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“Die Welt stand auf, als Rosa Parks sitzen blieb”

Von Michael Schmid

Am 4. Februar 2005 wurde Rosa Parks 92 Jahre alt. Rosa Parks? Ist das die Frau, die verhaftet wurde, weil sie in einem Bus in den USA ihren Platz nicht für einen Weißen räumte? Ja, das ist sie.

Rassentrennung in Montgomery

Und das war so: In Montgomery, Hauptstadt von Alabama, im tiefen Süden der USA lebten in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts 120.000 EinwohnerInnen, davon über 40 Prozent Schwarze. Rassismus war an der Tagesordnung.

Es gab eine vollständige Rassentrennung in öffentlichen Einrichtungen. Das galt beispielsweise für Busse. Schwarze und Weiße durften nicht nebeneinander sitzen. Schwarze, die dreiviertel aller Busnutzer und Benutzerinnen ausmachten, durften nur im hinteren Teil des Busses Platz nehmen. Zunächst aber mussten sie vorne einsteigen, beim Fahrer ihre Fahrkarte lösen, dann wieder aussteigen, um den Bus durch die hintere Tür erneut zu besteigen. Nicht selten soll es vorgekommen sein, dass ein Busfahrer dann die Türen zu früh schloss und die Schwarzen mit ihren soeben gelösten Fahrkarten einfach stehen ließ. Als weitere Demütigung kam hinzu, dass Schwarze von ihren Plätzen wieder aufstehen mussten, wenn die Plätze für Weiße nicht ausreichten.

Am 1. Dezember 1955 geschah etwas, das unvorstellbare Auswirkungen haben sollte: mutig blieb Rosa Parks, eine 42-jährige schwarze, afro-amerikanische Bürgerin, auf ihrem Platz im Bus sitzen, als sie vom weißen Busfahrer aufgefordert wurde, ihn an einen Weißen abzutreten. “Die Welt stand auf, als Rosa Parks sitzen blieb”, lautete später der Text eines viel gesungenen Liedes. Daraufhin wurde Rosa Parks von der herbeigerufenen Polizei verhaftet, später dann zu einer Geldstrafe verurteilt.

Nun wird bei uns diese Geschichte zumeist so überliefert: Rosa Parks, die eine einfache Näherin gewesen sei, habe sich spontan entschieden, auf ihrem Platz im Bus sitzen zu bleiben.

Dies war aber so nicht der Fall.

Training in der Highlander Folks School

Bereits lange vor 1955 war Rosa Parks in verschiedenen Bürgerrechtsorganisationen in Montgomery aktiv. Unter anderem war sie aktives Mitglied der Ortsgruppe der “Nationalen Vereinigung für den Fortschritt der Farbigen” (NAACP = National Association for the Advancement of Colored People), einer Organisation, die sich für die Gleichberechtigung farbiger Menschen einsetzte.

Rosa Parks hat auch an Workshops an der Highlander Folk School in Monteagle, Tennessee teilgenommen ( Highlander Center ), zum ersten Mal im Jahr 1955. Diese Schule für sozialen Wandel war 1932 von Miles Horton gegründet worden, einem jener Pioniere, die durch Arbeit an der gesellschaftlichen Basis, durch Graswurzelarbeit, auf eine stufenweise gesellschaftliche Veränderung in den Südstaaten setzten. In den Workshops von “Highlander” ging es um die Vorbereitung bzw. Stärkung für einen gewaltfreien Kampf gegen die Rassentrennung. Und es ging darum, ungerechte Gesetze, welche Schwarze diskriminieren, nicht mehr einfach duldsam hinzunehmen.

In dieses Highlander Center kamen zunächst ganz normale, unbekannte Menschen. Aber manche davon sind dann später so etwas wie Helden bzw. Heldinnen geworden. So war M.L. King offensichtlich schon 1951 dort, also Jahre bevor er Ende 1955 mehr oder weniger zufällig in eine Führungsposition der damals entstehenden Bürgerrechtsbewegung gedrängt wurde. Und Rosa Parks war im Laufe der Jahre immer wieder bei “Highlander”. Sie wurde als sehr zurückhaltend und bescheiden beschrieben.

