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Paul Schobel: “Krieg, fahr zum Teufel, du Ausgeburt der Hölle.”

Von Paul Schobel - Redebeitrag bei der Friedenskundgebung in Stuttgart am 3. Okt. 2026 mit dem Motto: "Nein zu Hochrüstung, Wehrpflicht und Krieg! Für Frieden, demokratische Rechte und soziale Sicherheit!".

Heute in einer Woche werde ich ein Kind taufen und der kleinen Emilia ein gutes, erfülltes Leben zusprechen. Trotz aller Freude wird mir wie bei jeder Taufe ein kalter Schauer über den Rücken fahren. Emilia, in welche Welt hinein müssen wir dich entlassen! In eine Welt, zerrissen von Hass und Krieg und hart am Abgrund eines wohl letzten Weltkriegs, in dem die Menschheit in einem atomaren Inferno verglüht.

(1) Ein schreckliches Erbe

Je älter ich werde, desto mehr treibt mich um, was für ein schreckliches Erbe wir da unseren Kindern und Enkeln hinterlassen:

  • Einen geplünderten, geschundenen Planeten, das Klima außer Rand und Band. Wenn es unseren Nachkommen nicht gelingt, die Erderwärmung nachhaltig zu stoppen, werden ganze Küstenregionen absaufen und uns Wellen von Klima-Flüchtlingen überfluten.Aber wie wollen wir denn das marode Klima retten, wenn wir rüsten und uns bekriegen? Allein die Rüstung verpestet mit bis zu 25 % der Treibhausgase die Atmosphäre. Macht nix, denn Rüstung ist ja ausdrücklich von den Pariser Klimazielen ausgenommen. Was aber in den Kriegen selbst abgeht, da kommt einem jeden Abend das große Kotzen, wenn Raffinerien und Ölfelder brennen und den Himmel verdunkeln. Wenn Hochhäuser in sich zusammensacken und ganze Landstriche in Schutt und Asche versinken. 
    Wenn wir Rüstung und Krieg nicht vom Planeten verbannen, geht das "Anthropozän", das Menschenzeitalter, bald zu Ende. Wir werden in Hitzewellen verglühen, in Sturzfluten ersaufen oder ganz einfach verhungern und verdursten. Rüstung und Krieg, die größten Klima-Killer, rauben uns den Atem und ersticken jedes Leben (Vielleicht sagt das mal jemand den "Grünen").
  • Eine zweite, dramatische Hypothek wälzen wir der kommenden Generation vor die Füße: Ja, es ist zum einen ein geradezu alpiner Schuldenberg, es ist zum andern aber vor allem die weltweite Spaltung zwischen "Arm" und "Reich". Der Kapitalismus ist mit seiner primitiven Logik weder willens noch in der Lage, gute Arbeit und gutes Leben für alle Menschen zu organisieren. "Diese Wirtschaft tötet", meinte der verstorbene Papst Franziskus. Klar, denn ihr einziges Ziel ist der Profit. Ohne eine neue Weltwirtschafts-Ordnung, die dem Gemeinwohl dient und nicht den Aktionären, sind wir verloren. Wir müssen teilen, was wir haben. 
    Denn die auf der Verliererbank – und das sind zwei Drittel der Menschheit in den Armenhäusern der Welt – schauen nicht mehr lange zu. Sie werden bald wie eine Sturzflut über uns hereinbrechen und sich holen, was ihnen zusteht. Dann sind neue, entsetzliche Verteilungskriege die Folge. 
    Was für ein Schwachsinn, dass wir weltweit bald 3 Billionen US-Dollar jährlich in Rüstung verpulvern. Da brauchts eine Turnhallenwand, um die Nullen dieses Sümmchens aufzuzeichnen. Schon mit einem Bruchteil davon könnte man die Kindersterblichkeit überwinden, dem Hunger und dem unbeschreiblichen Elend in den arm gemachten Ländern ein Ende setzen. Nein – statt ins Leben, ins Überleben zu investieren, investieren wir in den Tod. Und wir in "the ländle" feste mit dabei!
    Unsere Kinder und Enkelkinder haben nur eine Zukunft, wenn der Wahnsinn dieses Rüstungswettlaufs sofort beendet wird und wir die Spaltung der Menschheit überwinden.
  • Und schon braut sich am Himmel ein nächstes Gewitter zusammen. Wir haben es geahnt: Unsere geliebte KI reißt sich los, macht sich selbständig. Wir sind dem Untergang geweiht, wenn es uns nicht gelingt, die KI, diese Schmuse-Katze ("Paul, was kann ich heute für dich tun?") in Ketten zu legen. Sie wird ungefragt alle Sicherungen knacken und autonom Kriege führen. Nirgendwo mehr ein russischer Oberst, der 1983 bei einem Fehlalarm den atomaren Gegenschlag verhindert hat. KI geht aufs Ganze und ist durch keines Menschen Hand mehr zu stoppen. 
    Panikartig fliehen nun ihre Konstrukteure. Sie kriegen, wie einst der Zauberlehrling, den Geist nicht mehr zurück in die Flasche. Einer redet von der "letzten Erfindung der Menschheit". Ein anderer gibt uns grade mal noch zehn Jahre. Und alle betteln um Aufschub, um dieses Monster auszubremsen. 
    Aber wie soll man weltweit KI regulieren, wenn die Völker sich bekriegen? Die War-Lords werden dieses Instrument dankbar mit dem Drecksgeschäft der Kriegführung beauftragen. Dann gnade uns Gott!

