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Simone Weil und der Anarchismus

Von Michael Schmid

Simone Weil (1909-1943), französische Philosophin, Lehrerin, Fabrikarbeiterin und Kämpferin im Spanischen Bürgerkrieg, wurde hierzulande in erster Linie als religiöse Denkerin wahrgenommen, als Gottessucherin, als christliche Mystikerin. Dieses Bild von ihr wurde vor allem durch Schriften des letzten Lebensabschnitts der 1943 im Alter von erst 34 Jahren Verstorbenen genährt. Dass sie eine radikale Gesellschaftskritikerin war, fand hierzulande bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts hinein kaum Berücksichtigung.

Dabei war die erste Phase des Erwachsenenlebens von Simone Weil ab Ende der zwanziger bis gegen Ende der dreißiger Jahre vom Anarchismus bestimmt. Sie wandelte sich dann zwar mehr und mehr von einer Anarchistin zur christlichen Mystikerin, aber es gab keinen völligen Bruch in ihrem Leben. Keine ihrer verschiedenen Lebensperioden lässt sich von der anderen völlig isolieren. Noch eine ihrer letzten Notizen enthält das alte Leitmotiv, das Ideal einer egalitären Gesellschaft, dem sie bis zum Schluss verbunden blieb. Sie schrieb: "Man muss das Geld in Verruf bringen. Es wäre nützlich, dass diejenigen, die höchstes Ansehen oder sogar Macht besitzen, gering entlohnt werden. Die menschlichen Beziehungen müssen der Kategorie nichtmessbarer Dinge zugeordnet werden. Öffentlich soll anerkannt sein, dass ein Bergmann, ein Drucker, ein Minister einander gleich sind.""Simone Weil, Ecrits de Londres et dernieres lettres, Paris 1957, S. 179, zitiert nach Unterdrückung und Freiheit. Politische Schriften, Rogner & Bernhard, München 1975/1987, S. 7.

Zu einer Veränderung des Bildes der französischen Philosophin könnte nun das Buch "Lebenserfahrung und Geistesarbeit. Simone Weil und der Anarchismus" beitragen, das vom Verlag Graswurzelrevolution herausgegeben wurde. Darin wird Weil in ihrer anarchistischen Lebens- und Schaffensphase in den Mittelpunkt gestellt. Indem Zeitdokumente - Briefe und Artikel von ihr und über sie - sowie wissenschaftliche Texte kombiniert werden, ist ein interessanter Sammelband entstanden.

Es wird das Leben einer Philosophin sichtbar, die sich nicht in einen wissenschaftlichen Elfenbeinturm zurückzog. Vielmehr sammelte sie praktische Lebenserfahrung u.a. als Fabrikarbeiterin und durch ihre Teilnahme an der spanischen Revolution 1936. Durch diese Lebenserfahrung wurde sie zu einer eigenständigen Geistesarbeit getrieben, deren Kern angesichts existentieller Herausforderungen durch faschistische Bedrohungen die Suche nach wirksamen gewaltlosen Lösungen bildete. Dass sie sich dabei die Lösung ihrer Aufgabe alles andere als leicht gemacht hat, unterstreicht besonders Lou Martin in seiner bemerkenswerten Einleitung zu diesem Buch. Er verdeutlicht, dass Simone Weils Leben und Denken eine Gratwanderung zwischen Gewaltbefürwortung und Gewaltkritik gewesen ist. Als sie während und nach ihrer Spanienerfahrung den Eindruck bekommen habe, dass die Suche nach wirksamer Gewaltlosigkeit innerhalb der anarchistischen Reihen aussichtslos sei, habe sie das anarchistische Milieu verlassen, so Marin.

Im Gegensatz zu vielen anderen französischen Intellektuellen machte sich Simone Weil keine Illusionen über die Wesensart der Sowjetunion, den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland oder die Parteien der französischen Volksfront. Sie gehörte von Anfang an einer politischen Kultur an, der es ein Anliegen war, sich für einen von der stalinistischen Version deutlich unterschiedenen und von der Kommunistischen Partei in der UdSSR unabhängigen Sozialismus oder Kommunismus einzusetzen.

Das durch dieses Buch entstehende Bild von Simone Weil lässt leicht verstehen, warum ihre Arbeiten in Frankreich nach ihrem allzu frühen Tod von Albert Camus herausgegeben und auch bei Linken diskutiert wurden. Simone Weil hat sich als gewaltkritische Anarchistin in einer außerordentlichen Weise furchtbarsten Tragödien des vergangenen Jahrhunderts gestellt: Faschismus, Nationalsozialismus, Stalinismus, Bürgerkrieg in Spanien. Wenn wir uns im 21. Jahrhundert den zukünftigen Herausforderungen angemessen stellen wollen, dann macht es Sinn, Lehren aus den Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts zu ziehen, aus den Schrecken zweier Weltkriege und aus verschiedenen Totalitarismen. Bei dieser Auseinandersetzung können die zeitgeschichtlichen Arbeiten von Simone Weil durchaus fruchtbar sein. Wer sich hier anregen lassen möchte, dem sei dieser lesenswerte Sammelband empfohlen.

 

Charles Jacquier (Hg.): Lebenserfahrung und Geistesarbeit. Simone Weil und der Anarchismus.

Mit Texten von Domenico Canciani, Robert Chenavier, Charles Jacquier, Géraldi Leroy, Adriano Marchetti, Louis Mercier-Vega, Anne Roche, Patrice Rolland, Boris Souvarine, Simone Weil.

Aus dem Französischen von Lou Marin, Beate Seeger und Silke Makowski.

380 Seiten, 24,80 EUR, ISBN 3-939045-04-7

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Fußnoten

Veröffentlicht am

05. Februar 2007

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