Nur wenige Monate bevor sie im Bus sitzen blieb und zivilen Ungehorsam gegen ein ungerechtes Gesetz leistete, hatte Rosa Parks zum ersten Mal an einem Workshop in Gewaltfreiheit in “Highlander” teilgenommen. Ihren stillen Protest hatte sie zwar nicht mit anderen abgesprochen, sie handelte aber doch durchaus in dem Bewusstsein, dass sie mit ihrem Verhalten eine Lawine gegen den Rassismus lostreten könnte.

Zunehmende Unzufriedenheit wegen Rassentrennung

Im Frühjahr und Sommer 1955 bereits schwelte aufgrund verschiedener rassistischer Vorgänge zunehmende Unzufriedenheit unter scheinbarer Passivität der schwarzen Gemeinde. Viele Schwarze von Montgomery hatten einfach genug von den ständigen Demütigungen. Die Stimmung war seit geraumer Zeit so, dass sich etwas ändern musste an den ungerechten und rassistischen Zuständen.

Vielfach wurden die Busse als das eklatanteste Beispiel für die Rassendiskriminierung der Schwarzen angesehen. Drei Schwarze hatten sich in den letzten zehn Monaten gegen die Sitzplatzordnung in den Bussen aufgelehnt - und wurden dafür ins Gefängnis gesteckt. Dabei bewegte eine der Festnahmen - die einer fünfzehn Jahre alten Schülerin - die schwarze Gemeinde so sehr, dass bereits ein Busboykott erwogen worden war. Doch der Boykott kam nicht zustande, weil es offensichtlich noch nicht gelungen war, die Schwarzen von Montgomery soweit zu bringen, ihre verletzten Gefühle in Protesten auszudrücken.

Vorbereitungen zum Busboykott

Inzwischen hatten Bürgerrechtsorganisationen aber weitere Vorbereitungen getroffen. So hatte auch der “Women’s Political Council” (WPC), eine der bedeutendsten Organisationen schwarzer Frauen in Montgomery, die Rassentrennung in städtischen Bussen angeprangert und bei Fortdauer mit einem Boykott gedroht. Ein Flugblatt war bereits vorbereitet. Die Festnahme von Rosa Parks am 1. Dezember 1955 lieferte den geeigneten Anlass zum Handeln. Die Präsidentin des Council, Jo Ann Gibson Robinson, ließ unter Mitarbeit mehrerer Studenten zehntausende Flugblätter mit einem Aufruf zum Busboykott drucken und an die Schwarzen der Stadt verteilen.

Zum gleichen Zeitpunkt wurde ein Bürgerausschuss zur Verbesserung der Beziehungen zwischen den Rassen ins Leben gerufen: die Montgomery Improvement Association (MIA). Dieser sah ebenfalls in der Festnahme von Rosa Parks “ihren Fall” und beschloss ebenfalls den Boykott von Bussen. Gleichzeitig wählte er den jungen, gerade erst 26 Jahre alten Martin Luther King zu seinem Vorsitzenden.

381 Tage Busboykott in Montgomery

Am 5. Dezember 1955 wurde mit dem Boykott von Bussen begonnen. Schwarze hatten beschlossen, nicht mehr mit dem Bus zur Arbeit oder zur Schule zu fahren. Stattdessen gingen sie zu Fuß oder organisierten Mitfahrgelegenheiten. Die Resonanz und Bereitschaft zum Mitmachen war ebenso überwältigend wie das Ergebnis. Die Schwarzen liefen Tag für Tag, die städtischen Verkehrsbetriebe fuhren immer größere Verluste ein. Und schließlich führte dieser Busboykott zum Erfolg. Der Oberste Gerichtshof der USA hob die Rassentrennung in den Bussen der Stadt auf. Und so endete der Boykott am 20. Dezember 1956, 381 Tage nach der Verurteilung von Rosa Parks und seinem Beginn.

