Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Ermutigende Tagung “We shall overcome!” in Gammertingen

Gammertingen: Der Verein "Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie" hatte auch in diesem Jahr wieder zu seiner bereits 10. Tagung "’We shall overcome!’ Gewaltfrei für die Vision einer Welt ohne Gewalt und Unrecht" für den 15. Oktober 2022 ins evang. Gemeindehaus nach Gammertingen eingeladen. Als Referierende berichteten der Journalist Emran Feroz (Stuttgart), das Pfarrerehepaar Barbara und Eberhard Bürger (Magdeburg), sowie die Anti-Atom-Aktivistin Marion Küpker (Hamburg) ausführlich von ihrem zum Teil jahrzehntelangen Engagement. Die rund 50 Teilnehmenden empfanden die Tagung als sehr anregend, bewegend und ermutigend.

Der Organisator der Veranstaltung und ehrenamtliche Geschäftsführer des Gammertinger Vereins, Michael Schmid, erklärte, Ziel der Veranstaltungsreihe sei es, Menschen, die seit vielen Jahren für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie eintreten, ausführlich mit ihren Lebensgeschichten, mit ihren Aktivitäten und Erfahrungen zu Wort kommen zu lassen. Damit solle Hoffnung und Mut zum eigenen Handeln gemacht werden. Auch wenn die Referierenden in der Öffentlichkeit weniger bekannt seien, so würden sie doch durch ihr kontinuierliches Engagement wesentlich dazu beitragen, dass Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie weiterentwickelt werden könnten.

Den Auftakt bei der Tagung machten Katrin Warnatzsch und Michael Schmid vom "Lebenshaus Schwäbische Alb". Sie berichteten, veranschaulicht durch zahlreiche Bilder, über die verschiedenen Arbeitsfelder des Vereins und ihre mittlerweile fast 30-jährigen Erfahrungen. Umrahmt wurde die Tagung in bewährter Weise von einem wunderbaren, gehaltvollen und ausdrucksstarken musikalischen Programm mit Gesang, Cello und Gitarre, dargeboten von den "Lebenshaus"-Mitglieder Gabriele Lang und Bernd Geisler (Riedlingen), die mit dem Aktionsorchester "Lebenslaute" immer wieder auch gewaltfreie Aktionen durchführen. Neu war in diesem Jahr eine begleitende Ausstellung "FriedensKlima" zu den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen, die von "Friedensregion Bodensee e.V." erarbeitet wurde.

Als erster Referent berichtete Emran Feroz. Der 1991 in Innsbruck geborene Sohn afghanischer Eltern, gehört zu den bekanntesten freischaffenden Journalisten im deutschsprachigen Raum mit dem Schwerpunkt Nahost und Zentralasien. Er berichtet regelmäßig aus Afghanistan und ist für zahlreiche deutsch- und englischsprachige Medien tätig, u.a. für den SPIEGEL. Seine Eltern waren vor der sowjetischen Intervention in Afghanistan nach Österreich geflohen. Emran Feroz erklärte, dass er das Herkunftsland seiner Eltern nur aus dem Fernsehen und aus den Berichten seiner Eltern kannte. Unter der Überschrift "Wie ich zum Afghanen wurde" ließ er seine Zuhörer*innen nachvollziehen, wie er dann als neunjähriger Junge den Angriff vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York erlebte. Unvermittelt wurde er in den Augen seiner Umgebung, obwohl österreichischer Staatsbürger, zum "Afghanen" und musste sich mit kritischen Fragen auseinandersetzen und Ausgrenzung erleben. Die darauf folgende Intervention der NATO unter Führung der USA schilderte er als Zäsur in seinem Leben. Er schaute jetzt anders, genauer, auch mit Sorge über die Menschen dort auf Afghanistan. Mit den Jahren machte ihm die Berichterstattung der Medien über die Situation in dem Land am Hindukusch immer mehr zu schaffen, weil er zunehmend den medialen Blick als eingeschränkt und unausgewogen erlebte. Das weckte sein journalistisches Interesse und er entschloss sich, noch während seines Studiums der Politik- und Islamwissenschaften an der Universität Tübingen, sich vor Ort selbst ein Bild zu machen. Seinem Publikum in Gammertingen schilderte er kenntnisreich und detailliert die Mechanismen, die, wie allgemein bei Kriegsberichterstattung, zu einem eingeschränkten und verzerrten Bild in den Medien führen würden. Vor Ort bestätigte sich für ihn, dass er mit seinen Sprachkenntnissen und Kontakten doch wesentlich bessere Möglichkeiten hat als die regulären Korrespondenten, sich im Land zu bewegen und an Hintergrundinformationen zu kommen. Emran Feroz vermittelte dabei ein tiefes Bedürfnis nach Wahrheit und Verstehen, zum Beispiel, warum viele Menschen dort eher den Taliban vertrauten als der vom Westen unterstützten Regierung. Vor diesem Hintergrund konnte er auch erklären, wie er die schnelle Machtübernahme durch die Taliban vor über einem Jahr versteht, welche Fehler seiner Einschätzung nach in den vergangenen 20 Jahren seitens der NATO gemacht wurden und wie wichtig es ist, im Interesse der notleidenden Bevölkerung mit möglichst allen Akteuren im Land zu verhandeln.

