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Hannah Arendt: Was für eine Frau!

Hannah Arendt und kein Ende: Ein kleiner bibliographischer Rückblick

von Ekkehart Krippendorff

Kürzlich wurde irgendwo in Berlin eine Diskussionsveranstaltung angekündigt zum Thema “Was hätte Hannah Arendt zur gegenwärtigen Situation in Israel/Palästina gesagt?” Wenn etwas für die bleibende Lebendigkeit und intellektuelle Präsenz einer Denkerin dreißig Jahre nach ihrem Tod spricht, dann ist es so eine Frage; die Antworten sind dabei aus ihren brillanten Analysen der Krise des Zionismus 1945/48 relativ deutlich destillierbar, also vom Vorabend der israelischen Staatsgründung. Arendt hat, im Unterschied zu so manchen Jubilaren, ihren vor zwei Jahren mit großem Medien-Aufwand erinnerten 100. Geburtstag überlebt und ist nicht das Opfer eines publizistischen Staatsbegräbnisses 1. Klasse geworden.

So ist vor kurzem zur Fülle der Arendt-Jubiläums-Literatur noch ein besonders originelles Exemplar hinzugekommen: Das private Adressbuch 1951-1975, ein faksimilierter Nachdruck, dessen besonderer Reiz darin besteht, dass die Herausgeberin zu jedem dort eingetragenen Namen die biographischen Daten liefert; das Ergebnis ist ein imposanter “Who is Who” der europäisch-amerikanischen Intelligenz der Nachkriegsjahrzehnte, denn mit fast allen wichtigen Welt-Kulturbürgern hatte Arendt zu tun gehabt.

“Denken ohne Geländer” ist eine der suggestiven Bild-Formeln, die sie für ihre eigenen Beiträge zum Leben des Geistes - wie ihre letzte große und unvollendet gebliebene Arbeit heißt - benutzte. Und genau darin besteht wohl die ungebrochene Attraktivität dieser moralischen Autorität in den Zeiten zunehmender Verdunkelung der ethischen und politischen Maßstäbe. “Sagen, was ist” ist eine andere solche Selbstverständnis-Formel: Lüge, Verbrechen und Heuchelei in der Politik als solche offen und ohne akademische Umschweife auszusprechen, aber auch bürgerlichen Mut, Korruptionsverweigerung und Hilfsbereitschaft unter Gefahren als politische Tugenden dort anzuerkennen, wo sie sich gezeigt haben.

Die Frage nach dem Guten

Aber ohne Geländer kann sich nur der auf dem ungesicherten schmalen Pfad der Wahrheitssuche bewegen, der aufrecht gehen kann, weil er den Schwerpunkt seiner geistig-seelischen Existenz in sich trägt und nicht sonstwo eine schwankende Identität sucht. Die Kraft, die das Arendt´sche Denken ausstrahlt, ist Ausdruck einer Selbstsicherheit und Autonomie, wie sie nur wenige Menschen durch Arbeit an sich selbst erreichen. Und erarbeitet sind die Gewissheiten des Urteilens, die sie aus der schon in der Schulzeit beginnenden Auseinandersetzung mit der griechischen Philosophie gewonnen hat. Das ist der Kern, um den sie ständig kreist: Sokrates und Plato als die ersten großen Lehrer der Moralphilosophie - und später natürlich Kant. Umgetrieben von der inkommensurablen Erfahrung des Nazismus und des Holocaust hat sie hier festen Boden unter den Füßen. Exemplarisch ihre Vorlesungsmanuskripte zur Moralphilosophie (New York und Chicago 1965/66), die gerade in ihrem fragmentarischen Charakter das Bohrende ihres öffentlichen Nachdenkens über “das Böse” eindrucksvoll bewahren und dabei immer wieder zurückgehen auf jene griechischen Ursprünge des Fragens nach dem Guten in der und für die Polis.

