Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Leben zwischen Grenzen - Die christliche Palästinenserin Faten Mukarker zu Gast in Gammertingen

Gammertingen, 19.09.2004: Sie macht sich immer wieder auf den äußerst beschwerlichen und gefährlichen Weg von Palästina nach Deutschland, um uns Menschen hier auf das Los ihres Volkes aufmerksam zu machen. Faten Mukarker aus Palästina berichtet in einer Weise vom alltäglichen Leben zwischen Grenzen inmitten von Gewalt, die tief beeindruckt und sehr nachdenklich macht. So erlebten es auch die 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei einer Veranstaltung in Gammertingen, zu der das Lebenshaus Schwäbische Alb e.V. und der Internationale Versöhnungsbund geladen hatten.

Pfarrer Hansmartin Volz, Vorstandsmitglied des Lebenshauses, begrüßte die Anwesenden und insbesondere Faten Mukarker. Er selber hatte Faten Mukarker vor Jahren bei einer Reise nach Israel und Palästina kennengelernt, als er mit seiner Reisegruppe im Hause Mukarker in Beit Jala bei Bethlehem zu Gast war. Jetzt hat er auch dafür gesorgt, dass sie einen Abstecher auf die Schwäbische Alb nach Gammertingen machte.

Faten Mukarker begann ihre Ausführungen mit der Anmerkung, dass sie sich zuhause überlegt habe, ob Deutsche überhaupt Interesse an diesem Thema hätten. “Nur Berichte über Gewalt, Gewalt, Gewalt - es kann ja sein, dass dies niemand interessiert”, meinte sie. Sie habe sich gefragt, ob sie sich überhaupt auf den Weg nach Deutschland machen und ihre Familie in der schwierigen Situation zurücklassen soll, die in ihrer Heimat herrscht. Doch ihre israelischen Freunde sagten ihr: “Geh und wirb für den Frieden.” Und ihre palästinensischen Freunde baten: “Geh und wirb für Verständnis.” Und nun zeige ihr das Kommen der Zuhörerinnen und Zuhörer, dass es in Deutschland doch Menschen gebe, denen das Schicksal von Palästina nicht egal sei.

Als sie in Frankfurt aus dem Flugzeug ausgestiegen sei, so Frau Mukarker, habe sie tief eingeatmet und es habe nach Freiheit und Menschenwürde gerochen. Sie habe sich gefragt, ob es wirklich ein Flugzeug oder aber eine Zeitmaschine war, der sie entstiegen sei. Sie habe sich in ein anderes Jahrhundert versetzt gefühlt. In der Stadt habe sie dann Kinder gesehen, die gelacht und gespielt hätten. Sie habe an jene Kinder denken müssen, die sie in ihrem Land zurückgelassen habe, Kinder ohne Lachen und ohne Zukunft, Kinder die tot oder verletzt auf den Straßen der Orte Israels und Palästinas liegen würden. Von Deutschland aus erscheine ihr der Wahnsinn, den sie dort erlebe, noch größer. Alleine würden sie es in Palästina und Israel nicht schaffen, aus dem Teufelskreis von Hass und Rache, von Vergeltung und Gegenvergeltung herauszukommen. “Wir alleine schaffen es nicht, sonst wäre der Konflikt nicht schon Jahrzehnte alt.” Gleichzeitig habe sie aber das Gefühl, dass man von hier aus nur zuschaue. Dabei sei der Nahe Osten sehr nahe bei uns, und wir dürften nicht passiv und untätig diesem unendlichen Leid zuschauen.

Faten Mukarker erzählte dann, dass sie in Bethlehem geboren, aber schon mit zwei Monaten nach Deutschland gekommen sei. Ihre Familie gehöre der christlichen Minderheit in Palästina an. Christen seien immer schon ausgewandert. So sei sie in Deutschland aufgewachsen, habe im Alter von 20 Jahren aber ganz traditionell in Beit Jala/Bethlehem geheiratet. Seit 29 Jahren lebe sie nun dort mit ihrer Familie.
Um die heutige Situation zu verstehen, ging Faten Mukarker ausführlicher auf die Geschichte der israelisch-palästinensischen Auseinandersetzungen ein. Dabei betonte sie, ihr sei bewusst, dass sie diese Geschichte als palästinensische Frau darstellen würde. Würde eine israelische Frau hier sitzen, könnte die Schilderung wieder anders aussehen.

Mit Hilfe von Bildern schilderte Faten Mukarker sehr anschaulich das alltägliche Leben der Palästinenserinnen und Palästinenser unter der israelischen Besatzung. Dabei gab sie Einblick in extreme Ungerechtigkeiten und grobe Menschenrechtsverletzungen durch die israelischen Besatzungsbehörden und die israelische Armee, durch welche das Leben der Palästinenser auf vielerlei Weisen stark eingeengt oder gar unmöglich gemacht werden: Es werden israelische Siedlungen auf dem Boden von Palästinensern errichtet; an willkürlichen Checkpoints mitten im eigenen Land sind völlig entwürdigende und demütigende Schikanen durch israelische Soldaten an der Tagesordnung; die Lebensgrundlage für viele Palästinenser wird zerstört, indem Olivenbäume vernichtet und Ackerland verwüstet werden; Wasser für die palästinensische Bevölkerung wird rationiert, während die israelischen Siedler unbegrenzt über Wasser verfügen und sich unter anderem Swimmingpools leisten können; Häuser werden niedergewalzt und damit eine zentrale Lebensgrundlage zerstört; durch ungehemmte Waffengewalt seitens der israelischen Soldaten gegenüber Kindern, Frauen, Alten, Kranken und Behinderten gibt es unzählige Tote und Verletzte; schließlich werden die Palästinenser im wahrsten Sinne des Wortes durch eine riesige sogenannte Sperrmauer regelrecht eingemauert.

“Wo ist die Stimme der freien Welt gegen die Mauer?” Mit dieser Frage beendete Faten Mukarka nach rund zwei Stunden ihren Vortrag, dem aufgrund ihrer eindringlichen Art alle Anwesenden gebannt zugehört hatten.

Hansmartin Volz verband seinen großen Dank an Faten Mukarker für ihr Kommen und ihre sicherlich lange nachwirkenden Ausführungen mit dem Hinweis, dass es die nächste Möglichkeit, unsere Stimme gegen den Mauerbau zu erheben, bei einer Demonstration am 25. September in Stuttgart gebe.

Im Anschluss an die Veranstaltung gab es in kleinerer Runde bis Mitternacht im Lebenshaus nochmals die Möglichkeit, Rückfragen an Faten Mukarker zu stellen. Dabei erzählte sie, wie schwierig es auch für sie sei, angesichts all der eigenen Erlebnisse, z.B. dem Anblick von völlig zerfetzten Menschen, keinen Hass in sich aufkommen zu lassen. Dies gelinge ihr nicht immer, aber sie arbeite daran, meinte Faten Mukarker. Ihr christlicher Glaube helfe ihr dabei. Ebenso bei ihrem Engagement für einen gerechten Frieden. Trotz Gewalt und Terror sehe sie die einzige Chance für die Zukunft der Region in Friedens- und Versöhnungsbereitschaft, die aber von beiden Seiten kommen müsse.

Michael Schmid

Veröffentlicht am

19. September 2004

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