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Zum Antikriegstag: Tolstois Lesetexte gegen den Krieg

Zitate und Sentenzen zum Wahnsinn des militärischen Massenmordens – erneut dargeboten zum Antikriegstag 2026

Von Leo N. Tolstoi

[Vorbemerkung: Die Tolstoi-Friedensbibliothek, zu deren Kooperationspartnern "Frieden wagen e.V." zählt ( https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/015610.html ), erschließt seit 2023 die Werke des russischen Friedensbotschafters Leo N. Tolstoi (1828-1910). In seinem 1904-1906 bearbeiteten "Lesezyklus für alle Tage" stellte der Dichter für besondere Kalenderblätter ausgewählte und eigene Texte wider den Wahnsinn der massenmörderischen Militärapparate zusammen. Nachfolgend wird eine Auswahl dargeboten. – Am Antikriegstag 2026 erinnert auch das Emder Friedensforum in einer Vortragsveranstaltung https://www.friedenskooperative.de/termine/der-andere-tolstoi-ein-botschafter-des-friedens-aus-russland an den weithin unbekannten "anderen Tolstoi", der vor dem 1. Weltkrieg Friedensarbeiter:innen auf der ganzen Welt inspiriert hat.]

Inhalt

    A. Der Krieg ist keine Elementar-, sondern eine rein menschliche Erscheinung

    B. Krieg ist ein von Menschen genehmigtes Verbrechen

    C. Die Sinnlosigkeit moderner Kriege

    D. Das Gewissen der Menschheit spricht deutlich, dass Kriege nicht bestehen dürfen

    E. Das Militär verdirbt die Menschen

A. Der Krieg ist keine Elementar-, sondern eine rein menschliche Erscheinung

1. ǀ Es gibt keine solche Gräuel, welche ein Mensch nicht verüben könnte, der in seiner Seele beschlossen hat, dass dasjenige, was er tut, eine von ihm unabhängige Elementarerscheinung sei. Ein solcher Mensch ist krank: vor ihm muss man sich hüten, einen solchen muss man als Kranken behandeln. Ebenso hat man sich auch vor denen zu hüten und auch die muss man als Kranke behandeln, die vom Kriege behaupten, dass er eine Elementarerscheinung sei.

2. ǀ Unlängst kam aus Amerika, um seiner Dienstpflicht nachzukommen, der Soldat Gontodier. Augenscheinlich ist derselbe ein guter Staatsbürger, weil er sich den Gesetzen seines Vaterlandes unterwirft. Er erwies sich jedoch sofort als ein schlechter Soldat, denn er erklärte, dass ihm sein Gewissen die Waffenübung zwecks der Tötung seines Nächsten nicht gestatte. Er wurde deshalb zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, worauf er auch ferner bei seinem Entschluss beharrte. Er wurde dann der Sanitätsabteilung zugeteilt. Ein ähnlicher Fall ereignete sich in Belfort (in allen Armeen wiederholen sich von Zeit zu Zeit ganz die nämlichen Fälle). Als der Kommandierende diesen Soldaten in Belfort aufforderte, Gehorsam zu leisten, indem er sagte, in ganz Frankreich verweigere nur er allein den Dienst, antwortete derselbe: "Wenn ihr ein Weizenkorn säet, so werden im nächsten Jahre zwanzig daraus …"
Wenn der bewaffnete Friede und der Krieg jemals vernichtet werden, so wird dies nicht durch Bestrebungen von oben geschehen. Der Krieg ist für gar viele vorteilhaft. Das gewünschte Ideal wird nur dann erreicht werden, wenn alle diejenigen, die am meisten vom Kriege zu leiden haben, begreifen, dass ihr Los in ihren eigenen Händen ruht, und wenn sie zu ihrer Befreiung die Kraft des Beharrungsvermögens anwenden. (Jean Hardouin; französischer Korrespondent im russisch-japanischen Krieg 1904/1905)

3. ǀ Dass ganz Europa, ungeachtet des Fortschrittes der Zivilisation, gegenwärtig ein riesiges Militärlager vorstellt, und dass die Kräfte des am meisten entwickelten Teiles der Menschheit auf Krieg und Vorbereitungen zu Kriegen verschwendet werden, dies haben wir zwei großen Erfindungen zu verdanken: der Erfindung indirekter Steuern und der Staatsanleihen. (Henry George, 1839-1897; amerikanischer Ökonom)