Arendts geistiges Reich ist um ein Vielfaches reichhaltiger und darum bewohnbarer als dasjenige der heutigen Sozialwissenschaften, weil ihm Literatur und Poesie als integraler Bestandteil eingeschrieben sind. Arendt hörte auf die Stimmen der Dichtung und der lebenden Dichter. Einer von vielen, mit denen sie korrespondierte, war Uwe Johnson: Der inzwischen mustergültig editierte Briefwechsel (1968-1975) unterscheidet sich von den anderen durch einen besonders persönlichen Ton im Austausch über Alltägliches mit tieferer Bedeutung. Johnsons ganz privater Nachruf fasst diese Beziehung zwischen zwei dichterisch denkenden Menschen aufs Schönste zusammen - das Ganze die Dokumentation einer jener echten Freundschaften, zu denen Arendt fähig war. Vom “Mut zur Freundschaft” ist da an einer Stelle die Rede - ein scheinbar leicht hingeschriebenes aber tiefes Wort.

Natürlich hatte das Jubiläumsjahr auch die Politologen herausgefordert, sich zu äußern. Kurt Sontheimer aus München hat sich dieser Aufgabe - es wurde seine letzte Arbeit - mit professioneller Kompetenz und spürbar wachsender Sympathie, um nicht zu sagen Bewunderung für den Gegenstand gewidmet, die im Schlusssatz gipfelt: “Was für eine Frau!” Und warum nicht. Wer solide informiert werden will, der ist bei Sontheimer gut aufgehoben - ein Buch des Verneigens eines eher liberal-konservativen Aufklärers vor der ihm unerreichbaren aber zugleich von ihm beneideten Leidenschaft dieser exemplarischen Zeugin der Verwerfungen und des Widerstehens gegen die Zerstörungspotenziale des 20. Jahrhunderts.

Aus demselben akademischen Umfeld kam eine zweite einschlägige Arbeit, die sich allerdings von vornherein systematisch ausrichtete. Wahrheit, Macht, Moral heißt ihr Untertitel, und in den neun Kapiteln gelingt es Hans-Martin Schönherr-Mann, jeweils eine Werkgruppe oder Thematik als Schlüssel zur Erschließung einer Facette der Arendt´schen Biographie zu diskutieren. “Leben wir wirklich in einer ›zerbrochenen Welt‹ bzw. unter Bedingungen weitgehender Weltlosigkeit? Was Arendt zu einer solchen These motivierte, liegt auf der Hand. Sie verbrachte ihre Kindheit und Jugend im ostpreußischen Königsberg in einer aufgeklärten jüdischen Familie” - so beginnt exemplarisch das erste Kapitel, in dem diese Kindheit und Jugend vor dem Hintergrund von “Judenhaß und Antisemitismus” als erstem Lebens-Generalthema dargestellt wird. Andere solche Themen sind dann Totalitarismus, Zionismus, die Amerika-Erfahrung, die Freiheitsproblematik - jeweils verwoben mit ihrer biographischen Empirie, aber zugleich kontextualisiert mit politologischer Theorie und Begriffs- beziehungsweise Geistesgeschichte. Während Sontheimer eher für ein allgemeines Publikum des bildungswilligen gesunden Menschenverstandes schreibt, denkt dieses wissenschaftlich anspruchsvollere Buch mehr an die Menschen aus der Disziplin, ist aber gleichzeitig erfreulich frei von deren tödlichem Jargon.

Die zweite Exkommunikation

Es hat im großen Chor der Hundertjahrfeiern kaum wahrnehmbare kritische Stimmen gegeben. Unter diesen war die erstaunlichste Kritik nur zwischen den Zeilen hörbar: Bekanntlich war Arendt nach dem Erscheinen ihrer Eichmann-Reportage (1962) von nahezu allen prominenten jüdischen Intellektuellen denunziert und geradezu exkommuniziert worden. Dazu im Gedenkjahr ein Wort der Entschuldigung zu hören, wäre zu erwarten gewesen - aber nichts Dergleichen geschah. Im Gegenteil: Das in Berlin ausgerichtete offizielle Symposion im Willy-Brandt-Haus geriet vielmehr unter der schönen Oberfläche der Heiligsprechung zu einer Art zweiter Exkommunikation, indem unter anderem nachgewiesen wurde, dass Arendt keine Wurzeln im Judentum, sondern vielmehr im Christentum und in der Existenzphilosophie habe, sie also zwar Jüdin, aber eben doch keine wirkliche jüdische Denkerin sei und es daher an Empathie mit dem jüdischen Volk habe fehlen lassen.

