Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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25 Jahre: “Schwerter zu Pflugscharen” - Einwöchige Sitzblockade vor dem Atomwaffenlager in Großengstingen im Sommer 1982

Gammertingen, 01.08.2007: Für großes Aufsehen hatte sie damals gesorgt, die gewaltfreie Aktion, die vor 25 Jahren bei Großengstingen auf der Schwäbischen Alb stattfand. Vom 1. bis 8. August 1982 wurde unter dem Motto “Schwerter zu Pflugscharen” eine Woche lang das dortige Atomwaffenlager blockiert. Rund 750 Menschen beteiligten sich an dieser gewaltfreien Aktion, mehrere hundert von ihnen bekamen Strafbefehle, jahrelang folgten Gerichtsprozesse. Anlässlich der runden Jahreszahl dieser Blockade erinnert Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V. ausführlich daran auf seiner Internetseite.

Seit den sechziger Jahren war das in der Engstinger Eberhard-Finckh-Kaserne stationierte Raketenartilleriebataillon 250 der Bundeswehr für atomare Kurzstreckenraketen zuständig. In den siebziger Jahren wurde es mit sechs Abschusslafetten für Lance-Raketen ausgestattet, auf die dann Atomsprengköpfe montiert wurden. Bei der Lance handelte es sich um eine atomare Kurzstreckenrakete mit einer Reichweite von 110 bis 120 Kilometern. Die dazugehörenden Atomsprengköpfe, jeder mit der doppelten Sprengkraft der Hiroshima-Bombe, waren im “Sondermunitionslager Golf” gelagert, das sich rund eineinhalb Kilometer von der Kaserne im Haider Gemeindewald befand. Für die Sicherung der Atomsprengköpfe waren amerikanische Soldaten zuständig.

Als 1980 erste Informationen von den Atomwaffen bei Großengstingen in Kreisen der Friedensbewegung bekannt wurden, sollte dies nicht ohne Wirkung in der weiteren Region bleiben. An Ostern 1981 fand der erste Ostermarsch zur Kaserne in Großengstingen statt. Über 2.000 Demonstrantinnen und Demonstranten erinnerten die Bürgerinnen und Bürger der umliegenden Ortschaften an die Atomwaffen.

Bald war die Idee einer großen Blockade der Kaserneneinfahrten oder des Atomwaffenlagers für den Sommer 1982 geboren. Nach gründlicher Planung und Vorbereitung begann am 1. August 1982 eine Blockade auf der Zufahrtsstraße des Atomwaffenlagers, die erst eine Woche später, am 8. August 1982, wieder beendet wurde. Insgesamt beteiligten sich rund 750 Menschen an dieser Aktion. Nach den Festnahmen durch die Polizei und den Anzeigen wegen “Nötigung” wurden 365 Menschen mit einem Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft überzogen. Mehr als 300 Menschen bekamen von der Justiz Strafbefehle zugestellt, jahrelang folgten Gerichtsprozesse am Amtsgericht Münsingen. Amtsrichter Thomas Reiner bestätigte die Strafbefehle ausnahmslos und verurteilte die Angeklagten. 1995 hat das Bundesverfassungsgericht dann entschieden, dass die Bestrafung von Blockadeaktionen vor Atomwaffenstellungen, also auch jener in Großengstingen, verfassungswidrig sei. Die Strafen wurden rückwirkend wieder aufgehoben.

In der Geschichte der Friedensbewegung hat die Großengstinger Blockadeaktion vom August 1982 einen Meilenstein dargestellt, der mit den Massenkundgebungen in Bonn am 10. Oktober 1981 und am 10. Juni 1982, der “Prominentenblockade” in Mutlangen oder der Menschenkette zwischen Stuttgart und Neu-Ulm vom Oktober 1983 vergleichbar ist. Damals wurde massenhaft gewaltfreier Widerstand gegen die “Nachrüstung” ausgeübt. Auf die weitere Entwicklung der Friedensbewegung hatte diese gewaltfreie Aktion eine große Wirkung.

Als die Bundeswehr nach der Überwindung des Ost-West-Konfliktes und im Zuge des vereinten Deutschlands Standorte zu schließen begann, stand Großengstingen gleich mit ganz oben auf der Streichungsliste. Als ein wesentliches Kriterium dafür wurden die zahlreichen Protestaktionen in den Jahren zuvor genannt. 1993 war dann endgültig Schluss mit dem Militärstandort Großengstingen.

Heute erinnert fast nichts mehr daran, dass in Großengstingen mehr als ein halbes Jahrhundert das Militär und über zehn Jahre die Friedensbewegung eine zentrale Rolle gespielt haben. Auf dem ehemaligen Kasernengelände wurde nach dem Abzug der Militärs mit dem Aufbau eines Gewerbeparks begonnen. Ein Konversionsprojekt, ganz gemäß dem Motto der Großengstinger Sommeraktion von 1982: “Schwerter zu Pflugscharen!”

Auf der Website des Lebenshauses wird jetzt ausführlich an die gewaltfreie Blockadeaktion vom Sommer 1982 in Form von Texten, Bildern und Dokumenten erinnert. Die Internetanschrift lautet: www.lebenshaus-alb.de. Sollte noch jemand etwas zu dieser sowie den vielen anderen Friedensaktionen in und um Großengstingen beitragen wollen, dann wird um Kontaktaufnahme gebeten (Anschrift: Lebenshaus Schwäbische Alb e.V., Bubenhofenstr. 3, 72501 Gammertingen, Tel. 07574-2862, E-Mail info@lebenshaus-alb.de).

Veröffentlicht am

01. August 2007

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