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Vor 25 Jahren: “Prominentenblockade” am Pershing-Depot in Mutlangen

Von Michael Schmid

Am 1. September 1939 überfiel Hitler-Deutschland Polen und löste den Zweiten Weltkrieg aus. Am 1. September 1983 bewegten sich um 5.45 Uhr rund 1.000 Menschen auf das Pershing-Depot in Mutlangen bei Schwäbisch Gmünd zu. Ein Blitzlichtgewitter prasselte auf sie nieder. Das war der Auftakt einer dreitägigen Großblockade. Das Besondere bei dieser Aktion vor 25 Jahren war die Beteiligung von etwa 150 bekannten Personen - Schriftsteller, Künstler, Frauen und Männer der Kirche, Politiker, Ärzte, Richter und Staatsanwälte, Hochschullehrer, etc. Mutlangen kam in die Schlagzeilen der Weltpresse.

Schon seit Mitte der 60er Jahre standen in Mutlangen Atomraketen. Doch die Pershing IA erregte nur unwesentlichen Protest und wenig öffentliche Aufmerksamkeit. Dies änderte sich mit dem NATO-Doppelbeschluss von 1979. Dieser löste eine bisher nicht dagewesene Mobilisierung der Friedensbewegung in der Bundesrepublik und in Westeuropa aus. Als bekannt wurde, dass Mutlangen voraussichtlicher Stationierungsort für 36 Pershing II werden sollte, bildeten sich lokale und regionale Friedensgruppen, die gegen die Stationierung protestierten.

Es wurden Informationsveranstaltungen und Demonstrationen organisiert. Angeregt durch die gewaltfreie Blockadeaktion in Großengstingen im Sommer 1982 Siehe ausführliche Dokumentation "25 Jahre: ‘Schwerter zu Pflugscharen’ - Einwöchige Sitzblockade vor dem Atomwaffenlager in Großengstingen im Sommer 1982 . entstanden gewaltfreie Bezugsgruppen, die über einen Sprecherrat ihre Entscheidungen im Konsens fällten. Sie bereiteten für Ostern 1983 eine kleine Blockadeaktion vor. Als nächstes entstand die Idee, vom 6. August bis zum 1. September ein Friedenscamp in Mutlangen durchzuführen und sich dabei auf eine Blockadeaktion vorzubereiten. Klaus Vack, damals Sekretär des Komitees für Grundrechte und Demokratie, sammelte zu dieser Zeit möglichst viele Prominente in der Gruppe Friedens-Manifest, der u.a. Inge Aicher-Scholl, Heinrich Albertz, Gerd Bastian, Heinrich Böll, Andreas Buro, Walter Dirks, Ingeborg Drewitz, Erhard Eppler, Helmut Gollwitzer, Günter Grass, Walter Jens, Robert Jungk, Petra Kelly, Oskar Lafontaine Horst-Eberhard Richter und Dorothee Sölle angehörten.

Klaus Vack und die Gruppe Friedens-Manifest wollten den örtlichen Widerstand durch die Beteiligung vieler Prominenter unterstützen.Siehe "Vor 25 Jahren: Klaus Vack, die Gruppe Friedens-Manifest und die "Prominentenblockade" in Mutlangen" . Diese Idee stieß bei den gewaltfreien Bezugsgruppen nicht gleich auf Zustimmung. Es wurde zwar gesehen, dass eine solche Blockade eine enorme Öffentlichkeitswirkung haben würde. Aber es gab große Bedenken, die Prominenten an der Blockade teilnehmen zu lassen, denn Voraussetzung sollte sein, dass jeder an einem Training teilgenommen hatte und Mitglied einer Bezugsgruppe war.

Schließlich wurde der Kompromiss geschlossen, die Prominenten auf die Bezugsgruppen zu verteilen. Damit war der Weg frei für die dreitägige Blockadeaktion, die Mutlangen weltbekannt machte.

Vom 1.-3. September 1983 wurden die Einfahrtstore zum US-Airfield in Mutlangen blockiert. Da das Lager bereits vorher von allen Pershing IA-Raketen geräumt worden war, griff die Polizei nicht ein. Von Roman Herzog, dem damaligen Innenminister von Baden-Württemberg, ist der Ausspruch überliefert: "Ich werde der Weltpresse doch nicht das Schauspiel bieten, den Nobelpreisträger Böll von deutschen Polizisten von der Straße tragen zu lassen." Hubschrauber hielten die Verbindung zum Depot aufrecht.

Die Protestform der direkten gewaltfreien Aktion und des Zivilen Ungehorsams gegen Umweltzerstörung und Massenvernichtungsmittel in der Bundesrepublik hatte erst eine recht junge Geschichte. Die Mutlanger "Prominentenblockade" machte nun die breite Akzeptanz deutlich, auf die diese gewaltfreie Aktionsform inzwischen stieß. Sie wurde zum massenhaften, gewaltfreien zivilen Ungehorsam.

