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Ein eindrückliches und lesenswertes Zeugnis für das Überleben der Zivilisation

Neuerscheinung: “Hiroshima, der Krieg und die Christen”

Von Michael Schmid

“Wir leben im Zeitalter der nuklearen Riesen und der ethischen Zwerge, in einer Welt, die Brillanz ohne Weisheit, Macht ohne Gewissen erreicht hat. Wir haben die Geheimnisse des Atoms entschleiert und die Lehren der Bergpredigt vergessen. Wir wissen mehr über den Krieg als über den Frieden und mehr über das Sterben als über das Leben.”

Buchcover.jpgDiese Sätze stammen von General Omar Bradley, der im Zweiten Weltkrieg eine führende Position innehatte und Zeuge der Folgen von Hiroshima und Nagasaki wurde. Seine Erkenntnis, die er am Ende seiner militärischen Karriere aussprach, anlässlich seiner Pensionierung im Jahre 1953, haben bis heute eine erstaunliche Aktualität. Deshalb hat sie Peter Bürger, Theologe und freier Publizist, im Vorwort seinem neuen Buch “Hiroshima, der Krieg und die Christen” vorangestellt.

Seit den verbrecherischen Atombombenabwürfen auf die beiden japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki am Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 steht die Welt am atomaren Abgrund. Unsere Psyche kann die Atombombe und andere totale Bedrohungen aber gar nicht fassen, meint Peter Bürger. Der Schrecken über die durch unsere Zivilisation hervorgebrachte Allmacht des Todes, und der nachfolgenden Unfähigkeit, die Begabungen zur Lebensförderung weiterzuentwickeln, sei offensichtlich zu groß. Selbst wenn der Kopf die Bedeutung der Atombombe verstehe, gebe es doch im Bauch eine Gewissheit darüber, dass das Leben ewig sei und der Kreislauf des Lebens nie aufhöre. Wenn der Kopf wahrnehme, riskierten wir Bitterkeit oder Verzweiflung. Wenn nur der Bauch spreche, würden wir blind für eine realistische Wahrnehmung der Welt bleiben. Deshalb müsse beides zusammenkommen: “die Liebe zum Leben und die klarsichtige Erkenntnis über das Wesen unserer Zivilisation.”

Das Buch von Peter Bürger enthält zwei Teile. In den ersten beiden Kapiteln wird eine historische Erinnerung unternommen, die beiden nachfolgenden beschäftigen sich mit der kirchlichen und theologischen Bedeutung des Themas “Atomwaffen” bzw. “Krieg”.

Im ersten Kapitel wird ausführlich an “Hiroshima, Nagasaki und die Folgen” erinnert. Es geht um die Vorgeschichte, um die Abwürfe selber und um die Opfer und deren unendliches Leid. Über die Zeit des “Kalten Kriegs” wird die Entwicklung fortgesetzt zu “Neue Weltordnung, neue Nukleardoktrinen und neue Bomben”. Der Autor macht deutlich, dass heute viel konkreter als zu jedem früheren Zeitpunkt der Einsatz neuer taktischer Nuklearwaffen in Militärplanungen einbezogen wird. Aus diesem Grund meint zum Beispiel auch Mohammed El Baradei, Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO), die Gefahr eines Atomkriegs sei noch nie so groß wie heute gewesen. Daraus ergibt sich die Einsicht, warum der Einsatz für atomare Abrüstung so dringlich ist, auch wenn dies noch von viel zu wenigen so gesehen wird.

Das zweite Kapitel setzt sich mit “Unschuldswahn, verweigerter Erinnerung und Todeskult” auseinander. Es wird deutlich, dass sich bis heute als maßgebliche Erinnerung fortsetzt, was der für die Atombombenabwürfe verantwortliche US-Präsident Harry S. Truman als Rechtfertigung seiner Einsatzbefehle anführte: Der Atomwaffeneinsatz sei der einzige Weg gewesen, um Japan zur raschen Kapitulation zu zwingen und eine blutige Invasion des Inselstaates zu vermeiden, wodurch hunderttausende amerikanische Soldaten, aber auch viele japanische Menschenleben gerettet worden seien. Peter Bürger macht deutlich, dass aus dieser Geschichtslüge eine bis heute anhaltende zynische Gedächtniskultur erwächst. Ebenfalls beantwortet seiner Ansicht nach die Verdrängung bzw. Geschichtslüge zum Teil die Frage, warum unsere Zivilisation seit dem 6. und 9. August 1945 keinen nachhaltigen Lernschritt gegangen ist.

Das dritte Kapitel widmet sich der Bedeutung der Atombombe für das Christentum. Wie haben Christen auf “Hiroshima und Nagasaki” reagiert, und welche Rolle spielen sie bei dem Ereignis? Ist die “Bombe” nicht eigentlich ein Produkt des sogenannten christlichen Abendlandes? In der Frühzeit der Kirche und in den staatskirchlichen Jahrhunderten gab es - bezogen auf den Krieg - jeweils eine völlig verschiedene Praxis der Christen. Im Atomzeitalter setzte sich - wenn auch mit einiger Verspätung - wieder die Erkenntnis durch, der Krieg sei nunmehr endgültig aus der Welt zu schaffen. Daneben gab es aber auch Christen, die sich ausdrücklich für die Atombombe stark machten. Was ist nach sechs Jahrzehnten aus dem Atompazifismus der Kirchen geworden?