4. ǀ Dadurch, dass wir durch unser Gebet die Teufel, welche zum Krieg aufstacheln, besiegen, dass wir die Völker aufmuntern, die Verträge nicht zu brechen, die Friedensbedingungen nicht zu übertreten, sind wir den Herrschern viel nützlicher, als ihre Krieger. Wir nehmen einen tätigen Anteil an der Hebung des allgemeinen Wohls, indem wir zu unsern Gebeten und Ermahnungen noch Betrachtungen und Exerzitien hinzufügen, durch die wir die Menschen lehren, sich von der Sinnenlust zu befreien. Ja, wir kämpfen solchergestalt mehr als irgendjemand für das Wohl des Kaisers. Es ist wahr, wir dienen nicht unter seinen Fahnen und werden auch nicht dienen, auch wenn er uns dazu zwingen sollte; wir streiten aber … mit guten Werken. (Origines contra Celsum, Apologie, um 245 n. Chr.)

5. ǀ Durch die Erfüllung seiner Mission gründete Jesus eine neue Gesellschaft. Bis zu Christi Geburt gehörten die Völker einem oder mehreren Herren an, ganz so wie Viehherden ihren Besitzern angehören. Fürsten und Machthaber unterdrückten das Volk mit dem ganzen Gewicht ihres Stolzes und ihrer Habsucht. Jesus machte diesen traurigen Zuständen ein Ende, richtete die gebeugten Häupter empor und befreit die Sklaven. Er belehrt die Menschen, dass sie frei seien, weil sie gleich sind vor Gott, sowie dass einer von dem andern unabhängig sei, dass Niemand aus sich selbst an und für sich Macht über seine Brüder habe, dass Freiheit und Gleichheit als göttliche Gesetze des Menschengeschlechtes unantastbar seien; dass Macht kein Recht sein könne; dass dieselbe in gesellschaftlicher Beziehung eine Pflicht, eine Art Dienstleistung sei, die man im Interesse der allgemeinen Wohlfahrt freiwillig auf sich nehme. So ist die Gesellschaft beschaffen, welche Jesus gründete. Was aber sehen wir in der Welt? Ist es diese Lehre, die in derselben herrscht? Was sind die Fürsten der Erde – der Völker, Diener oder Herren? Achtzehn Jahrhunderte hindurch hat ein Geschlecht dem andern die Lehre Christi überliefert und alle behaupten, sie glaubten an diese Lehre, was aber hat sich in der Welt geändert? Die unterdrückten und leidenden Völker harren noch immer auf die verheißene Befreiung, und zwar nicht etwa deshalb, weil das Wort Christi unwahr oder ohnmächtig wäre, sondern weil die Völker entweder nicht begriffen haben, dass die Verwirklichung der Lehre durch ihre eigene Anstrengung und durch festen Willen verwirklicht werden müsse, oder weil sie, eingeschläfert in ihrer Erniedrigung, das Einzige nicht getan haben, was zum Siege führt, – nämlich bereit zu sein für die Wahrheit zu sterben. Sie werden aber erwachen. Schon rührt sich etwas in ihrer Mitte: sie vernehmen schon die Stimme, die zu ihnen spricht: die Errettung ist nahe. (Hugues Félicité-Robert de Lamennais, 1782-1854; französischer Theologe)

* * *

Der Mensch im allgemeinen, und besonders der Christ, ist verpflichtet am Krieg und an den Vorbereitungen dazu nicht teilzunehmen, weder persönlich, noch mit Geld, noch mit Erörterungen über den Krieg.