Nicht nur für ihn, aber doch besonders für den jungen King war der Busboykott von Montgomery ein wahrer Prüfstein, denn hier musste sich seine Methode des gewaltlosen Protests bewähren, die er von Gandhi übernommen hatte. Hier musste er sich aber auch selber bewähren, denn er wurde plötzlich zu einer weithin bekannten Führungspersönlichkeit, angefeindet, verleumdet, terrorisiert, mit Morddrohungen überzogen.

Wie wir wissen, bewährten sich sowohl King als auch seine Methode. Der Erfolg des Busboykotts löste eine Art Kettenreaktion ähnlicher Aktionen aus. Mit vielfältigen Mitteln des gewaltlosen Widerstands wurde auf das Unrecht der Rassentrennung aufmerksam gemacht. Und die Schwarzen hatten begonnen, sich zu organisieren und so ihr gewachsenes Selbstbewusstsein zum Ausdruck gebracht. Die Bürgerrechtsbewegung der USA war mit dem Busboykott in Montgomery geboren.

“Mutter der Bürgerrechtsbewegung”

Im Privatleben von Rosa Parks, die heute “Mutter der Bürgerrechtsbewegung” genannt wird, wirkten sich die Ereignisse in Montgomery eher negativ aus. Während des Busboykotts verlor sie, wie viele andere Schwarze, ihre Arbeit. Sie erhielt ebenfalls während und nach dem Boykott unzählige Drohanrufe. Ihr Mann, Raymond Parks, erlitt schließlich einen Nervenzusammenbruch. Daraufhin zog das Paar 1957 nach Detroit, wo ein Bruder von Rosa Parks lebte. Zunächst verdiente sie wieder als Näherin Geld, trat aber gleichzeitig bei Veranstaltungen der Bürgerrechtsbewegung auf. 1965 bot ihr der Kongressabgeordnete von Detroit, John Conyers, der auch ein führender Bürgerrechtler war, Arbeit in seinem Büro an.

Zehn Jahr nach dem Tod ihres Mannes gründete Rosa Parks 1987 in Detroit das “Rosa and Raymond Parks Institute for Self-Development” , eine Einrichtung für Jugendliche. Unter anderem wird dort Jugendlichen in dem Programm “Pathways to Freedom” die Möglichkeit gegeben, bei einer Busreise durch das Land die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung in Amerika näher kennenzulernen.

Rosa Parks wurde 1996 mit der Freiheitsmedaille, der höchsten zivilen Auszeichnung der USA, geehrt und 1999 vom “Time”-Magazin zu den 100 bedeutendsten Menschen des 20. Jahrhunderts gewählt. Und im Mai 1999 wurde der damals 86jährigen Rosa Parks von US-Präsident Bill Clinton die Goldene Medaille des US-Kongresses verliehen.

Aktive Gewaltfreiheit kann gelernt werden

Von der Bürgerrechtsbewegung zur Überwindung des Rassismus in den USA können wir lernen, dass diese nicht aus dem Nichts entstanden ist. Sie hatte eine längere Vorgeschichte mit viel Graswurzel- und Trainingsarbeit. Und gerade das Beispiel von Rosa Parks zeigt: aktive Gewaltfreiheit und Zivilcourage kann gelernt und eingeübt werden. Das mutige Handeln von einzelnen Menschen kann etwas ins Rollen bringen, worauf viele kaum zu hoffen wagen - zumindest in besonderen historischen Situationen. Und auch wir können das: uns an der gesellschaftlichen Basis engagieren, gewaltfreies Handeln einüben, gegen Unrecht protestieren und uns an direkten gewaltfreien Aktionen beteiligen.

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Einige interessante Links zu Rosa Parks:

Links zu zahlreichen Texten von und zu Martin Luther King und Bürgerrechtsbewegung:

Ausbildungen in gewaltfreier Konfliktbearbeitung und Trainings werden in Deutschland u.a. angeboten von:

Veröffentlicht am

08. Februar 2005

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