Im vierten Kapitel ist der Autor vom Wunsch geleitet, die Kirchen würden sich mit jenem Ernst, welcher dieser Frage gebührt, der Frage des Krieges zuwenden und es nicht mit frommen Bekenntnissen bewenden lassen. Kirchliches Handeln solle vom Bewusstsein geprägt sein, dass es um die Weiterexistenz der Menschheit geht, um Sein oder Nichtsein unserer Zivilisation. Es müsse ins Bewusstsein, dass die neuen Atomwaffen nicht der Abschreckung dienten, sondern in wirklichen Kriegen zum Einsatz kommen sollen. Der überwunden geglaubte “gerechte Krieg” verkleide sich heute als “humanitäre Intervention” oder “Terroristenjagd”. Die massenkulturelle Propaganda für den Krieg laufe auf Hochtouren. Seit den neunziger Jahren sei der globale ökonomische Hintergrund aller Kriegsplanungen nicht mehr zu leugnen.

Angesichts neu aufgelegter Kriegsideologien und auch angesichts neuer Waffentechnologien wünscht sich Peter Bürger, die christliche Ökumene möge so konkret werden wie es nur eben geht. Dabei steht für ihn das Wort “Ökumene” auch für den ursprünglichen Horizont der Kirchen. Die Christen der ersten Jahrhunderte hätten den Erdkreis nicht beherrschen wollen wie das römische Imperium. Vielmehr hätten sie ihren neuen, gewaltfreien Weg als Perspektive für die gesamte bewohnte Erde und alle Menschen betrachtet. Für sie sei durch ihre Botschaft und Lebensweise eine Zeit angebrochen, von der die Propheten Israels gesprochen hätten, eine Völkerzeit ohne Krieg. Angesichts eines Blicks auf die weitere Geschichte sicherlich ein vermessener Wunsch. Und dennoch hofft Bürger gegen allen Augenschein, der Anspruch würde sich im dritten Jahrtausend nicht als zu vermessen erweisen.

Peter Bürgers Buch “Hiroshima, der Krieg und die Christen” ist ein eindrückliches und lesenswertes Zeugnis für das Überleben der Zivilisation angesichts des drohenden perfektionierten Massenmords. Es ist aber noch mehr: ein Plädoyer für ein lebenswertes Leben überhaupt. Das Buch macht deutlich, welche Verbrechen am Eingang des Atomzeitalters begangen wurden. Und es verdeutlicht, wie unsere Sinne und unser Geist durch Lügen und Propaganda vor der Wahrnehmung der Bedrohungen und einem entsprechenden, eindeutigen und radikalen Handeln vernebelt werden sollen. Es liegt an uns selber, ob dies gelingt oder eben nicht.

Ein Buch wie das von Peter Bürger ist ein Angebot, uns rational mit dem über uns schwebenden atomaren Damoklesschwert auseinanderzusetzen. Und es will nachhaltig dazu ermutigen, uns dieser Bedrohung zu widersetzen. Insofern sind wir alle Adressaten, ob wir uns den Kirchen verbunden fühlen oder nicht. Es ist zu befürchten, dass Peter Bürgers abschließend selber geäußerte Skepsis sich bewahrheiten könnte, die von ihm skizzierten Aussichten für eine gewaltfreie, sich verweigernde und widerständige Ökumene könnten zu großkirchlich angelegt sein. Vielleicht werde sich die Bewegung, die not tue, außerhalb der Amtskirchen zusammenfinden. Das kann wohl sein. Dennoch wäre es besonders zu wünschen, dass dieses Buch gerade auch in amtskirchlichen Gremien zur Kenntnis genommen und mit dazu beitragen würde, dass die Amtskirchen angesichts des gegenwärtigen Weltgeschehens den großen Bekenntnissen eine neue Praxis der Verweigerung folgen lassen.

Peter Bürger: Hiroshima, der Krieg und die Christen. Düsseldorf 2005. 203 Seiten, ISBN 3-9807400-7-2, Preis 15 Euro.

Anschrift für Direktbestellungen: fiftyfifty - das Straßenmagazin, Jägerstraße 15, 40231 Düsseldorf, Tel. 0211-2294060 - Fax 0211-9216389, Mail: info@fiftyfifty-galerie.de

Ausführliche Angaben zu diesem Buch finden sich auch auf der
Homepage “Friedensbilder” >> www.friedensbilder.de/christenkrieg

Peter Bürger ist Theologe und freier Publizist, geboren 1961, Mitglied der Internationalen katholischen Friedensbewegung Pax Christi seit 1980.

Veröffentlicht am

09. Oktober 2005

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