B. Krieg ist ein von Menschen genehmigtes Verbrechen

1. ǀ Nein, ich rufe zum Zeugen das empörte Gewissen eines jeden Menschen an, der es gesehen hat, wie das Blut seiner Mitbürger strömte, oder der selbst daran schuld war, dass ein Kopf dazu nicht genügt, um die Last so vieler Morde zu tragen. Dazu gehörten so viele Köpfe, als es Streitende gibt. Um für die Blutgesetze, welche sie anordnen, verantwortlich zu sein, müssten die Urheber derselben diese ihre Gesetze zum mindesten verstehen. Aber die besten Institutionen, von denen hier die Rede ist, werden nur von vorübergehender Bedeutung sein, weil, wie ich nochmals wiederhole, Armeen und Kriege aufhören müssen, und zwar trotz der Worte eines Sophisten, den ich anderwärts widerlegt habe. Unwahr ist es, dass der Krieg selbst gegen einen Fremden geheiligt wäre; unwahr ist es, dass die Erde nach Blut lechze. Der Krieg ist verflucht von Gott, ja, sogar von denjenigen, die daran teilnehmen und doch vor ihm einen geheimen Schauder empfinden. Die Erde bittet vom Himmel Wasser für ihre Flüsse und reinen Tau aus den Wolken. (Alfred de Vigny, 1797-1863; französischer Schriftsteller)

2. ǀ Denen, die unsern Glauben nicht verstehen und die da wünschen, dass wir zu den Waffen greifen und für die gemeinschaftliche Sache Menschen töten sollen, können wir folgendes antworten: "Eure Priester, die bei euren Idolen und Tempeln angestellt sind, bewahren ihre Hände rein, auf dass die Opfer, welche sie euren Göttern darbringen, mit reinen, von Blut und Mord unbefleckten Händen dargebracht werden. Möge welcher Krieg immer ausbrechen, ihr reiht sie niemals ins Heer. Beruht aber dieser Brauch auf Vernunft, ist es da nicht noch viel vernünftiger, dass Christen, die dann, wenn andere am Schlachtfelds kämpfen, als Diener des wahren Gottes zu kämpfen haben, ihre Hände rein und unbefleckt bewahren …" (Origines gegen Celsius)

3. ǀ Sondern eure Untugenden scheiden euch und euren Gott voneinander, und eure Sünden verbergen das Angesicht von euch, dass ihr nicht gehöret werdet: denn eure Hände sind mit Blut befleckt, und eure Finger mit Untugend; eure Lippen reden Falsches, eure Zunge dichtet Unrechtes. Es ist niemand, der von Gerechtigkeit predige oder treulich richte. Man vertraut aufs Eitle, und redet Unwahrheit, mit Unglück sind sie schwanger, und gebären Mühsal. Ihr Werk ist Unrecht und ihre Hände üben Gewalt. Ihre Füße laufen zum Bösen, und sind schnell, unschuldig Blut zu vergießen. Ihre Gedanken sind Unrecht, ihr Weg ist eitel Verderben und Schaden; sie kennen den Weg des Friedens nicht und ist kein Recht in ihren Gängen. Sie sind verkehrt auf ihren Straßen; wer darauf gehet, der hat nimmer keinen Frieden. Darum ist das Recht ferne von uns, und wir erlangen die Gerechtigkeit nicht, wir harren aufs Licht, siehe, so wirdʼs finster; auf den Schein, siehe, so wandeln wir im Dunkeln. Wir tappen nach der Wand wie die Blinden, und tappen, als die keine Augen haben, wir stoßen uns im Mittage als in der Dämmerung; wir sind im Düstern wie die Toten. (Jesaja LIX,2-10.)

4. ǀ Es steht gräulich und scheußlich im Lande: Die Propheten weissagen falsch und die Priester herrschen in ihrem Amt, und mein Volk hatʼs gern also, wie will es euch zuletzt drob gehen? (Jeremia V, 30-31.)

5. ǀ Und weil der Frevel überhandnimmt, wird bei vielen die Liebe erkalten. (Matthäus-Evangelium XXIV,12.)

6. ǀ Aber dies ist eure Stunde, und die Gewalt der Finsternis ist es. (Lukas-Evangelium XXII,53.)

7. ǀ Der Krieg ist ein Vorhang, hinter dem Menschen und Völker geheime Sünden treiben, die sonst die Welt nicht dulden würde. (Georg Springfield, geb. 1861; englischer Schriftsteller)

* * *

Mordtaten sind immer Freveltaten, wer sie auch genehmigen mag und welcher Art immer ihre Rechtfertigung sein mag. Und darum sind Mörder, die Mordtaten begehen oder sich zu solchen vorbereiten – Verbrecher, bezüglich derer nicht Achtung, Beifall und Bewunderung, sondern Mitleid, Verbesserung und Ins-Gewissen-reden am Platze sind.

