgerechten und Heuchler. Mein (Haaretz-)Kollege Ari Shavit scheint deren eloquenter Sprecher zu sein. Diese Woche am 7. Januar schrieb Shavit einen Artikel für die Haaretz: ‘Israel must double, triple, quadruple its medical aid to Gaza’ (Israel muss seine medizinische Hilfe für Gaza verdoppeln, verdreifachen, vervierfachen). Darin heißt es: "Die israelische Offensive in Gaza ist gerechtfertigt… Nur eine sofortige, generöse humanitäre Initiative kann beweisen, dass wir uns selbst während eines brutalen Krieges, der uns aufgezwungen wurde, daran erinnern, dass auch auf der anderen Seite Menschen sind".

Shavit verteidigt die Rechtmäßigkeit des Krieges und besteht darauf, dass er nicht verloren gehen darf. Der Preis ist für ihn immateriell; ebenso ist es Fakt, dass ungerechte Kriege dieser Art keine Siege bringen. Im selben Atemzug predigt Shavit "Menschlichkeit".

Will Shavit, dass wir killen, killen, immer weiter killen - um hinterher Feldlazarette aufzustellen und die Verwundeten mit Medizin und Pflege zu versorgen? Ihm ist klar, dass ein Krieg gegen diese hilflose Bevölkerung - gegen die vielleicht hilfloseste Bevölkerung auf Erden, weil sie nirgendwohin fliehen kann -, dass ein solcher Krieg nichts als grausam und ekelerregend sein kann. Aber Leute wie Shavit wollen immer unbesudelt aus diesen Dingen hervorgehen. Wir werfen Bomben auf Wohnhäuser ab und behandeln anschließend die Verletzten in Ichilov. Wir schießen Granaten auf lausige Zufluchtsorte, wie die UN-Schulen (in Gaza); später werden wir die Verkrüppelten in Beit Lewinstein rehabilitativ versorgen.

Wir schießen - und weinen; wir töten - und lamentieren; wir schlachten Frauen und Kinder ab, als seien wir automatische Killermaschinen - und bewahren Haltung.

Das Problem ist: So funktioniert das nicht. Es ist eine himmelschreiende Heuchelei und Selbstgerechtigkeit. Jene, die in Brandreden zu immer mehr Gewalt aufrufen - ohne Rücksicht auf die Folgen - sind zumindest die Ehrlicheren.

Man kann nicht beides haben. Die einzige "Reinheit" dieses Krieges, ist die "Reinigung von den Terroristen". In Wirklichkeit bringt man dabei jedoch die Saat für neue schreckliche Katastrophen aus. Was derzeit in Gaza passiert, ist keine Naturkatastrophe, kein Erdbeben, keine Flut. In diesem Falle wäre es unsere Pflicht und unser Recht, den Opfern eine helfende Hand zu reichen. Wir würden Rettungseinheiten entsenden. Das lieben wir. Aber all die aktuellen Katastrophen, die unglücklichen Zufälle in Gaza, sind menschgemacht - und wir sind diese Menschen. Wem Blut an den Händen klebt, kann keine Hilfe übergeben. Aus Brutalität kann kein Mitleid sprießen.

Aber es gibt immer noch Leute, die beides wollen: wahllos töten und zerstören - ohne schlechtes Gewissen, ohne Gesichtsverlust. Sie wollen, dass die Kriegsverbrechen fortgeführt werden und fühlen nicht die Schwere der Schuld, die sie eigentlich empfinden müssten. Sie haben wirklich Nerven. Jemand, der einen Krieg rechtfertigt, rechtfertigt gleichzeitig die damit verbundenen Verbrechen. Jeder, der für den Krieg predigt, jeder, der glaubt, Kriegsmassaker seien gerechtfertigt, hat nicht das Recht, über Moral und Menschlichkeit zu sprechen. Man kann nicht gleichzeitig töten und ernähren. Aber diese Glaubenshaltung repräsentiert das grundlegende dichotomische Gefühl der Israelis, das uns seit jeher begleitet hat: Wir begehen ein Verbrechen und fühlen uns in den eigenen Augen rein: Töten, zerstören, aushungern, einsperren und demütigen - dennoch fühlen wir uns im Recht, um nicht zu sagen, rechtschaffen. Aber unsere rechtschaffenen Kriegstreiber werden sich diesen Luxus später nicht mehr leisten können.

Jeder, der diesen Krieg rechtfertigt, rechtfertigt auch alle Verbrechen dieses Krieges. Jeder, der diesen Krieg als Selbstverteidigungskrieg sieht, hat die moralische Verantwortung für dessen Folgen zu tragen. Jeder, der heute die Politiker und die Armee ermutigt, weiterzumachen, wird nach dem Krieg ein Kainsmal tragen - eingebrannt auf der Stirn. Wer diesen Krieg verteidigt, verteidigt den Schrecken des Krieges.

Gideon Levy ist israelischer Journalist aus Tel Aviv und arbeitet für die Tageszeitung Ha’aretz unter anderem als Chefredakteur der Wochenendbeilage. Er gehört zu den wenigen israelischen Journalisten, die über das Leben der Palästinenser unter der israelischen Besatzung berichten, und ist wegen seiner kritischen Berichte, Angriffen seitens der israelischen Leser und Kollegen ausgesetzt. Mehr zu Gideon Levy bei ZNet .

Quelle:  ZNet Deutschland   vom 07.01.2009. Originalartikel: The time of the righteous . Übersetzt von: Andrea Noll.

Veröffentlicht am

11. Januar 2009

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