Raketenstationierung - Resignation - Aktionen des Zivilen Ungehorsams

Trotz dieser und weiterer beeindruckender Aktionen der Friedensbewegung im Herbst 1983 billigte der Deutsche Bundestag am 22.11.1983 den sogenannten NATO-Doppelbeschluss und genehmigte die Stationierung von Pershing II-Raketen und Cruise Missiles. Nur wenige Tage später, nämlich am 25. November 1983, trafen die ersten Atomraketen in Mutlangen ein.

Die Stationierung von Pershing II-Raketen wurde von einem großen Teil der zuvor engagierten Menschen als eine Niederlage der Hauptforderung der Friedensbewegung angesehen, die zu vielfacher Resignation führte.

Und so ging die Hoffnung nicht in Erfüllung, dass nun ständig hunderte Menschen zum Protestieren und Blockieren nach Mutlangen kommen würden. Doch es gab einerseits eine Dauerpräsenz durch einige wenige Menschen, eine Art ständige Mahnwache. Andererseits gab es Blockadeaktionen von kleinen Gruppen. Immerhin wurden innerhalb von 6 Wochen nach der Stationierung 800 Menschen in Mutlangen festgenommen. Klaus Vack initiierte für den 10.12.1983 eine "symbolische Belagerung", an der 10.000 Menschen teilnahmen.

In den Jahren zwischen 1983 und 1987 gab es vielfache Aktionen des gewaltfreien zivilen Ungehorsams, die sich gerade auf die Stationierungsorte der Pershing II-Raketen konzentrierten, auf die Heilbronner Waldheide und vor allem auf Mutlangen. Die Zufahrt zu dem Mutlanger Pershing-Depot wurde regelmäßig blockiert - und von der Polizei ebenso regelmäßig geräumt. Viele tausend Menschen beteiligten sich dort an Aktionen, ab 1984 im Rahmen der "Kampagne Ziviler Ungehorsam bis zur Abrüstung". Es gab auch andere Aktionen, so z.B. das Überwinden der Umzäunung und das Eindringen in das bewachte Gelände. Mutlangen war zu einem Symbol des gewaltfreien Widerstandes gegen die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen geworden.

1987 wurde durch den INF-Vertrag die Verschrottung der umstrittenen Raketen besiegelt, die dann 1990 endgültig auch aus Mutlangen abgezogen wurden.

Ab Februar 1984 folgte parallel zu den Aktionen des Zivilen Ungehorsams eine regelrechte Prozesswelle vor dem Amtsgericht Schwäbisch Gmünd und anderen Gerichten. 2.999 Menschen wurden aufgrund von Blockaden in Mutlangen wegen Nötigung angeklagt. Die Gerichtsprozesse wurden noch bis in die 90er Jahre hinein geführt, bis das Bundesverfassungsgericht die Verurteilung der Blockierer wegen Nötigung für verfassungswidrig erklärte.

Mutlangen als Symbolort des gewaltfreien Widerstands

Dass in Mutlangen eine solch besondere Geschichte des gewaltfreien Widerstands gegen den atomaren Tod geschrieben werden konnte, ist sicherlich das Verdienst all der vielen engagierten einzelnen Menschen im Zusammenspiel mit kleinen Gruppen und manch größerer Organisation. Es kann aber gemutmaßt werden, dass Mutlangen ohne die weltweit für Aufsehen sorgende "Prominentenblockade" vom 1. bis 3. September 1983 nie die öffentliche Aufmerksamkeit und den Symbolwert bekommen hätte, den es erlangt hat. Natürlich wäre andererseits die Wirkung dieser dreitägigen, mit viel Prominenz bespickten Aktion verpufft, hätte es nicht in den Jahren danach Menschen und Gruppen gegeben, die sich kontinuierlich weiter engagiert hätten.

Während der Protestjahre ist ein Aktionsspruch entstanden: "Unser Mut wird langen, nicht nur in Mutlangen". Er wird wohl heute noch von gar nicht so wenigen Menschen beherzigt und umgesetzt.

Anlässlich des 25. Jahrestages dieser "Prominentenblockade" beginnen wir, Artikel zum Thema "Mutlangen" in die Lebenshaus-Website einzustellen. Diese lassen sich finden unter dem Schlüsselbegriff

Wer etwas zu der jahrelangen Protest- und Widerstandsgeschichte in Mutlangen (oder anderen Stationierungsorten) beizutragen hat, z.B. Artikel, Erfahrungsberichte, Bilder, Dokumente, ist gerne eingeladen, mit uns Kontakt aufzunehmen (bitte unter info@lebenshaus-alb.de ).

Weblinks:

Fußnoten

Veröffentlicht am

31. August 2008

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