C. "Die Sinnlosigkeit moderner Kriege"

Die Drangsale des Krieges und der Kriegsvorbereitungen stehen nicht nur in einem Missverhältnisse zu jenen Ursachen, die zu ihrer Rechtfertigung vorgebracht werden, sondern [jene] sind zumeist so nichtig, dass sie nicht der Erwägung wert sind, und sind gänzlich unbekannt jenen, die in Kriegen zugrunde gehen.

1. ǀ Die Sinnlosigkeit moderner Kriege wird mit dynastischen und nationalen Interessen, mit dem europäischen Gleichgewicht, mit der Ehre gerechtfertigt. Das Rechtfertigen der Kriege mit der Ehre ist das sonderbarste, denn es gibt kein einziges Volk, das sich nicht im Namen der Ehre mit allen Verbrechen und Schändlichkeiten besudelt hätte, kein einziges, das nicht im Namen der Ehre alle möglichen Erniedrigungen erfahren hätte, wenn aber dennoch eine Ehre in den Völkern wohnt, welch sonderbare Art also, sie mit Kriegen zu schützen, d.h. mit allen jenen Missetaten, mit denen sich der einzelne nur entwürdigen kann: mit Brand, Raub, Mordtaten … (Anatole France, 1844-1924; französischer Schriftsteller)

2. ǀ Sie fragen, ob der Krieg unter zivilisierten Völkern "noch" notwendig sei. Ich antworte: er ist nicht nur nicht notwendig, sondern ist niemals notwendig gewesen. Und nicht bloß das, der Krieg hat zu allen Zeiten die normale Entwicklung der Menschheit gestört, das Recht verletzt, den Fortschritt gehemmt.
Wenn auch manchmal die Folgen der Kriege für die allgemeine Zivilisation Vorteile brachten, so gab es der schädlichen Folgen umso mehr. Wir täuschen uns nur dadurch, weil nur ein Teil der schädlichen Folgen sofort wahrnehmbar ist. Den größten Teil dieser Folgen, und zwar den wichtigsten, merken wir nicht. Darum können wir das Wort "noch" nicht gelten lassen. Ein Geltenlassen dieses Wortes gibt den Verteidigern des Krieges das Recht, zu behaupten, dass unser Streit mit ihnen nur eine Frage der Zeit und persönlicher Beurteilung sei, und unsere Kontroverse mit ihnen würde dann auf das Niveau herabsinken, dass wir den Krieg heute "schon" für unnütz, während sie ihn "noch" für nützlich halten. Sie werden gerne auf eine solche Formulierung der Frage eingehen und werden sagen, der Krieg könne wirklich nutzlos und sogar schädlich werden, aber erst morgen, nicht heute. Heute aber halten sie jene schrecklichen Aderlässe an den Völkern, die man Kriege nennt, und die immer nur zur Befriedigung persönlichen Ehrgeizes einer geringen Minderzahl vorgenommen werden, für notwendig.
Denn folgendes war immer und ist auch heute "noch" die einzige Ursache der Kriege: Eine Minderzahl der Menschen will Macht, Ehren, Reichtümer zum Nachteil der Massen erwerben, deren natürlicher Leichtsinn und deren Vorurteile, geweckt und aufrecht erhalten durch eben jene Minderzahl, dieses ermöglicht. (Gaston Moch, 1859-1935; Politiker, Offizier, Schriftsteller)

3. ǀ Es ist zum Staunen, wie dank der Diplomatie und Presse, die nichtigste Uneinigkeit zu einem heiligen Krieg Anlass geben kann. Als England und Frankreich im Jahre 1854 Russland den Krieg erklärten, geschah dies aus einer so nichtigen Veranlassung, dass man lange in diplomatischen Protokollen nachsuchen musste, um die Ursache herauszufinden. Aber die Folgen dieses sonderbaren Missverständnisses waren der Tod von 500.000 guter Menschen und die Verausgabung von 5–6 Milliarden.
Eigentlich gab es Ursachen zum Kriege, diese aber waren solcher Art, dass man sich zu ihnen nicht bekennen mochte. Napoleon III. wollte mit Hilfe einer Allianz mit England und eines glücklichen Krieges seine ungesetzliche Macht befestigen; die Russen wollten Konstantinopel erobern; die Engländer ihren Welthandel befestigt wissen und den russischen Einfluss im Orient schwächen. Unter irgendeinem Vorwand, ist es immer der gleiche Geist der Eroberung und Gewalt. (Charles Richet, 1850-1935; Mediziner, Nobelpreisträger)