(2) Schluss mit Krieg

Und darum gibt’s nur eins: Krieg, fahr zum Teufel, du Ausgeburt der Hölle. Von dort kommst Du und dorthin gehörst du zurück! Schluss mit dem sinnlosen Gemetzel, und zwar sofort. Schluss mit Waffenlieferungen in Spannungsgebiete.

"Jeder Krieg", so schrieb Papst Franziskus, "hinterlässt die Welt schlechter als er sie vorgefunden hat. Krieg ist das Versagen der Politik, eine beschämende Kapitulation, eine Niederlage des Menschlichen."

Ich frage euch, ihr Staatslenker Europas – neuerdings in tarngefleckten Militärjacken: Wo führt ihr uns hin? Warum bereitet ihr einen großen Krieg in Europa vor, von dem ihr genau wisst, dass es den nicht geben darf, weil es uns danach nicht mehr gibt! Wann endlich sehe ich einen Plan, wie man die Kriege in Europa beenden kann? Wann endlich bildet ihr einen Kreis mit vertrauenswürdigen Diplomaten, statt einen unbedarften Vorleser ins Feld zu schicken. Ihr müsstet aus der Geschichte wissen: Ohne ein Minimum an Verständigung hat es noch nie einen Frieden gegeben. Warum immer erst über Massengräbern und Trümmerhalden? Redet endlich miteinander!

(3) Die Scham muss die Seiten wechseln

Ich weiß, jetzt zeigen sie uns wieder den Stinkefinger, belächeln uns als Naivlinge, Dummköpfe und Minderbemittelte, verdächtigen uns als Feiglinge und Drückeberger. Doch ich meine, die Scham muss die Seiten wechseln.

  • Schämen müssen uns nicht wir, sondern die ewig Gestrigen, die immer noch glauben, man könne Gewalt nur mit Gewalt überwinden. Die nach bald fünf Jahren Krieg in der Ukraine einfach nicht wahrhaben wollen, dass Krieg nur die Gräben vertieft und Hass den Hass vermehrt. Wir glauben daran, dass wer Frieden will, mit dem Feind reden muss.
  • Schämen müssen sich all jene, die schamlos aufrüsten, unserer Jugend die Zukunft rauben und nun auch noch einen atomaren Schirm aufspannen wollen, als wärs ein harmloser Sonnenschirm. Wer heute atomar aufrüstet, organisiert den Weltuntergang!
  • Schämen müssen sich nicht arbeitende Menschen, die aufgrund der Kriegsfolgen ihren Arbeitsplatz verlieren und nach der Rüstungsindustrie schielen. Schämen müssen sich die Aktionäre dieser feinen Zunft, deren Aktien durch die Decke schießen. Schämt euch, ihr Profiteure des Todes, ihr Kriegsgewinnler.

(4) Friedenssehnsucht, Friedensbereitschaft

Es ist so viel Friedens-Sehnsucht in der Welt, so viel Friedensbereitschaft, wir müssen sie nur wachkitzeln. Es sind Tausende hier auf diesem Platz, Tausende in Berlin, Tausende im Land. In der Seelsorge treffe ich auf die alte kranke Frau, die täglich um den Frieden betet. Auf Kinder, die sich nach Frieden sehnen. Auf viele junge Menschen, die aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigern. Und viele sind es, die aktiv Frieden stiften: Erzieherinnen in den Kitas, Streitschlichter in den Schulen, Konfliktlotsen in den Betrieben. Wir haben doch Potential zum Frieden.

Ich schließe mit dem wenig frommen Appell des großen Physikers und Pazifisten Albert Einstein, der zum Ende seines Lebens – todtraurig darüber, dass seine mathematische Formel die Atomspaltung ermöglicht hat seine Nachwelt mahnt - und das sind wir:

"Liebe Nachwelt, wenn ihr nicht gerechter, friedfertiger und vernünftiger werdet als wir, so soll euch der Teufel holen."

Nun – der ist bereits unterwegs. Aber er trifft auf unsere geballte Wut gegen den Krieg. Und diese Wut tragen wir nun hinaus auf die Straßen und verwandeln sie in Mut – in Mut zum Frieden.

Paul Schobel, Betriebsseelsorger i.R., Böblingen

Veröffentlicht am

04. Oktober 2026

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