Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Aufruf gewaltfreier Organisationen – Gewaltfreiheit als Kraft für die heutigen Kämpfe

Von Alain Refalo

Mit diesem gemeinsamen Text wollen wir auf die Gewalt aufmerksam machen, der häufig junge Demonstrierende ausgesetzt sind, und auf die Instrumentalisierung weiterer Gewalttaten, die sich am Rande der Demonstrationen ereignen. Dadurch geraten die politische Botschaft und das soziale Leid vieler unserer Mitbürger*innen in den Hintergrund. Mit dieser öffentlichen Stellungnahme wollen wir bekräftigen, dass Gewaltfreiheit eine Kampfstrategie ist, die die Mobilisierung verstärken und einen Dialog über die Forderungen der sozialen Bewegung erzwingen kann.

Widerstand gegen Ungerechtigkeiten und gesellschaftlicher Wandel

Die sozialen und zivilgesellschaftlichen Mobilisierungen junger Menschen, denen sich weitere Gruppen und Bewegungen anschließen, bringen ein tief verwurzeltes Streben nach Gerechtigkeit, Gleichheit und Demokratie zum Ausdruck. Gegen prekäre Lebensverhältnisse, Ungleichheit, Diskriminierung, Eingriffe in die Freiheitsrechte, den Abbau öffentlicher Dienstleistungen und die Zerstörung der Lebensgrundlagen erheben sich Menschen: Sie blockieren, demonstrieren, streiken, leisten Widerstand und weigern sich, sich mit diesen Zuständen abzufinden.

Diese Kämpfe wurzeln in Lebensrealitäten, die allzu oft ignoriert werden: in wirtschaftlicher und sozialer Gewalt, die Menschen in prekäre Lebensverhältnisse zwingt; in rassistischer, sexistischer, adultistischer und anderer diskriminierender Gewalt, die die Menschenwürde mit Füßen tritt; in institutioneller Gewalt, die Rechte und Freiheiten verletzt; und in ökologischer Gewalt, die die Lebensgrundlagen selbst bedroht.

Diese systemischen Formen der Gewalt erfordern legitimen Widerstand.

Als Organisationen, die sich für Gewaltfreiheit, gleiche Rechte, soziale Gerechtigkeit und den Schutz der Umwelt einsetzen und sich mit der aktuellen Protestbewegung solidarisch erklären, möchten wir bekräftigen, dass es eine Kraft des Widerstands und des sozialen Wandels gibt, deren Potenzial noch immer weitgehend unterschätzt wird: den gewaltfreien Kampf.

Gewaltfreiheit – eine Kraft des Widerstands und des Umbruchs

Gewaltfreiheit bedeutet weder Passivität noch Resignation noch die Bereitschaft, um jeden Preis Kompromisse einzugehen. Sie fordert auch nicht dazu auf, Forderungen abzuschwächen oder Konflikte zu vermeiden. Der gewaltfreie Kampf richtet sich gegen die Mächte und Institutionen, die Ungerechtigkeiten aufrechterhalten. Er weigert sich jedoch, Stärke mit Gewalt gleichzusetzen.

Streiks, Demonstrationen, Boykotte, Besetzungen, gewaltfreie Blockaden, Kampagnen der Nichtkooperation, direkte Aktionen und ziviler Ungehorsam sind Mittel, um gemeinsam Kräfteverhältnisse zu verändern, das Funktionieren eines ungerechten Systems zu stören und den notwendigen Wandel durchzusetzen.

Der gewaltfreie Kampf schöpft seine Kraft daraus, dass sich möglichst viele Menschen beteiligen, sich gemeinsam organisieren, zusammenhalten und solidarisch handeln sowie mit Kreativität, Disziplin und Entschlossenheit vorgehen. Er ermöglicht auch Menschen, sich zu engagieren, die sich sonst nicht an gewaltsamen Auseinandersetzungen beteiligen würden. Dadurch stärkt er die Legitimität und vergrößert die Reichweite der Mobilisierungen.

Die Geschichte des zivilen Widerstands zeigt, dass gewaltfreie Massenbewegungen Diktaturen gestürzt, autoritäre Regime zurückgedrängt, bedeutende soziale Fortschritte erzielt und Gesellschaften tiefgreifend verändert haben.

Gewaltfreiheit schwächt den Kampf nicht. Sie ermöglicht ihm vielmehr, seine ganze Kraft zu entfalten.

Widerstand leisten, ohne Gewalt zu reproduzieren

Die Entscheidung für Gewaltfreiheit beruht auch auf einem ethischen Anspruch: Wir weigern uns, die körperliche Unversehrtheit und Würde von Menschen zu verletzen – auch derjenigen, gegen die wir kämpfen.

Wut angesichts von Ungerechtigkeiten ist zweifellos legitim und notwendig. Sie kann sich jedoch in zerstörerischer Gewalt entladen und dadurch den Mobilisierungen selbst schaden. Sie kann aber auch zu einer Kraft des Wandels werden, wenn sie sich in organisiertem kollektivem Handeln ausdrückt.

Die Mittel, mit denen wir die Gesellschaft verändern, sind für die Ziele, die wir verfolgen, keineswegs nebensächlich. Eine Gesellschaft, die von Herrschaft befreit ist, lässt sich nicht aufbauen, indem wir die Logik der Entmenschlichung und Unterdrückung fortsetzen, die wir bekämpfen.