4. ǀ Manchmal überfällt ein Herrscher den andern aus Furcht, damit dieser ihn nicht überfalle. Manchmal wird Krieg begonnen, weil der Feind zu stark ist, ein andermal, weil er zu schwach ist; manchmal möchten unsere Nachbarn das haben, was wir besitzen, oder sie besitzen, was uns abgeht. Dann wird Krieg geführt so lange, bis sie sich des Gewünschten bemächtigt haben, oder uns hergeben, was wir brauchen. (Jonathan Swift, 1667-1745; Ire)

5. ǀ Bei keiner menschlichen Handlung tritt die Macht der Suggestion mit solcher Klarheit zutage, wie beim Krieg. Menschen, Millionen von Menschen, vollbringen mit Ekstase und Stolz jenes Werk, welches sie für dumm, abscheulich, gefährlich, verheerend, qualvoll, verbrecherisch und unnütz halten, kennen und wiederholen alle Argumente dagegen und fahren fort es zu tun.

6. ǀ Mögen sich noch so viele Menschen versammeln, um Mord zu begehen, und mögen sie heißen, wie sie wollen, der Mord bleibt die abscheulichste Sünde der Welt.

* * *

Die Vorwände zum Krieg und zur Erhaltung des Heeres, welche die Regierungen vorgeben, sind stets Schirme, hinter denen sich die bösen Antriebe zum Krieg verbergen.

D. "Das Gewissen der Menschheit spricht deutlich, dass Kriege nicht bestehen dürfen"

Weder Schilderungen, noch Erlebnisse von Kriegsgräueln hindern die Menschen an der Teilnahme am Krieg. Eine der Ursachen davon liegt darin, dass jedermann bei Betrachtungen über Kriegsgräuel unwillkürlich zu der unausgesprochenen, unklaren Überlegung kommt, dass wenn so etwas Gräuliches existiert und zugelassen wird, so doch wahrscheinlich auch verborgene Ursachen dazu vorhanden sind. Diese Überlegung macht es, dass die Menschen, häufig nicht schlechte Menschen, den Krieg verteidigen, indem sie nach seinen wohltätigen Seiten suchen, wie nach solchen bei Elementarereignissen gesucht wird.

1. ǀ Es ist entsetzlich, auch nur daran zu denken, welche Katastrophe unserer unvermeidlich am Ende unseres [19.] Jahrhunderts harrt, und wir müssen auf sie vorbereitet sein. Im Laufe von zwanzig Jahren (nun [ca. 1904] sind es bereits mehr denn vierzig) gehen alle Anstrengungen des Wissens darauf hin, neue Zerstörungswerkzeuge zu erfinden, und in kurzer Zeit werden einige Kanonenschüsse genügen, um eine ganze Armee zu vernichten. Jetzt stehen unter Waffen, nicht wie ehemals, einige tausend feiler armer Schlucker, – sondern Völker, ganze Nationen stehen bereit, einander zu morden. Um sie zum Mord vorzubereiten, werden sie zum Hass entflammt, indem man sie versichert, dass sie gehasst werden, und friedsame Menschen glauben es, und zu jeder Stunde kann es geschehen, dass friedlichen Bürgern der scheußliche Befehl, einander zu morden, zugeht, Gott weiß, um welcher lächerlichen Grenzbestimmung willen oder irgendwelcher Handels-, Kolonialinteressen willen, werden sie gleich wilden Tieren grausam über einander herfallen.
Wie Schafe werden sie zur Schlachtbank gehen, werden wissen, wohin sie gehen, dass sie ihre Frauen verlassen, dass ihre Kinder hungern werden, und doch werden sie gehen, und zwar bis zu solchem Grade von wohlklingenden, lügnerischen Reden berauscht, bis zu solchem Grade betrogen, dass sie sich einbilden, das Schlachten sei ihnen zur Pflicht geworden, und zu Gott flehen, er möge ihre blutigen Taten segnen. Sie werden gehen, die Saaten, die sie selbst gesät haben, zertretend, Städte, die sie aufgebaut, in Brand steckend, mit feierlichem Gesang, Freudenrufen und festlichem Musikklang, ohne Widerspruch, ergeben und demütig werden sie gehen, trotzdem sie über die Macht verfügen, falls sie sich zu einigen verständen, der gesunden Menschenvernunft und Brüderlichkeit an der Stelle roher diplomatischer Ränke zur Herrschaft zu verhelfen. (Edouard Rod, 1857-1919; Schweizer Schriftsteller)