Eine ganz andere Kritik kommt von links: Frigga Haugs kluges Rosa-Luxemburg-Buch endet mit einem bedenkenswerten Hannah-Arendt-Kapitel, das der Frage nachgeht, wie es dazu habe kommen können, dass Arendt nach dem Zusammenbruch des “real existierenden Sozialismus” für viele Linke und auch weit darüber hinaus die Leerstelle habe einnehmen können, die die pauschal mit diskreditierte Rosa Luxemburg hinterlassen hatte. Haug zeigt, dass Arendt selbst sich in der Figur Rosas gespiegelt habe, so dass die Parallele der beiden Frauenschicksale - jüdisch, revolutionär, herrschaftsfreie Perspektive - oder die Ersetzung der einen durch die andere sich für diejenigen, die nach neuen Identifikationsfiguren suchten, geradezu anbot. Radikalität light sozusagen. Für Haug die Folge auch eines “Interpretationskunststücks”, indem Arendt ihr großes Vorbild sowohl aus der Arbeiterbewegung als auch aus dem Marxismus herauslöste und ihrem eigenen Pantheon elitärer, die Fragen nach den materiellen Bedingungen politischen Handelns souverän ignorierender Philosophen einverleibt. “Die Befreiung von Ausbeutung und Herrschaft ist kein Thema für Arendt. Ihr Denken ist in jeder Weise aristokratisch zu nennen.”

Der Blitz der Liebe

Das Beste zuletzt: Wer den inneren Raum für nur eine Arendt-Monographie zu haben glaubt, der muss sich auf Antonia Grunenbergs Arendt/Heidegger einlassen. Der Untertitel Geschichte einer Liebe ist eine Irreführung, denn auch wenn natürlich diese erstaunliche Beziehung den natürlichen roten Faden dieser Doppelbiographie abgibt, so ist dieses wahrhaft große Buch doch unendlich viel mehr. Die beiden Pole, die dieser ebenso unwahrscheinlichen wie zugleich in einem höheren Sinne emblematischen Liebesbeziehung ihre beispiellose Spannung gaben, konnten nicht gegensätzlicher sein: Hier die erst 18-jährige schöne und brillante jüdische Studentin, dort der schon vor Sein und Zeit berühmte, mit einer (später erklärten) Nazistin verheiratete, doppelt so alte große Professor, zwischen denen der Blitz der Liebe, Dritten unsichtbar, mitten im Hörsaal mit überwältigender Macht einschlug. Und während die Eine zehn Jahre später vor den Nazis um ihr Leben rennen musste, nominierte sich der Andere zu deren zeitweiligem philosophischen Vordenker - und doch hielten sie sich beide über die zwölf Jahre, über den Krieg und die Nachkriegszeit und über den dazwischen gekommenen Atlantik hinweg bis zu ihrem Tod in wenigen Monaten Abstand eine Art höherer Treue. Nicht ganz zu unrecht spricht der Klappentext des Buches vom “umstrittensten Liebespaar des 20. Jahrhunderts”. Während die Mehrheit der Arendt-Anhänger um dieses Kapitel entweder einen großen Bogen macht oder es kopfschüttelnd und irgendwie noch immer fassungslos zur Kenntnis nimmt, haben die Juden es ihr bis heute letztlich nicht verziehen.