Spektakuläre Zusammenstöße, Diebstähle und Sachbeschädigungen nehmen in der Medienberichterstattung über Demonstrationen unverhältnismäßig viel Raum ein. Sie drängen die legitimen Forderungen in den Hintergrund, machen das Engagement Tausender Menschen unsichtbar und reduzieren soziale Bewegungen auf ein Problem der öffentlichen Ordnung.

Wenn die Machthaber*innen über Mittel zur Repression verfügen, bedeutet die Entscheidung für gewaltsame Auseinandersetzungen, den Kampf auf einem Terrain auszutragen, auf dem sie am stärksten sind. Damit liefert man ihnen eine Rechtfertigung für die Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen, schreckt Teile der Bevölkerung ab und schwächt die Solidarität, die für den Erfolg der Kämpfe unverzichtbar ist.

Wir weigern uns zu glauben, dass Gewalt die einzige Sprache ist, auf die die "Mächtigen" hören. Die Radikalität eines Kampfes bemisst sich nicht an der Gewalt seiner Mittel, sondern an seiner Fähigkeit, die Ursachen von Ungerechtigkeiten anzugehen und die Machtverhältnisse zu verändern.

Gewaltfreiheit ist somit untrennbar mit einer Ethik, einer Strategie und einer politischen Kultur verbunden. Sie fordert dazu auf, sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren und zugleich im Verlauf der Kämpfe andere zwischenmenschliche und soziale Beziehungen zu gestalten, die eine andere Welt bereits vorwegnehmen.

Die Kraft der Gewaltfreiheit zum Ausdruck bringen

Wir wehren uns dagegen, dass Gewaltfreiheit mit der Unterwerfung unter die bestehende Ordnung gleichgesetzt wird. Ebenso wenden wir uns dagegen, dass sie instrumentalisiert wird, um Volksbewegungen zu delegitimieren, unterdrückte Menschen zum Schweigen zu bringen oder Repression zu rechtfertigen.

Gewaltfreiheit verlangt nicht weniger Kampfgeist. Sie fordert vielmehr zu einem entschlossenen, organisierten und kreativen Widerstand auf, der Bestand hat, Menschen zusammenbringt und Ungerechtigkeiten zurückdrängt.

Wir rufen Gewerkschaften, zivilgesellschaftliche Initiativen sowie soziale, ökologische, feministische, antirassistische und kinderrechtsorientierte Bewegungen und alle Menschen, die sich für Gerechtigkeit und Freiheit einsetzen, dazu auf, die Möglichkeiten gewaltfreien Handelns zu nutzen, entsprechende Schulungen anzubieten, Erfahrungen auszutauschen und die Solidarität zu stärken.

Wir wollen dazu beitragen, dass Gewaltfreiheit als politische und soziale Kraft im Dienst der Emanzipationskämpfe volle Anerkennung findet. Um es klar zu sagen: Gewaltfreiheit soll die Kämpfe nicht für die Machthaber akzeptabler machen. Sie soll sie vielmehr stärken, damit die Machthaber nachgeben müssen.

Wir brauchen einen stärkeren, breiteren und entschlosseneren Widerstand, der die Gesellschaft nachhaltig verändern kann. Gewaltfreiheit bedeutet, dem Kampf seine ganze Kraft zu verleihen.

Unterzeichnende Organisationen: ANV (Zeitschrift "Alternatives Non-Violentes"), CANVA (Construire et Alerter par la Non-Violence Active), Ressourcenzentrum für Gewaltfreiheit, Gemeinschaft der Arche von Lanza del Vasto, CAP (Coopération à la Paix), Les Désobéissants, Stiftung Alakazam, Forum "Prépare la Paix", Génération Médiateurs, IPP (Institut pour la Paix), IRNC (Institut de recherche sur la Résolution Non-violente des Conflits), Labor für aktive Gewaltfreiheit, MHD (Management Humain Durable), MAN (Mouvement pour une Alternative Non-violente), MIR (Mouvement International de la Réconciliation), Non-Violence XXI, Observatoire de la non-violence, Podcast "La Force de la Non-violence", Pressenza, "Repenser la sécurité France", "Sortir de la violence" und "Stop Fuelling War".

Alain Refalo ist Lehrer und Aktivist der Gewaltfreiheit. Als Gründungsmitglied des Centre de ressources sur la non-violence ( https://ressourcesnonviolence2.fr/ ) ist er Autor von Le paradigme de la non-violence, itinéraire historique, sémantique et lexicologique (Chronique Sociale, 2023) sowie L’alternative non-violente, plaidoyer für une radicalité constructive (L’Harmattan, 2025). Er ist Chefredakteur der Zeitschrift Alternatives Non-Violentes. Außerdem schreibt er regelmäßig auf dem Blog Chemins de non-violence ( https://alainrefalo.blog/ ).

Quelle: Pressenza - 04.11.2026. Die Übersetzung aus dem Französischen wurde von Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Eine Vervielfältigung oder Verwendung des Textes in anderen elektronischen oder gedruckten Publikationen ist unter Berücksichtigung der Regeln von Creative Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0) möglich.

Veröffentlicht am

05. November 2026

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