Anschließend berichteten Barbara und Eberhard Bürger von ihren Erfahrungen als Pfarrerehepaar in der ehemaligen DDR sowie nach der Wende. Im Wechsel schilderten sie, wie sich ihr Weltbild aus der Familie heraus entwickelt hatte, wie sie sich kennengelernt und ihren eigenen, gemeinsamen Weg begonnen haben. Barbara und Eberhard Bürger sehen sich als ideologiekritisch und an einer wirklich gerechten Gesellschaft interessiert, was dazu führte, dass sie sich durch viele Widerstände "durchkämpfen" mussten. Die beiden ließen das Publikum mit ihren lebendigen und nahbaren Schilderungen auch emotional teilhaben an ihren Versuchen, eine Balance zu finden zwischen Anpassung und Bemühen um Veränderung. Ihr Ziel sei es gewesen, in ihrer Verkündigung und in der eigenen Familie ein "Friedenszeugnis leben" zu wollen. Sie verdeutlichten das an zahlreichen Beispielen, z.B. wie sie Gruppen leiteten, in denen sie Wehrpflichtige und junge Männer ins Gespräch miteinander brachten, die als Bausoldaten den bewaffneten Dienst in der NVA ablehnten. Sie unterstützten die Gründung von Friedens- und Umweltgruppen und gestalteten 1989 intensiv auch die "Friedliche Revolution" in der DDR mit. So positiv sie die anschließende Wende jedoch erlebten, so schwierig war es für sie, sich danach neu zu orientieren. Sie schilderten die herausfordernde Aufgabe, das Vergangene aufzuarbeiten, sich im Jetzt politisch zu verorten und für die Zukunft neue kirchliche Strukturen und Ausdruckformen zu entwickeln. Nach Beginn ihres Ruhestands vor einigen Jahren sind die beiden weiter friedenspolitisch aktiv.

Als vierte Referentin schilderte Marion Küpker sehr persönlich ihren familiären Hintergrund und ihren Weg zur Aktivistin gegen Atomenergie und Atomwaffen. Sie berichtete, wie ihr Körper schon in jungen Jahren stark allergisch auf verschiedenste moderne Produkte wie Waschmittel reagierte, und wie sie sich genauer über die krankmachenden Auswirkungen verschiedener chemischer Substanzen informierte. Die Reaktorkatastrophe 1986 in Tschernobyl lenkte dann ihre Aufmerksamkeit auf die Wirkung radioaktiver Strahlung. Seitdem ist sie in unterschiedlichsten Formen gegen Atomwaffen und Atomreaktoren international aktiv, aber ebenfalls gegen Uranabbau und gegen Produktion und Einsatz von uranhaltiger Munition. Unterstützt durch zahlreiche Bilder ließ sie das Publikum teilhaben an ihrer Zusammenarbeit mit Vertreterinnen und Vertretern indigener Völker, deren Stammesgebiete weltweit als Atomtestgebiete missbraucht wurden oder durch Uranabbau verstrahlt werden. Marion Küpker organisierte Fachtagungen, brachte die Erstellung wissenschaftlicher Gutachten auf den Weg und beteiligte sich an Demonstrationen und Aktionen zu diesem Thema. Sie wirkte auch mit an internationalen Märschen gegen Atomreaktoren und die damit verbundenen Gefahren. Seit einigen Jahren ist sie über den deutschen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes als Friedensreferentin angestellt und ist in verschiedenen Bündnissen für atomare Abrüstung aktiv.

Gerade der letzte Beitrag von Marion Küpker erzeugte im Publikum eine Mischung von einerseits aufkommenden deprimierenden Gefühlen angesichts der allgegenwärtigen radioaktiven Gefahren. Andererseits war es auch beeindruckend und ermutigend, mit welcher Energie und Ausdauer einzelne Menschen über viele Jahre hinweg für eine Sache aktiv und manchmal sogar erfolgreich sind. Mit all den Eindrücken dieser Tagung bekam das gemeinsam gesungene Schlusslied "We shall overcome" ("Wir werden überwinden") wieder neue Nahrung. 

Veröffentlicht am

18. Oktober 2022

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