2. ǀ Ein Augenzeuge erzählt, was er im jetzigen russisch-japanischen Kriege [1904/05] auf dem Verdeck des "Warjag" sah. Der Anblick war ein entsetzlicher. Überall Blut, Klumpen Menschenfleisch, Leichen ohne Köpfe, abgerissene Hände, ein Blutgeruch, der selbst bei denen, die daran gewohnt waren, Übelkeit weckte. Der Panzerturm war am meisten beschädigt. Eine Granate war über ihn geplatzt und hatte den jungen Offizier getötet, der das Geschützfeuer leitete, von dem Unglücklichen blieb nur die zusammengekrampfte Hand, die das Instrument hielt, von den vier Mann, die um den Kommandanten waren, wurden zwei in Stücke gerissen, die anderen zwei schwer verwundet (es sind die, von denen ich berichtete, dass ihnen beide Beine amputiert wurden und nachher noch einmal amputiert werden mussten); der Kommandant kam mit einem Splitterschlag auf die Schläfe davon.
Und das ist nicht alles. Die Neutralen können keine Verwundeten auf ihre Schiffe aufnehmen, weil Gangräne und Wundfieber ansteckend sind.
Gangräne und eitrige Wundinfektionen bilden in Gemeinschaft mit Hunger, Feuersbrünsten, Verwüstungen, Krankheiten, Typhus, Pocken auch einen Bestandteil des Kriegsruhmes. So ist der Krieg.
Und dennoch hat Joseph de Maistre die Wohltaten des Krieges gepriesen: "Wenn die Menschenseele infolge von Verwöhnungen ihre Plastizität einbüßt, den Glauben verliert und in Lastern, die mit einer Hyperzivilisation Hand in Hand gehen, fault, dann kann sie nur durch Blut wieder hergestellt werden."
Herr Vogue, Akademiker, ebenso wie Herr Brunetière sagen beinahe dasselbe.
Aber die Armen, die zum Kanonenfutter dienen, haben das Recht, dem nicht beizupflichten.
Leider haben sie nicht den Mut dazu. Daher alles Übel. Von altersher gewohnt, sich hinmorden zu lassen, für Fragen, die sie nicht verstehen, tun sie es weiter und bilden sich ein, alles sei in der besten Ordnung.
Das ist die Ursache, weshalb jetzt dort Leichen liegen, die im Wasser von Krebsen gefressen werden.
Damals, als Kartätschen alles um sie herum vernichteten, waren sie wohl kaum der Meinung, es geschehe all dies zu ihrem Wohle, auf dass die Seele ihrer Zeitgenossen aufgerichtet werde, welche infolge Übermaß an Zivilisation ihre Elastizität eingebüßt hat.
Die Unglückseligen werden halt kaum Joseph de Maistre gelesen haben. Ich rate den Verwundeten, ihn in der Zwischenzeit der Verbandwechsel [dessen Ausführungen] zu lesen. Dann werden sie es erfahren, dass der Krieg ebenso unentbehrlich ist, wie der Henker, da beide ein Ausdruck göttlicher Gerechtigkeit sind. – Und dieser große Gedanke wird ihnen Trost spenden, wenn der Chirurg mit seiner Säge ihre Knochen sägt. (Jean Hardouin, französischer Korrespondent im russisch-japanischen Krieg 1904/1905)