Man muss es Antonia Grunenberg, der Gründerin und Leiterin des Hannah-Arendt-Zentrums in Oldenburg, hoch anrechnen, dass sie nicht der Versuchung erlegen ist, diese Beziehung historisch oder psychologisch zu “rekonstruieren”, was zweifellos spannend genug aber dann über das Individuelle hinaus irrelevant geblieben wäre. Statt dessen ist sie den ungleich schwereren und letztlich einzig richtigen Weg gegangen, die Biographien ihrer beiden Protagonisten in eine groß angelegte Geistes- und Sozialgeschichte des deutsch-europäischen und schließlich auch amerikanischen 20. Jahrhunderts einzubetten, die in Arendt und Heidegger wie von Brenngläsern gebündelt und zum Leuchten gebracht wird. So ist ein Buch entstanden, das auf vielen Ebenen aufs Schönste bildet. Nicht zuletzt vermittelt sie auch das radikal Neue, die geistige Erregung, die von Heideggers Philosophie ausging und noch immer ausgehen kann, so wie natürlich auch von Arendts an Heidegger geschultem und doch zugleich autonomen Denken, dessen Originalität Grunenberg so lebendig referiert, dass man nicht nur duo-biographisch sondern wichtiger: werkkundlich Arendt-gebildet wird.

Einen breiten Raum nehmen sowohl die USA als auch Israel-Palästina in diesem großen Panorama ein: Amerika als Land der Revolution und Aufklärung, aber auch der Immigration und der Rettung für die deutsch-jüdische Intelligenz, deren Schwierigkeiten mit der neuen Heimat einfühlsam deutlich gemacht werden - Arendt selber ist nie wirkliche Amerikanerin geworden; und Israel-Palästina blieb nicht nur für sie - für sie aber mit ihrem energischen politischen Engagement ganz besonders - Gegenstand leidenschaftlichen Urteilens und bitterer Kontroversen mit ihren jüdischen Freunden, die da oft zu bis heute unversöhnlichen Feinden wurden. Während zwischen ihr und Heidegger Politik völlig ausgeklammert wurde, haben die beiden nicht zuletzt ihr philosophisches Gespräch über die Dichtung vermittelt fortgeführt - sei es, dass Heidegger ihr Rilke-Gedichte abschrieb, sei es, dass sie zu ihm mit Goethe-Gedichten aus dem West-östlichen Divan sprach.

Grunenberg macht keinen Versuch, das Geheimnis dieser Beziehung enträtseln zu wollen - sie belässt beiden ihr Recht auf Privatheit und das Unerklärliche einer großen Liebe. Kompositorisch zwingend eindrucksvoll führt sie ihren gewaltigen doppelbiographisch-zeitgeschichtlichen Bogen zu einem in seiner Schlichtheit geradezu poetischen Schlußpunkt: Der Mitteilung der Todesdaten.

  • Hannah Arendt: Das private Adressbuch 1951-1975. Christine Fischer-Defoy (Hg.), Koehler & Amelang, Leipzig 2007, 240 S., 24,90 EUR
  • Frigga Haug: Rosa Luxemburg und die Kunst der Politik. Argument, Hamburg 2007, 180 S., 16,50 EUR
  • Antonia Grunenberg: Hannah Arendt und Martin Heidegger. Geschichte einer Liebe. Piper, München 2006, 469 S., 22,90 EUR
  • Hans Martin Schönherr-Mann: Hannah Arendt. Wahrheit, Macht, Moral. C.H.Beck, München 2006, 208 S., 12,90 EUR
  • Kurt Sontheimer: Hannah Arendt. Der Weg einer großen Denkerin. Piper München 2005, 293 S., 19,90 E, 10 EUR
  • Hannah Arendt - Uwe Johnson: Der Briefwechsel. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004, 342 S., 18,90 EUR
  • Hannah Arendt: Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik. Nachwort Franziska Augstein. Piper, München 2003, 200 S., 19,90 EUR
  • Hannah Arendt: Die Krise des Zionismus. Tiamat, Berlin 1989, 237 S., 25 EUR

Quelle: Freitag   - Die Ost-West-Wochenzeitung 04 vom 25.01.2008. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Ekkehart Krippendorff und des Verlags.

Veröffentlicht am

05. Februar 2008

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