3. ǀ Der Krieg aber steht mehr in Ehren, denn je. Ein wahrer Meister in dieser Sache, der geniale Mörder Moltke, hat zur Friedensdelegation mit folgenden merkwürdigen Worten gesprochen: "Der Krieg ist ein Element der von Gott eingesetzten Ordnung. Die edelsten Tugenden des Menschen entfalten sich daselbst: der Mut und die Entsagung, die Treue, Pflichterfüllung und der Geist der Aufopferung. Ohne den Krieg würde die Welt in Fäulnis geraten und sich im Materialismus verlieren."
Also die Vereinigung in Herden von vierhunderttausend Mann, tagelanges Marschieren ohne Rast und Ruhʼ, über nichts nachdenken, nichts lernen, nichts lesen, niemandem nützlich sein, in Schmutz verfaulen, im Kot schlafen, wie das Vieh leben, in fortwährender Betäubung Städte plündern, Dörfer in Asche legen, Völker verwüsten, dann auf eine andere ähnliche Masse von Menschenfleisch stoßend, diese angreifen, ganze Ströme von Blut vergießen, die Felder mit zerfetztem Menschenfleisch und mit Leichenhaufen bedecken, verstümmelt, zu Brei geschlagen werden ohne jedweden Nutzen für irgendjemanden und endlich irgendwo auf fremdem Felde verrecken, während eure Eltern, Frau und Kinder daheim Hunger leiden – dies also heißt die Menschen vom abscheulichen Materialismus retten. (Guy de Maupassant, 1850-1893; französischer Schriftsteller)

4. ǀ Die Zeit ist vorbei, um über die Nachteile des Krieges zu raisonnieren. Darüber ist schon alles gesagt worden. Jetzt bleibt nur eines zu tun, das, womit jeder Mensch hätte beginnen sollen: das heißt, nichts zu tun, wozu man nicht sittlich verpflichtet ist.

* * *

Es ist nicht wahr, dass das Bestehen des Krieges seine Notwendigkeit beweist. Das Gewissen der Menschheit spricht deutlich, dass das nicht wahr ist, und dass Kriege nicht bestehen dürfen.

E. "Das Militär verdirbt die Menschen"

Abgesehen von allen Drangsalen und Schrecknissen des Krieges ist eines seiner größten Übel – die Verderbtheit der Gemüter. Wir haben Militär, Kriegsauslagen; das muss erklärt werden, vernünftig kann man es nicht erklären, deshalb wird die Vernunft korrumpiert.

1. ǀ Und Mikromégas sagte: "O ihr vernünftigen Atome, in denen das ewige Wesen seine Kunst und Macht zum Ausdruck brachte, ihr genießt wohl sicher die reinsten Freuden auf eurem Erdenball, denn da ihr so wenig stofflich und in so bedeutendem Maße geistig entwickelt seid, müsst ihr wohl euer Leben in Liebe und Denken verbringen, denn darin beruht ja das wahre Leben der geistigen Wesen."
Diese Anrede wurde von allen Philosophen mit verneinendem Kopfschütteln ausgenommen, und einer von ihnen, der Aufrichtigste, sagte, die gesamte Bewohnerschaft bestehe mit Ausnahme einiger wenigen geringgeachteten Männer aus lauter Dummköpfen, Missetätern und Unglücklichen.
"Wir haben mehr Leiblichkeit, als notwendig ist, falls das Böse von der Leiblichkeit kommt, und gar zu viel von der Geistigkeit, falls das Böse von der Geistigkeit abstammt," sagte er. "Gegenwärtig, zum Beispiel, töten Tausende bemützter Narren Tausende anderer, die den Turban tragen, oder sie werden von ihnen getötet, und so geht das von undenklichen Zeiten auf der ganzen Erde zu."
"Ja, warum hadern denn diese kleinen Tiere?"
"Um irgend einen kleinen Klumpen Kot, so groß wie eure Fußsohle," antwortete der Philosoph, "und keiner von den Menschen, die sich niedermetzeln, hat auch nur das geringste Interesse für diesen Klumpen Kot. Es handelt sich bei ihnen nur darum, ob der, dem dieser Klumpen gehören wird, Sultan oder Kaiser heißt, obzwar weder der eine noch der andere je diesen Klumpen Erde sah. Von den Tieren aber, die einander niedermetzeln, hat beinahe keiner das Tier, dessentwillen sie sich die Hälse abschneiden, jemals gesehen."
"O die Unglückseligen!" rief der Syrier. "Kann man sich eine derartig tolle Raserei vorstellen! wahrlich, es gelüstet mich, drei Schritte zu tun, um den Ameisenhaufen dieser lächerlichen Mörder zu zertreten."
"Mühet euch nicht darum," wurde ihm geantwortet. "Übrigens nicht sie sind zu strafen, sondern jene Barbaren, die in ihren Palästen sitzen, den Menschenmord anordnen und Gott dafür feierlich zu danken befehlen." (Voltaire, 1694-1778)

2. ǀ Kann es etwas Widersinnigeres geben, als dass ein Mensch das Recht hat, mich zu töten, weil er jenseits des Wassers wohnt und weil sein Herrscher mit dem meinigen in Streit geraten ist, obzwar ich mit ihm niemals einen Streit gehabt habe? (Blaise Pascal, 1623-1662)

3. ǀ Es wird die Zeit kommen, wo die Völker den Unsinn des Krieges einsehen werden. – Vor vier Jahrhunderten trennte die Bewohner Nizzas und Luccas ein solch grausamer Hass, dass dieser ewig zu sein schien und dass der erbärmlichste Lastträger aus Nizza es für einen schändlichen Verrat erachtet hätte, irgendetwas vom ersten Bürger aus Lucca anzunehmen. Und was ist nun von diesem Hass geblieben? Was wird vom unsinnigen Hass des Preußen gegen den Franzosen bleiben? Man kann ganz sicher überzeugt sein, dass diese Gefühle unseren Nachkommen so erscheinen werden, wie uns der Hass der Athener gegen die Spartaner oder der Bewohner Luccas gegen die Bewohner Nizzas erscheint. Die Menschen werden begreifen, dass sie viel wichtigere Geschäfte haben, als einander anzugreifen; dass ihre gemeinschaftlichen Feinde – Elend, Unwissenheit, Krankheiten – sind; und dass ihr Mühen gegen diese schrecklichen Drangsale, und nicht gegen ihre Unglücksgenossen gerichtet sein muss. (Charles Richet, 1850-1935; Mediziner, Nobelpreisträger)

4. ǀ Die verschiedenen Staaten Europas haben eine Schuld von 130 Milliarden aufgehäuft, von denen 110 im Laufe eines Jahrhunderts gemacht worden sind. Diese ganze ungeheuere Schuld war ausschließlich zu Kriegszwecken gemacht. Die europäischen Staaten halten in Friedenszeiten eine Armee von mehr denn 4 Millionen Mann instand und können diese Zahl in Kriegszeiten auf 19 Millionen bringen. Zwei Drittel ihrer Budgets werden durch Zinsenzahlen und durch den Unterhalt der Land- und Seearmeen verschlungen. (Gustave de Molinari, 1819-1912; belgischer Wirtschaftswissenschaftler)

5. ǀ Wenn man auf einer entfernten Insel einmal ein Volk anträfe, bei dem alle Häuser mit scharf geladenem Gewehr behängt wären und man beständig des Nachts Wache hielte, was würde ein Reisender anders denken können, als dass die ganze Insel von Räubern bewohnt wäre? Ist es aber mit den europäischen Reichen anders? – Man sieht hieraus von wie wenigem Einfluss die Religion überhaupt auf Menschen ist, oder wenigstens, wie weit wir noch von einer wahren Religion entfernt sind. (Georg Christoph Lichtenberg, 1742-1799; deutscher Mathematiker & Schriftsteller)

* * *

Versuche den Krieg oder das Bestehen des Militärstandes weder zu rechtfertigen, noch zu widerlegen; jedes Anbringen von überflüssigen Argumentationen bei einer ganz offenkundig verworfenen Sache kann nur Kopf und Herz verderben.

Textquelle: TFb_B004, S. 133-150 (Internetportal https://www.tolstoi-friedensbibliothek.de/ ); behutsame Angleichung der Schreibweise für diesen Auszug: Peter Bürger.

Buchfassung ǀ Leo N. Tolstoi: Wider den Krieg. Ausgewählte pazifistische Betrachtungen und Aufrufe 1899 – 1909. (= Tolstoi-Friedensbibliothek: Reihe B, Band 4). Norderstedt 2023. (ISBN: 978-3-7534-7962-0).

Tolstoi-Friedensbibliothek Gesamtkatalog, August 2026. https://www.tolstoi-friedensbibliothek.de/wp-content/uploads/2026/08/Prospekt-Tolstoi-Friedensbibliothek-2026.pdf

Veröffentlicht am

31. August 2026

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